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Depression

Worte, die mir guttun, wenn ich depressiv bin

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Ich saß auf dem Boden, in mich zusammengekrümmt und weinte. Denn ich hatte gerade einen Nervenzusammenbruch erlitten und wollte niemanden mehr sehen oder hören. Dieses eklige Gefühl, raus aus meinem Körper zu wollen, hatte mich ganz vereinnahmt und ich wusste nicht mehr, wohin mit mir. Alles in meiner Gefühlswelt tat weh – und ich fühlte mich mit meinen Schmerzen unfassbar einsam. Ich war kurz davor, vom Krankenwagen in die Klinik eingewiesen zu werden. Meine Familie hatte den Zusammenbruch miterlebt und meinen Rückzug ins Wohnzimmer akzeptiert – und dann öffnete jemand die Tür.

Mir war es schon fast egal, wer es war, denn ich konnte nicht mehr und hatte dafür keine Kraft mehr. Es war Harald, ein Freund, der mit seiner Familie im selben Haus zwei Stockwerke tiefer wohnte. Harald setzte sich auf den Boden und sagte einen Satz, den ich nie wieder vergessen werde: „Ja, das ist echt scheiße, Martin. Was du gerade durchmachst, ist echt schlimm, das glaube ich dir.“

Dieser Satz traf mich im innersten Kern meines Seins. Mein Körper reagierte sofort und ich spürte, dass ich mit einem Mal nicht mehr alleine war. Diesen Moment in meinem Leben werde ich niemals vergessen und er wirkt bis heute nach, denn irgendetwas, was ich nicht genauer benennen kann, wurde in diesem Moment gesund.

Und deshalb schreibe ich diesen Text. Denn ich weiß von zahlreichen Gesprächen, dass Angehörige von depressiven Menschen häufig nicht genau wissen, was sie sagen können. Viele haben Angst, die Situation der erkrankten Person noch schlimmer zu machen und wollen auf keinen Fall etwas falsch machen. Andere hingegen können nicht verstehen, was ein akut Depressiver durchmacht, wollen aber dazulernen. An diese Menschen ist dieser Text gerichtet – und an Mitbetroffene, damit sie ihren Angehörigen einfach einen Link schicken können, wenn sie gefragt werden, welche Worte ihnen guttun.

Die eigene Empathie zu schärfen, ist wichtig

Aber: Nicht jeder Satz passt zu jeder Person in jedem Moment. Es geht mir nicht darum, buchstabengetreue Anweisungen zu geben, was man sagen darf und was nicht. Ziel dieses Textes ist es, den Leser:innen ein Gefühl dafür zu geben, wie sich gelingende Kommunikation mit Depressiven anhört.

Für diesen Text habe ich mit verschiedenen Menschen gesprochen, die etwas zu diesem Thema zu sagen haben. Ich habe eine Umfrage in der KR-Community gemacht, und gefragt, welche Worte anderen Menschen in ihrer depressiven Episode guttun. Und über 400 (!) Antworten erhalten, von denen einige diesen Text bereichern. Außerdem habe ich mit meinem eigenen Therapeuten Johannes gesprochen, der mich seit vier Jahren therapeutisch begleitet. Er ist Dozent für Klinische Psychologie und Psychologisches Empowerment – und weiß viel über Kommunikationsweisen zwischen Kranken und Angehörigen. Außerdem habe ich den Psychiater Leonhard Schilbach angerufen, der Chefarzt der Abteilung für Allgemeine Psychiatrie 2 der LVR-Klinik Düsseldorf ist. Ich wollte unbedingt mit ihm sprechen, weil er nicht nur Psychiater, sondern auch Interaktionsforscher ist. Damit arbeitet er genau an der Schnittstelle, an der auch mein Text ansetzt: zwischen akut Depressiven und ihrem Umfeld. Er hat mir etwas Wichtiges gesagt, das grundlegend für das Gespräch mit akut Depressiven ist:

„Es ist erstmal Offenheit dafür wichtig, dass die Erlebnisweisen von sogenannten psychisch Kranken sich nicht kategorisch von dem unterscheiden, was Menschen erleben, die nicht von diesen Erkrankungen betroffen sind. Es ist nur stärker, die Intensität ist höher und die Einschränkungen, die damit verbunden sind schwerwiegender. Es ist wichtig, den Kontakt zu halten und klarzumachen, dass sich dadurch nichts in der Beziehung ändert, denn das muss es gar nicht. Die Krankheit ändert an der Person an sich gar nichts.“

Wer Menschen mit Depressionen etwas Gutes tun will, muss auch hinterfragen, was man sich unter der Krankheit vorstellt. Leonhard rät: „Die Frage, die man sich immer stellen kann, ist: „Wie würde es mir gehen, was würde ich mir wohl wünschen, wenn ich in so einer Lage wäre.“ So kann man die eigene Empathie schärfen und sich freimachen vom Leistungsgedanken, „wie kann man möglichst schnell wieder möglichst gut funktionieren. Das steht in unserer Gesellschaft sehr stark im Vordergrund, aber da geht es dann häufig gar nicht um die Person, sondern nur um den Funktionsträger, der eine bestimmte Leistung zu erbringen hat. Das haben viele Menschen übernommen und verinnerlicht.“

Und nun, liebe Leser:innen kommt der erste Satz, der mir guttut, wenn ich depressiv bin:

„Möchtest Du in den Arm genommen werden? Ja ist okay – und nein auch.“

Warum mir diese Worte helfen: In einer Depression fällt es mir schwer, zu sprechen oder zu sagen, wie es mir geht. In solchen Momenten ist also ein Angebot körperlicher Nähe Gold wert, weil ich nichts dafür tun muss, außer da zu sein. Eine Umarmung kann mir dann das Gefühl geben, angenommen zu werden: Ohne, dass ich etwas dafür tun muss. Deshalb ist der Zusatz „Ja ist okay – und nein auch“ so wichtig, weil die Umarmung ein Angebot bleibt und keine Verpflichtung ist.

Es ist okay, nicht okay zu sein

Zwei Worte, die in meinem Satz zu lesen sind, finden sich auch bei einer Antwort aus meiner Umfrage: „Du fühlst, was du fühlst und das ist okay.“ Ich möchte die beiden Worte nochmal wiederholen: Ist okay. Und ich denke, dass wir Betroffenen das nicht oft genug hören können. Unsere Krankheit ist okay. Es ist okay, dass wir gerade nicht können. Es ist okay, wenn wir eine Umarmung nicht annehmen. Es ist okay, dass wir gerade in der Klinik sind. Es ist okay, nicht okay zu sein.

Mein Therapeut Johannes rät, Vergleiche zu meiden, wie: „Ich hatte das auch mal, dann habe ich Sport gemacht, dann war es wieder besser.“ Weil dies der depressiven Person das Gefühl gibt, dass sie eigentlich nicht wirklich krank ist, selbst wenn sie schon in der Klinik ist.

„Ich werde mit Dir da durchgehen.“

Warum mir diese Worte helfen: Wenn ich frisch in der Klinik bin, dann ist die größte Angst, die mich umtreibt, die vor dem emotionalen Rückzug meiner Partnerin und meines Freundeskreises. Und ich habe beides schon mal erlebt: Eine Trennung aufgrund meines Klinikauftenthaltes und den kompletten Rückzug meines besten Freundes, der dann einfach von der Bildfläche verschwand und nicht mehr auf meine Nachrichten antwortete. Deshalb sind diese Worte besonders heilsam, denn sie zeigen mir, dass mein Gegenüber diesen Schritt nicht gehen wird und ich mir deshalb keine Sorgen machen muss.

In meiner Umfrage schrieb Nina, dass ihr dieser Satz besonders gut getan hat: „Ich liebe dich und wir gehen da gemeinsam durch“ – und ihre Begründung ist recht einfach: „Weil ich mich nicht allein gefühlt habe.“ Und das kann einen großen Unterschied machen.

Mein Therapeut Johannes findet ein klares, unmissverständliches Bekenntnis zur Freundschaft oder Beziehung hilfreich. Zum Beispiel: „Ich bin für dich da. Und ich habe überhaupt kein Problem mit der Situation, Deine Krankheit gehört zu dir, fertig.“

„Weißt Du, was ich heute mit Dir unternehmen möchte? Gar nichts. Du bist genug.“

Warum mir diese Worte helfen: Große Antriebslosigkeit ist ein kleiner (weil sie nur kurze Zeit anhält), aber dennoch sehr präsenter Teil meiner Krankheit. Ich habe dann an manchen Tagen nicht einmal die Kraft, aufzustehen und eine Tasse Kaffee zu trinken. Deshalb habe ich ein schlechtes Gewissen den Menschen gegenüber, die mich in der Klinik besuchen kommen. Denn ich bin dann einfach zu nichts zu gebrauchen. Mit diesen Worten wird mir das schlechte Gewissen genommen und ich weiß, dass ich keine tollen Angebote machen muss, um Besucher:innen zu unterhalten.

Um Schuldgefühle geht es auch in einem Satz, der Maik guttat: „Du bist krank, nicht schwach.“ Als Begründung nennt er die „Loslösung von Gedanken an persönliches Versagen oder individuelle Schuld an der Situation“. Denn für eine Krankheit können wir nichts – und dieser Zuspruch kann in besonders schwierigen Momenten heilsam sein.

Mein Therapeut Johannes unterstreicht das. Da Menschen mit Depressionen sehr schnell unter Erwartungsdruck leiden, können Sätze wie „Egal, wie es dir geht, egal, was du von dir hältst, für mich bist du die gleiche Person und ich schätze dich genauso wert, wie vorher“ den Druck herausnehmen.

„Ich weiß nicht, was Du gerade fühlst. Magst Du es mir beschreiben?“

Warum mir diese Worte helfen: Wenn mein Gegenüber offen zugibt, nicht zu wissen, was ich gerade fühle, gibt er:sie mir damit die Chance, selbst zu versuchen, mein Innenleben zu beschreiben. Ich weiß dann, dass die Person bereit ist, eigene Annahmen über Bord zu werfen und sich auf mich einzulassen. Ich weiß dann auch, dass die Person mich verstehen will, und das ist zehnmal wertvoller, als jede Person, die meint, schon zu wissen, wie es mir geht.

Es hilft, zwischen der Krankheit und der Person zu unterscheiden

Ralf antwortete in meiner Umfrage, dass ihm die folgenden Worte besonders gut getan haben: „Ich verstehe die Krankheit zwar nicht, aber ich sehe, dass du leidest und das tut mir sehr weh und sehr leid für dich.“ Warum half ihm dieser Satz? „Weil er mich berührte und mir zeigt, dass die Empathie trotz Unverständnis da sein kann.“

Für einen guten Weg hält mein Therapeut Johannes die Idee, immer zwischen der Erkrankung und der Person zu unterscheiden. Er empfiehlt Formulierungen wie „Nicht du bist scheiße, nicht dein Leben ist scheiße, sondern die Gefühle, die dir die Depression gibt.“

„Ja, was Du gerade durchmachst ist wirklich schlimm; das glaube ich Dir.“

Warum mir diese Worte helfen: Wenn ich depressiv bin, fühle ich mich von der Welt abgeschnitten. In mir tobt die Hölle und sämtliche Triggerpunkte werden gleichzeitig gedrückt. Das ist für Außenstehende kaum nachvollziehbar und ich weiß das. Wenn in solchen Momenten eine Person bei mir ist, die mir zu verstehen gibt, dass meine Reaktion auf die Krankheit valide ist, fühle ich mich ein kleines bisschen weniger alleine.

Andrea schrieb als Antwort meiner Umfrage folgende Sätze: „Ich finde dich sehr stark, weil du zu deiner Krankheit stehst und so hart kämpfst.“ Sie erklärt, warum diese Worte so wichtig sind: „Ich fühle mich wahrgenommen, meine nicht sichtbare Erkrankung von Dritten (endlich) ernst genommen. Mich akzeptiert, so wie ich grade bin: am Ende.“

Johannes empfiehlt, sich tatsächlich Zeit für ein Gespräch zu nehmen, zuzuhören und möglichst nicht das Thema zu wechseln. Schlecht ist auch, nicht wirklich zuzuhören und die Krankheit abzutun mit Sätzen wie: „Du warst ja schon immer ein bisschen unmotiviert.“

„Du fällst mir nicht zur Last. Denn ich sorge für mich.“

Warum mir diese Worte helfen: In einer Depression habe ich in den ersten Wochen ein Gefühl, das wir alle kennen: Ein schlechtes Gewissen. Ich glaube dann, für alle Angehörigen zu viel, eine Bürde, eine Last zu sein. Dieses Gefühl ist ein Teil meiner Krankheit und deshalb nicht so einfach loszuwerden. Jedoch hilft es mir enorm, wenn ich diesen Satz zu hören bekomme, denn darin versteckt sich ein wichtiges Detail: Die Person sorgt für sich und ist deshalb in der Lage, meine Krankheit mitzutragen, auszuhalten.

Einen Schritt weiter geht ein Satz, den Bernd in der Umfrage schrieb: „Ich brauche dich!“ Er begründete die wohltuende Wirkung wie folgt: „Ich komme in depressive Phasen, wenn ich das Gefühl der Bedeutungslosigkeit und der Sinnlosigkeit des Seins kriege.“

Sätze wie: „Nicht die Aktivitäten, die wir unternehmen sind für mich entscheidend, sondern du als Person“, helfen laut meinem Therapeuten auch deshalb, weil hier die Person und die Krankheit nicht gleichgesetzt werden.

„Nimm Dir so viel Zeit, wie Du brauchst, um gesund zu werden.“

Warum mir diese Worte helfen: Von einer Grippe kann ich mich in sieben Tagen erholen. Eine Depression dauert bei mir plusminus sieben Wochen. Und obwohl ich weiß, dass das normal ist, habe ich permanent das Gefühl, mich mit dem Gesundwerden beeilen zu müssen und dass es nicht schnell genug voran geht. Wenn ich dann den Eindruck bekomme, meine Kolleg:innen und Freund:innen melden sich nicht, solange ich nicht gesund bin, steigt der Druck. Deshalb kann mir so ein Satz eine enorme Last nehmen, das geht aber (wie bei allen anderen Sätzen auch) nur, wenn er auch so gemeint ist.

In eine ähnliche Richtung geht ein Satz, den Ina bei der Umfrage genannt hat: „Es ist okay, dass du grad nicht weiterweißt.“ Wichtig ist hier, dass ihr Gegenüber keine Rechtfertigung und Erklärung verlangt. Da ist sie wieder, die Empathie, das Nicht-Verurteilen der Person.

Eine zupackende und ein bisschen humorvolle Art können guttun

Für schwierig hält Johannes Sätze wie: „Und? Wirkt es?“ oder: „Bist du schon geheilt?“, mit denen der Fortschritt des Betroffenen abgefragt wird. Johannes erklärte mir, dass für die Heilung einer Depression Zeit ein entscheidender Faktor ist. Dies könne man nicht abkürzen und deshalb würde „Nimm dir die Zeit, die du brauchst“ besonders guttun.

„Komm, ich mach uns einen Kaffee. Zucker? Was? Hafermilch?“

Machen wir uns nichts vor, Depressionen sind der größte Scheiß. Sie lähmen Betroffene wie mich und machen meinem Umfeld nicht besonders gute Laune. Das zieht dann gleich mehrere Menschen nach unten, na, halleluja. Deshalb tut auch mir in diesen Zeiten eine zupackende, entscheidungsfreudige und ein bisschen humorvolle Art wirklich gut, weil meine Krankheit auf sympathische Art und Weise ignoriert wird. Und dadurch habe ich das Gefühl, auch Drüberstehen zu können.

„Ich komme jetzt zu dir.“ Dieser doch sehr an eine konkrete Handlung geknüpfte Satz half Katja. Warum? „Weil das etwas Licht brachte.“ Manchmal müssen es gar nicht viele Worte sein, um einer betroffenen Person etwas Gutes zu tun.

Abschließend meinte mein Therapeut: „Ich denke, dass es für Angehörige wichtig zu verstehen ist, dass Depressive nicht nicht wollen, sondern nicht können. Und das Schwierigste ist wahrscheinlich, geduldig zu bleiben und nicht zu viel zu erwarten.“

Was die direkte Ansprache betrifft, ergänzte Johannes: „Es ist einfacher, in ein Fettnäpfchen zu treten, als einen klugen empathischen Kommentar abzugeben, der von Herzen kommt.“

Wir müssen sorgsam miteinander umgehen

Zum Abschluss hier noch eine Erkenntnis aus meinem Gespräch mit Leonhard Schilbach. Ich habe ihn gefragt, welche Eigenschaften er bei den Angehörigen von Patient:innen sieht, die besonders gut mit ihren Liebsten umgehen.

„Das sind Angehörige, die wirklich den Mensch im Blick haben, die sagen, das belastet und bedrückt uns auch – und das belastet uns vor allem auch für die geliebte Person. Das ist die Haltung. Das merkt man daran, wie der Kontakt gehalten wird, dass die betreffende Person auch ihren Raum hat, dass klar ist, wir stehen zur Verfügung, müssen aber auch nicht jeden Tag vorbeikommen. Dass die betroffene Person weiß: Angehörige halten die Stange, sind weiter an meiner Seite, und begleiten mich auf dem Weg aus der Depression heraus.“

Und er sagte mir das beste Fazit für diesen Text: „Wenn eine psychische Erkrankung etwas Positives haben kann, dann ist es, dass sie uns daran erinnert, dass wir einander als Personen begegnen. Personen, die nicht nur aus Stärken bestehen, die nicht nur wahnsinnig tolle Leistungen erbringen, sondern auch verwundbar sind. Wir sind verletzlich, weil unsere Seele so gemacht ist – und das bedeutet, dass wir miteinander als Personen sorgsam umgehen müssen.“


Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Till Rimmele, Audioversion: Christian Melchert

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