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Kontaktbeschränkungen

Kann ich sterben, wenn ich zu lange niemanden berühre?

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Hinweis: Im Artikel wird u.a. die Situation von vernachlässigten Kindern beschrieben.

Ganz am Ende des viel zu langen Jahres 2020 bricht Karlas Fassade zusammen. Zehn Monate lang folgte sie strikt den Corona-Regeln, hielt Abstand, verzichtete darauf, ihre Freundinnen zu umarmen, und hob den Ellenbogen, wenn sie jemanden begrüßte. An Silvester übernachtet Karla das erste Mal in der Pandemie bei Freund:innen. Am Abend streckt ihr ihre Freundin die Hand hin. Karla nimmt sie und beginnt zu weinen. Sie weint fast zwei Stunden lang. Es ist ihr erster richtiger Körperkontakt seit März.

Karla erzählt mir ihre Geschichte am Telefon. Sie heißt eigentlich anders, denn die Geschichte, die sie erzählt, betrifft ihre Intimsphäre. Sie weiß zuerst gar nicht, warum sie an diesem Abend geweint hat. „Ich bin kein emotionaler Mensch“, sagt sie mir, „aber das war wie ein Ventil, das rausgeschossen ist.“ Zum ersten Mal hatte Karla das Gefühl: Ich halte das alles nicht mehr aus.

Karla ist 37 Jahre alt, Single, und wohnt alleine auf 40 Quadratmetern. In zehn Monaten Pandemie hatte sie drei Dates, alle mit Abstand, aus keinem der Treffen wurde mehr. Sie arbeitet mit Jugendlichen; vor der Pandemie schüttelte sie an einem normalen Tag 20 verschiedene Hände. Drei Tage nach Silvester googelt sie: Kann man sterben, wenn man zu lange niemanden berührt?

Mein erster Impuls: Natürlich nicht. Aber wir sind jetzt an einem Punkt in der Pandemie, an dem sich eine eigentlich gesunde Frau diese Frage ganz ernsthaft stellt, weil das Alleinsein so schwer auszuhalten ist. Deshalb habe ich beschlossen, Karlas Frage ernst zu nehmen. Ich habe mir angeschaut, was im Gehirn passiert, wenn wir jemanden berühren. Ich habe Geschichten von vernachlässigten Kindern gelesen und mit einem Haptikforscher gesprochen. Meine Recherche zeigt: Ein Mensch, der erblindet, gewöhnt sich daran. Ein Mensch, der nicht mehr berührt wird, tut das nicht.

Ohne Berührungen entwickeln wir uns nicht richtig

Im Juli 2005 untersuchten zwei Polizisten ein Wohnhaus in Plant City, Florida. Sie wurden von einem Nachbarn gerufen, der immer wieder ein junges Mädchen in einem der Fenster gesehen hatte: Ein Mädchen, das niemals das Haus verließ. Die Zimmer im Haus waren voller Urin, an den Wänden klebten Fäkalien, einer der Polizisten übergab sich vor dem Haus. In einem kleinen Zimmer, so groß wie ein begehbarer Kleiderschrank, fanden sie das sechsjährige Mädchen.

Danielle wurde in den USA als „girl in the window“ bekannt. Als die Polizisten sie fanden, schaute sie wie durch sie hindurch. Sie konnte sich nicht mit ihnen unterhalten und keine feste Nahrung zu sich nehmen. Sie hatte keine Freundinnen und ging nicht zur Schule. Konnte keine Wärme spüren, keine Kälte, und keinen Schmerz. Die behandelnde Psychologin machte medizinische Tests, Gehirn-Scans, Seh-, Hör- und Genetik-Tests, doch sie fand nichts. Danielle war weder taub noch autistisch. „Aufgrund der schweren Vernachlässigung“, schrieb ein Arzt, „wird das Kind für den Rest seines Lebens behindert sein.“

Ich habe selten eine Geschichte gelesen, die mich schon nach den ersten Sätzen so mitgenommen hat, wie die von Danielle. In diesem Artikel erfährst du alles über die Hintergründe. Er wurde 2009 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

In dem sogenannten Bucharest Early Intervention Project untersuchten amerikanische Psycholog:innen verschiedener Universitäten in einer ziemlich umstrittenen Langzeitstudie, welche Folgen es haben kann, wenn Kinder zu wenig Zuwendung bekommen. Sie wiesen hunderte rumänische Heimkinder nach dem Zufallsprinzip einer von zwei Gruppen zu: Entweder sie blieben im Heim oder sie kamen in eine Pflegefamilie, die sich schon gut mit dem Aufziehen von Kindern auskannte.

Die Autor:innen schreiben: „Die kognitiven Fähigkeiten der Kinder, die in der Einrichtung verblieben, lagen deutlich unter denen von Kindern, die von uns in Pflegefamilien untergebracht wurden.“ Die Heimkinder hatten einen niedrigeren IQ und mehr psychische Probleme. Es fiel ihnen schwerer, eine Bindung zu anderen Menschen aufzubauen.

Zwei Finger nähern sich zur Berührung vor einem schwarzen isolierten Hintergrund an

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Aber: Wie sicher kann man sein, dass ausgerechnet der Berührungsentzug dazu geführt hat, dass es Danielle und den rumänischen Kindern an ganz grundlegenden menschlichen Fähigkeiten mangelt? Könnte es nicht an der mangelnden Kommunikation gelegen haben? An möglichen Misshandlungen? Berührungsentzug geht meistens mit anderen schlechten Erfahrungen in der Kindheit einher. Aber es gibt Hinweise, warum Körperkontakt so entscheidend ist.

Auf alle anderen Sinnesreize können wir verzichten, auf Berührungen nicht

Ich rufe bei Martin Grunwald an. Er ist Psychologe und leitet das Haptik-Forschungslabor an der Universität Leipzig.

Er sagt: „Die Berührungen in der frühen Kindheit stoßen Wachstumsprozesse im Gehirn an. Wenn Kinder nicht adäquat berührt werden, findet auch kein Wachstum statt. Wir müssen nicht hören können, wir müssen nicht sehen können, aber wenn wir nicht ausreichend oft berührt werden, sagt der Körper: ‚Stop! Du bist ein soziales Wesen! Für Berührungslosigkeit bist du nicht gemacht!‘“

Körperkontakt ist besonders in den ersten Lebensjahren entscheidend:
„Ein oder zwei schreckliche frühe Kindheitsjahre reichen“, sagt Grunwald, „und es gibt kein Zurück mehr.“

Auch als Erwachsene wirken sich Berührungen auf unsere Körper aus. Meistens positiv, allerdings: nur zum richtigen Zeitpunkt, an der richtigen Stelle, vom richtigen Menschen, in der richtigen Dauer und der richtigen Härte. Also nicht, wenn dir der Chef von hinten ans Ohr schnipst. „Wenn wir die Berührung angenehm finden – und das kann durchaus bei jedem Menschen etwas anderes bedeuten – dann gibt es keine Hirnregion, die nicht aktiv ist. Dann lösen Berührungen immer ein neuronales Feuerwerk aus“, sagt Grunwald.

In dieser Studie gibt es eine Übersicht zu den neurowissenschaftlichen Hintergründen von Berührungen zwischen Menschen.

Wir können uns die Augen verbinden, die Ohren verstopfen, die Nasenlöcher zuklemmen, aber eines der größten menschlichen Organe, die Haut, können wir nicht einfach ausschalten, denn sie ist über den ganzen Körper verteilt. Sie enthält Millionen von Berührungsrezeptoren. Durch sie spüren wir Wärme, Kälte, Strukturen, Druck, die feste Umarmung der Freundin und den zarten Windhauch am Sommerstrand. Bei angenehmen Berührungen werden diese Informationen über die sogenannten CT-Nervenbahnen ins Gehirn geschickt, zusammen mit einer emotionalen Bewertung der Berührung. Diese Nervenbahnen sind besonders aktiv, wenn wir gestreichelt werden, bei ruppiger Berührung eher nicht. Im Gehirn wird dank ihnen das Glückshormon Oxytocin ausgeschüttet, die Stresshormone werden vermindert, die Herzfrequenz und Atmung werden langsamer, die Muskeln entspannen sich. Kurz: Wir fühlen uns wohl. Und damit wir psychisch gesund bleiben, müssen wir uns immer wieder wohlfühlen. Deshalb sorgen wir dafür, dass wir immer wieder andere Menschen berühren und von ihnen berührt werden.

Hand einer junge Frau isoliert auf dunklem Hintergrund

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Berührungen können auch ein Basketballteam besser machen: In der NBA-Saison 2008/2009 haben sich drei Psycholog:innen von der Yale University in den USA angeschaut, wie oft sich Spieler in verschiedenen Basketballteams freundschaftlich berühren. Im Basketball bedeutet das meistens: ein kurzer Klaps auf den Po oder ein schwaches Boxen gegen die Schulter. Sie fanden heraus: Die Teams, in denen sich die Spieler besonders häufig freundschaftlich berühren, waren in der zweiten Saisonhälfte erfolgreicher.

Hier geht’s zur Studie.

„Wir sind soziale Lebewesen“, sagt Grunwald. „Wir sind nicht dafür gemacht, über einen längeren Zeitraum alleine zu leben.“ Das fängt schon bei der Geburt an: Menschen müssen getragen werden. Wenn sie auf die Welt kommen, können sie, verglichen mit anderen Tieren, so gut wie gar nichts. Deshalb müssen wir es gut finden, berührt zu werden. Das zieht sich bis ins Erwachsenenalter, sagt Grunwald.

Nach langer Pause kann die erste intimere Berührung sehr emotional sein, so wie bei Karla an Silvester: „Körperliche Nähe bedeutet beim Menschen auch oft psychische Nähe. In dem Moment, in dem wir berührt werden, geht auch metaphorisch das Herz auf. Das öffnet auch psychische Kanäle. Und wenn wir belastet sind, kommt das alles raus und wir fangen an zu weinen. Das ist ein trauriger Prozess, aber auch ein heilsamer. Und vor allem ein ganz klares Warnsignal, dass man etwas tun muss.“

Verzichten wir langfristig auf all das, kann das heftige Folgen haben, sagt Grunwald. „Berührungsentzug halten wir zwar eine Weile aus, aber auch nur, wenn wir gesund sind, wenn wir stabil sind. Selbst unsere Astronauten kommen nach sechs Monaten wieder zurück. Und wenn das länger geht, kann man ernsthafte Probleme bekommen.“

Nur: Wie ernst?

Ohne Berührungen können wir das Gefühl für unser Selbst verlieren

Ich frage Martin Grunwald: Kann man sterben, wenn man zu lange niemanden berührt?

„Nun … “, sagt er und atmet einmal tief durch, „Berührungsmangel kann so dramatisch werden, dass es zu psychischen Störungen kommt. Man kann in eine Depression rutschen, auch in eine schwere, je nach Vorerkrankung. Das kann einem durchaus auch den Lebenssinn nehmen. Das kann extrem belastend sein. Und im schlimmsten Fall zu Selbstmord führen.“

Berührungsmangel ist also kein Herzinfarkt. Wir sterben nicht direkt an Berührungsmangel, sondern an den Folgen, wenn überhaupt.

Ich telefoniere noch einmal mit Karla und erzähle ihr, was ich herausgefunden habe. Und sie? Freut sich: „Das heißt, ich bilde mir das alles nicht ein, ich bin nicht nur besonders wehleidig gerade. Das hilft mir schon.“ Trotzdem, sagt sie, fühle sie sich mittlerweile im wahrsten Sinne des Wortes dünnhäutiger als je zuvor. „Manchmal fühle ich mich wie ein Geist. Ich spüre mich gar nicht mehr richtig. Mein Gehirn ist aktiv, aber mein Körper nicht. “

Damit das nicht passiert, hatte Karla nach Silvester angefangen, sich in den Arm zu zwicken. Sie sagt, das tue zwar ein bisschen weh, aber irgendwie auch gut.

Um sich als Mensch zu fühlen, so die These der sogenannten Embodied Cognition, braucht es einen Körper. Und der muss benutzt werden. Aber: Joggen gehen und sich Kratzen reicht nicht. Er muss auch mit anderen Körper interagieren, damit man sich lebendig fühlt. Ein Körper ist die natürliche Grenze zu allem, das nicht zu uns gehört. Durch ihn verschwimmen wir nicht mit der Umwelt. Andere Lebewesen zu berühren ist entscheidend, um nicht das Gefühl für uns selbst zu verlieren. Sich in den Arm zu zwicken kann das nicht ersetzen.

Es ist der Rücken eines Menschen  zu sehen welcher zärtlich von einem anderen umarmt wird.

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Alleine kommen wir da nicht raus, wir brauchen andere Menschen

Für autistische Menschen gibt es richtige Umarmungsmaschinen, denn ihnen fällt es oft schwer, andere Menschen zu berühren. Das kann helfen.

Umarmungsmaschinen werden ab und zu dafür benutzt, überempfindliche Personen zu beruhigen. Diese Dokumentation des englischen Fernsehsenders Channel 4 berichtet über einen Mann, der für seinen autistischen Enkel eine solche Maschine gebaut hat. Wichtig: Für autistische Personen gelten viele der Zusammenhänge, die ich in diesem Artikel beschreibe, nicht, da ihr Gehirn (auf vielfältige Art und Weise) anders beschaffen ist.

Wir entspannen uns trotzdem am besten, wenn uns eine vertraute Person berührt. Wenn uns jemand nah ist, nicht nur körperlich, sondern auch psychisch. Sich selbst umarmen kann deshalb zwar angenehm sein, der Effekt ist aber deutlich schwächer: Wir schütten weniger Oxytocin aus, die Herzfrequenz verlangsamt sich nicht ganz so stark, die Stresshormone werden nicht ganz so stark reduziert.

Wer aufgrund der Corona-Beschränkungen, so wie Karla, heftige Mangelerscheinungen hat, sollte sich Hilfe suchen, sagt Grunwald. Zum Beispiel bei Kuscheltherapeut:innen, die es mittlerweile in jeder deutschen Großstadt gibt, oder auch über Psycholog:innen oder Psychotherapeut:innen. Grundwald sagt: „Wer eine schwierige Phase durchmacht, weil er alleine ist, kommt da nicht alleine wieder raus.“

Obwohl eine Kuscheltherapeutin sogar ganz in der Nähe wohnt, hat Karla sie noch nicht kontaktiert. Denn für sie war Silvester ein Durchbruch, sie hat erst durch ihr Weinen verstanden, dass ihr etwas fehlt und vor allem, was das ist. Ihr hilft aber auch, dass ihre Freund:innen gesehen haben, wie schwierig die Situation derzeit für sie ist.

Mittlerweile begrüßen sie und ihre Freund:innen sich häufiger mit dem Po – „Das ist witzig, aber auch vertrauter als nur den Ellenbogen zu heben. Und wenn sich alle sicher fühlen, umarmen wir uns wieder. Nicht nur flüchtig, sondern auch mal länger, wenn es sein muss.“


Man fängt gerade erst an zu verstehen, was bei Berührungen neurobiologisch im Gehirn passiert. Was man bisher weiß (und viele weitere Einblicke zum Thema Berührungen), beschreibt Martin Grunwald in seinem Buch „Homo Hapticus – Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können“. Hier könnt ihr euch über das Buch informieren.

Das Cover des Buches Homo Hapticus: Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können

Redaktion: Philipp Daum, Schlussredaktion: Tarek Barkouni, Fotoredaktion: Till Rimmele.

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