Shirin Abedi

Gemeinwohlökonomie

Auf dieser Baustelle könnte die Wirtschaft der Zukunft entstehen

Autorinnen des Artikels
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Manchmal beginnt die Revolution mit einem Buch. Dünn ist es und hat einen gelben Einband. Anfang 2017 spaziert der Apotheker Albrecht Binder, das schmale Buch unterm Arm, ins Rathaus von Steinheim, um dem Bürgermeister und dem Wirtschaftsförderer davon zu erzählen.

So beginnt es.

Albrecht Binder hat das Buch einige Monate zuvor von seiner Tochter zum 55. Geburtstag geschenkt bekommen. „Gemeinwohl-Ökonomie“ heißt es, der österreichische Autor Christian Felber stellt darin sein „Wirtschaftsmodell der Zukunft“ vor: Nicht mehr der Profit solle das Wichtigste sein, sondern das Wohlergehen aller. Eine ethische Marktwirtschaft, Kooperation statt Wettbewerb, Nachhaltigkeit statt Ausbeutung. Ein Modell, das weder Kapitalismus noch Sozialismus sein will – und eine bessere Welt verspricht.

Die Idee klingt gut, doch ist die Welt, ist Ostwestfalen dafür bereit?

Albrecht Binder jedenfalls ist es. „Meine Frau und ich waren geflasht. Das ist genau das, was uns gefehlt hat“, sagt Binder. Er ist Apotheker in Steinheim, einem verschlafenen Städtchen im Kreis Höxter, einer dünn besiedelten Region im Weserbergland.

In Binders „St. Rochus“-Apotheke hängt an einer Wand ein pinkfarbenes Plakat mit Buddha in vier Positionen „für einen relaxten Apotheken-Alltag“. Trotzdem klingelt im Minutentakt das Telefon oder Kunden kommen herein. Um Binder herum reges Treiben in weißen Kitteln, doch er ist die Ruhe selbst, gerade erklärt er einer Frau am Telefon geduldig die ordnungsgemäße Einnahme von Vitamin C.

Die Revolution in Binders Apotheke startet mit einer Bilanz

Binder ist niemand, der auf die Barrikaden geht. Er ist 59 Jahre alt, trägt eine schlichte Brille, seine Halbglatze glänzt im kalten Apothekenlicht. Binder singt im Chor und hat vier erwachsene Kinder. Er will eine bessere Welt, aber keinen Umsturz, sondern einen „Wandel mit System“. Ja, es müsse sich etwas ändern, findet er, und das gehe nur, wenn Menschen neue Ideen haben – und sie auch umsetzen. Binder ist fest entschlossen: Die Revolution, er will sie einleiten. Doch ob die anderen aus seiner Apotheke, aus dem Ort, mitziehen werden?

Nur sieben Monate, nachdem er Christian Felbers Buch gelesen hat, legt er die erste „Gemeinwohlbilanz“ für seine Apotheke und die damals dazugehörigen drei Filialen vor. Die Bilanz ist das zentrale Instrument der neuen Wirtschaftsordnung. Unternehmer beantworten darin Fragen wie: Sind Firmengelder bei einer Ethikbank angelegt? Oder: Wie umweltfreundlich fahren die Angestellten zur Arbeit? Unternehmerisches Handeln wird hier nicht an Umsatz und Gewinn gemessen, sondern an den Kriterien Menschenwürde, Solidarität und soziale Gerechtigkeit, Transparenz und Mitbestimmung sowie ökologische Nachhaltigkeit. Am Ende prüft ein Auditor den Bericht und vergibt Punkte.

Hier sieht man, wie ein Mann in einem weißen Kittel (ein Apotheker) in seinem Geschäft telefoniert.
Apotheker Albrecht Binder sieht nicht aus wie ein Revolutionär, ist aber einer: Mit einem strengen Bilanzplan will er in Steinheim den wirtschaftlichen Wandel ankurbeln – und damit mehr Gerechtigkeit für alle.

Binders Apotheke bekommt 439 Punkte – auf einer Skala, die bei minus 3.600 beginnt und bei 1.000 endet. Ein annehmbares Ergebnis. Binder macht schon Einiges richtig: Er hat ein Elektrofahrrad für Botenfahrten, beschäftigt keine Zeitarbeiter, im Drucker liegt Recycling-Papier. Doch er will noch besser werden. Also erstellt eine CO2-Bilanz für seine Apotheke, steckt überschüssigen Gewinn nicht in die eigene Tasche, sondern spendet einen Teil und zahlt den Rest an seine Belegschaft aus.

Es sind kleine Schritte eines einzelnen Geschäftsmannes, zunächst nicht mehr als eine private Revolution, wenig berichtenswert. Doch Binder trägt die Vision weiter – zu Freunden, Geschäftsleuten, zum Bürgermeister. Einige machen mit. Die Stadtverwaltung, zwei Steinheimer Unternehmen, drei Firmen im Landkreis, zwei weitere Kommunen, und es werden immer mehr. Plötzlich scheint ein Wandel möglich. Ausgerechnet hier, in der ostwestfälischen Provinz.

Der Kreis Höxter strauchelt – ausgerechnet hier soll die „Gemeindewohlregion“ entstehen

Steinheim ist eine unscheinbare Kleinstadt im oberen Weserbergland, 35 Kilometer nordöstlich von Paderborn. Rund 12.600 Menschen leben hier, doch allein in den vergangenen zehn Jahren ist der Ort um gut 600 Einwohner geschrumpft. Die Alten sterben, die Jungen gehen weg. In Steinheim regiert die CDU, es gibt einen Bahnhof, zwei Hotels, in der Innenstadt stehen viele Geschäfte leer.

Einst war Steinheim eine Hochburg der Möbelindustrie, mit zwölf Fabriken und rund 50 kleineren Manufakturen. Doch Ende der 1970er Jahre begann es zu kriseln und spätestens mit dem Mauerfall erreichte die Globalisierung auch Ostwestfalen. Statt Stilmöbeln aus Steinheim kaufte man Billigmöbel aus Bratislava. Rund tausend Arbeitsplätze gingen verloren. Aus der Fabrik Günther wurde ein Möbelmuseum, aus Schieder-Möbel ein Logistikzentrum.

Auch die anderen Orte im Kreis Höxter straucheln. Die Arbeitslosenquote im Landkreis lag im Oktober bei niedrigen 4,1 Prozent, aber alle hier kämpfen mit Landflucht, Fachkräftemangel und Überalterung. Wäre die Gemeinwohlökonomie eine Lösung? Ein Kraftakt, mit dem man sich münchhausenmäßig am eigenen Schopf aus der Misere herausziehen kann?

Apotheker Binder jedenfalls denkt von Beginn an groß und trägt die Idee über die Stadtgrenzen hinaus. Ende 2017 gründet er gemeinsam mit seiner Frau und zwei weiteren Mitstreitern die Stiftung Gemeinwohl-Ökonomie NRW. 2019 bekommen sie von Land und EU fast 130.000 Euro Fördermittel aus dem Leader-Programm, und starten das Projekt „Gemeinwohlregion Kreis Höxter“.

Steinheim wird offiziell die erste Stadt in Deutschland für Gemeinwohlökonomie

Ginge es nach Gemeinwohlökonomie-Begründer Christian Felber, sollen eines Tages alle Firmen eine Gemeinwohlbilanz erstellen. Unternehmen mit einem guten Score sollen nicht nur von Verbrauchern, sondern auch vom Staat bevorzugt werden, etwa Fördergelder erhalten oder einen niedrigeren Steuersatz zahlen. Noch ist das eine Utopie.

Ist es nicht schon zu spät, das Ruder herumzureißen? „Wie soll doch Luther gesagt haben?“, entgegnet Binder. „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Er lächelt weise, wirkt entschlossen. Ein Don Quijote aus Steinheim, der gegen Windmühlen kämpft? Oder ein westfälischer Gandhi, der weiß, dass nichts so mächtig ist wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist?

Mittwoch, 2. September 2020, Stadthalle Steinheim. Ein großer Tag für Binder, an diesem Tag erntet er die Früchte von vier Jahren Arbeit. Christian Felber, Publizist und Tänzer, Gründungsmitglied von Attac Österreich und Begründer der Gemeinwohlbewegung, ist angereist und wird Steinheim zur „ersten zertifizierten, gemeinwohlbilanzierenden Stadt Deutschlands“ erklären.

Binder ist in grauem Jackett und Trekkingsandalen gekommen, plaudert mit Politikern in Anzug und Krawatte, in der Hand ein Glas gemeinwohlzertifiziertes Graf-Metternich-Mineralwasser aus der Region. Da kommt Felber herein und für einen Moment scheint es, als schwebe er. Felber, 48 Jahre alt, kantiges Gesicht mit Dreitagebart, betritt die Halle gemessenen Schrittes. Er trägt Freizeitsakko, Hemd und über der Schulter einen Rucksack der Marke Vaude, einem der Vorzeigeunternehmen, mit 631 Gemeinwohlpunkten.

„Schön, wieder hier zu sein“, grüßt Christian Felber einen der Beamten am Eingang. Drei Jahre zuvor bekam Felber von der Stadt eine Medaille für „Querdenker und Pioniere“, und ließ sich danach in der Kneipe vom CDU-Bürgermeister versprechen, dass Steinheim sich auf den Weg machen werde. Der hielt Wort. Zwei Nachbargemeinden, Brakel und Willebadessen, zogen nach.

Christian Felber macht auf der Bühne erstmal ein Rad. Und dann noch eins hinterher.

Man nimmt Platz, Christian Felber sitzt vorn. Der Bürgermeister hat eine Lebensmittelvergiftung, der Kämmerer vertritt ihn und verliert sich im Redemanuskript. Vier Musikschüler tröten Elton Johns „Can you feel the love tonight?“, ein Mädchen am Keyboard verspielt sich. Tröstender Beifall.

Felber betritt die Bühne. Von „Turbokapitalismus“ redet er und vom „Ökozid“, er wettert: „Wir betreiben eine asoziale Marktwirtschaft!“ Er holt aus: Gegründet vor zehn Jahren, habe seine Bewegung heute Anhänger in 35 Staaten, 3.000 Unternehmen unterstützten sie, fast 1.000 seien zertifiziert, der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss befürworte das Modell, ehrenamtliche Regionalgruppen trügen es in die Gemeinden.

Und nun – „ein Hattrick im Kreis Höxter!“, jubelt Felber, – drei Gemeinwohlkommunen auf einmal, er tritt vor das Rednerpult und schlägt vor Freude zwei Räder. Sein Jackett flattert. Normalerweise macht Felber bei seinen Vorträgen einen Kopfstand – um zu veranschaulichen, dass das Wirtschaftssystem seiner Ansicht nach verkehrt gepolt ist. Zurück am Rednerpult, hebt Felber ab zu einem Lobgesang auf die Familie Binder: Die Apotheke sei das „historische Epizentrum“ der Bewegung in Steinheim.

Es folgt: eine Podiumsrunde. „Der Aufwand für die Bilanz war enorm“, erklärt der Klimaschutzbeauftragte der Stadt Steinheim, „aber er lohnt sich.“ Der Kämmerer sagt nüchtern: „Es ging nicht nur um harte Zahlen. Das war ein Schock für mich.“ Der Wirtschaftsförderer begeistert sich: „Man muss Barrieren überwinden und Zäune einreißen.“

Der Bürgermeister verdient nur fünfmal so viel wie die Haushaltshilfe – ein guter Wert

Der Auditor, jener Wirtschaftsprüfer, der Steinheim drei Tage lang „auf Herz und Nieren geprüft“ hat, wird per Video aus Südtirol zugeschaltet und berichtet von guten Radwegen und mangelnder Innenstadtattraktivität. 423 von 1.000 möglichen Punkten hat er Steinheim gegeben, mit am schlechtesten schnitt der Bereich E 5 ab, „Gesellschaftliche Transparenz und Mitbestimmung“, unter anderem weil der letzte und einzige Bürgerentscheid zwei Jahrzehnte her ist. Der Bereich C 4 brachte hingegen viele Punkte ein: „Gerechte Einkommensverteilung“. Denn der Bürgermeister verdient nur knapp fünfmal so viel wie die Haushaltshilfe im Kindergarten – das ist ein guter Wert.

„Daran sollten sich die großen Player ein Beispiel nehmen“, wird Christian Felber später sagen. „Warum muss Wendelin Wiedeking bei Porsche 8.000-mal so viel verdienen wie seine Reinigungskraft, wenn Bürgermeister Carsten Torke in Steinheim mit dem 4,8-fachen Gehalt der Haushaltshilfe eine wunderbare Leistung erbringen kann?“

Hier sitzt ein Mann auf einem Baumstamm und schaut in die Kamera. Er gilt als Gründer der Gemeindewohlökonomie.
Christian Felber gilt als Gründer der Gemeinwohlökonomie, das gängige Wirtschaftssystem hält er für asozial. Gelernter Ökonom ist er nicht – dafür aber sehr engagiert.

Der Höhepunkt des Festaktes: Der Stadtkämmerer und Christian Felber betreten die Bühne, Felber trägt das gerahmte Gemeinwohlzertifikat, überreicht es dem Kämmerer. Die Lokaljournalisten blitzen, was das Zeug hält, die beiden lächeln statisch, Applaus, Applaus, Binders Stiftungsleute knipsen mit dem Handy.

Der Festakt endet mit vegetarischen Häppchen. Aber die Arbeit beginnt erst. Das sieht man im 166 Seiten langen Gemeinwohlbericht der Stadtverwaltung. 423 Punkte, da geht mehr, nun müssen sie ran: Dafür sorgen, dass mehr Verwaltungsangestellte Rad fahren, Leuchtstoffröhren durch LED-Lampen ersetzen und die Haushaltsplanung transparenter machen.

Apotheker Binder ist schon weiter. Bei ihm ist aus Theorie längst Praxis geworden. Biomilch, Job-Räder, familienfreundliche Teilzeitmodelle – gibt es in seiner Apotheke alles. Nun sitzt er mit seiner Frau im Besprechungsraum, Laptop vor der Nase, Papiere auf dem Tisch. In einer Ecke des Raums steht ein Wägelchen mit einer Klangschale und Sanduhren. Binder: „Das ist auch unser Meditationsraum.“ Die beiden arbeiten an der nächsten Gemeinwohlbilanz – es ist ihre dritte seit 2016.

Wie sehr darf Binder die Entscheidungen seiner Mitarbeiter:innen beeinflussen

Da ist zum Beispiel der Punkt „C3 – Förderung des ökologischen Verhaltens der Mitarbeitenden“. Die neue Mitarbeiterin, ihr Arbeitsweg bereitet Binder Kopfzerbrechen: „Alexa fährt grundsätzlich mit dem Auto. Das würde ich gerne mit ihr diskutieren.“ Alexa wohnt in Elsen, knapp 40 Kilometer entfernt. Binder will ihr vorschlagen, mit dem Rad oder Auto nach Paderborn zu fahren, von dort mit der Bahn nach Steinheim zu kommen und dann zu Fuß zur Apotheke zu gehen; er würde den Weg als Arbeitszeit anrechnen, „vielleicht kann sie unterwegs schon was tun.“

Eigentlich eine gute Idee. Aber zugleich auch eine starke Einflussnahme. Plötzlich greift er als Chef in private Entscheidungen seiner Mitarbeitenden ein. Er weiß, wie sie zur Arbeit kommen, wer Diesel und wer Benziner fährt, wer Vegetarier ist und wer nicht. Binder sagt, er wolle Vorbild sein, Anreize schaffen, ohne seine Mitarbeitenden zu bevormunden. Ein schmaler Grat, der Apotheker weiß es: „Wir nehmen Einfluss, wo es in unserem Bereich liegt, und geben Impulse. Mehr geht nicht.“

Ein paar Tage später, Gemeinwohltour durch den Landkreis Höxter. Aus dem Autofenster sieht die Gegend idyllisch aus, so, wie man sich den Kreis mit der niedrigsten Bevölkerungsdichte in Nordrhein-Westfalen vorstellt: bewaldete Hügel, weit auseinanderliegende Dörfer, putzige Kirchen, niedliches Fachwerk. Auf weiten Feldern hocken Krähen.

Am Steuer sitzt Christian Einsiedel, 44 Jahre alt, Bildungsreferent bei Binders Gemeinwohlstiftung. Einsiedel und ein Kollege teilen sich die Vollzeitstelle aus EU-Mitteln. Ihre Mission: Von der Gemeinwohlregion Höxter künden, wo immer es geht. Und so predigen sie auf Bauernmärkten, überbringen Bürgermeistern die frohe Kunde, bauen ihren Stand auf Biomessen auf – und betreuen Journalisten. Jede Mail beantwortet Christian Einsiedel so pünktlich wie ausführlich, und sei es um Mitternacht.

Bürgermeister Bluhm war skeptisch, dann ließ er sich von der Idee begeistern

An diesem Freitagmorgen im September ist er um 9 Uhr zur Stelle, bedankt sich mit einem höflichen Namasté – dem Yoga-Gruß, die Handflächen vor der Brust aneinandergelegt – fürs Kommen. Die kleine Gemeinwohltour war seine Idee. Los geht es, im Erdgas-Auto auf kurvenreichen Landstraßen.

Die Gegend sei „flächenstark“, kommentiert Einsiedel den Ausblick auf Felder und Hügel – und muss selbst lachen. Er stammt aus Mainz, hat lange in München und Hamburg eine Musikakademie geleitet und kam nach Ostwestfalen, um ein Jahr lang Yoga in Bad Meinberg zu machen, im angeblich größten Meditationszentrum Europas.

Erste Station der Tour: der scheidende CDU-Bürgermeister von Willebadessen. Einsiedel kündigt ihn an als eloquenten Elder Statesman, und das passt: Hans Hermann Bluhm, 62 Jahre alt, 16 davon im Amt, sandbrauner Anzug, Brille und Schnauzbart, schenkt mit ruhiger Hand Teewasser ein, nimmt gelassen am Tisch in seinem Büro Platz, lächelt staatsmännisch.

An der Wand hängt ein großformatiges Gemälde. „Autolack auf Aluminium. Das ist unverwüstlich“, sagt Bluhm stolz. „Klopfen Sie mal dagegen.“ Überhaupt kann er sich für alles begeistern, was mit Fahrzeugen zu tun hat. Sein Vater war Autoschlosser, und wenn er von seinem ersten Auto erzählt, einem Mini Cooper mit 75 PS, strahlt er.

Und dieser Bürgermeister hat sich kurz vor seiner Rente überzeugen lassen, mit seiner Kommune eine Gemeinwohlbilanz zu erstellen? Ja, hat er. Die offizielle Zertifikatsübergabe wird wenig später folgen, im November 2020. „Anfangs war ich skeptisch“, sagt Bluhm. „Ich dachte: Das klingt nach Gedanken von Marx und Engels, die da neu verarbeitet werden. Und wir sind hier in einer konservativen Gegend. Das kriege ich nie durch.“

Er hörte auf einer Bürgermeisterkonferenz im März 2019 davon, las Felbers Buch und drückte ihm den Stempel „Sozialismus“ auf. Doch dann traf er Einsiedel und dessen Kollegen erneut und merkte rasch, dass ein Imagegewinn für seine Stadt winkte. „Der Marketing-Aspekt war erst mal vorrangig, gebe ich zu.“ Hinzu kam, dass die Bilanz helfen könne, die Verwaltung zu modernisieren: erkennen, was nicht läuft und es gezielt anpacken.

Nicht alle sind begeistert – eine Kommune im Kreis hat sich gegen die neue Idee entschieden

Heute steht auf Bluhms Büroschrank ein Porträt von ihm selbst, kopfüber eingerahmt, dazu der Spruch: „Für die Bürger auch mal einen Kopfstand wagen.“ Inzwischen sei er überzeugt von der Vision. So könne es mit der Welt ja nicht weitergehen, er mache sich Sorgen um die Zukunft. Und dann sagt Bluhm einen Satz, der so wenig zu einem autobegeisterten Provinzbürgermeister passt wie eine Dinkelreiswaffel zu Currywurst: „Wenn ich in 200 Jahren wiedergeboren werden würde und die Gemeinwohlökonomie wäre unser Wirtschaftssystem, wäre meine Freude groß.“

En Mann läuft auf einer Straße zwischen zwei Feldern, links und rechts des Weges ein großes Haus.
Ausgerechnet mitten in der Provinz, ausgerechnet dort, wo die CDU den Hut aufhat, ausgerechnet kurz vor der Rente: Hans Hermann Bluhm ließ sich trotzdem von der Idee der Gemeinwohlökonomie überzeugen.

Den ganzen Tag dauert die Tour mit Christian Einsiedel, sie führt zur Lebenshilfe in Brakel, zum Yogazentrum in Bad Meinberg, zum Kloster Marienmünster. Zurück in Steinheim faltet Christian Einsiedel die Hände wieder zum Namasté und sagt voll Glut zur Journalistin: „Hier sind so viele spannende Themen – du könntest die neue Gemeinwohl-Reporterin werden.“

Aber nicht alle sind so begeistert wie Einsiedel und Bürgermeister Bluhm. Eine Kommune im Kreis Höxter hat dem Projekt eine harsche Absage erteilt: Bad Driburg an der Westgrenze des Kreises, bekannt für sein Heilbad und den Gräflichen Park, hat im Mai 2019 mit großer Mehrheit einen Ratsbeschluss gefasst, sich nicht zu beteiligen.

Vor allem ist Heinz-Jörg Wiegand dafür verantwortlich, er ist Mitarbeiter der Stadt und unter anderem zuständig für Wirtschaftsförderung. Sein Bürgermeister berichtete ihm von der Idee, Wiegand besorgte sich Felbers Buch und recherchierte im Netz. Er fand mehrere kritische Artikel über Felber, den politischen Aktivisten „ohne ökonomische Ausbildung“ und befand: eine Gemeinwohlbilanz zu erstellen, sei nicht erfolgversprechend und viel zu zeitaufwändig.

Der Kritiker wirft dem gesamten Modell der Gemeinwohlökonomie Realitätsferne vor

Zumal Bad Driburg ohnehin schon engagiert sei, sagt Wiegand am Telefon, man habe längst eine Klimaschutz-Managerin, sei Fair-Trade-Stadt und „Europaaktive Kommune“. Wiegand: „Da steckt ja auch überall eine Gemeinwohlorientierung drin. Es ist halt nur nicht explizit ausgewiesen.“

Wiegand schrieb eine Beratungsvorlage für den Haupt- und Finanzausschuss sowie den Stadtrat und prangerte darin an: „Insgesamt geht es um nicht weniger als um einen Umbau von Ökonomien wie auch des Finanzsektors und des Rechtssystems.“ Und weiter: „Die Realitätsnähe des gesamten Modells muss daher hinterfragt werden.“ Die Vorlage wurde mehrheitlich beschlossen. Seitdem hat Bad Driburg das Projekt zu den Akten gelegt. Wiegand: „Das wird wohl auch nicht mehr aufgegriffen.“

Auch Jerome Major, 38 Jahre alt, sieht die Gemeinwohlökonomie kritisch. Trotzdem ist er dabei. Die erste Gemeinwohlbilanz hat er fast fertig, für sein Unternehmen: die Lebenshilfe in Brakel – einen Sozialdienstleister, der ambulante Pflege, inklusives Wohnen und Freizeitgruppen anbietet.
Zum Interview sitzt Jerome Major im Besprechungsraum, glattrasiert und in perfekt gebügeltem Hemd. Sechs Jahre war er Unternehmensberater bei Ernst & Young in Düsseldorf und New York, ein kalkulierender Manager, kein Idealist. „Klar, wir müssen schon was tun, sonst geht der Planet baden, das sehe ich ein“, sagt er flapsig.

Dem Gemeinwohlprojekt habe er sich mit der Lebenshilfe Brakel nur angeschlossen, „weil es cool und neu ist und gut aussieht.“ Weil sein Unternehmen davon profitiert. Nicht, weil er an eine neue Wirtschaftsordnung glaubt.

„Die Mitarbeiter müssen zufrieden sein, nur dann machen sie auch gute Arbeit. Also komme ich ihnen entgegen. Ich gebe ihnen ein E-Bike, bezahle ihnen einen Heilpraktiker und höre auf den Betriebsrat“, sagt er großspurig. Er findet sich gut, könne aber noch besser werden. Dank der neuen Bilanz fand er beispielsweise heraus, dass sein Unternehmen viel bei Amazon bestellt, von Steckdosen bis WC-Reiniger. „Muss ja nicht sein. Ich gucke jetzt nach regionalen Alternativen.“

Major glaubt, die Idee wird wohl eine Nische bleiben

Doch Christian Felbers Vision teilt Jerome Major nicht. Viele Aspekte des Modells seien „schräg“ und schreckten „normale“ Unternehmen ab: Dass man sein Geld ausschließlich bei Ethikbanken anlegen solle. Dass Profit keine Rolle mehr spielen dürfe. Dass Unternehmen in den falschen Geschäftsfeldern per se Minuspunkte kassieren. „Eine Gemeinwohlbilanz muss sich auch für, sagen wir, Atomkraftwerkbetreiber lohnen“, sagt Major, „Erst dann wird das groß. So bleibts eine Nische.“

Anderswo wird die Vision gerade real. Pioniergeist und Aufbruch, an einem Ort in Steinheim sind sie mit Händen zu greifen: in der einstigen Möbelfabrik, Auf der Frankenburg. Die gehört jetzt der Gemeinwohlstiftung und soll ein Zentrum für nachhaltige Start-ups werden. Zwei werden demnächst einziehen: eines produziert veganen Fleischersatz, das andere medizinischen Cannabis-Extrakt.

Camilla Pfaffhausen und Reinhard Raffenberg von Prima Klima Foods knien hier an einem Nachmittag Anfang September auf dem Boden und markieren eine eingelassene Metallschiene. „Die kommt weg“, sagt Camilla Pfaffhausen. Sie sieht alles vor sich, kann genau beschreiben, wo die Maschinen stehen werden, wo der Fleischersatz verpackt werden wird. Derzeit stellen sie ihr Proteinprodukt in kleinen Mengen bei sich zu Hause in Detmold her.

„Wer weiß, vielleicht ist das hier schon bald zu klein als Produktionsstätte“, sagt Reinhard Raffenberg, zeigt in die riesige Halle – und meint das ernst. Die beiden sind optimistisch. Vielleicht größenwahnsinnig. Doch, wie heißt es, nur wer groß denkt, kann auch Großes erreichen.

Vom Kleiderschrank zum Proteinschnitzel, von der Spanplatte zum Hanfextrakt – vielleicht beginnt sie genau hier, die schöne neue Welt, in einer alten Möbelfabrik. Vielleicht nimmt sie von hier aus ihren Lauf, die Revolution, die mit einem Buch begann, das erst einen Apotheker begeisterte und dann immer mehr Menschen, eine Idee, die ausgerechnet im Kreis Höxter auf fruchtbaren Boden fiel und nun wächst.

Wie groß kann sie werden?


Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotos: Shirin Abedi, Bildredaktion: Till Rimmele

Dieser Text ist in einer kürzeren Fassung und unter einem anderen Titel auch in der Zeitschrift Brandeins veröffentlicht worden.

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