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Geschlechterklischees

Jungs, ihr könnt auch in Spitzenhöschen unfassbar männlich wirken

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Dieses Jahr war noch keine sechs Tage alt, als Massen an Trump-Anhänger:innen das US-Kapitol stürmten. Gerade deswegen ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt, um über Jungs und Männer in Röcken und Rüschenroben zu reden. Leuchtet nicht auf Anhieb ein? Hier der Zusammenhang: Der wütende Angriff der Trump-Fans, von denen der Großteil eben weiß und männlich war, wie überhaupt der ganze Macho-Kult um diesen Mann, hat auch mit einem verkorksten Bild von Männlichkeit zu tun. Eines, dessen Erhalt für einige Rechtskonservative unglaublich wichtig ist, wie die US-Aktivistin und Trump-Unterstützerin Candace Owens am 14. November letzten Jahres mit diesem Tweet zeigte:

Die Frauenrechtsaktivistin Lina AbiRafeh hat bei Medium analysiert, wie der Angriff auf das US-Kapitol mit männlichem Dominanzverhalten zusammenhängt.

„Es gibt keine Gesellschaft, die ohne starke Männer überleben kann. Der Osten weiß das. Im Westen ist die stetige Feminisierung unserer Männer zur gleichen Zeit, zu der unseren Kindern der Marxismus beigebracht wird, kein Zufall. Es ist ein regelrechter Angriff. Bringt männliche Männer zurück.“ 95.000 User:innen versahen den Tweet mit einem Herzchen.

Der Grund für die Aufregung war ein Mann im Kleid. Genauer: der Sänger Harry Styles. Der 26-Jährige war das Covermodel der Dezember-Ausgabe des berühmten Modemagazins „Vogue“, und damit der erste Mann in 182 Jahren US-Vogue-Geschichte, der diesen Platz einnimmt. Der Zündstoff: Er trägt darauf eine lange, hellblaue Rüschen-Robe.

https://twitter.com/voguemagazine/status/1327359624803209228

Owens war nicht die Einzige, die dieser Anblick aus der Bahn warf. Spätestens seit diesem Cover ist Styles das perfekte Feindbild derer, die sich nach der guten alten Zeit sehnen, in der die Welt einfach und für alle Menschen klar war, wo sie hingehörten. Diese Zeit gab es natürlich so nie, aber egal. Wichtig ist: Wir sind im 21. Jahrhundert und wir reden immer noch darüber, was Männer alles nicht anziehen dürfen, damit ihre Männlichkeit unbeschädigt bleibt. Nach wie vor – oder vielleicht sogar heute wieder mehr, Backlash sei dank – scheint für viele Menschen eine große, bewegende Frage zu sein: Müssen echte Kerle sich auf Hose und T-Shirt beschränken oder dürfen sie auch im Rock als Männer existieren? Die kurze Antwort lautet: Liebe Jungs, ihr könnt auch in Spitzenhöschen unfassbar männlich wirken. Eine Generation junger Männer, dazu zählt auch Harry Styles, macht das gerade vor. Die lange Antwort? Hier ist sie:

Lithographie einer Person im typischen mehrlagigen Reifrock des 18 Jahrhundert welche neckisch die Beine zeigt und ein maskulines Gesicht hat.
The Masculine Gender, February 2, 1787. Artist Attributed to Henry Kingsbury (British, active circa 1775-98).

Männliche Männer können Röcke tragen, das zeigt ein Blick in die Geschichte

Reden wir kurz über Männermode. Die war schon immer sehr wandelbar, auch wenn die Hose-Hemd-Uniform, die man heute meistens sieht, das kaum erahnen lässt. Der Mode-Liebhaber Wolfgang Amadeus Mozart trug im 18. Jahrhundert – wie alle stylischen Männer seiner Zeit – eine Kombination aus Rock, Weste und eng anliegender Hose und legte viel Wert auf hübsche Details wie Spitzen, goldene Knöpfe oder Schuhschnallen. Die Schotten trugen eine Art Wickelkleid, das Breacan Féile, bis sie dann im 17. Jahrhundert im knielangen Kilt in die Schlacht zogen.

Auch pink galt nicht immer als Mädchenfarbe: Ein rosa Anzug aus Seide mit Blumenstickerei? Im 18. Jahrhundert war das absolut maskulin, sagt die Modeforscherin Valerie Steele im Atlantic. Und hohe Schuhe waren lange Zeit fester Bestandteil der Männermode, bis im 17. Jahrhundert auch immer mehr Frauen zum Absatz griffen. Erst im 18. Jahrhundert setzte sich die Hose als einzig akzeptables Kleidungsstück für Männer durch.

Warum das wichtig ist zu erwähnen? Als Candace Owens sich auf Twitter über das Vogue-Cover empört, zählen viele Kommentator:innen diese historischen Fakten auf. Daraufhin eilt Ben Shapiro, einer der einflussreichsten konservativen Politik-Kommentatoren in den USA, zu Owens Verteidigung und schreibt: „Wenn es Weiblichkeit und Männlichkeit gibt, dann haben sie Indikatoren. Kleidung ist ein solcher Indikator. Das Argument, dass Männer in Schottland Kilts tragen und deshalb Männer in Amerika, die Kleider tragen, nicht feminin sind, ist besonders dämlich.“

Auf Hollywoods Laufstegen sind gerade High Heels für Männer en vogue

Shapiro hat natürlich recht, wenn er sagt: Ein Mann, der sich in der westlichen Gesellschaft im Kleid oder Jumpsuit ablichten lässt, der handelt gegen die üblichen Konventionen von Männlichkeit seiner Zeit und Umgebung. Wo er aber falsch liegt: Es geht in der Causa Styles nicht darum, Männlichkeit zu untergraben. Es geht darum, Männlichkeit neu zu definieren. Das ist auch nichts Neues. Berühmte Männer arbeiteten schon in den 1970er Jahren daran.

Caroline Jebens kommentiert den Aufruhr um das Vogue-Cover in der FAZ: „Wenn er (Harry Styles, Anm. der Redaktion) sich nackt wie Prince in seinem Plattencover räkelt, leuchtende Marlenehosen wie David Bowie trägt oder kokett den Pony ins Gesicht fallen lässt wie Mick Jagger, dann wird dadurch vielmehr deutlich: Das masculin-féminin-Spiel wurde vor Styles von anderen schon sehr viel konsequenter gespielt.“

Ein paar andere Beispiele: Seit 2017 stieg der Verkauf von Männer-High-Heels um 30 Prozent, im September 2019 trug der:die Sänger:in Sam Smith auf dem roten Teppich der „GQ Men of the Year Awards“ Lackschuhe mit hohen Absätzen.

Sam Smith outete sich bereits 2017 als non-binär, ordnet sich also weder dem männlichen, noch dem weiblichen Geschlecht zu. Wenige Tage nach den GQ Awards im September 2019 gab Smith bekannt, nicht mehr mit den Pronomen „er/sein“, sondern der geschlechtsneutralen Version „they/them" angesprochen werden zu wollen.

Und bei der Oscarverleihung im Februar 2019 trat der Schauspieler Billy Porter in einem Mash-Up aus Anzug und Samtkleid auf. Der 51-Jährige sieht das als einen Akt der Rebellion. „Mein Ziel ist es, durch das, was ich trage, eine wandelnde politische Botschaft zu sein“, schreibt er später in der Vogue. „Ich will Erwartungen brechen. Was ist Maskulinität? Was bedeutet sie? Frauen tragen ständig Hosen, aber sobald ein Mann ein Kleid trägt, rasten alle aus.“

Was ist es also, das uns am Auftreten junger Männer wie Harry Styles so begeistert – oder, je nachdem, so erzürnt? Vielleicht ist es ...

… eine neue Selbstverständlichkeit

Bereits auf der Met Gala im Mai 2019, einem beliebten Charity-Event in New York, trat Styles im schwarzen Gucci-Jumpsuit und Perlenohrringen auf den roten Teppich. Dort auf sein Outfit angesprochen, sagt er schlicht: „Ich möchte einfach Spaß haben.“ Es geht ihm gar nicht darum, ein Statement zu setzen. Er hat einfach Freude an Mode.

Es könnte genau diese Selbstverständlichkeit sein, mit der junge Männer Outfits abseits der binären Geschlechternorm tragen, die sie so interessant macht – sie braucht keine Rebellion, keine Show.

Wie der Rapper Young Thug der 2016 gegenüber Billboard sagte: „Als ich 12 war, waren meine Füße so klein, dass ich die Glitzerschuhe meiner Schwestern trug. Mein Vater hat mich immer verprügelt: ,Du gehst jetzt nicht in die Schule, du wirst uns blamieren!‘ Aber ich habe mich nie darum geschert, was die Leute denken.“ Anlass des Interviews war das Cover seines damals neuen Albums „Jeffrey“: Der Rapper trägt darauf ein pompöses Rüschenkleid in Veilchenblau. Swag, findet Young Thug, kenne kein Geschlecht.

Es gibt ein Video, das diese neue Selbstverständlichkeit vielleicht besser zeigt als alles andere. In der von dem US-Rapper LL Cool J gehosteten Show „Lip Sync Battle“ treten Prominente gegeneinander an, indem sie bekannte Songs performen. Dabei singen sie aber nicht selbst, sondern bewegen zur Musik nur die Lippen und legen gleichzeitig eine möglichst beeindruckende Show hin. Klingt ein bisschen kindisch, ist aber erstaunlich unterhaltsam. Im Fall von Tom Holland ist es sogar revolutionär.

Der britische Schauspieler ist zum Zeitpunkt seines Auftritts im Mai 2017 noch keine 21 Jahre alt und noch kein Jahr weltberühmt, Fans von Superhelden-Blockbustern kennen ihn als den neuen Spiderman. Holland fängt recht harmlos an, er legt eine kleine Stepptanz-Nummer zu Gene Kellys „Singing In The Rain“ hin. Dann geht er hinter die Kulisse. Als er wieder rauskommt, bringt er die Bühne zum Brennen.

In Lackshorts und Netzstrumpfhose, mit schwingenden Hüften und laszivem Blick tanzt Holland aus der Deckung. Seine knallrot geschminkten Lippen bewegt er zu Rihannas Song „Umbrella“. Als wäre das nicht schon verwirrend und sexy genug, schütten Wasserstrahler auch noch künstlichen Regen auf den jungen Mann. Eine Minute und 54 Sekunden später ist Holland durchnässt, das Publikum rast und ein Zeitdokument ist entstanden.

https://www.youtube.com/watch?v=b0nNTklOKRA&list=PLwFDuhW05x8w6qK2_AOVij3kGqhOCTwsl&index=8

Das Besondere an diesem Video ist nicht die Performance an sich, auch wenn man keine Heizung mehr braucht, wenn man es sich ein halbes Dutzend mal angesehen hat. Das Besondere ist, dass hier ein junger Mann aus einem der testoronhaltigsten Genres des Kinos in einer verführerischen Frauenrolle auftritt und zwar mit voller Überzeugung und ohne eine Sekunde lang lächerlich oder komisch zu wirken. Dass das nicht normal ist, wird spätestens dann klar, wenn man bedenkt, wie Männer in sogenannten Frauenrollen in der populären Unterhaltung sonst auftreten: Nämlich fast ausschließlich als Karikatur oder unfreiwillig komisch. Wie so etwas normalerweise aussieht, lässt sich zum Beispiel an einer anderen Folge des Lipsync-Battles sehen, in welcher der Schauspieler Channing Tatum als Beyoncé performt. Er macht es nicht schlecht. Aber was er tut, ist in jeder Sekunde als Witz gemeint, ein Kerl in Frauenklamotten halt, der da eigentlich nicht reingehört.

https://www.youtube.com/watch?v=9NFKZD0jckw

Holland ist Jahrgang 1996 und er verkörpert eine neue Selbstverständlichkeit und Angstfreiheit in Bezug auf Gender, die für seine Generation typisch sind. Sein Auftritt scheint zu sagen: Wenn Männlichkeit mehr ist als ein je nach Mode zusammenfantasiertes Stereotyp, dann können Rüschenshorts und Hüftschwung ihr nichts anhaben. Und wenn nicht, dann ist es vielleicht okay, wenn diese Art von Männlichkeit verschwindet und einer neuen Platz macht.

Tom Hollands Auftritt jedenfalls ist Legende. Auf Twitter gibt es ein ungeschriebenes Gesetz, dass alle, in deren Timeline das Video auftaucht, es retweeten müssen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

„Die Entmannung gilt als das Schlimmste, was einem Mann passieren kann“

Wer das übertrieben findet, sollte lesen, was der Journalist Jack Urwin über seinen Vater schreibt. Urwin war neun Jahre alt, als sein Vater Richard starb. Nach einer Grippe, mit 51 Jahren. Sein Sohn fragte ihn noch, wie es ihm ginge. Richard Urwin antwortete: „Besser!“ Dann ging er ins Badezimmer und sank neben der Toilette zu Boden. Herzinfarkt. Ein plötzlicher Tod, den niemand hätte voraussehen können. Jedenfalls nicht der kleine Jack, seine Mutter und Geschwister. Und sein Vater? Er hätte sie warnen, seinen frühen Tod vielleicht sogar verhindern können. Kurze Zeit später findet die Familie nämlich heraus, dass er bereits einen früheren Infarkt überlebt hatte, davon wusste – es aber niemandem erzählen wollte.

„Der sture Typ, der sich verlaufen hat, sich aber weigert, jemanden nach dem Weg zu fragen, ist eine weit verbreitete Karikatur“, schreibt Urwin. „Aber dieser Typ wurzelt auch in einer sehr realen, sehr destruktiven Vorstellung von Männlichkeit.“ Jungen werden dazu erzogen, keine Schwäche zu zeigen. Das ist gefährlich und toxisch – für Frauen und für Männer. Das musste Urwin bereits im Alter von neun Jahren lernen.

„Toxische Männlichkeit erwächst im Grunde aus der Angst vor Entmannung, die als das Schlimmste gilt, was einem Mann passieren kann“, schreibt Urwin. „Es gibt kein echtes Äquivalent dafür bei Frauen. Warum? Weil sie in der Hierarchie schon ganz unten sind. Männer fürchten Entmannung, weil sie damit ganz nach unten fallen und den Frauen gleich werden.“ Deswegen können Frauen heute Hosen tragen oder in die Politik gehen, während eine Verweiblichung für den Mann nach wie vor Gefahr bedeutet – sei es der Gang zum Arzt, den Urwins Vater nicht antrat, aus Angst, „Schwäche“ zu zeigen. Oder Banalitäten wie das Lackieren der Fingernägel oder das Tragen von vermeintlichen Frauenklamotten.

Toxische Männlichkeit erlebt ein kleines High – das ist eigentlich ein gutes Zeichen

In den vergangenen Jahren kam es zu einem scheinbaren Backlash dieser toxischen Männlichkeit. Rechtskonservative Politik findet mehr Wähler:innen, die sogenannte Incel-Community wächst, die Droh- und Hasskampagnen gegen Frauen in sozialen Medien initiiert. Der Grund für solche Bewegungen: „Männer verlieren ihre dominante Rolle in Familie und Gesellschaft, die zunehmend gleichberechtigt wird“, sagt die Journalistin Susanne Kaiser, die sich mit dem Phänomen politischer Männlichkeit befasst, in der Taz. „Das empfinden viele als Kontrollverlust.“

Incels, das sind frustrierte Männer, die der Meinung sind, Frauen seien ihnen Sex schuldig – würden ihnen den aber verwehren. Der Begriff Incel steht für „involuntary celibate“, unfreiwillig zolibatär.

Jovin Barrer erklärt die Bewegung auf Watson so: „Die Männer sind die wahren Opfer der Weltordnung, sagen die Incels. Aber nicht alle Männer. Nur die Beta-Männer. Nicht die sogenannten Chads, in deren Schatten alle anderen Männer leben müssen. Laut Szenen-Memes sind Chads die stereotypen, sportlichen Jungs. Die, die den ganzen Sex abbekommen, der den anderen fehlt. Dieses Phänomen erklären sich die Incels dadurch, dass die allermeisten Frauen eben sogenannte Stacys seien. Was in ihrem Verständnis soviel wie willige, aber wählerische Schlampen bedeuten muss.“ Incels treffen sich zum Beispiel auf dem Imageboard 4chan. Reddit schloss das Forum „r/Incels“ im Jahr 2017 wegen Hatespeech.

Die Incel-Bewegung, die nicht nur von Frauenhass, sondern auch von Antisemitismus und Rassismus geprägt ist, wird immer wieder mit Terroranschlägen in Verbindung gebracht – wie dem im Oktober 2019 in Halle, im Februar 2020 in Hanau oder in Christchurch im März 2019. Das analysieren Lisa Santos und Mirjam Ratmann im Fluter.

Der Soziologe Michael Kimmel nennt das in seinem Buch „Angry White Men“ „Aggrieved Entitlement“: Weiße Männer seien gewohnt, allein aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Hautfarbe Anspruch auf sexuelle Befriedigung, wirtschaftlichen Erfolg und gesellschaftlichen Status zu haben. In diesem Recht fühlen sie sich in der modernen Gesellschaft gekränkt – und verwechseln die Abgabe von Privilegien mit Benachteiligung. „So wird Männlichkeit politisch, denn diese in ihrer Männlichkeit Verunsicherten sind leicht mobilisierbar für autoritäre Bewegungen“, so Kaiser.

Der Aufschrei Rechtskonservativer wie Owens über Harry Styles im Kleid auf dem Vogue-Cover, erscheint daher ein letztes Aufbegehren gegen den Verlust dominanter Männlichkeit. Susanne Kaiser sagt: „Wenn Maskulinisten das Bild vom soldatischen und natürlicherweise starken Mann heranziehen müssen, um ihre überlegene Stellung noch rechtfertigen zu können, dann stellen sie sich als Norm in Frage.“

Aber Owens ist doch eine Frau – warum sollte sie sich für patriarchale Strukturen und den Erhalt starrer Geschlechterrollen positionieren, wenn diese ihr vermeintlich schaden? Eine Theorie dazu findet sich in der Sozialpsychologie.

Peter Glick and Susan Fiske unterscheiden in ihrer „Ambivalenten-Sexismus-Theorie“ zwei Arten von Sexismus: feindseligen und wohlwollenden. Feindseliger Sexismus bedient negative Klischees, wie etwa: Frauen können nicht logisch denken, sind manipulativ oder streitlustig. Wohlwollender Sexismus basiert auf der Annahme, dass Frauen warmherzig und mütterlich, aber auch schwach und schützenswert seien. Bei psychologischen Tests trugen Personen mit besonders „wohlwollenden“ Klischees gegenüber Frauen oft auch feindselige Klischees in sich.

Frauen, die sich „wohlwollenden“ Geschlechterrollen anpassen, sind beliebter, schreibt die Psychologin Magdalena Zawisza. Am Arbeitsplatz zum Beispiel, oder in der Werbung. „Ist es dann wirklich so überraschend, dass einige Frauen den Feminismus ablehnen?“, fragt Zawisza. „Schließlich wollen wir alle gemocht werden.“

Das Resultat ist, wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu 1998 in seinem Buch „Die männliche Herrschaft“ analysiert, dass auch Frauen Geschlechterstereotypen verinnerlichen. Die Verteidigung des Status quo durch typische Männer- und Frauenbilder geht damit Hand in Hand. Candace Owens legte zwei Tage nach ihrem Tweet über männliche Männer nach, und schrieb: „Wartet, bis sie herausfinden, dass ich auch denke, dass Frauen weiblich sein sollten – und ich es genieße, für meinen Mann zu kochen und mich um ihn zu kümmern.“

Das ist dann vielleicht die gute Nachricht. Neue Vorstellungen von Männlichkeit sind längst dabei, sich zu manifestieren – und der wütende Widerstand ein Aufstand der Ängstlichen.

In einer Umfrage der Dating-Plattform „Bumble“ mit deutschlandweit 5.000 Teilnehmer:innen hielt über die Hälfte der Befragten Hilfsbereitschaft und Respekt für die wichtigsten Attribute des „modernen Mannes“ ebenso wie Einfühlungsvermögen (45 Prozent) und das bewusste Ablehnen sexistischen Verhaltens (41 Prozent). Als weniger „männlich“ schätzten die Umfrage-Teilnehmer:innen überraschenderweise stereotype „männliche“ Eigenschaften ein: Nur sieben Prozent fanden, der Mann solle Hauptverdiener sein, nur 13 Prozent legten Wert auf körperliche Stärke.

Warum diese neue Selbstverständlichkeit so sexy ist

Kehren wir noch einmal zu Harry Styles zurück. Als Owens öffentlich dessen „Entmannung“ diagnostiziert, reagiert der darauf nämlich ziemlich gelassen. Am 2. Dezember 2020 veröffentlicht Styles auf Instagram ein Foto. Darauf trägt er einen blauen Blazer mit Schulterpolstern und weißen Puffärmeln und beißt, den Blick geradeaus, in eine Banane. In der Bildunterschrift steht: „Bringt männliche Männer zurück.“ Der Mode-Journalist Derek Blasberg kommentiert: „Ein echter Mann kann eine Banane essen und dabei direkten Blickkontakt halten.“

Screenshot von einem Instagram-Post des Sängers Harry Styles.

Screenshot von Krautreporter

Und das ist der Punkt: Fragile Männlichkeit ist eben nicht sexy. Es ist nicht besonders männlich und auch nicht cool, wenn Männer sich in ihrer eigenen Männlichkeit so unsicher sind, dass sie sie ständig unter Beweis stellen müssen. Wenn Typen mit aufgeplusterter Brust durch den Club rennen und an die Decke gehen, sobald ein anderer Kerl mit ihrem Date spricht. Oder doch das Bier statt den Cocktail trinken, „weil das ein Frauengetränk“ sei.

„Viele Männer hegen den Glauben, Hypermaskulinität würde sie für Frauen attraktiver machen“, schreibt Jack Urwin in „Boys Don’t Cry“. „Sie haben kein wahres Selbstbewusstsein; ihre Bemühungen, männlich zu erscheinen, basieren eindeutig auf einer willkürlich zusammengestellten Liste. Vor allem aber begreifen sie nicht, dass Männlichkeit nicht das Gegenteil von Weiblichkeit ist.“

Jack Urwin spricht hier eine spezifische, heterosexuelle Männer-Frauen-Dynamik an. Männern abseits dieser Norm, also homosexuellen Männern oder Trans-Männern, widmet er ein eigenes Kapitel. Darin schreibt er: „Es gibt tatsächlich im Jahr 2016 noch Menschen, die überzeugt sind bzw. weiter der Vorstellung anhängen, schwule Männer können gar nicht besonders männlich sein.“ An dieser Realität hat sich in den vergangenen fünf Jahren wenig geändert.

Studien zeigen, dass schwule Männer oft das Gefühl haben, besonders „männlich“ wirken zu müssen – damit die Gesellschaft sie akzeptiert und Sexualpartner sie attraktiv finden. Homosexuelle Männer, die von normativen Vorstellungen von Männlichkeit abweichen, erleben in der eigenen Community Diskriminierung.

Diese Angst kennt auch Till Amelung: Der Trans-Mann erzählte bei einem Treffen mit KR-Reporterin Esther Göbel, dass er sich lange Zeit nicht getraut hätte, einen rosafarbenen Pulli zu tragen, weil er dachte, es könne seinem Passing schaden, also der Art und Weise, wie andere ihn als Mann wahrnehmen.

Deswegen ist es kein Angriff auf Männlichkeit, wenn Männer wie Styles, Holland oder Young Thug im Kleid über die roten Teppiche spazieren – auch, wenn Konservative wie Owens oder Shapiro das behaupten. Im Gegenteil. Es ist eine neue Männlichkeit. Eine Männlichkeit, die so sehr in sich ruht, die so selbstsicher ist, dass sie mit Geschlechterrollen brechen kann. Die zwar Stärke zeigt, aber eben anders, als wir es erwarten. Und die genau deshalb so unglaublich sexy ist.


Hinweis: In einer früheren Version des Artikels haben wir Sam Smith als „Sänger“ bezeichnet und mit dem Pronom „er“ angesprochen. Das ist nicht richtig, denn Smith identifiziert sich als non-binär. Den Satz haben wir entsprechen angepasst und mit einer Anmerkung versehen.

Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Till Rimmele

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