Verstehe die Zusammenhänge

© Maxim Sarychau⁩

Leben im Regime

„Belarus macht mich glücklich, weil wir keinen Krieg haben“

Autorinnen des Artikels
etwa 11 Min. Lesedauer

Als der belarussiche Fotograf Maxim Sarychau 2015/2016 seine Portraitserie „Voices of Generation L“ veröffentlichte, schrieb er hoffnungsvoll: „Diese Generation scheint die Realität von einer neuen Perspektive aus zu betrachten, früher oder später werden sie das soziale Umfeld, den öffentlichen Raum und viele weitere Dinge in Belarus verändern.“ Sarychau wollte wissen: Wie blickt seine Generation auf ihr Land?

Heute, sechs Jahre, nachdem Sarychau für sein Projekt Lena, Stas, Diana und die anderen fotografierte, ist Alexander Lukaschenko noch immer an der Macht. Er geht brutal gegen Demonstrant:innen vor, terrorisiert die eigene Bevölkerung, zwingt Oppositionelle ins Exil. Nachdem Ende Mai ein Ryanair-Flugzeug unter fadenscheinigen Gründen in Minsk zur Landung gezwungen worden und der Journalist Roman Protassewitsch mitsamt seiner Partnerin Sofija Sapega verhaftet worden war, hat die EU Sanktionen gegen Belarus erlassen.

Und während Lukaschenko noch immer da ist, hat sich das Leben von Sarychaus Protagonist:innen weitergedreht. Der Fotograf hat sich für Krautreporter noch einmal auf die Suche gemacht nach seinen Protagonist:innen. „Manche Kontakte habe ich verloren, manche habe ich auf dem sozialen Netzwerk Vkontakte gefunden“, sagt er. Und zu seiner eigenen Arbeit: „Grundsätzlich ist es inzwischen fast unmöglich geworden, auf der Straße in Minsk Fotos zu machen. Fotograf:innen werden verhaftet, einfach nur, weil sie Fotos von den Protesten machen oder welche veröffentlicht haben – sogar, wenn sie anonym veröffentlichen.“

Für Sarychau sind die Lebensumstände nicht besser, sondern härter geworden. Und für seine Protagonist:innen? Sarychaus Portaitserie beschreibt zwei ihrer Welten: Sie startet mit der Lebenssituation von 2015, um dann ins Jetzt zu springen. Weil Krautreporter wissen wollte: Wie haben sich Lenas, Olgas und Stas Leben verändert? Wie geht es ihnen?


Halbkörper Porträt einer Frau vor einer Plattenbau- Wohnsiedlung. Ihr Kopf ist leicht geneigt und sie scheint nachdenklich zu sein.
Lena

© Maxim Sarychau

Lena: 2015 ist sie 18 Jahre alt, studiert Journalismus im zweiten Jahr, lebt in Borisov

„Es ist falsch, wenn eine Person das Land so lange regiert. In Amerika wechselt der Präsident ständig, doch Lukaschenko lässt noch nicht einmal Hoffnung auf einen Machtwechsel zu. Nichts hängt von Wahlen ab, alles wurde schon vor langer Zeit entschieden. Meine Mutter ist Kindergärtnerin, mein Vater Kraftfahrer, beide stimmten gegen Lukaschenko. Sie sehen keine Veränderung im Land: Paläste werden gebaut, Sport wird gefördert, aber es gibt keine wirklichen Veränderungen. Mein älterer Bruder ist ein Geschäftsmann. Er versteht, dass etwas falsch läuft im Land. Aber er ist überzeugt davon, dass es, solange er Essen und Heizung hat, keinen Grund gibt, Änderungen erreichen zu wollen, etwas zu riskieren, oder die eigene Meinung zu sagen. Ich möchte nicht Teil dieses Systems sein, möchte kein monotones Leben führen, immer am selben Ort. Nach meinem dritten Jahr plane ich ein Jahr frei zu nehmen und einen Master in Schweden anzufangen.“

Und heute?

Lena arbeitet als Journalistin bei einer unabhängigen journalistischen Plattform in Belarus. Im September 2020 wurde sie für 30 Tage verhaftet, im Rahmen eines erfundenen Verwaltungsfalls. Der wirkliche Grund für ihre Verhaftung: Lena hatte über die Proteste im Land berichtet, aber das Gericht sprach sie schuldig für ihre Teilnahme an einer nicht sanktionierten Kundgebung. Sie sagt: „Ich plane nicht, das Land zu verlassen. Für mich wäre das gleichbedeutend mit Aufgeben. Es ist außerhalb von Belarus schwierig, objektiv zu beurteilen, was im Land passiert; welche Prozesse ablaufen, in welcher Stimmung die Menschen sind. Wir befinden uns in einer Art Wartemodus. Wie in einer Seilbahn, die zwischen zwei Punkten in der Luft feststeckt und aus der es keinen Ausweg gibt."


Eine junge Frau mit neutralem Gesichtsausdruck vor einer Plattenbausiedlung. Ihr Blick ist im besten Falle als Fragend zu bezeichnen.
Maria

© Maxim Sarychau

Maria: 2015 ist sie 20 Jahre alt, studiert im vierten Jahr Geographie und Biologie, lebt in Dobrusch

„Unsere Gesellschaft ist zu egoistisch; sie kümmert sich nur um ihre kleinlichen Interessen. Unser Egoismus beschränkt jeden von uns. Jedes Volk verdient seinen eigenen Herrscher, und unsere Gesellschaft verdient Lukaschenko. Das kann nur geändert werden, wenn eine Generation heranwächst, die Dinge anders sieht und so in der Lage ist, Veränderungen in die Gesellschaft zu bringen. Gegen diejenigen, die Lukaschenko an die Macht kommen ließen und jetzt die Augen davor verschließen, kann man nichts tun. Meine Eltern verstehen mich nicht, sie wollen, dass ich ‚normal‘ werde: Dass ich im System Familie-Arbeit-Heim funktioniere. Sie denken, ich ruiniere mein Leben. Ein Leben lang haben sie den von der Gesellschaft auferlegten Kanon befolgt, aus Angst vor dem sozialen Stigma: Was würden die Nachbarn denken? Was würden die Leute in der Stadt über sie sagen? Sie haben ihr Leben gelebt, aber das Leben gehört ihnen eigentlich nicht. Ich glaube, genau das passiert überall auf der Welt.“

Und heute?

Maria engagierte sich für Menschenrechte, im September 2020 wurde sie verhaftet. Ihr wurde vorgeworfen, die Proteste im August 2020 mitvorbereitet zu haben. Sie gilt als politische Gefangene – ein Zustand, der sie rechtlich eigentlich in einem besonderen Maße schützen soll. In Belarus kümmert das jedoch niemanden. Maria ist bis heute im Gefängnis, ohne Prozess oder Anhörung. Niemand weiß, ob es jemals einen Prozess geben wird.


Portät einer jungen Frau vor einem Park und im Hintergrund Plattenbauten. Sie schaut entschlossen in die Kamera, ihre Augen scheinen leer.
Dasha

© Maxim Sarychau

Dasha: 2015 ist sie 18 Jahre alt, arbeitet als Verkäuferin, lebt in Minsk

„Ich habe einen Make-up-Artist-Kurs fertig gemacht, als Nächstes kommt ein Friseur-Kurs. Außerdem will ich lernen, wie man Klamotten designt; ich will Menschen und die Welt schöner machen. Ich möchte Geld verdienen, einen Plattenspieler kaufen und mein eigenes Heimstudio einrichten. Ich möchte reisen. Wir haben dieses Leben, um alle Ecken der Welt zu entdecken und uns selbst zu finden, nicht, um zu Hause am selben Ort zu bleiben und darüber nachzudenken, wie schlimm alles ist und wie sehr wir von Lukaschenko ermüdet sind. Es ist mir wirklich egal. Ich möchte jemanden finden, den ich lieben, mit dem ich zusammen reisen und viele Kinder haben kann. Aber sie sollen nicht in der Dunkelheit aufwachsen, die uns umgibt. Mir ist es wichtig, dass Menschen ihr Leben nicht ignorieren, weil sie unsicher sind, ohne zumindest versucht zu haben, etwas zu verändern. Dass sie nicht aufgeben und immer weiter ihre Ziele verfolgen.“

Und heute?

Einige Jahre lang lebte und arbeitete Dasha in Russland und reiste nach Italien. Inzwischen lebt sie in Krakau, Polen, wo sie hinzog, bevor die Proteste 2020 losgingen. Sie arbeitet weiterhin als Friseurin und bildet sich fort zur Masseurin. Zu ihrem aktuellen Privatleben wollte sie keine Infos teilen.


Eine kritisch beäugende junge Frau blick mit einem Auge in die Kamera, das andere ist geschlossen.
Diana

© Maxim Sarychau

Diana: 2015 ist sie 18 Jahre alt, studiert Journalismus im zweiten Jahr, lebt in Baranovichi

„Im Rahmen unseres Studiums machen wir in vielen belarussischen Zeitungen und Radios Praktika, wir haben alles von innen gesehen und wurden enttäuscht. Ich mag es nicht, hier zu leben und ich mag unseren Journalismus nicht, deswegen möchte ich nicht in Belarus bleiben. Es gibt keine Perspektive für eine wirkliche Veränderung. Ich bin nicht bereit, an den Protesten teilzunehmen, weil ich Angst vor den Konsequenzen habe. Die Wahlen 2010 sind nicht gut ausgegangen, ich denke, es ist unsinnig, sein Leben deswegen zu verschwenden. Es ist besser, die Universität zu absolvieren und woanders hinzuziehen.“

Und heute?

Diana hat das Land entgegen ihrer Pläne nicht verlassen. Sie lebt nach wie vor in Baranovichi – und arbeitet als Journalistin für das unabhängige Medium Intex Press.


Halbkörper Porträt einer jungen Frau mit entschlossenem, doch unsicheren Block.
Karina

© Maxim Sarychau

Karina: 2015 ist sie 19 Jahre alt, studiert Design Engineering im dritten Jahr, lebt in Gomeln

„Belarus macht mich glücklich, weil wir keinen Krieg haben. Alles hier ist friedlich, die Straßen sind sauber. Ich plane, hier zu bleiben. Falls ich aber irgendwann eine gute Ausbildung hätte, würde ich versuchen, in ein Land zu emigrieren, das einen höheren Lebensstandard hat. Wir können hier ein normales Leben führen, aber alle streben nach etwas Besserem. Es ist schon merkwürdig, dass das Land schon so lange von ein und demselben Mann regiert wird. Wenn sich aber zeigt, dass er es ziemlich gut macht, warum nicht? Auch wenn es eigentlich die Norm ist, dass hin und wieder ein Machtwechsel stattfindet. Vielleicht würden neue Leute was anderes entwickeln, jetzt gerade ist das Land seit 20 Jahren unverändert. Und eine Karriere in der Politik ohne irgendwelche Verbindungen oder Geld ist beinah unmöglich.“

Und heute?

Karina arbeitet in der IT-Branche in Belarus. Die Proteste hatten keine großen Auswirkungen auf ihr Leben.


Ein junger Mann mit Brille und geschlossenen Augen scheint sich scheinbar nach vorne zu erheben. Seine Pose und Haltung deuten Mut und Hoffnung an. Im Hintergrund ist ein Klettergrüst einer Plattenbausiedlung zu sehen.
Peter

© Maxim Sarychau

Peter: 2015 ist er 21 Jahre alt, engagiert sich als Bürgerrechtler, lebt in Minsk

„In der Schule und in der Uni war ich wegen meines belarussischsprachigen und eher oppositionellen Umfelds von Propaganda weit entfernt. Meine Eltern sind kritisch gegenüber der Regierung, aber wie den meisten Belarussen fehlt ihnen ein Führer. Ich habe jetzt 21 Jahre lang mit dem Lukaschenko-Regime gelebt, mein ganzes leben lang! Das ist verrückt, wir müssen doch etwas tun! Mir wäre es lieber, wenn die Polizisten für die Menschen arbeiten und ein Gefühl von Sicherheit schaffen würden, anstatt ein Gefühl von Unsicherheit und Angst zu verbreiten.“

Und heute?

Im Frühjahr 2016 durfte Peter sein Studium wieder aufnehmen, nachdem er 2015 von der Uni verwiesen worden war. Heute arbeitet er als Programmierer. Er hat Belarus im Mai 2021 verlassen, weil er sich um seine Sicherheit sorgte. Ab Herbst 2021 wird er Business, Politics und Economy in Tschechien studieren. Peter sagt: „In Minsk war ich unter konstantem Stress, weil immer wieder Freund:innen von mir verhaftet wurden. Als ich das Land verließ, konnte ich aufatmen. Als ich auf meiner Reise nach Tschechien in der Ukraine Zwischenstopp machte, musste ich weinen.“


Ein junger Mann mit Brille steht vor einem reichverzierten Tor hinter welchem ein an Hellenistische Archtiktur angelehnter Platz zu sehen ist. Der Mann blick Melancholisch an der Kamera vorbei.
Stas

© Maxim Sarychau

Stas: 2015 ist er 21 Jahre alt, studiert Jura im vierten Jahr, lebt in Minsk

„Unsere Gesellschaft wird schrittweise immer freier. Zum Beispiel, was den Zugang zu Information betrifft: Autoritäten können das Internet nicht auf die gleiche Weise kontrollieren, wie sie es mit Fernsehen, Radios und Zeitungen gemacht haben. Dadurch wird Platz für kritisches Denken geschaffen. Heutzutage werden Menschen öfter Zeug:innen, sie machen mit ihren Handys Videos von Dingen, die passieren. Ich trenne die Gesellschaft nicht in Schwarz und Weiß, Links und Rechts. Je mehr Menschen du triffst, desto mehr Meinungen begegnest du und desto besser realisierst du, dass es keine korrekte Antwort gibt. Wir nehmen Informationen unterschiedlich wahr. Aber das Wichtigste ist, sie alle verfügbar zu machen, zu jedem Zeitpunkt. Mir ist es wichtig, innere Freiheit zu spüren. Ich möchte, dass Menschen verstehen, dass wir alle gleich sind. Der Staat ist die mathematische Summe der Menschen. Da ist nichts Übernatürliches, das uns dominiert, nichts, das höher oder stärker ist als wir. Wenn du deine Position verteidigst, solltest du keine Angst vor den Autoritäten haben müssen. Sie sind genau wie wir.“

Und heute?

Im Frühling 2021 hat Stas Belarus aus Angst um seine Sicherheit verlassen. Im Herbst 2020 hatte er – wie viele Hunderttausende Belaruss:innen – an einer friedlichen Demonstration teilgenommen. „Die Sicherheitskräfte überfielen meine Freund:innen“, schrieb Stas an Sarychau, „fast alle von ihnen haben Belarus verlassen. Es war sehr schwer für mich zu gehen. Aber ich sehe die Art von Faschismus, die in unserem Land vorherrscht; Menschen werden verhaftet, gefoltert, geschlagen. Das ist ein Leben im Kriegszustand. Und ständig fragst du dich: Werden sie dich irgendwann kriegen, oder nicht?“


Ganzkörperporträt einer Frau in schwarz gekleidet, welche vor einer schwarzen polierten Steinwand steht. Ihr Haltung ist kraftlos, sie blickt an der Kamera vorbei und ins scheinbare nichts.
Olga

© Maxim Sarychau

Olga: 2015 ist sie 20 Jahre alt, arbeitet als Elektrikerin, lebt in Slonim

„Wir leben in einem friedlichen Land. Aber was auch immer man über unseren Präsidenten sagt, die Beweise sind eindeutig: Wenn sich irgendwo Widerstand aus der Bevölkerung regt, wird er sofort unterdrückt. Unser Präsident lässt weder Kundgebungen noch Krieg zu. Ich mag diese Friedlichkeit; sie ist das Wichtigste für mich und meine Eltern. Freiheit bedeutet, eigene Entscheidungen treffen zu können, ohne auf die Meinung von anderen Rücksicht nehmen zu müssen. Das ist, was ich tun will – und ich tue es ja! Ich gehe ins Fitnessstudio, ich kümmere mich um mich. Ich würde auch gerne Klavier und Tennis spielen lernen. Ich denke, es ist nie zu spät, mit was Neuem anzufangen.“

Und heute?

Olga arbeitet weiterhin als Elektrikerin in Minsk. Sie plant nicht, Belarus zu verlassen.


Porträt einer jungen Frau mit blauem Schal und roten Lippen. Ihre Augen sind wach, wenngleich ihr Blick leicht gesenkt ist.
Katya

© Maxim Sarychau

Katya: 2015 ist sie 18 Jahre alt, studiert Medizin im ersten Jahr, lebt in Mogilev

„Hätte ich die Chance, etwas zu ändern, würde ich versuchen, das Bildungssystem zu reformieren. Aber ich weiß wirklich nicht, wie man es ändern kann, damit Lehrer das gleiche Gehalt wie Klempner bekommen würden. Meine Mutter ist Lehrerin, ihr Monatsgehalt beträgt 200 Dollar und ein Klempner in Belarus verdient 400 Dollar im Monat. Welchen Sinn macht es, hier zu arbeiten? Wie können wir hier unter solchen Umständen über Intellektualität sprechen? Gleichzeitig reden die Leute ständig über die Fachkräfteabwanderung. Dafür würde man sogar hinkend und kriechend bis zur Grenze laufen, um aus dem Land zu kommen.“

Und heute?

Katya beendet aktuell ihr sechsjähriges Studium zur Chirurgin. Nach dem Abschluss muss sie zwei Jahre lang im Vertrieb arbeiten. Das ist ein Überbleibsel der Sowjetzeit: Medizin-Absolvent:innen müssen zwei Jahre verpflichtend an einem Arbeitsplatz arbeiten. Seit einigen Monaten lernt sie bereits Deutsch. Sie will Belarus verlassen. Sie sagt: „Nach den Ereignissen im August 2020 will ich nicht mehr hier arbeiten und leben. Seitdem die Ausreisebedingungen verschärft wurden, habe ich das Gefühl, hier eingesperrt zu sein.“


Redaktion: Esther Göbel, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Till Rimmele

Prompt headline