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Energiepolitik

Muss ausgerechnet Atomkraft das Klima retten?

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Ein Transparent vorweg, zog die Demonstration am 19. September 2020 zum Atomkraftwerk Isar nahe München. Dort angekommen, errichteten sie ein kleines Podest und hielten Reden. Die Presse war auch da, führte Interviews, einige Teilnehmer:innen machten Selfies mit den dampfenden Kühltürmen des Kraftwerks im Hintergrund. Es war auf den ersten Blick eine ganz normale Demonstration vor dem AKW, wie sie Deutschland schon hundertfach erlebt hat in den vergangenen Jahrzehnten. Nur eine Sache passte nicht ins Bild.

Wieso schwenkte ein Mann eine Fahne, auf der „Kernkraft, ja bitte!” stand? Die Demonstrant:innen, die sich an dem sonnigen Septembertag versammelt hatten, kämpften nicht gegen die Atomkraft, sondern für sie. Die Gruppe forderte, dass statt der AKWs die deutschen Kohlekraftwerke zuerst komplett vom Netz genommen werden.

Diese Demonstrationen machten Schlagzeilen, natürlich. Denn so etwas hatte Deutschland noch nicht gesehen. Parallel melden sich auch andere Stimmen zu Wort. Ferdinand Dudenhöffer etwa, er ist eigentlich Experte für die Autoindustrie, aber kürzlich musste er auf Twitter mal etwas zur deutschen Energieversorgung schreiben. „Atomstrom ist grün, zyklenfest und deutlich risikoärmer als viele vermuten.” Vor ein paar Jahren forderte auch der Chef der Volkswagen-Gruppe, Herbert Diess, dass die deutschen Atomkraftwerke länger laufen sollten. In seinem neuesten Buch sieht der Microsoft-Gründer Bill Gates in Atomstrom einen Teil der Lösung für die Klimakrise: „Es ist die einzige kohlenstofffreie Energiequelle, die Tag und Nacht, zu jeder Jahreszeit und fast überall auf der Erde zuverlässig Strom liefern kann, und die nachweislich im großen Maßstab funktioniert.”

Die Zeichen verdichten sich. Pünktlich zehn Jahre nach der großen Atomkatastrophe von Fukushima und zehn Jahre, nachdem Deutschlands endgültiger Atomausstieg begann, gibt es plötzlich eine neue Atomdebatte. Die Klimakrise wird drängender, die großen Industriemächte des Planeten müssen Wege finden, ihre komplette Wirtschaft zu dekarbonisieren und in manchen Ländern hat Atomkraft da einen Platz. China etwa baut AKWs, nicht in der gleichen Geschwindigkeit wie Solar- oder Windkraftwerke, aber trotzdem sind gut ein Dutzend Meiler gerade im Bau oder in Planung. Und der neue US-Präsident Joe Biden schließt Atomkraft auch nicht aus, mehr noch: Seine Regierung will die Weiterentwicklung der Technik finanzieren.

Im Raum stehen mehrere neue Konzepte: zum Einen sogenannte „Small Modular Reactors“, sehr kleine, 'handlichere' Reaktoren, die weniger Strom erzeugen als die großen Druckwasserreaktoren aus dem letzten Jahrhundert, aber dafür, so jedenfalls das Versprechen, billiger sein sollen und leichter zu handhaben. Das berühmteste und im Grunde auch einzige Beispiel für so einen SMR ist die Akamedik Lomonossow, ein schwimmendes Atomkraftwerk, das Russland gebaut hat. Aber auch die US-amerikanische Firma Nuscale Power baut solche Mini-AKWs.

Eine zweite Idee sind sogenannte Flüssigsalzreaktoren, die angeblich 'Atomkraft ohne Risiko' liefern sollen. Sie basieren auf einer anderen Technologie als die jetzige AKW-Generation, gebaut wurde noch keines. Ob diese Designs wirklich ohne Risiko sind, beantwortet Harald Lesch in diesem Video.

Einige nennen, was gerade passiert, die „Renaissance der Atomkraft”. Wenn sie das wirklich ist, dann ist sie im Vergleich mit der Hochzeit des Atomzeitalters nicht besonders schillernd. Aber allein, dass es sie überhaupt geben kann, ist schon ein Statement. Jedenfalls für viele Deutsche. Nach dem Atomunfall in Fukushima am 11. März 2011 beschloss die schwarz-gelbe Regierung unter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Laufzeiten für die AKWs doch nicht zu verlängern, sondern die Meiler abzuschalten. Drei Kraftwerke sind in den vergangenen Jahren vom Netz gegangen, spätestens im Jahr 2022 soll das letzte deutsche Atomkraftwerk abgestellt werden – 16 Jahre früher als das letzte deutsche Kohlekraftwerk.

Ergibt das Sinn? Das ist die zentrale Streitfrage der neuen deutschen und globalen Atomdiskussion. Oder anders formuliert: Braucht man Atomkraft, um die Klimakrise in den Griff zu bekommen? Die Fronten sind dabei ziemlich verschränkt. Denn anders als früher gibt es nicht auf der einen Seite die Anti-Atom-Bewegung, die den Grünen nahesteht und auf der anderen die konservativen Pro-Atomfreunde aus Industrie und Hochfinanz. Und die Argumente für und gegen die Atomkraft haben sich auch verändert. Der Dogmatismus von früher – auf beiden Seiten – bleibt nicht mehr unwidersprochen.

Bei einem Argument werden Atomkraft-Kritiker:innen nachdenklich

Jemand wie Anna Veronika Wendland etwa passt überhaupt nicht mehr in die alten Schablonen. In den 1990er Jahren hat die 54-Jährige Technikhistorikern gegen Atomkraft und Atomwaffen demonstriert, auch militant, wie sie sagt. „Wenn der Zaun rund um das ehemalige AKW Mülheim-Kärlich noch steht, dürften sie irgendwo mein Protest-Graffito finden.” Heute aber ist die Technikhistorikerin Mitglied im ehrenamtlichen Verein „Nuklearia” und streitet dafür, die Laufzeiten der deutschen AKWs zu verlängern. Ihr Verein war es, der die Demonstrationen für die AKWs organisiert hatte und manchmal gehen sie auch in deutsche Fußgängerzonen. Bei einem Argument, sagt sie, fangen ihre Gesprächspartner:innen öfter an, nachdenklich zu werden: „Wenn sich die Rahmenbedingungen ändern, müssen wir bestimmte liebgewonnene Gewissheiten neu bewerten.”

Die geänderten Rahmenbedingungen: klar, die Klimakrise. Will Deutschland seine Klimaziele erreichen, muss es fast seine komplette Wirtschaft elektrifizieren: Verkehr, Heizen, Stahl- und Zementherstellung. Deutschland wird mehr Strom benötigen. Woher soll dieser Strom kommen, wenn schon heute der Windkraftausbau stockt? Gerade einmal 420 neue Windräder wurden 2020 installiert.

Forscher:innen wie die Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sagen, dass das trotzdem allein mit Erneuerbaren gelingen kann. Das zeigten ihre Modelle. Dazu brauche es aber politischen Willen. Unterstützt wird sie dabei von Aktivist:innen wie Karl-Martin Hentschel, der gerade mit einer Gruppe von Forscher:innen in einer lesenswerten Studie im Detail gezeigt hat, dass Deutschland seine Klimaziele einhalten und trotzdem aus der Kohle und aus der Atomwirtschaft aussteigen kann.

Anna Veronika Wendland glaubt das nicht. Wenn es nach ihr ginge, hätte Deutschland nicht so schnell die Atomkraftwerke abgeschaltet, sondern die Kohlekraftwerke zuerst. „Man hätte sagen können: Wir steigen aus der Kohle aus, aber lassen die AKWs parallel mitlaufen bis zu einem Stichdatum, an dem wir bewerten, ob Erneuerbare allein ausreichen.” Das aber, so Wendland, sei wohl nicht gegangen in einem Land, das stolz war auf seine Kohleindustrie.

Diejenigen, die glauben, dass Atomkraft auch in der Zukunft eine Rolle spielen wird, führen mehrere Argumente an. Das vermutlich einleuchtendste: Warum sollten wir Anlagen abschalten, die schon gebaut wurden und laufen und bereits CO2-armen Strom produzieren? Im Zweifel werden diese AKWs dann eben nicht allein durch erneuerbare Energie ersetzt, sondern wie in Deutschland bereits geschehen auch durch Gaskraftwerke, die bei Bedarf relativ schnell hochgefahren und auch wieder zügig abgeschaltet werden können. An den Küsten will die Bundesrepublik neue Anlagen errichten, um dieses Gas zu importieren, seien es nun die Verflüssigungsanlagen für das extrem klimaschädliche Fracking-Gas aus Nordamerika oder sei es die Gaspipeline Nord Stream 2, die mitten durch die Ostsee geführt wird und russisches Erdgas ins Land bringen soll. Dabei verursacht natürlich schon der Bau dieser Anlagen CO2, wie auch der Bau von neuen Windkraftanlagen, Solarparks oder Speicherlösungen, die die Lücke füllen sollen, die die AKWs hinterlassen.

Für Anna Veronika Wendland war Deutschlands Atomausstieg nach dem Unglück von Fukushima ein Fehler: „Die Bundesregierung wusste noch nicht genau, was dort eigentlich passiert war und hat innerhalb von drei Tagen eine Grundsatz-Entscheidung getroffen.” Dabei seien die Zustände in der Anlage Fukushima Daiichi in vielen Punkten gar nicht auf deutsche Reaktoren zu übertragen. Die Sicherheitsstandards seien höher.

Der Knackpunkt der Debatte

Fragt man Atomkraftgegner, was sie von Sicherheitsbeteuerungen halten, folgen oft nur drei Namen: Three Mile Island, Tschernobyl, Fukushima. Es sind die Namen der großen Atomunglücke der vergangenen Jahrzehnte. Sie hätten gezeigt, dass diese Technologie niemals komplett sicher sein kann, egal wie viele Vorkehrungen man trifft. Das aber wiederum lassen die Verfechter der Atomkraft nicht als Argument gelten. Bill Gates schreibt in seinem Buch: „Stellen Sie sich vor, alle hätten sich eines Tages zusammengesetzt und gesagt: ‚Hey, Autos bringen Menschen um. Sie sind gefährlich. Lasst uns aufhören sie zu fahren und diese Autos abschaffen.‘ Das wäre natürlich lächerlich gewesen. Wir haben genau das Gegenteil getan: Wir nutzten Innovationen, um Autos sicherer zu machen.” Ähnliches passierte zum Beispiel auch in Japan, wo nach dem Tsunami und dem Reaktorunglück die Fehleranalyse ergab, dass die japanische Nuklearaufsicht zu lasch war. Weltweit stärkten Regierungen und Parlamente daraufhin die Rechte ihrer Atomaufsichtsbehörden.

Anna Veronika Wendland erzählt, wie sie als Nuklearpraktikantin in einem deutschen AKW an Überprüfungen der sogenannten Töpfer-Kerzen teilnahm. Sie dienen dazu, die Explosionsgefahr in einem AKW zu senken. Benannt wurden sie nach dem ersten deutschen Minister für Reaktorsicherheit, Klaus Töpfer, der diese Anlagen nachrüsten ließ. „Viele Atomkraftgegner:innen haben feste Meinungen, von denen sie auch nicht abzubringen sind”, sagt sie. „Wie sich deutsche Kraftwerkssicherheit von der japanischen oder von Tschernobyl unterscheidet, interessiert sie nicht.”

Tatsächlich ist das der Knackpunkt der ganzen Debatte über Atomkraft in (West-)Deutschland. Sie speist sich aus der Schockerfahrung von Tschernobyl, wo es 1986 zur Kernschmelze kam und es danach plötzlich gefährlich schien, Erdbeeren vom Markt zu kaufen und zu essen. Es konnte ja niemand wissen, ob sie nicht verseucht sind. In der US-amerikanischen TV-Serie „Tschernobyl”, die vor zwei Jahren im US-amerikanischen Programm HBO ausgestrahlt worden ist, gibt es eine Szene, die als Metapher dienen kann für die Angst, die viele Menschen haben. Da rast eine Wolke radioaktiver Strahlung über einen Wald, der daraufhin sofort vergilbt, ein übertriebenes Bild, aber eines, das die Angst vor radioaktiver Strahlung gut einfängt, die niemand riechen, sehen, schmecken kann.

In Tschernobyl starben nach dem Reaktorunglück laut Weltgesundheitsorganisation und Internationaler Atomenergieagentur mutmaßlich 4.000 Menschen (Anti-Atom-Gruppen setzen diese Zahl mindestens zwanzigmal höher an. In den USA nach der Kernschmelze am AKW Three Mile Island starb in direkter Folge niemand. Und in Fukushima nachweislich ein Mensch. Und obwohl mehrere Forschungsteams dies genau untersuchten, konnten sie bis heute keine eindeutige Zunahme von Schilddrüsenkrebs unter der japanischen Bevölkerung rund um Fukushima und auch nicht in der US-amerikanischen rund um das ehemalige AKW feststellen. Es war der Tsunami in Japan, der die meisten Menschen umbrachte.

Die Debatten um die richtige Energieform werden so verbissen geführt, dass es inzwischen auch Statistiken gibt, die die „Toten pro Terawatt” ausweisen. Die mit weitem Abstand tödlichste Kraftwerksform ist Kohlekraft mit ihrer Luftverschmutzung, als Folge der Atomkraft sterben wie bei den erneuerbaren Energien nur wenige Menschen.

Aber um die Debatte über die Atomkraft zu verstehen, muss man noch genauer hinschauen. Denn im Grunde sind es zwei Debatten: Darüber, ob bestehende AKWs abgeschaltet werden sollten und darüber, ob neue AKWs gebaut werden sollen. Gerade die letzte Frage scheint sich fast von selbst zu erledigen. In ganz Europa bauen nur noch vier Länder neue Reaktoren: Großbritannien, Finnland, die Slowakei und Frankreich. Allen Projekten ist gemein, dass es viel länger dauert, die Kraftwerke zu bauen, als zunächst gedacht und dass sie zum Teil auch die angesetzten Kosten deutlich übersteigen. Das Kernkraftwerk Hinkley Point in Großbritannien etwa kostet doppelt so viel, wie ursprünglich geplant und kommt zehn Jahre später.

Für Wendland ist das aber nicht notwendigerweise ein Gegenargument: „Wir sehen, dass die erneuerbaren Energien von gesellschaftlichen Konflikten begleitet werden, wir brauchen Speichermöglichkeiten für deren Strom – in der Zeit, bis das gesamte System steht, können sie drei AKWs bauen.” Und auch das Kostenargument lässt sie nicht einfach so gelten. Schließlich seien auch die erneuerbaren Energien mit staatlichen Garantien erst ermöglicht wurden.

Warum manche Länder Atomkraft vermutlich niemals aufgeben werden

Allerdings, das zeigen neueste Zahlen, wird der Ausbau erneuerbarer Energien, speziell von Solarkraftwerken, immer schneller immer billiger. Selbst die optimistischsten Kostenprognosen für diese Art von Energie werden konstant unterboten, jedenfalls in jenen Ländern, die viel Sonne haben. Es gibt auch hier wieder Berechnungen für alle Arten von Kraftwerken: Welche produzieren die billigste Art von Energie? Allerdings schwanken die Werte so stark, je nach Studie und je nach den genauen Details, dass sich nur grobe Aussagen treffen lassen. Klar ist, dass Atomstrom ohne staatliche Hilfen nicht wettbewerbsfähig ist. Wenn er es wirklich wäre, würden in einer Welt mit stetig steigendem Energiehunger mehr AKWs gebaut werden, als wir derzeit beobachten können.

Dort, wo noch neue Atommeiler entstehen, ist sehr oft der Staat Bauherr oder geht zumindest finanziell ins Risiko, indem er bestimmte Strompreise garantiert, so wie es Deutschland auch mit den erneuerbaren Energien macht (hier aber sinkt die Garantiesumme stetig, beim Atomstrom bliebe sie gleich). Der Staat hat aber bei Atomkraftwerken nicht nur Energiepolitik im Sinn.

Die 58-jährige Eva Stegen ist Energiereferentin bei den Elektrizitätswerken Schönau und Anti-Atom-Aktivistin. Für sie war genauso wie für Anna Veronika Wendland Tschernobyl ein wichtiger Moment. Und genauso wie ihre Altersgenossin begann sie, in ihrem Heimatort gegen atomare Infrastruktur zu demonstrieren. Aber anders als Wendland hat sie über die Jahre ihre Meinung nicht geändert, hat eine Antwort auf eine einfache Frage gesucht: Warum baut ein Land wie Großbritannien überhaupt ein neues Atomkraftwerk? Die Briten haben mit ihren langen Küstenlinien perfekte Voraussetzungen für Offshore-Windkraft – und nutzen sie auch. Die Antwort fand Stegen für jeden sichtbar und dennoch gut versteckt in einer Parlamentsanhörung aus dem Sommer 2008, wo Parlamentarier:innen eine Gruppe von Nuklear-Expert:innen zu den Atomplänen der Regierung befragten. Schnell wird klar, dass diese zwei Dimensionen habe: die energiepolitische und die militärische. Beide sind nicht voneinander zu trennen.

Großbritannien ist Atommacht: Es braucht Menschen, die sich mit der Thematik auskennen, nicht nur um die Nuklearwaffen des Landes zu pflegen, sondern auch, um seine Atom-U-Boot-Flotte zu betreiben. Diese These jedenfalls stellten Forscher:innen der Universität Sussex auf. In anderen Ländern wiederum ist die Verbindung zwischen Atomkraft und Atommacht viel deutlicher. Stegen verweist auf Frankreich, das gerade erst die Laufzeiten seiner Atomkraftwerke verlängert hat. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron redete da gar nicht drum herum. Als er am 8. Dezember 2020 Frankreichs Atomstrategie in einer Rede skizzierte, sagte er: „Ohne zivile Atomkraft keine militärische Atomkraft, ohne militärische Atomkraft keine zivile Atomkraft.”

Als in den 1950er Jahren das Atomzeitalter wirklich begann, starteten in vielen Ländern militärische und zivile Programme parallel. Auch Deutschland mit Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU) spielte mal mit dem Gedanken, eine Atombombe zu bauen. Heute aber ist die Verbindung nicht mehr so eindeutig. Viele Länder mit zivilen Atomprogrammen haben sich mit internationalen Verträgen verpflichtet, keine Atomwaffen zu entwickeln.

Ob Atomkraft überhaupt eine Alternative in der Klimakrise sein kann, hängt aber nicht nur von technisch-rationalen oder gar militärischen Erwägungen ab. Gerade Deutschland hat gezeigt: Wenn die Bevölkerung die Technik nicht will, wird es schwierig, sie durchzusetzen. Angela Merkels berühmter Ausstieg vom Ausstieg vom Ausstieg nach Fukushima war eine Reaktion auf den Schock, der durchs Land ging. Selbst die Betreiber der AKWs winken ab. Aber Anna Veronika Wendland hält dagegen: „Wenn man den Klimanotstand wirklich ernst nehmen würde, könnten wir die AKWs schnell retten. Das steht und fällt mit einem Aha-Erlebnis der Regierung.” Die Regierung Schwarz-Gelb unter Merkel hatte die ursprüngliche Laufzeitverlängerung eben auch gegen den Widerstand größerer Teile der Menschen in Deutschland durchgesetzt, so Wendland. Es hatte im CDU-Wahlprogramm gestanden, die Regierung war gewählt worden, also fühlte sie sich legitimiert.

Was bleibt nun von der neuen Atomkraft-Frage? Sollte Deutschland wieder einsteigen? Es gibt Argumente für beide Seiten. Sicher ist aber, dass etwas Bewegung in die Debatte gekommen ist und es durchaus möglich ist, dass eine zukünftige Regierung angesichts neuer Atomkraft-Technologie und einer sich verschärfenden Klimakrise diese Frage neu beantwortet. Sollte das ablaufen, wie solche Grundsatzentscheidungen in Deutschland oft ablaufen, dann ist klar, wer diese Regierung führen wird. So wie die CDU die Wehrpflicht abschaffte, die SPD Hartz-IV einführte, so hätte wohl nur eine Partei in Deutschland die Glaubwürdigkeit, um den Wiedereinstieg in die Atomkraft hinzubekommen: die Grünen.


Nachtrag, 12. März 2021: Ich habe bei den Todeszahlen nach dem Tschernobyl-Gau die Angaben von Anti-Atom-Gruppen ergänzt. Sie weichen deutlich von offiziellen Schätzungen ab.

Redaktion: Philipp Daum, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Till Rimmele, Audioversion: Christian Melchert

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