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Ungleichheit

Geld ist dir egal? Das ist (wahrscheinlich) eine Lüge

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Als ich in die Oberstufe ging, träumte ein Freund von mir davon, Millionär zu werden. Der Freund, nennen wir ihn Markus, brütete über Business-Plänen, die er uns in der Mittagspause vorstellte. Plan A: ein spezielles Fitnessstudio für Frauen nach der Schwangerschaft. Plan B: eine günstige und modische Fairtrade-Kleidungsmarke. Es waren Ideen, die 2011 in der Provinz unglaublich innovativ klangen.

Mich amüsierte damals, wie unbedingt er reich werden wollte. Meine Mutter bekam Hartz IV. Ich hatte also immer mehr auf mein Geld schauen müssen als meine Freund:innen. Deshalb dachte ich, ich hätte verstanden, was Armut bedeutet. Mein ökonomisches Mantra lautete: Ich brauche nicht viel. Ich wollte stattdessen „die Welt retten“ (was man halt mit 18 für ein sagbares Lebensziel hält). Und so ging ich nach dem Abi für ein Freiwilliges Soziales Jahr nach Rumänien. Markus blieb im Ort und studierte dual Fitness.

Markus war ein Materialist – Geld zu haben und Dinge zu besitzen, waren wichtige Ziele in seinem Leben. Ich war eine Postmaterialistin. Für mich standen Selbstverwirklichung und Weltverbesserungsideen ganz oben auf meiner Bucket-List.

Auch wenn ich damals etwas anderes glaubte: Ich hatte mit 18 keine Ahnung von Armut. Für ein halbwegs normales Teenagerleben bekam ich Taschengeld von meinen Großeltern, die außerdem nichts lieber taten, als mir neue Winterstiefel zu bezahlen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich mal nicht wissen würde, wie ich meine Miete bezahlen sollte. Oder wie das meine Einstellung zu Geld und zu Postmaterialismus verändern würde.

Postmaterialist:innen können aus Versehen dazu beitragen, Ungleichheit zu überdecken

Wenn du diesen Text liest, dann ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass du auch postmaterialistisch tickst. Wir Reporter:innen wissen aus Gesprächen mit der KR-Community, dass viele unserer Mitglieder so denken. Oft sagen sie Sätze wie: „Mir ist nicht so wichtig, wie viel Geld ich dort verdiene, Hauptsache, ich mache was Sinnvolles.“

Eigentlich finde ich das sympathisch, ich habe ja auch lange so gedacht. Aber inzwischen glaube ich: Mit diesem Denken machen wir es uns zu leicht. In den meisten Fällen beruht es sogar auf einer Selbstlüge. Geld ist dir nicht egal. Es ist wichtig, sich das einzugestehen. Denn sonst verklärt sich der Blick auf die Gesellschaft. Und dann tragen Postmaterialist:innen dazu bei, Ungleichheiten zu überdecken.

In Rumänien hatte ich eingesehen, dass das mit der Weltrettung schwierig werden würde. Stattdessen zog ich nach Leipzig und studierte Politikwissenschaft. Weil die Mieten dort noch günstig waren, musste ich mit meinem Bafög-Höchstsatz von 650 Euro im Monat luxuriöserweise neben dem Studium nicht arbeiten. Die neuesten Sneakers konnte ich mir so zwar weiter nicht leisten, aber ich kaufte ja eh nur Secondhand. Auch ansonsten brauchte ich nicht viel: Wenn ich in den Urlaub fahren wollte, arbeitete ich gegen Kost und Logis auf einer Dattelfarm in Jordanien oder trampte mit dem Zelt durch Irland.

Dann neigte sich mein Bachelor dem Ende zu und das Bafög-Amt überwies mir kein Geld mehr. Schlecht (oder gar nicht) bezahlte Praktika standen an, ohne die ich keinen Platz im Journalismus finden würde.

Ich brauchte nicht viel. Aber ein bisschen was dann doch.

So hängte ich für Luxushotels nasse Bettlaken in riesige Mangeln, stundenlang, in einem Takt, der Nachdenken nicht erlaubt. Wollte ich auf Toilette, musste ich um Erlaubnis fragen. Meine Maschinennachbarin erzählte mir auf Rumänisch, dass sie weniger verdiene als ich. Ich kalkulierte, wie viele Stunden ich noch hier bleiben musste, um mir meine Praktika leisten zu können.

Ich zog nach Berlin, die Monate vergingen und ich hatte mich verrechnet. Die Miete war höher als gedacht und auf mein Konto kam kaum neues Geld. Diese Erfahrung veränderte mich.

Wenn ich bei Rewe statt bei Aldi einkaufte oder mir in der Kneipe ein Bier bestellte, bekam ich ein schlechtes Gewissen. Ins Kino ging ich nicht mehr, auch nicht mehr ins Theater und schon gar nicht mehr feiern. Bitterkeit kroch in mir empor. In mir wuchs Neid auf meine Freund:innen, die mich aufs Bier einluden und mir ihr Erspartes liehen, damit ich meine Miete bezahlen konnte.

Im Studium hatte ich über Ungleichheit diskutiert. Darüber, dass arme Menschen öfter krank werden und früher sterben. Jetzt bekam ich eine allmähliche Vorstellung davon, wie sich das anfühlt.

Den Zusammenhang zwischen Armut und Lebenserwartung haben inzwischen sehr viele Studien belegt. Hier ein paar Beispiele. Erstmal für Deutschland:

Lebenserwartung: Arme Frauen sterben in Deutschland im Schnitt 4,4 Jahre früher als wohlhabende Frauen, arme Männer sogar 8,6 Jahre früher, zeigt diese Meta-Studie des Robert Koch-Instituts. An diesem Trend hat sich in den vergangenen 25 Jahren nichts geändert, schreiben die Forscher:innen.

Arme Menschen sind häufiger krankkörperlich und psychisch.

Wie schlecht Armut für die psychische Gesundheit von Kindern ist, zeigt diese vielzitierte Studie. Die Autor:innen schreiben: „As the length of time in poverty increases, so too do children’s feelings of unhappiness, anxiety, and dependence.“

Auch in Ländern des Südens gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen Ungleichheit, Armut und psychischer Gesundheit, wie diese Studie anhand von Indonesien aufzeigt. Depressionen sind in Ländern des Südens entgegen der Meinung vieler weit verbreitet. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat extreme Armut schon im Jahr 1995 als die Todesursache Nummer eins genannt.

Ich brauchte nicht viel. Aber so wollte ich nicht leben.

Das sagt der Papst der Wertewandelforschung

Mittlerweile geht es mir besser, ich habe keine Geldsorgen mehr. Aber ich habe meinen Unschuldsblick auf Finanzen verloren. Und ich fragte mich: Wie kann es sein, dass in unserer Gesellschaft viele von sich sagen, Geld sei ihnen nicht so wichtig? Was hat mich selbst dazu gebracht, das zu glauben?

Erfunden hat den Begriff „Postmaterialismus“ der Us-amerikanische Politologe Ronald Inglehart in seinem Buch „The Silent Revolution“ von 1977. Er hatte ab 1970 mitgeholfen, die europaweite Umfrage Eurobarometer mitzuentwickeln, mitten in einer Zeit, als Student:innen zum ersten Mal Universitäten besetzten und mit ihren Demo-Slogans die Eltern schockierten. Inglehart wertete diese Daten aus und erklärte, eine stille Revolution sei im Gange. In der jüngeren Generation, die in Frieden und wachsendem Wohlstand aufgewachsen sei, sei vielen Selbstverwirklichung und Selbstbestimmtheit wichtiger als materieller Wohlstand. Diese Menschen nannte er Postmaterialist:innen.

Inglehart war Optimist, wie so viele Wissenschaftler:innen Mitte des 20. Jahrhunderts. Er ging davon aus, dass der Frieden bestehen bleiben würde und der Wohlstand weiter wachsen werde. Und jede Generation werde postmaterialistischer als die vorherige. Mit dieser Theorie schaffte es Inglehart zu Berühmtheit. Er wurde zum „Papst der Wertewandelforschung“.

Wie das so ist mit berühmten Theorien: Im Laufe der Jahrzehnte haben Sozialwissenschaftler:innen beinahe jeden Aspekt von Ingleharts Postmaterialismus-Ansatz aus guten Gründen kritisiert: Von der Definition des Postmaterialismus (die ökonomische und kulturelle Fragen zusammenwirft) über die genaue Messmethode bis hin zu der überaus optimistischen Annahme, alles würde immer fortschrittlicher werden. Dennoch ist sie bis heute enorm einflussreich.

Die in diesem Zusammenhang wichtigste Kritik: Wie wichtig einer Person wirtschaftliche Fragen sind, misst Ingelhart mit der Frage, wie wichtig ihr der „Kampf gegen die Inflation sei“. Das war ein guter Gradmesser für die Bedeutung ökonomischer Probleme in den Siebzigern – damals war die Inflationsrate nämlich ein großes Thema. Nun gab es in den vergangenen 30 Jahren in Deutschland keine nennenswerten Inflationsraten. Kein Wunder also, dass das bei vielen Befragten nicht besonders weit oben auf der Prioritätenliste stand. Fragt man stattdessen danach, wie wichtig der Person die Bekämpfung von Arbeitslosigkeit ist, sind wirtschaftliche Fragen deutlich relevanter geblieben. Selbst dann ist der Anteil der Materialist:innen in der deutschen Bevölkerung zwischen 1970 und 1997 aber gesunken, erklärt diese Studie.

Auch eine der Grundannahmen Ingleharts gilt inzwischen als überholt: Die Vorstellung, es müssten erst alle materiellen Fragen geklärt sein, bevor man über Dinge wie Umweltschutz oder demokratische Mitbestimmung nachdenkt (die einflussreiche Maslowsche Bedürfnis-Pyramide).

Die Definition von Postmaterialismus reicht in der Werteforschung auch nicht mehr aus. Die meisten Forscher:innen unterscheiden Werte auf verschiedenen Ebenen: Neben postmaterialistischen und materialistischen Werten sind das zum Beispiel die Konfliktlinien autoritär versus libertär, Selbstentfaltung versus Gehorsam oder Leistungsorientierung versus Hedonismus. Auch Inglehart selbst verwendet inzwischen komplexere Modelle, um Wertewandel zu beschreiben, die er und sein Team inzwischen weltweit anwenden.

Ich habe mich trotzdem entschieden, Ingleharts Postmaterialismus-Modell vorzustellen, weil es immer noch einflussreich ist. Zum Beispiel verwenden wichtige Langzeitstudien seine Postmaterialismus-Definition. Außerdem ist sie leichter zu verstehen als die neueren Modelle.

Doch eine Weile schien es, als sollte Inglehart recht behalten: Denn in Deutschland ist die Zahl der Postmaterialist:innen in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter gestiegen. Mit der ALLBUS-Umfrage werden seit 1980 Deutsche zu allen möglichen Bereichen des Lebens befragt, sie bildet eine wichtige Datengrundlage für Sozialwissenschafter:innen, so auch zur Postmaterialismus-Forschung. Laut der Umfrage waren 1980 zehn Prozent der Deutschen reine Postmaterialist:innen. Bis 1990 stieg ihr Anteil kontinuierlich auf 30 Prozent an. Aber dann gab es einen Knick in der Kurve: Der jüngeren Generation wurden Geldfragen wieder wichtiger. 2018 lag die Zahl der Postmaterialist:innen bei 24,4 Prozent.

Postmaterialismus muss man sich leisten können

Nicht nur, dass sich Postmaterialismus ohne das wachsende Wohlstandslevel in den westlichen Ländern kaum erklären lässt: Besonders postmaterialistisch sind die privilegierten Menschen in den privilegierten Ländern: Laut der ALLBUS-Umfrage vertraten 40 Prozent der Menschen mit Abitur 2014 postmaterialistische Einstellungen, bei denjenigen mit Hauptschulabschluss waren es nur 20.

Die meisten Postmaterialist:innen sind nicht nur gebildet, sondern auch wohlhabend. „Unter jenen Milieus, die postmaterialistisch orientiert sind, ist der Anteil der prekär Lebenden gering“, sagt der Geschäftsführer des Sinus-Instituts Manfred Tautscher. Denn: Zum Prinzip des Postmaterialismus gehören materielle Unabhängigkeit und die Möglichkeit, sein Leben selbstbestimmt zu gestalten. Wie viel man dafür braucht, mag von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein. In meinem Fall: wirklich nicht besonders viel. Aber zum selbstbestimmten Leben muss es reichen.

Kaum näherte sich der Postmaterialismus der Mitte der Gesellschaft, kam seine Tochter zur Welt: der LOHAS, kurz für Lifestyle of Health and Sustainability. Damit beschreibt die Marketingwelt Menschen, die gutes Bio-Essen und eine Work-Life-Balance zu schätzen wissen. Diese Gruppe verspricht potentiell hohe Gewinnmargen, weil sie bereit ist, für ein gutes Gewissen mehr zu zahlen und deshalb im Supermarkt eher zur Biomilch greifen. Wirklich einschränken wollen sie sich aber nicht. „Der LOHAS ist ein Trend, der inzwischen eine Mehrheit in der Bevölkerung erreicht hat“, sagt Manfred Tautscher. Die Grenze zwischen Postmaterialismus und LOHAS verläuft fließend. Übrigens: Finanzkrisen machen Menschen materialistischer. Erst wenn sich die Lage wieder beruhigt hat, finden sie wieder zu ihrer Vor-Krisen-Einstellung zurück.

Auch mein Postmaterialismus kehrte nach ein paar Monaten finanzieller Sicherheit zurück. Aber seit dieser Zeit habe ich nie mehr gedacht: Geld ist mir egal. Ich weiß jetzt, dass das nie gestimmt hat.

Geld ist wichtig.

Geld ist niemandem egal

Lieber postmaterialistisch denkender Mensch, wenn du eines aus diesem Artikel mitnimmst, dann das: Geld ist nicht egal. Niemand sollte diese Erkenntnis abtun. Wenn du zu den Leuten gehörst, die Geld nicht wichtig finden, liegt das daran, dass du genug davon hast. Vielen geht es anders.

Arm zu sein bedeutet, sich zu schämen. Bis heute erinnere ich mich an den Sozialkundeunterricht, in dem ich am liebsten verschwunden wäre, weil meine Mitschüler:innen über Hartz-IV-Kinder sprachen, als seien sie qua Geburt blöd und faul. Sie sprachen ja über mich, aber das wussten sie nicht, weil ich ihnen nie davon erzählt habe. Bis heute ist diese Scham nicht verschwunden. Offen zu sagen, dass ich Hartz IV-Kind war, ist ein Akt der Emanzipation, der jedes Mal Kraft kostet.

Bitte vergiss nicht: Du bist kein besserer Mensch, weil du manchmal im Bioladen kaufst und deine Jeans fair trade sind. Du kannst es dir leisten. Und du bist in einem Land zu einer Zeit und in einem Umfeld aufgewachsen, wo es Raum gab, sich über ethischen Konsum Gedanken zu machen.

Mit unserem bewussten Konsum machen wir armen Menschen das Leben noch schwerer

Lieber postmaterialistisch denkender Mensch, vielleicht arbeitest du in einem Job, der wertvoll und sinnvoll ist, aber schlecht bezahlt? Ich tue das ja auch, ich will dich nicht dafür verurteilen. Ganze Branchen haben jahrzehntelang darauf vertraut, dass sich schon genug Idealist:innen finden lassen werden: Ohne den Willen zur Selbstausbeutung lassen sich die skandalös niedrigen Löhne für Sozialarbeiter:innen, Pflegefachkräfte und Erzieher:innen nicht erklären.

Bist du eigentlich in einer Gewerkschaft?

Durch die Linse des Postmaterialismus verlieren Verteilungsfragen an Schärfe. Warum interessiert es so viele Menschen nicht, dass wir seit 1997 keine Vermögenssteuer mehr haben, obwohl das reichste Prozent der Deutschen über ein Drittel des Vermögens in Deutschland besitzt? Die reichsten zehn Prozent verdienen einen so großen Anteil am Gesamteinkommen wie seit dem ersten Weltkrieg nicht mehr. Arme Menschen steigen seltener auf, die Mittelschicht ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich geschrumpft. Das ist politisch gefährlich: In den Vereinigten Staaten haben viele Politikwissenschaftler:innen den Aufstieg Trumps mit ökonomischer Unsicherheit erklärt. Wir müssen Debatten über Geld, über Reichtum und Armut, über Ungleichheit und Gerechtigkeit mehr Platz einräumen.

Ich will dir nicht deine Werte ausreden. Kaufe ruhig weiter Fairtrade-Schokolade. Aber: Auch wenn dir Geld nicht so wichtig ist – denk mal darüber nach, wie viel dein Manager verdient und wie viel eure Reinigungskraft. Hör auf, die Einstellung zu Geld als reine Charakterfrage abzutun. Und wenn du Freund:innen hast, die mit wenig Geld aufgewachsen sind oder gerade keins haben, dann höre ihnen zu.


Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Susan Mücke; Bildredaktion: Till Rimmele; Audio: Iris Hochberger.

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