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Aktivismus an der Börse

Gamestop – das Spiel beginnt erst jetzt

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Als Keith Gill im September 2019 im Onlineforum „Wallstreetbets“ eine Investmentidee vorstellt, die ihn zum Millionär machen, einen milliardenschweren Hedgefonds an den Rand des Ruins bringen und Ausgangspunkt einer Massenbewegung sein wird, wie sie die Finanzwelt noch nie gesehen hat, lacht ihn erstmal ein anderer Nutzer aus. Dieser schreibt: „Hahaha!“ und richtet einen automatischen Alarm auf der Seite ein: „Erinnere mich bitte, wenn dieser dumme Arsch alles in einer Woche verloren hat.“

Gill war damals ein Unbekannter und das Forum „Wallstreetbets“ auf der Plattform Reddit noch nicht der Ort, der die Aufmerksamkeit der globalen Finanzwelt wochenlang in Bann hielt. Und doch war es Gill, ehemaliger Langstreckenläufer, 34 Jahre alt, Finanzanalyst bei einer Versicherung, der auslöste, was als die „Gamestop-Blase“ in die Geschichte eingehen sollte: Innerhalb von 20 Handelstagen vervierzigfachte sich der Aktienwert der US-amerikanischen Einzelhandelskette Gamestop, die auf den Vertrieb von Videospielen spezialisiert ist.

Spektakuläre Bewegungen sind an der Börse nicht außergewöhnlich. Jeden Tag lässt sich irgendeine Aktie finden, die sich um 20 oder mehr Prozent bewegt, hoch wie runter. Aber eine Vervierzigfachung in so kurzer Zeit? Unerhört. Und das ist noch nicht einmal das Interessanteste an der ganzen Geschichte.

Als Reporter blicke ich immer wieder darauf, wie Massenbewegungen Veränderungen anstoßen, ich nenne das die „Macht der Vielen“. Und die Vielen haben wieder – vermeintlich aus dem Nichts – zugeschlagen. Wie schon bei der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten oder bei den Klimaprotesten, die die ökologischen Schlafwandler in den Regierungszentralen aus ihrer Trägheit rissen. Hinter dem Spektakel der Gamestop-Saga offenbart sich der Blick auf einen größeren Zusammenhang: Die Finanzmärkte sind in einem Umbruch, der der populistischen Revolte in den westlichen Demokratien gleicht oder der extremen Machtverschiebung in der Medienlandschaft in den vergangenen Jahrzehnten.

Die Mauern der Wall Street bröckeln. Früher konnten die großen Banken und Vermögensverwalter, die Aktienhändler und Broker wie die Torwächter in mittelalterlichen Städten bestimmen, wer Zutritt zur Finanzwelt bekam und wer nicht. Meistens entschied schlicht der Kontostand: Reiche durften alles, Arme wenig. Heute laden sich von der Pandemie gelangweilte Millennials und Zoomer eine Trading-App herunter, überweisen die Corona-Notfallhilfen der Regierung dorthin und sorgen, koordiniert durch soziale Netzwerke, dafür, dass Hedgefonds innerhalb von zwei Wochen Verluste machen wie sonst in einem Jahrzehnt.

Das wird unser Finanzsystem verändern. Die Welt der Kryptowährungen macht gerade einen Quantensprung, und anders als vor vier Jahren während des großen Bitcoin-Hypes haben viele Projekte jetzt auch etwas mehr Substanz. Vielen ist ein Ziel gemein: Sie wollen ein dezentrales Finanzsystem aufbauen, unabhängig von den alten Institutionen.

Sicherlich, Gamestop-Hype und Krypto-Explosion könnten vielen Menschen egal sein – wenn Geldfragen nicht immer auch Machtfragen wären. Verändert sich das Finanzsystem, verändern sich die Spielregeln, nach denen sich Bürger:innen richten müssen. Tief in den Eingeweiden der Gamestop-Saga lassen sich die ersten Grundzüge dieser neuen Spielregeln schon jetzt erkennen.

Damit die auch jeder verstehen kann, habe ich quasi zwei Versionen dieses Textes geschrieben: Im Haupttext lasse ich allen Fachjargon weg, er müsste verständlich sein für Menschen ohne Vorkenntnisse. In den Anmerkungen, die sich hinter dem schwarzen "i" am Ende eines Absatzes finden, gehe ich tiefer in die Details – interessant für jene, die mehr wissen wollen.

Aber in beiden Versionen beginnen wir mit einem Märchen.

Die Wall Street hat Konkurrenz bekommen

Was passierte bei Gamestop genau? Einfach erklärt: Vergleichsweise viele Amateur-Anleger:innen mit wenig Geld in der Tasche kämpften gegen vergleichsweise wenige Profi-Spekulant:innen mit eher viel Geld. Nennen wir die erste Gruppe Stamm Langhosen und die zweite Stamm Kurzhosen. Die Langhosen, also die Amateure, setzten darauf, dass die Aktie von Gamestop an Wert gewinnt, also der Kurs steigt. Die Kurzhosen glaubten aber, dass dieser fällt. Dem logischen Menschenverstand folgend kaufte die Kleinanleger-Gruppe also die Aktie und die kleinere Profi-Anlegertruppe kaufte sie einfach nicht. Oder verkaufte sie. (Wenn du die Mechanismen dieser beiden Anlagestrategien genauer verstehen möchtest, klicke auf das „i“.)

Was ich als Kurzhosen bezeichnet habe, sind eigentlich „Shortseller“ oder auf Deutsch „Leerverkäufer“. Von Spezialfällen abgesehen, gibt es am Finanzmarkt zwei Arten von Investments: long und short. Wer „long geht“, setzt auf steigende Kurse einer Aktie. Er hofft also, dass seine Anteile mehr wert werden. Wer „short geht“, setzt auf fallende Kurse. Allerdings unterscheidet sich die Mechanik bei beiden Trades – und das ist wichtig, um zu verstehen, warum der Gamestop-Kurs so abheben konnte.

Wer auf steigende Kurse setzt, kauft im einfachsten Fall die Aktie und fertig. Wer aber an fallenden Kursen verdienen will, muss einen Umweg gehen. Er leiht sich Aktien zum aktuellen Preis und gegen eine Gebühr von deren Besitzer:innen aus und verkauft sie sofort an jemand anderen weiter. Aber: Fällt der Kurs der Aktie zum Beispiel um zehn Prozent, kann er die Aktien, die er gerade noch verkauft hat, günstiger zurückkaufen. Nun kann er sie den ursprünglichen Besitzer:innen, mit denen er ganz am Anfang einen festen Kurs vereinbart hat, zurückgeben – zu einem höheren Preis als dem aktuellen, niedrigen Kurs. Die Differenz im Preis minus der Gebühren ergibt den Reingewinn. Das ist der Idealfall des Shortselling.

Bei Gamestop haben wir aber den schlechtestmöglichen Fall aus Sicht der Shortseller erlebt. Denn was passiert, wenn der Aktienkurs nicht sinkt, sondern um, sagen wir, fünf Prozent steigt? Nicht viel, kleiner Verlust. Shortseller gelten als hart im Nehmen, das sitzen sie aus. Wie aber wäre es mit einem Anstieg von 150 Prozent? Der Verlust ist plötzlich größer als das investierte Kapital! Und wenn der Kurs sich verzehnfacht, beträgt der Verlust 1.000 Prozent. Im Shortselling sind die Verluste theoretisch unendlich groß, weil auch eine Aktie theoretisch immer weiter steigen kann.

Also beenden die Shortseller irgendwann das Geschäft: Sie kaufen die Aktien am Markt zurück, um sie ihren Besitzern zurückzugeben und der Kurs steigt in der Folge. Um sich nicht selbst immer weiter in den Verlust zu treiben, beenden Shortseller ihre Geschäfte nach Möglichkeit in ruhigen Marktphasen.

Diese ruhige Marktphase endete bei Gamestop am 21. September 2020. An diesem Tag wurde bekannt, dass ein erfolgreicher E-Commerce-Unternehmer bei Gamestop im großen Stil eingestiegen ist. Der Gamestop-Kurs machte einen Satz um gut 30 Prozent. Immer mehr Shortseller kauften immer mehr Aktien zurück, der Kurs stieg weiter. Ein Teufelskreis, der sogenannte Shortsqueeze, der noch verschärft wurde durch die Kleinanleger:innen, die ja auch immer weiter kauften und durch einen besonderen Fakt: Gamestop war die meistgeshortete Aktie der Welt. Es waren mehr Aktien leerverkauft, als überhaupt im Umlauf sind. Das geht, weil große Banken und Fonds auch Aktien verkaufen können, die sie nicht besitzen. Das heißt ungedeckter Leerverkauf.

Das hört sich zunächst absurd an, aber wenn sich jemand eine Küche bei einem Schreiner maßanfertigen lässt, verkauft dieser auch etwas, was er noch nicht besitzt: die Küche eben. Der Unterschied allerdings ist, dass ein Schreiner im Grunde unendlich viele Küchen bauen kann, Aktien eines Unternehmens gibt es nur in begrenzter Zahl. Auf speziellen Seiten im Internet kann man nachschauen, wie viele Aktien eines Unternehmens leerverkauft sind, die Quote beträgt aktuell zum Beispiel beim Fußballverein Borussia Dortmund weniger als ein Prozent, und bei Gamestop vor der Kursexplosion mehr als 130 Prozent.

Da viele Shortseller auch auf Kredit spekulieren, sind Verluste von 150 Prozent in Wahrheit aber noch deutlich gravierender, als es klingt. Sie müssen dann zusätzliche Sicherheiten bei ihren Kreditgebern hinterlegen, sprich andere Aktien verkaufen, einen Kredit aufnehmen oder ähnliches. Das ist der an den Märkten gefürchtete „Margin Call“. Im Crash des vergangenen Jahres gingen bei den fallenden Kursen deswegen auch Fonds pleite, die auf steigende Kurse gesetzt hatten.

Aber genau das passierte nicht. Manche Profi-Anleger:innen verzichteten nicht einfach auf einen Kauf. Sie waren so überzeugt, dass der Wert der Gamestop-Aktie weiter fallen wird, dass sie darauf Wetten abschlossen. Das sprach sich rum. Die Zahl der Gamestop-Fans, der Langhosen, stieg genauso explosionsartig wie der Kurs der Gamestop-Aktie. Mit jedem Kursanstieg verloren die Profi-Kurzhosen mehr Geld, irgendwann standen einige von ihnen kurz vor dem Ruin und genau in diesem Moment, den Sieg zum Greifen nahe, konnten die Langhosen plötzlich keine Aktien mehr kaufen, sondern nur noch verkaufen. Die Apps, die sie zum Aktienhandel nutzten, hatten ihnen das Kaufen verboten. Die Apps zwangen sie, Kurzhosen zu werden. Das führte zu viel Wut – und zum Absturz der Gamestop-Aktie. Als die Langhosen wieder kaufen durften, war es zu spät. Das Spiel war aus.

Ein zweiter wichtiger Faktor für die extreme Kursexplosion der Gamestop-Aktie: Viele Langhosen haben nicht einfach nur Aktien gekauft, sondern spezielle Anlageprodukte, mit denen sie gehebelt in Gamestop investierten. Das Prinzip dahinter ist einfach: Bewegt sich eine Aktie um, sagen wir, ein Prozent, bewegt sich das spezielle Produkt bei einem Fünfer-Hebel um fünf Prozent. So kann aus wenig Kapital großer Gewinn oder großer Verlust entstehen.

Dabei haben die Kleinanleger:innen in den USA vor allem auf Optionen gesetzt. Diese Papiere stellen, ähm, eine Option dar, und zwar im Fall der Gamestop-Anleger fast ausschließlich eine Option zum Kauf der Aktie zu einem späteren Zeitpunkt zu einem bestimmten vorher klar geregelten Preis.

Beispiel: Wir sind Keith Gill, es ist September 2019, wir glauben an Gamestop, die Aktie steht bei vier Dollar. Wir kaufen nun Scheine, die uns das Recht geben, die Aktie im April 2021 zum Preis von zwölf Dollar zu kaufen. Erreicht die Aktie diesen Preis nicht bis dahin, verfallen die Scheine wertlos. Sie sind zu diesem Zeitpunkt deswegen extrem billig. Denn es ist ja auch sehr unwahrscheinlich, dass sich die Gamestop-Aktie verdreifacht, oder?

Dann ist es November 2020, und der Kurs von Gamestop steigt. Und mit ihm der Wert der Optionsscheine. Je wahrscheinlicher es wird, dass das Ziel rechtzeitig erreicht wird, desto teurer werden die Optionsscheine. Mehrere 1.000 Prozent plus entstehen so. Wo aber kommt dieses Geld her? Diejenigen, die solche Optionen ausgeben, halten im Regelfall die entsprechende Zahl Aktien vor, so machen sie unter dem Strich keinen Verlust, wenn die Optionen eingelöst werden. Diese Strategie wird Delta-Hedging genannt.

Es gibt aber auch den Fall, dass Banken zunächst beinahe ungedeckte Optionen verkaufen. Daran ist nichts verwerflich, Computer können einfach entsprechend der Kursbewegungen nachkaufen und die Option zunehmend absichern, das ist Alltagsgeschäft. Außer natürlich eine Horde Kleinanleger:innen prügelt sich mit großen Shortsellern um jede einzelne Aktie. Der Kurs steigt, Banken müssen Aktien zukaufen, der Kurs steigt weiter, Banken müssen weiter zukaufen, der Kurs steigt weiter und so geht es immer weiter.

Wir können uns das wie einen Wirbelsturm vorstellen, der von unten nach oben immer breiter wird. Je höher eine Aktie steigt, desto breiter muss auch die Aktienbasis des Optionsverkäufers sein. Irgendwann entwickelt das Ganze so eine Dynamik, dass der Kurs in einer fast parabolischen Laufbahn zu steigen scheint. Herzlich willkommen im Gammasqueeze, dem Bruder des Shortsqueeze! Bei Gamestop hatten wir also Short- und Gammasqueeze gleichzeitig.

Die kleine Geschichte, die ich gerade erzählt habe, klingt vielleicht wie ein Märchen. Wenn es aber wirklich eines wäre, wäre es ein sehr modernes. Denn es hätte niemals in einer Zeit ohne Internet stattfinden können.

Keith Gill, der Mann, der mit seinem Post in einem Internetforum, das ähnlich wie andere soziale Medien Rudelverhalten belohnt, dies alles losgetreten hat, hatte das nicht auf Verdacht gemacht. Er hatte vorher recherchiert.

Gegen Gamestop gibt es so viele Wetten, weil die Einzelhandelskette tatsächlich echte Probleme hat. Computerspiele werden immer öfter direkt im Internet heruntergeladen und die neue Playstation einfach bei Amazon bestellt. Deswegen spekulieren manche darauf, dass Gamestop bankrott geht. Gill aber glaubte das nicht, er sah im September 2019 einen Wert in den Aktien von Gamestop – er wusste: Bald werden Sony und Microsoft neue Spielekonsolen herausbringen. Wenn das zuvor geschah, zog der Aktienkurs immer an.

Porträt eines Mannes mit der Unterschrift Hold
Keith Gill auf einer stilisierten Grafik aus dem Reddit-Forum Wallstreetbets. Die Grafik ist eine Anspielung auf ein legendäres Wahlplakat von Barack Obama im Präsidentschaftswahlkampf 2008. „Hold“ heißt „Halten“, es ist die Aufforderung, die Gamestop-Aktien, die man hat, auf keinen Fall zu verkaufen.

© reddit via r/wallstreetbets spargeletto

Gill ist in prominenter Gesellschaft: Michael Burry, der Mann, der Milliarden verdiente, weil er den Zusammenbruch des Immobilienmarktes in den USA vorhersah, stieg auch bei Gamestop ein. Seine lapidare Erklärung: „Ich glaube, sie werden den Cashflow haben, um einen viel höheren Aktienkurs zu rechtfertigen.“ Und: „Die Bilanz ist für mich in Ordnung.“

Wer mehr über Michael Burry erfahren will: Andrew Ross Sorkin hat ein Buch geschrieben, „The Big Short“, das Jahre später auch verfilmt wurde. Burry ist das, was die Finanzwelt einen „Contrarian Investor“ nennt. Er ist einer, der sich traut, nicht der breiten Masse der Anleger zu folgen. Auch der Nickname von Keith Gill deutet darauf hin, dass er sich in dieser Tradition sieht. Er nennt sich „deepfuckingvalue“. Als „Deep Value“ werden Aktien bezeichnet, die gemessen an bestimmten Kennzahlen sehr billig sind. Gegner der Strategie halten „Deep Value“ für einen beschöndigenden Ausdruck. Denn es gibt oft einen Grund dafür, dass diese Aktien so billig sind – sie können auch schlicht kein gutes Geschäft mehr sein.

Außerdem konnte Gill im Netz mit zwei Klicks auf der Webseite des Unternehmens nachschauen, wie viel Geld Gamestop auf dem Konto hat, wie viel jede Filiale im Schnitt pro Tag umsetzt – und, das ist entscheidend, wie viele Wetten gegen die Aktie laufen. Jede dieser Informationen wäre noch um die Jahrtausendwende nur mit viel Mühe oder gegen hohe Gebühr bei Fachdiensten zu beschaffen gewesen. Früher konnten sich Privatanleger über den Stand ihrer Aktien nur in langen Listen in der Zeitung informieren oder „live“ im Videotext. Heute haben auch sie fortgeschrittene Methoden der technischen Aktienanalyse und können sich auf speziellen Seiten über diese Analysen austauschen. Das kombiniert mit den Unternehmensmeldungen im Netz, frei zugänglichen Einschätzungen von Analysten, mit Seiten, die übersichtlich alle wichtigen Finanzkennzahlen auf einen Blick versammeln, könnten Privatanleger heute fast genauso gut informierte Entscheidungen treffen wie ein Wall-Street-Mitarbeiter vor 15 Jahren. Gill nutzte also aus, dass der Informationsvorsprung der Großen viel kleiner geworden ist.

Ganz zu schweigen davon, dass Gill damals vielleicht seinen Freunden beim Bier von seinem Plan hätte erzählen können, aber nicht potentiell der ganzen Welt via Internet. So startete Gill unabsichtlich eine Massenbewegung, die sich strukturell nicht vom Shanty-Singen, der Jerusalema Tanz-Challenge oder viralen Mythen unterscheidet. Das sind alles Formen der Mund-zu-Mund-Propaganda, die sich im Netz binnen Stunden verbreiten kann.

Der dritte Faktor sind die Trading-Apps. Ganz früher hieß Aktienkauf: Irgendwohin gehen, irgendwas unterschreiben, ein paar Tage warten. Danach: anrufen oder gar faxen. Heute: Handy raus, App entsperren, Order eingeben, fertig. An einem Corona-Samstag Brötchen für die Familie zu kaufen, dauert länger – und ist vermutlich auch teurer. Denn bei den neuen Handelsapps kosten Kauf und Verkauf entweder nichts oder nur einen Euro. Und manchmal ist es auch möglich, nicht gleich eine ganze Aktie zu kaufen, sondern zum Beispiel nur eine Zehntel-Aktie. Plötzlich kann sich auch ein Schüler einen Anteil an Amazon leisten (Preis einer Aktie: 3.250 Dollar). In der Summe führt das dazu, dass immer mehr Menschen anfangen, ihr Geld eigenverantwortlich in Aktien oder andere Investments zu stecken und nicht Beraterhonorare und Vermittlungsgebühren für Dritte zahlen müssen, die oft auf einen Schlag die Rendite eines Jahres kosten.

Diese neuen Tradings-Apps werden auch „Neo-Broker“ genannt. Statt mit den Handelsgebühren machen sie ihren Umsatz mit Provisionen. Dieser Text beschreibt das im Fall der deutschen Trade Republic, dieser im Fall der US-amerikanischen App Robinhood.

Diese anderen Investments sind dabei immer öfter auch Kryptowährungen. In dieser Welt haben sich inzwischen vollautomatisierte, regelbasierte Systeme herausgebildet, bei denen sich Kredit aufnehmen lässt, alles Mögliche getauscht und verkauft werden kann, neben den Währungen selbst auch Kunst, Grundstücke in digitalen Welten oder das Online-Äquivalent zu den Panini-Heften der Kindheit. Das alles, ohne dass jemand um Erlaubnis gebeten werden muss oder das verhindern könnte. Wer die Regeln des Systems akzeptiert, kann mitmachen. Die Mittelsmänner werden ausgeschaltet.

Als genau das in der Musikindustrie passierte, folgten Raubkopien, mehr und bessere Live-Events und Spotify. Als das den Medien passierte, konnten sich plötzlich Menschen äußern, die sonst kaum eine Öffentlichkeit bekommen hätten. Ähnliche Dinge könnten sich im Finanzsystem ereignen. Wer zukünftig ein Start-up gründen will, kann das Startkapital direkt bei Menschen wie dir und mir einsammeln, zu festen Regeln, die für alle im System festgeschrieben und vom System auch durchgesetzt werden können. Und wenn es etwa technisch unmöglich wäre, den Handel auszusetzen, hätte auch niemand die Langhosen zwingen können, plötzlich gegen ihren Willen kurze Hosen zu tragen.

Nicht nur das Private ist politisch, Aktienkäufe sind es auch

Die Gamestop-Rallye machte noch etwas anderes deutlich: Geld ist mehr als ein Zahlungsmittel, es kann zum Ausdruck der eigenen Identität werden. Im Reddit-Forum „Wallstreetbets“ gehört es zum guten Ton, regelmäßig einen Screenshot seines Depots zu posten und sich dafür Zustimmung in Form von Upvotes abzuholen. Das gilt für Gewinne wie für Verluste. (Letzeres firmiert dann unter der Kategorie „Loss Porn“.)

In diesem Forum ist die Wette, die ein Teilnehmer am Markt eingeht, also kein Ausdruck räsonierenden Investierens, sondern ein Merkmal der Zugehörigkeit. Wer kurz danach sucht, findet Hunderte Posts, in denen die Teilnehmer stolz zeigen, dass sie auf jede Investment-Theorie pfeifen und circa 98 Prozent ihres Geldes in hochspekulative Wetten auf eine einzelne Aktie gesteckt haben. Lange waren das Wetten auf die E-Auto-Firma-Tesla, dann kam Gamestop.

Die Mutter schaut Nachrichten und fragt ihren Sohn, ob er von der Reddit-Bewegung gehört hat, der hat eine Aktie und sagt: "Ich bin die Bewegung". Die Szenen stammen aus der Serie Breaking Bad, in der ein Familienvater kriminell wird, um seine Familie finanziell abzusichern.
Ein weiterer erfolgreicher Post aus dem Forum – die Mutter schaut Nachrichten und fragt ihren Sohn, ob er von der Reddit-Bewegung gehört hat. Der hält eine Aktie und sagt: „Ich bin die Bewegung“. Die Szenen stammen aus der Fernsehserie „Breaking Bad“, in der ein Familienvater kriminell wird, um seine Familie abzusichern.

© reddit via r/wallstreetbets keenfeed

Begleitet wird das von einer speziellen Sprache: Die Mitglieder nennen sich gegenseitig „Autisten“ und „Degenerierte“ und meinen das positiv. Den Gründer von Tesla, Elon Musk, nennen viele nur noch „Papa Elon“ oder noch weiter gedreht „Papa Bear“, weil Tesla vielen Mitgliedern des Forums gute Gewinne beschert hatte. Wer eine Aktie auch bei Verlusten hält, hat „Diamantenhände“. Alles begleitet von den entsprechenden Emojis: 🚀🚀🚀 💎💎💎 In einer gerade erschienenen Studie sagen Soziologen des Georgia Institute of Technology in Atlanta (USA), dass das Forum ein „dritter Platz“ sei, kein privater Ort wie das eigene Zuhause, auch kein öffentlicher Raum oder ein Büro, sondern etwas Halböffentliches, wie ein Café, eine Kirche oder ein Friseursalon. Dass die Menschen all diese Orte in der Pandemie nur noch eingeschränkt nutzen können, passt ins Bild.

Inoffizieller Anführer – oder wie es ein Post ausdrückte: die „Legende“ des Forums – wurde in den vergangenen Monaten Keith Gill. Er hatte über die Jahre hinweg immer wieder Screenshots aus seinem Depot gepostet. Anfangs interessierte das wenige Teilnehmer, dann aber gab es hoffnungsvolle Meldungen für Gamestop, und Gills Kontostand stieg immer weiter. Irgendwann in dieser Zeit wurde aus der Wette für einige im Forum auch mehr, es ging nicht mehr darum, die Hedgefonds-Kurzhosen zu schlagen, ihnen sollte eine Lektion erteilt und der Welt eine Botschaft mitgegeben werden.

Auf dem Höhepunkt der Gamestop-Saga machte der Post eines deutschen Nutzers die Runde: „Fickt euch Medien“, schrieb er darin. „Nachdem ein Großteil der Medien jetzt ja aufmerksam geworden ist und uns alle als Zocker verunglimpft, als Internet Kids, die ja keine Ahnung vom Markt haben, bin ich wirklich wütend geworden. [...] Wir haben einen Generationenvertrag, bei dem absehbar ist, das alle zukünftigen Generationen am Arsch sind. Es wird zu wenig Einnahmen geben, da es zu wenig Kinder gibt und gleichzeitig verschenken wir noch Geldgeschenke an die alten Säcke, die sich mit einem mickrigen Bausparvertrag eine ganze Immobilie kaufen konnten und nach 20 Jahren das Ding einfach abgezahlt hatten. [..] Wo seid ihr [Medien, alte Leute, d.A.] jetzt, als Corona einen Großteil meiner Generation und der nachfolgenden finanziell gefickt hat? Wo sind die Erleichterungen für Studenten? Wo ist eigentlich unser faires Rentenpaket?“

In den Posts aus Amerika ist der Ton noch eine Spur härter, dort rufen Nutzer zum Kampf gegen die „Suits“ (das heißt Anzüge, gemeint sind die großen Hedgefonds) auf. Sie beziehen sich immer wieder auf die Finanzkrise 2008, als die großen Banken mit Hunderten Milliarden Dollar von der Regierung gerettet wurden, während speziell in den USA Millionen Menschen ihren Job verloren. In einem der erfolgreichsten Posts, der weit über die Grenzen des eigentlichen Börsenforums hinaus geteilt wird, schreibt ein Nutzer: „Hört auf, auf die Medien zu hören, die uns als Marktzerstörer hinstellen, und fangt an, uns die Daumen zu drücken, denn wir haben eine einmalige Gelegenheit, die Leute zu bestrafen, die vor einem Jahrzehnt so viel Schmerz und Stress verursacht haben.“

Der US-Journalist Matt Taibbi fasst die Dynamik in diesem messerscharf formulierten Kommentar gut zusammen: „Sie haben gesehen, dass unsere Märkte im Grunde genommen ein Schwindel sind, eingerichtet, um das Wohlstandsgefälle künstlich zu vergrößern, und zwar nicht zu ihren Gunsten. Zweitens sehen sie, dass der Aktienmarkt, wie die Wahlurne, einer der einzigen Orte bleibt, wo schiere Zahlen immer noch mehr zählen als Vermögen oder Verbindungen.“

Die Gamestop-Saga dürfte damit einer der ersten Fälle der Menschheitsgeschichte sein, in dem Börsenspekulation zum Ausdruck eines politischen Kampfes wurde. Wenn Aktien zu Memes werden können, zum Ausdruck der eigenen politischen Identität, dann dienen sie auch der politischen Beeinflussung. Gemessen an den kurzfristigen Resultaten ist das aber eine, nett formuliert, Strategie mit gemischten Ergebnissen.

Die älteste Regel bleibt: Nicht alle können gewinnen

Denn natürlich haben von der Kursexplosion auch die „Anzüge“ profitiert: Ein Fonds hat 700 Millionen Dollar Profit gemacht, und das ist nur der Fall, der bekannt wurde, weil sei Aktienpaket so groß war, dass er seinen Verkauf veröffentlichen musste. Auf dem Höhepunkt der Manie wechselten jeden Tag mehrere Millionen Gamestop-Aktien im Wert von 300 Dollar oder mehr den Besitzer, ein Handelsvolumen, das in die Milliarden geht und nicht allein von Kleinanleger:innen stammen kann. Gleichzeitig haben mutmaßlich Tausende junge Menschen Geld verloren, jene, die auf den Zug aufgesprungen und nicht rechtzeitig wieder runtergekommen sind. In den Foren auf Reddit tauchten Posts auf, in denen auf Suizid-Hotlines hingewiesen wird, Motto: „Geld wächst nach, du nicht.“

Aber den wichtigsten Kampf haben die „Internet Kids“ zunächst gewonnen: jenen um Aufmerksamkeit. Es wurde wieder über Ungleichheit diskutiert, über den Kapitalismus im 21. Jahrhundert. Und in den hoch polarisierten USA fanden sich plötzlich rhetorische Verbündete von Links wie von Rechts.

Ob irgendwas davon konkrete politische Folgen haben wird, lässt sich noch nicht beurteilen. Interessant ist aber, dass dieser politische Teil der Gamestop-Saga nach Jahren des Kulturkampfes um Rassismus, Gender und Trump Menschen zusammengeführt hat. Vielleicht werden die Historiker rückblickend sagen, dass die Gamestop-Saga ein wichtiger Baustein in der Debatte um Ungleichheit, Klassismus und Fairness war.

Die Finanzwelt hat in den vergangenen Monaten an Ansehen, Status und vor allem Einfluss verloren. Finanzmanager:innen haben gerade gelernt, dass sich eine Gruppe von Menschen gegen sie verbünden kann, die sie sonst als „dummes Geld“ bezeichnen: die Kleinanleger:innen.

Wie sich die Gamestop-Gruppe selbst sieht, zeigt dieses Bild aus Forum "Wallstreetbets": Hedgefonds verstecken sich vor den "Robinhood Tradern mit ihren 600-Dollar-Regierungshilfen"
Wie sich die Gamestop-Gruppe selbst sieht, zeigt dieses Bild aus Forum Wallstreetbets: Hedgefonds verstecken sich vor den, wie es heißt, Robinhood-Tradern mit ihren 600-Dollar-Regierungshilfen.

Unbekannt

Noch vor zwei Jahrzehnten konnten Fondsmanager:innen auch mit durchwachsener Leistung hohe Gebühren kassieren, die heute niemand mehr bereit ist zu zahlen, eben weil der Zugang zum Markt für immer mehr Menschen immer einfacher wird.

Gleichzeitig haben mehrere namhafte Fonds bekannt gegeben, dass sie nicht mehr auf fallende Kurse wetten wollen: zu riskant. Weil diese Wetten veröffentlicht werden müssen, sind sie zunehmend verwundbar, explizit auch durch die Hedgefonds-Konkurrenz, die mit Social-Media-Bots versuchen könnte, eine Welle loszutreten.

Gegen Shortseller wird viel gewettert, sie haben einen sehr schlechten Ruf, der zum Teil begründet ist, aber nicht immer. Nehmen wir den Fall Wirecard, der groß angelegte Betrug im Herzen der deutschen Wirtschaft. Es waren nicht die Staatsanwälte oder die Bankenaufsicht, die diesem Betrug auf die Schliche gekommen sind, sondern professionelle Shortseller, die mit hohem Rechercheaufwand schon vor vier Jahren zeigen konnten, dass mit den Bilanzen des Konzerns etwas nicht stimmte. Für diese Enthüllungen griff die deutsche Finanzwelt und die Wirtschaftspresse sie immer wieder an. Aber am Ende behielten sie Recht. Und noch eine Sache ist wichtig: In Markt-Crashs, wie wir sie im März vergangenen Jahres gesehen haben, sind Shortseller oft die ersten Käufer. Denn sie wollen ja ihre Gewinne absichern. Sie helfen also dabei, in solchen Phasen den Absturz abzufedern.

Vermutlich passierte genau das in den Tagen nach Gamestop, als plötzlich der größte Shortsqueeze aller Zeiten am Silbermarkt ausgerufen wurde, aber die Mitglieder von Wallstreetbets schnell klar machten, dass das nicht aus ihrer Mitte gekommen ist.

Diese Entwicklung – einfacherer Zugang, Demokratisierung des Wissens, Schleifen alter Spielregeln – haben wir in den vergangenen beiden Jahrzehnten immer wieder gesehen. Wallstreetbets ist für den Finanzmarkt in gewisser Weise das, was Blogs für die großen Medien waren oder die Open-Access-Bewegung für die Wissenschaft. Institutionen, die im 20. Jahrhundert in einer analogen Welt entstanden sind, sehen sich plötzlich ungeahnter Konkurrenz gegenüber, im Zweifel eben auch von gelangweilten Teenagern.

Keith Gill, der Mann, mit dem alles begann, hat unterdessen dem Wall Street Journal verraten, worin er sein Geld als Nächstes stecken wird: in eine Mehrzweck-Sporthalle in seiner Heimatstadt.

Er investiert eben gerne in echte Werte.


Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Susan Mücke; Fotoredaktion: Till Rimmele; Audio: Iris Hochberger

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