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Psychische Gesundheit

So findest du einen Therapieplatz

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etwa 22 Min. Lesedauer

Ich bin Psychotherapeut und habe vor ein paar Jahren einen Guide auf der Internetplattform Reddit geschrieben, wie man einen Therapieplatz finden kann. Da sich die Regeln etwas geändert haben und wir uns seit Monaten mit der Pandemie herumschlagen, unter der viele Menschen auch psychisch leiden, präsentiere ich euch die Version 2.0 – und zwar im „Choose Your Own Adventure“-Style. Eines vorweg: Wer diesen Stil nicht kennt, möge unbedingt die folgende Anmerkung (das kleine "i") lesen. Dort erkläre ich kurz das Prinzip.

„Choose Your Own Adventure“ waren Abenteuerspielbücher, die in den 1970er bis 90er Jahren vom US-amerikanischen Verlag Bantam Book verlegt worden sind. Die Abenteuerspielbücher waren in nummerierte Abschnitte eingeteilt, die Erzählung also zergliedert. Das Besondere daran: Statt wie ein normales Buch von vorne nach hinten zu lesen, konnten die Leserinnen und Leser einen Helden durch das Abenteuer lenken – und so mitenscheiden, an welcher Stelle die Geschichte weitergeht. Ungefähr so: Gehe ich nach links (weiter bei Abschnitt 367) oder rechts? (112) Greife ich den Goblin an (weiter mit Abschnitt 66) oder versuche ich, an ihm vorbeizuschleichen? (421) Je nach Entscheidung konnte man im Buch also vor- und zurückspringen, wodurch sich – wie auch in diesem Text, in dem du selbst die Heldin beziehungsweise der Held bist – die absurd anmutende Nummerierung ergab. Das Prinzip „Choose Your Own Adventure“ wurde schnell weiterentwickelt: 1982 veröffentlichten die Briten Steve Jackson und Ian Livingston das erste interaktive Buch, in dem man zusätzlich Kämpfe auswürfeln konnte: „Der Hexenmeister vom flammenden Berg“. Es verkaufte sich in Deutschland alleine in den ersten sechs Monaten 80.000-mal. Spiegel Online erzählt hier die Geschichte des Buches.

Der „Choose Your Own Adventure“-Style soll das ernste und durchaus frustrierende Thema Therapieplatz ein wenig unterhaltsamer gestalten. Deswegen habe ich meinem Text hier und da eine Portion Humor verodnet, das Thema liegt mir jedoch sehr am Herzen; ich hoffe, das kommt trotz des experimentellen Formats rüber. Ich weiß auch, dass die Menge an teilweise sehr bürokratischen Prozessen insbesondere für Menschen mit psychischen Problemen erschlagend wirken kann – es ist okay, erst einmal überwältigt zu sein. Am Ende gibt es auch noch ein FAQ. Genug des Vorgeplänkels, los gehts!

(1) So, du willst also Pokémon-Meister werden, äh nein, eine Psychotherapie beginnen? Bitte schätze den Grad deiner Belastung ein: Wenn du dir absolut unsicher bist, ob du überhaupt eine Psychotherapie beginnen sollst, lies weiter bei (43). Bist du dir relativ sicher, aber kannst deinen Alltag noch bewältigen, lies weiter bei (57). Wenn du deinen Alltag nicht bewältigen kannst, das Haus nicht verlässt oder schon jahrelang Probleme hast, lies weiter bei (33). Brauchst du JETZT beim Lesen dieses Textes akute Hilfe, weil du Suizidgedanken hast, du akut verzweifelt bist oder am liebsten alles dem Erdboden gleichmachen willst, lies weiter bei (19).

(4) Das Erstgespräch findet statt und der Therapeut hat dir (hoffentlich) zugehört, dich verstanden und auch eine Einschätzung abgegeben. War er nett, sei nicht enttäuscht, dass du bei ihm keinen Therapieplatz bekommen hast. Vielleicht wäre er ja auch ZU nett gewesen, so dass eine Therapie nicht gefruchtet hätte. War es ein Schrott-Therapeut, lies nochmal kurz im FAQ nach. Du bekommst auf jeden Fall den Passierschein A38, ups, ich meinte das Formular PTV11 vom ihm ausgehändigt. Das Formular ist eigentlich selbsterklärend, achte aber unbedingt darauf, dass der Therapeut ankreuzt, dass die Therapie nicht in seiner Praxis durchgeführt werden kann und dass eine Weiterbehandlung zeitnah erforderlich ist.

So sieht das Formular aus. Oben auf dem Schreiben klebt oder druckt der Therapeut einen sogenannten Überweisungscode aus. Den benötigst du unbedingt. Hat der Therapeut eine der drei Sachen (Weiterbehandlung ankreuzen, zeitnah erforderlich ankreuzen, Überweisungscode) nicht gemacht, bitte ihn darum. Weigert er sich, bitte ihn um eine Erklärung. Entpuppt er sich als ein Schrott-Therapeut und wurde einfach nur mit einer freundlichen Stimme gesegnet, sagst du: „Danke für nichts“, denkst dir deinen Teil und gehst zurück zu (25). Hat er alles ausgefüllt, lies weiter bei (38).

(11) Eine gute Seite, die sich der ganzen Problematik widmet, ist Kassenwatch. Unter dem Menüpunkt „Informationen für Patienten“ findest du Antworten auf wichtige Fragen und weitere Unterstützungsmöglichkeiten. Ich habe früher mit dem Kostenerstattungsverfahren gearbeitet und alle Widersprüche gingen schlussendlich durch. Das Gesetz ist auf deiner Seite. Alternative: Ein Klinikbesuch kann eine Möglichkeit sein, „einen Fuß in die Tür zu bekommen“ und ist nicht ausschließlich für „Härtefälle“ gedacht, lies dafür weiter bei (33).

(19) Du befindest dich in einer Krise oder in einem akuten Notfall. Gibt es jemanden, den du informieren kannst? Sag ihm Bescheid und bitte ihn um Unterstützung. Begib dich entweder eigenhändig oder per Notruf (110) in deine zuständige Klinik. Willst du eigenhändig zu deiner Klinik fahren, bedenke: Es gibt hier keine freie Wahl. Google „Psychiatrie Notfall [deine Stadt]“ oder wenn du dir unsicher bist, ruf den Notarzt (110) an. Zur Not wirst du zur Klinik gefahren und erst einmal für ein paar Tage als Krisenfall behandelt. Die weitere Planung übernimmt dann auch die Klinik. Eine andere wichtige Alternative ist die Telefonseelsorge, die du unter der Telefonnummer 0800 1110111 erreichst. Es gibt sogar ein Online-Angebot, für das man sich jedoch registrieren muss. Es ist keine Schande, sich Hilfe zu holen. Mache es lieber einmal zu viel als einmal zu wenig. Wenn die Krise vorüber ist, beginne noch einmal bei (1), denn jetzt ist erstmal Überleben deine einzige Aufgabe.

(24) Kurze Pause. Belohne dich mal kurz. Hier ist ein Baby-Tukan. Wie gehts dir? Kannst du deinen Alltag weiterhin bewältigen, lies weiter bei (46). Sind deine Probleme schlimmer geworden und du willst einfach nur raus, lies weiter bei (33). Brauchst du JETZT beim Lesen dieses Textes akute Hilfe, weil du Suizidgedanken hast, du akut verzweifelt bist oder am liebsten alles dem Erdboden gleichmachen willst, lies weiter bei (19).

(25) Jetzt kommt der frustrierende Part. Aber du packst das. Atme tief durch und lasse dies dein Mantra sein: „Die Suche nach einem Therapieplatz ist wie ein Schachspiel. Und am Ende setze ich den Gegner matt.“ Und warum? Weil du jetzt die Regeln kennenlernen wirst. Es ist wichtig, die Reihenfolge möglichst genau einzuhalten und für jeden Zug des Gegners (welcher es auch immer sein mag) schon den Gegenzug zu kennen. Falls du eine Liste deines Hausarztes hast, ignoriere sie. Falls dein Hausarzt nicht eine regelmäßig aktualisierte Datenbank über die Psychotherapeuten in deiner Nähe führt, sind viele der Namen auf der Liste schon veraltet oder die Therapeuten haben ihre Adresse geändert. Der erste Schritt ist, dass du unter dieser Adresse deine Region auswählst und dann über die Arzt- und Psychotherapeutensuche nach Therapeuten suchst. Du könntest auch bei der 116 117 anrufen, der sogenannten Terminservicestelle (TSS). Das Problem: Die ist in vielen Regionen überlastet, gerade in einer Pandemie. Deswegen empfehle ich, auf die oben genannte Seite der KBV zu gehen. Auf der Seite siehst du schon die sogenannte „telefonische Erreichbarkeit“ der Therapeuten – meist zu sehr arbeitnehmerunfreundlichen Arbeitszeiten (mehr dazu im FAQ). Notiere dir spätestens ab jetzt, wie viele Therapeuten du wann angerufen hast und kurz, was das Ergebnis davon war. Rufe die Therapeuten zu diesen Zeiten an und frage nach zwei (!) Dingen. Als erstes nach einer psychotherapeutischen Sprechstunde, umgangssprachlich auch Erstgespräch genannt. Jeder Therapeut mit einer vollen Kassenzulassung ist verpflichtet, mindestens zwei Sprechstunden pro Woche anzubieten. Lass dich also nicht abwimmeln. Nutze die Gelegenheit direkt, um auch zu fragen, ob denn Therapieplätze frei sind oder ob es nur beim Erstgespräch bleiben wird. Gibt es einen Therapieplatz, lies weiter bei (67). Gibt es nur ein Erstgespräch und keine Therapieplätze, vereinbare mindestens ein Erstgespräch, bei welchem Therapeuten ist egal. Am besten bei dem, der am nettesten am Telefon klang. Und dann lies weiter bei (4).


(33) Du kannst deinen Alltag nicht mehr bewältigen oder hast keine Kraft für eine zugegeben sehr anstrengende Suche nach einem Therapieplatz? Dann ist ein freiwilliger stationärer oder teilstationärer Aufenthalt etwas für dich. Stationär heißt, dass du dort wie im Krankenhaus wohnst, teilstationär, dass du nachmittags wieder nach Hause darfst. Rufe in Kliniken in deiner Nähe an und lasse dich auf die Warteliste setzen. Je nach Klinik musst du etwa zwei bis zwölf Wochen warten (in Spezialkliniken, zum Beispiel für Essstörungen leider länger). Dann folgt ein Erstgespräch, dann die Aufnahme. So eine Therapie dauert in der Regel vier bis acht Wochen. Zwei der größten Vorteile daran: Du verlässt dein gewohntes Umfeld und die Therapie ist intensiv. Man darf sich auch jederzeit selber entlassen. Kommt das für dich infrage, lies weiter bei (67). Willst du dein gewohntes Umfeld nicht verlassen oder doch lieber ambulante Psychotherapie, lies weiter bei (57).

(38) Vielleicht hat es dir der nette Therapeut schon beim Erstgespräch gesagt: Der nächste Schritt führt dich zur sogenannten Terminservicestelle (TSS). Diese ist seit dem 1. Januar 2020 über die 116 117 zu erreichen. Wie toll die Idee im Januar 2020 war, diese mit der Nummer für den ärztlichen Bereitschaftsdienst zusammenzulegen. Also wirklich jetzt, keine Ironie. Doch dann kam Covid-19 und die Nummer war permanent überlastet. Hier musst du leider noch einmal durch. Du darfst heulen, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn verfluchen, dich verkriechen und dein Telefon anspucken, alles in Ordnung. Aber deine Mitwirkungspflicht besteht darin, dich bei der TSS zu melden. Wenn du es geschafft hast, jemanden zu erreichen, sage, dass du auf der Suche nach einem Therapieplatz bist. Sage, dass du schon eine psychotherapeutische Sprechstunde besucht hast und der Therapeut dir eine ambulante Weiterbehandlung empfiehlt, die zeitnah erforderlich ist. Du wirst nach deinem Überweisungscode gefragt, den du nennst. Kann die TSS dir einen Therapeuten vermitteln, lies weiter bei (67). Kann die TSS keinen Therapieplatz anbieten, hat sie vier Wochen Zeit dazu. Die vier Wochen musst du abwarten. Konnte die TSS dir keinen Therapieplatz vermitteln, wird sie dir vorschlagen, zu einer Institutsambulanz, lies weiter bei (43), oder zu einer Klinik, lies weiter bei (33), zu gehen. Das ist nicht verpflichtend. Kommt das für dich nicht in Frage, lies weiter bei (24).

(43) Es gibt in vielen (größeren) Städten sogenannte Institutsambulanzen, die erste Beratungstermine und eine Betreuung im größeren Abstand (vier bis zwölf Wochen) anbieten. Dort bekommt man meist schneller eine erste Einschätzung als bei den niedergelassenen ambulanten Therapeuten und es wird (leider nicht immer) auch angeboten, dich über ein paar Monate zu begleiten. Eine Google-Suche „Institutsambulanz [deine Stadt]“ dürfte euch Ergebnisse präsentieren. Sollte es hier keinen Termin geben oder dir das Angebot nicht zusagen, lies weiter bei (57).

(46) Jetzt hast du den von den Krankenkassen vorgegebenen Weg zur Therapieplatzsuche befolgt und es sprang dabei immer noch kein Therapieplatz raus. Tja, könnte man da sagen. Aber zum Glück gibt es noch die Kostenerstattung, wir Experten nennen das KE, momentan fest verankert im Sozialgesetzbuch V (§ 13 Absatz 3 SGB V, für die Nerds). Diese besagt, dass, wenn dringender Bedarf an Psychotherapie besteht und eine Versorgung über den üblichen Weg nicht funktioniert, auch Psychotherapeuten ohne Kassenzulassung mit den Krankenkassen abrechnen dürfen. Dies muss halt nachgewiesen werden und ist immer eine Einzelentscheidung der Krankenkassen. Einen Therapeuten, der über das Kostenerstattungsverfahren arbeitet, findet ihr am einfachsten über Therapie.de, gib deine Postleitzahl ein und filtere dann unter „Abrechnung“ „GKV: Kostenerstattungsverfahren“ die Therapeuten heraus. Da die Eintragung auf Therapie.de für Psychotherapeuten freiwillig ist, lohnt sich auch die Suche über die jeweilige Psychotherapeutenkammer deines Bundeslandes, hier eine Übersicht. Kurze Info: Manche Kostenerstatter schreiben auch, dass sie in einer „Privatpraxis“ arbeiten (keine Ahnung warum ...), lass dich davon nicht irritieren und frage einfach nach, ob sie auch Patienten mit gesetzlicher Krankenversicherung behandeln. Ob eine Therapie nach dem Kostenerstattungsverfahren genehmigt wird, hängt vor allem von deiner Krankenkasse ab. Wenn du Schwierigkeiten bekommst, lies ganz unten weiter im Kostenerstattungs-Add-On. Hast du jetzt einen Therapieplatz bekommen, lies weiter bei (67). Falls nicht, lies weiter bei (11).

(57) Deine erste Anlaufstelle sind die niedergelassenen ambulanten Psychotherapeuten – also das, was viele unter dem Begriff „Therapieplatz“ verstehen: Termine einmal die Woche. Ein fester Ansprechpartner. Eine lange Laufzeit. Bezahlt von der Krankenkasse. Wie schön es doch sein könnte? Das dachten sich leider auch schon viele vor dir und die meisten Psychotherapeuten sind deshalb maßlos überfüllt. Vielleicht hast du auch schon die berühmte „Liste“ mit Therapeuten von deinem Hausarzt bekommen. Bevor du allerdings die Therapeuten abklapperst, versuche es doch einmal bei den Ausbildungszentren für Psychotherapeuten. „Ich lasse mir doch nicht von nem Azubi im Schädel rumporkeln!“, geht dir unmittelbar durch den Kopf. Ist auch ein verständlicher Einwand, wenn man die Struktur der Ausbildung nicht kennt. Um überhaupt eine Psychotherapieausbildung beginnen zu dürfen, bedarf es eines abgeschlossenen vierjährigen Studiums (für Erwachsen-Therapie immer klinische Psychologie, für Kinder- und Jugendtherapie Sozialpädagogik oder Vergleichbares). Außerdem ist die Ausbildung sehr teuer (18.000 Euro mindestens). Das führt dazu, dass die Ausbildung selten direkt nach dem Studium begonnen wird. Meist verfügen die Therapeuten in Ausbildung schon über mehrere Jahre Berufserfahrung in Kliniken (teilweise in einem schwierigeren Setting als in der ambulanten Psychotherapie). Es gilt das alte rheinische Sprichwort: „Et jibt solsche un solsche.“ Zudem schaut immer noch ein erfahrener Therapeut darauf, was der Auszubildende so macht, also gibt es quasi zwei Therapeuten zum Preis von einem! Ein Ausbildungsjahrgang hat circa 20 Therapeuten, die Ausbildung dauert drei Jahre. Das typische Ausbildungsinstitut hat also einen Pool von 40 bis 60 Therapeuten, die alle über die Krankenkasse abrechnen können. Du findest Ausbildungsinstitute am besten, wenn du nach „Psychotherapie Ausbildung [deine Stadt]“ suchst. Hast du dadurch einen Therapieplatz bekommen, lies weiter bei (67). Willst du lieber einen „normalen“ Therapieplatz, lies weiter bei (25).

(67) Gratulation, du hast es geschafft und einen Therapieplatz bekommen! Ich hoffe, die Chemie zwischen dir und deinem Therapeuten stimmt und du fühlst dich gut aufgehoben. Ist dein Therapeut Schrott, müsstest du leider wieder bei (1) beginnen. Im FAQ findest du noch ein paar Gedanken von mir zu dem Thema „Schlechte Therapeuten“. Ansonsten nimm dies hier als Reminder. Viel Stärke!

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Warum gibt es keine freien Therapieplätze?

Eine Kombination aus mehreren Faktoren: Kassenzulassungen für Psychotherapeuten wurden lange Zeit aufgrund von alten Berechnungsgrundlagen aus den 1990er Jahren verteilt, während der Bedarf gestiegen ist. Da die Psychotherapien und ärztlichen Behandlungen aus einem Topf bezahlt werden, gibt es auch so etwas wie Futterneid. Psychotherapeuten haben Angst, ohne Kassenzulassung eine Praxis zu gründen, falls die Kostenerstattung irgendwann wegfällt. Und es gibt auch Psychotherapeuten, die ihren Versorgungsauftrag nicht voll ausschöpfen, das heißt sie könnten mehr Patienten behandeln, tun dies aber nicht.

Die Reporter Bent Freiwald und Martin Gommel haben in diesem Artikel ausführlich die Gründe für die fehlenden Therapieplätze beschrieben.

Warum gibt es kaum Möglichkeiten, Therapeuten per Mail oder zumindest über einen Anrufbeantworter zu erreichen?

Ein Psychotherapeut mit vollem Versorgungsauftrag muss 200 Minuten telefonische Erreichbarkeit pro Woche anbieten. Gut, könnte man sagen, dann müssen diese arroganten Quacksalber wenigstens überhaupt mal das Telefon abheben. Das sind dann allerdings auch 200 Minuten, die man nicht mit Therapie verplanen kann. Das sind dann immerhin vier Therapieplätze pro Woche weniger, nicht gerade wenig. Oder man muss halt jemanden bezahlen, der das für einen macht. Wenn man dazu noch einen prall gefüllten Anrufbeantworter abtelefonieren muss, mit Nachrichten wie: „Aber ich bin nur morgen abend zu erreichen, sonst erstmal nicht“, kostet das noch mehr Zeit und damit Therapieplätze. Ich persönlich würde lieber ein anderes System etablieren, bei dem man auf meiner Website einen Termin vereinbaren kann und direkt alle Infos, Kapazitäten etc. sieht. Aber das zusätzlich noch zu koordinieren, habe ich bisher nicht geschafft. Wenn da jemand Ideen oder Vorschläge hat, immer gerne her damit.

Ich kann entweder aus Angst oder aus Zeitgründen nicht während der telefonischen Erreichbarkeit der Therapeuten anrufen. Was soll ich tun?

Es ist auch okay, wenn ein Freund oder Familienmitglied den Termin vereinbart. Wenn der Therapeut eine eigene Website hat, kann man es natürlich auch über die Mail im Impressum probieren, allerdings ist der Therapeut im Gegensatz zur telefonischen Erreichbarkeit nicht gesetzlich verpflichtet, auch darauf zu antworten. Die Terminservicestelle vermittelt auch Termine für Erstgespräche, allerdings hat man da keine Wahl, man muss den Therapeuten nehmen, der einem genannt wird (30 Minuten Fahrweg mit öffentlichen Verkehrsmitteln gelten als zumutbar).

Ich habe einen Schrott-Therapeuten erwischt und fühle mich jetzt noch schlechter als vorher. Seid ihr eigentlich alle bescheuert?

Nein, Gott sei dank nicht alle. Es kommt leider häufiger vor, als man denkt, dass Therapeuten selbst hart einen an der Klatsche haben. Manche sind einfach nur komisch und du solltest, wenn du mit deinem Therapeuten nicht klarkommst und es dir nach den meisten Sitzungen nicht besser geht als zuvor, den Therapeuten wechseln. Dann beginnt das ganze Spiel leider von vorne, aber ohne eine gute therapeutische Beziehung sind die Heilungschancen sehr gering. Hast du das Gefühl, der Therapeut verstößt gegen ethische Regeln oder gegen die Berufsordnung (anfassen, anzügliche Fragen und Flirten, Grenzüberschreitungen, zusätzliches Honorar verlangen etc.), kannst du ihn bei der zuständigen Psychotherapeutenkammer melden. Allerdings muss die Sachlage eindeutig und beweisbar sein, im Prinzip wie bei einer Gerichtsverhandlung. Es kommt auch vor, dass der Therapeut eindeutig falsche Diagnosen gibt und fachlich sehr inkompetent rüberkommt. Da bringt das Melden bei der Kammer nichts und man sollte eher Bewertungsportale wie Jameda nutzen.

Ich habe das Gefühl, jemand aus meinem Umfeld bräuchte eine Psychotherapie. Wie bringe ich ihn dazu?

Da kommt es darauf an, warum die Person sich nicht in Behandlung begeben will. Hat sie einen Grund dafür, zum Beispiel Vorurteile, Angst oder ähnliches, kann man versuchen, dass sie sich vielleicht auf ein Erstgespräch einlässt. Das ist ja unverbindlich, man muss ja dann nicht zwingend eine Therapie beginnen. Wenn sie aber absolut nicht will, ist es eher empfehlenswert (auch wenn es schwer ist), abzuwarten, bis der Leidensdruck so hoch ist, dass sie unbedingt selber eine Veränderung will. Ich weiß, das klingt herzlos, aber eine fremdmotivierte Therapie anzufangen, ist meist auch nicht gerade von Erfolg gekrönt. Und jeder Mensch hat auch das Recht zu leiden.

Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Psychiater … Ich bin durcheinander. Was ist der Unterschied?

Es folgt eine kurze Übersicht. Beachte, nur die ersten drei dürfen sich Psychotherapeut nennen (und auch Kostenerstattung anbieten):

  • Ärztlicher Psychotherapeut = Medizinstudium + Therapeutische Weiterbildung

  • Psychologischer Psychotherapeut = Psychologie + Therapeutische Weiterbildung

  • Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut = Sozialpädagoge (oder vergleichbar) + Therapeutische Weiterbildung

  • Heilpraktiker für Psychotherapie = Grundausbildung egal + Prüfung beim Gesundheitsamt abgelegt

  • Coach, psychologischer Berater etc. = darf sich jeder nennen, da nicht geschützt

Wie unterscheiden sich die Behandlungsverfahren Verhaltenstherapie, Psychoanalytische Therapie etc.?

Schau mal hier auf Seite 2 dieser Übersicht. Beachte, dass die Systemische Therapie erst im Juli 2020 als Leistung der gesetzlichen Krankenkasse zugelassen wurde und es deshalb noch kaum Psychotherapeuten gibt, die dieses Verfahren über die Krankenkasse abrechnen können.

Kostenerstattungs-Add-On

Um das Kostenerstattungsverfahren ranken sich Mythen, Gerüchte und Halbwahrheiten, meist negativer Art. Ich habe selbst ein Jahr mit diesem Verfahren abgerechnet und obwohl das Abrechnen über die GKV deutlich (!) einfacher ist, habe ich unterm Strich nie so große Probleme gehabt, dass ich mir um meine Praxis Sorgen machen musste. Viele beklagen sich über die Krankenkassen und das System (teilweise zu Recht), aber ich persönlich kenne keinen Therapeuten, der seine Praxis aufgeben musste, weil keine Therapien mehr bewilligt wurden.

Beim Kostenerstattungsverfahren muss man quasi nachweisen, dass das System „versagt hat“, man über den üblichen Weg an keinen Therapieplatz kam – und dass man auch tatsächlich einen Platz benötigt. Das ist natürlich mehr Aufwand, als „einfach nur die Krankenkassenkarte einlesen“, aber es ist machbar, wenn auch häufig von typisch deutschen Bürokratieproblemen geprägt. Am besten ist man den Kassen hier immer einen Schritt voraus. Bevor es losgeht, gibt es erst einmal drei wichtige Tipps:

  1. Bildet eine Allianz mit eurem Kostenerstattungstherapeuten. Sucht euch einen raus (wie oben beschrieben) und fragt ihn, was für Erfahrungen er gemacht hat und welche Tipps er geben kann. Ob die Krankenkassen einem Antrag auf Kostenerstattung zustimmen, unterliegt starken (teilweise regionalen) Schwankungen.

  2. Alles notieren. Erinnert ihr euch an den Film „Das Leben der Anderen“? Genau so macht ihr das. Wie ein deutscher Rentner mit stark frequentiertem absolutem Halteverbot vor dem Wohnzimmerfenster werdet ihr jedes einzelne Telefonat, jede Mail notieren. Das gilt als Beweis. Macht Kopien oder Scans von allen wichtigen Dokumenten.

  3. Euch steht ein Therapieplatz zu. Fallt nicht in die „Na dann kann es ja nicht so schlimm sein bei mir“-Falle. Das System hat versagt, nicht ihr. Es ist anstrengend und ihr habt alles Recht der Welt, zwischendurch zu verzweifeln, aber es muss leider heißen: Kopf hoch und Arsch in den Sattel.

Damit wäre das ja geklärt. Es kann losgehen!

Ihr müsst eurer Krankenkasse beweisen, dass ihr über die üblichen Wege an keinen Therapieplatz gekommen seid. Die üblichen Wege sind die Terminservicestelle und die selbstständige Suche.

Ihr hattet ja, wenn ihr an diesem Punkt hier seid, schon ein Erstgespräch bei einem niedergelassenen Therapeuten und die TSS konnte euch keinen Therapieplatz vermitteln. Dokumentiert die Gespräche mit der TSS!

Zudem habt ihr ja auch schon rausgefunden, dass die Therapeuten in eurer Nähe keinen Therapieplatz anbieten können. Notiert auch da, wann ihr mit wem telefoniert habt und dass er keinen Platz anbieten kann oder die Wartezeit mehr als drei Monate beträgt. Ihr solltet mindestens auf fünf Therapeuten ohne Kapazitäten kommen. Manche Krankenkassen in den Großstädten wollen auch mehr sehen, dann kommt ihrer Bitte nach.
Seht es mal so: Ihr habt ja nichts zu verlieren, falls ihr bei den Telefonaten einen Therapieplatz findet, könnt ihr ja sofort aufhören. Mit diesen beiden Sachen habt ihr bewiesen, dass ihr euch über den üblichen Weg um einen Therapieplatz bemüht habt, aber keinen bekommen habt.

Jetzt müsst ihr nur noch beweisen, dass ihr auch tatsächlich eine Therapie benötigt. Kleiner Nebenexkurs, insbesondere für depressive oder selbstunsichere Leser: Jeder denkt, dass jemand anders den Therapieplatz mehr verdient hätte als man selbst. Jeder. Den Satz höre ich mindestens einmal pro Woche, von unterschiedlichen Personen mit teilweise sehr schwerwiegenden Symptomen. Der Gedanke ist normal – aber er hat nicht sonderlich viel zu bedeuten. Ich könnte einen ganzen Aufsatz darüber schreiben, warum, aber darum soll es hier ja nicht gehen. Um der Krankenkasse zu „beweisen“, dass ihr eine Therapie benötigt, könnt ihr Folgendes benutzen:

  1. Das Formular PTV11, auf dem ebendies angekreuzt ist. Das habt ihr ja schon. War das nicht einfach?

  2. Viele Krankenkassen wollen eine sogenannte Notwendigkeitsbescheinigung (manchmal auch Dringlichkeitsbescheinigung genannt) eines Arztes sehen. Entweder euer Hausarzt hat einen entsprechenden Vordruck parat oder der Kostenerstattungstherapeut gibt euch einen mit. Ist beides nicht der Fall, könnt ihr „Notwendigkeitsbescheinigung Psychotherapie“ in die Suchmaschine eurer Wahl eingeben und ihr werdet entsprechende Vorlagen finden. Bonuspunkte gibt es, wenn die Bescheinigung von einem entsprechenden Facharzt, also einem Psychiater oder Neurologen, ausgefüllt wurde.

  3. Eine Begründung von euch selbst und dem Kostenerstattungstherapeuten kommt immer gut, ist aber nicht kriegsentscheidend. Eine DIN-A4-Seite reicht.

Reicht die Unterlagen zusammen mit eurem Kostenerstattungstherapeuten ein (er wird wissen was zu tun ist) und wartet ab. Innerhalb von fünf Wochen muss die Krankenkasse euch eine Entscheidung mitteilen. Aber was, wenn die Krankenkasse ablehnt?

Geht auf alle Fälle in den Widerspruch. Die Krankenkasse muss die Ablehnung begründen. Wenn ihr alle Dinge, die ich beschrieben habe, eingereicht habt, hat die Kasse da wenig Spielraum. Wenn sie irgendetwas fordert, was ihr leisten könnt (zum Beispiel, dass ihr zehn Therapeuten anrufen sollt statt fünf), macht das. Wenn die Kasse keine Argumente hat, aber trotzdem ablehnt, ruft dort an und fragt, was ihr machen sollt.

Wenn keine Vorschläge kommen oder die Krankenkasse sich querstellt, wechselt sie. Das ist natürlich mit Aufwand und natürlich auch mit Zeit verbunden, stellt aber an diesem Endpunkt das einzig wirksame Mittel dar. Entweder eure Kasse knickt ein und genehmigt den Antrag oder ihr wechselt zu einer anderen, bei der es deutlich einfacher ist, eine Kostenerstattung zu bekommen. Welche Kasse das ist, weiß in der Regel der Kostenerstattungstherapeut oder ihr fragt bei den Krankenkassen nach. Meistens könnt ihr den gleichen Antrag nochmal neu einreichen, weil ihr ja, wie oben erwähnt, alles notiert und Kopien gemacht habt. Informiert euch auch auf der Seite Kassenwatch.de über die neuesten Entwicklungen zu dem Thema.


Tom Enders ist Psychotherapeut für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. In seiner eigenen Praxis behandelt er insbesondere Patienten mit Essstörungen, selbstverletzendem Verhalten, depressiven Erkrankungen sowie Posttraumatischen Belastungsstörungen.

Ursprünglich veröffentlichte Tom Enders diese Anleitung bei Reddit. Für Krautreporter hat er diesen Text überarbeitet und um ein paar Punkte ergänzt.


Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Susan Mücke; Bildredaktion: Till Rimmele

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