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Impfstart in Deutschland

Im ersten Berliner Impfzentrum: Und es klappt doch!

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Seit zwei Wochen lebe ich in der Zukunft: Kurz nach Weihnachten habe ich angefangen, im ersten Berliner Impfzentrum mitzuarbeiten. Während draußen der Lockdown verschärft wird und alleinerziehenden Müttern selbst die robustesten Geduldsfäden reißen, während Branche um Branche ums Überleben kämpft und sich sogar die Regierung über die Beschaffung des Impfstoffs streitet, herrscht im Impfzentrum Hoffnung.

Ja, es wird nochmal richtig unangenehm, bevor es besser wird. Aber dann wird es besser. Es arbeiten zu viele zu fähige Leute zu engagiert an dieser gigantischen Impfkampagne, als dass es nicht klappen könnte. Es ist die Stunde der Institutionen und ihrer Protagonisten. Es ist der Moment, in dem eine Gesellschaft zeigt, was sie kann.

Kurz vor Weihnachten erfuhr ich von einem Bekannten, der Manager einer Großraumdisko ist, dass das Deutsche Rote Kreuz (DRK) Leute sucht für das Impfzentrum in der „Arena“, einer riesigen Multifunktionshalle im Berliner Ortsteil Alt-Treptow. Er selbst hatte gerade einen Job dort angenommen. Erst klingt es merkwürdig, aber dann sofort logisch: Die Hilfsorganisationen suchen natürlich nicht nur Mediziner:innen. Sie suchen Leute, die im Angesicht großer Menschenmengen cool bleiben, sie suchen Konzertveranstalter:innen, Rezeptionist:innen, Aufnahmeleiter:innen beim Film. Alles Menschen, die gerade keine Arbeit haben. Das ist die produktive Ironie: Ausgerechnet die Leute, deren Branchen zu den am stärksten betroffenen gehören, haben die Kompetenzen, die es braucht, um uns da rauszuboxen.

Die auf der DRK-Webseite beschriebenen Aufgaben klingen einfach: Menschen beim Ausfüllen von Formularen helfen, Gehbehinderte in Rollstühlen durch die Halle fahren, Fieber messen, Personalausweisdaten abgleichen, Akkus aufladen, Nervöse beruhigen. Die Banalität des Guten.

Da das Impfzentrum im Vollbetrieb sieben Tage die Woche Menschen impfen soll, kann man auch am Wochenende aushelfen und die Arbeit wird bezahlt. Vor allem aber: Wie oft hat man die Möglichkeit, an etwas mitzuarbeiten, das gesamtgesellschaftliche Bedeutung hat und gleichzeitig verlässlich das Leben jeder einzelnen Person unmittelbar zum Besseren wendet. So gut wie jeder Mensch, der die riesige Halle an der Spree verlässt, wird 30 Tage später erstmal immun sein gegen das neue Coronavirus. Er wird vermutlich nicht schwer erkranken und sehr wahrscheinlich nicht an den Folgen der Infektion sterben. Wir wissen noch nicht, wie lange die Immunität vorhält, aber wenn es eine Maßnahme gibt, die jetzt sein muss, dann ist es die Impfung.

Ein altes Busdepot wird zur Kathedrale der Vernunft

Kurz vor Heiligabend schickte ich meine Bewerbung ab. Am zweiten Weihnachtsfeiertag erhielt ich noch am späten Abend einen Anruf vom Roten Kreuz – die Personalerin arbeitete offenbar durch. Sie stellte am Telefon irgendwie fest, dass ich offenbar „gut mit Menschen“ könne. Sie wollte wissen, ob ich im Prinzip willens wäre, auch etwas anderes zu machen als die Jobs, auf die ich mich beworben hatte (ja) oder ob ich auch alles im Wechsel machen würde (ja) und schloss dann mit der dringenden Bitte, „mindestens drei Mal täglich Mails zu checken, auch Spam“, denn es könnte schon morgen früh losgehen, also in etwa zwölf Stunden, Vertrag kommt später, danke, tschüss.

36 Stunden später ging es tatsächlich los. Vorher mussten aber noch zwei Stunden Onlineschulung durchgearbeitet werden. Die Schulungsvideos erlauben kein Vorspulen, dafür gibt es am Ende jeder Lektion einen Wissenstest: Es wird nicht nur abgefragt, was man sich irgendwie herleiten kann, sondern auch, was man in der letzten Lektion gelernt hat. Waren es Hygieneregeln? Die Einweisung in den Datenschutz? Mogeln unmöglich.

Am nächsten Tag um 7.30 Uhr fuhr ich nach Alt-Treptow. Die Arena ist 6.500 Quadratmeter groß und wurde 1927 als Busdepot gebaut. Damals war sie die größte freitragende Halle Europas. Das imposante Klinkergebäude stand während der deutschen Teilung im Todesstreifen der Berliner Mauer – und fungierte selbst dort noch als Busdepot und -werkstatt. Jetzt wird es ein Ort des Lebens, eine Kathedrale der Vernunft. Aber die Vernunft hat ihre Gegner, und auch wenn man ihr haltloses, strukturschwaches Geraune nicht mehr hören kann – man nimmt sie ernst: Auf dem Weg hörte ich im Radio, dass das Bundeskriminalamt vor Anschlägen radikalisierter Impfgegner auf Impfzentren warnt. Was immer diese Leute vorhaben: Leicht wird es ihnen nicht gemacht.

Es beginnt mit der Verkehrsführung rund um das Impfzentrum, kaum eine Straße lässt sich wie gewohnt befahren. Schon von Weitem sehe ich die Mannschaftswagen der Polizei, dann taucht die Bundeswehr auf und den Eingang versperrt ein privater Sicherheitsdienst. In der Halle setzt sich das Crescendo der Uniformierten fort. Menschen in Rotkreuzwesten, in den grünen Westen der Helfer:innen, den blauen der Teamleiter:innen, in Polizeiuniform und Soldat:innen mit allen möglichen Verbandsabzeichen. Niemand soll sich unerfasst und unbeobachtet durch das Impfzentrum bewegen.

Eine Mischung aus kühler Logistik, ausgefuchster Technik, brachialem Personaleinsatz – und Mitgefühl

Die Halle wurde mit den Wandsystemen und Türelementen des Messebaus in Gänge, Räume und Kabinen strukturiert. Für die „Impflinge“ (die wirklich so genannt werden, woran es auch Kritik gibt) ist der Ablauf trivial: anmelden, warten, Vorgespräch, pieks, warten, vorbei. Aber was hinter den Kulissen passiert, macht diese ganze Unternehmung so spannend. Es ist diese Mischung aus kühler Logistik, ausgefuchster Technik, brachialem Personaleinsatz und schließlich Einfühlung in die teils doch nervösen Besucher:innen. Denn es ist ja nicht nur eine Impfung mit einem gerade erst zugelassenen Mittel, sondern auch die ganze merkwürdige Operation, die vielen Uniformierten, diese riesige Maschine der Menschlichkeit.

In der Gruppe der rund dreißig Helfer:innen, mit denen ich zusammen eingewiesen wurde, halten sich Frauen und Männer etwa die Waage, wir sind zwischen Anfang zwanzig und Ende vierzig, einige sind arbeitslos, viele sind Freelancer, die keine Aufträge haben, für einige Schulabgänger:innen ist das Impfzentrum der erste Job. Einer meiner Kollegen ist professioneller Moderator und wenn er spricht, klingt es immer als liefe ein Radio.

Die Besucher:innen kommen nur mit einer Einladung und einem Termin überhaupt aufs Gelände. Am Eingang wird per Infrarot Fieber gemessen, dann bringen Helfer:innen die Besucher:innen zur Anmeldung. Dort war meine erste Station als Helfer. Ich saß in einer der 80 Registrierungskabinen vor einem der 80 brandneuen Computer, öffnete Firefox und loggte mich in die Terminvergabe- und Dokumentationssoftware ein, die die Firma DoctoLib für die Berliner Impfzentren gebaut hat. Das Programm rumpelt noch etwas, aber jeden Tag etwas weniger. Ich ging nochmal die Checkliste durch: Hat die Person tatsächlich einen Termin? Anamnesebogen komplett ausgefüllt? Wenn nicht, beim Ausfüllen helfen. Impfzettel für den Impfausweis vorbereitet? Datenschutzerklärung ausgehändigt? Impfindikation eintragen nicht vergessen, also den Grund, warum diese Person jetzt geimpft werden darf.

Wenn genug Impfstoff da ist, schafft die Arena 5.000 Impfungen am Tag

Ich habe nicht genug Zeit, die Checkliste zu Ende zu checken, meine erste Impfkandidatin erscheint. Ich höre die ältere Dame kaum durch die Plexiglasscheibe und ihre Maske, aber wir kriegen die Anmeldung zusammen hin.

„Guten Tag, ich weiß jetzt nicht, was brauchen Sie von mir?“

„Hallo, ich bräuchte Ihren Personalausweis und alle Papiere, die Sie dabeihaben, außer den Impfausweis, den brauche ich noch nicht.“

„Wissen Sie, ich habe diese Allergien, ich weiß nicht, ist das ein Problem?“

„Das kann ich Ihnen nicht sagen, aber Sie treffen gleich eine Ärztin oder einen Arzt, die können das beurteilen, ich leider nicht.“

Ihre Unterlagen sind vorbildlich ausgefüllt, sie kann sofort weiter in den Wartebereich vor den Impfkabinen. Ich schreibe ihr noch auf den Impfzettel, dass sie in drei Wochen nochmal vorbeikommen muss und sage ihr, dass die Impfung ihre maximale Wirkung erst eine Woche nach dem zweiten Termin entfaltet. In einer guten halben Stunde wird sie das Impfzentrum geimpft verlassen. Eine von Hunderttausenden, die in der „Arena“ noch geimpft werden. An meinem ersten Tag schafften wir 350, am zweiten schon über 700. Insgesamt bekamen hier bisher 19.389 Menschen ihre Impfung. Wenn genug Impfstoff da ist, schafft die Arena 5.000 am Tag. Dann ist aber auch Volllast.

Das Impfzentrum ist für alle das erste Impfzentrum. Wenn etwas nicht funktioniert, wird es geändert. Manches schon nach dem ersten Tag, auch am Wochenende. Es stellt sich heraus, dass die detaillierten Stellenbeschreibungen overengineered waren und es für alle Beteiligten besser ist, wenn man nicht den ganzen Tag dasselbe machen muss, sondern zwischen den verschiedenen Stationen rotiert. Also wurde das kurzerhand geändert.

In den Impfkabinen sind Bewegungsmelder installiert, die mit einer Software reden, um zu erfassen, wie lange eine Impfung inklusive Vorgespräch mit Ärztin oder Arzt tatsächlich dauert. Und ob eine Kabine frei ist oder nicht. Diese Daten werden auf riesigen, vertikal aufgehängten Bildschirmen angezeigt. Es ist ein ausgefuchstes System, insbesondere dafür, dass es das dazugehörige Problem vor ein paar Tagen noch nicht einmal gab.

Andere Probleme wiederum werden mit schierer Personalpower gelöst, so das Management des Wartebereichs nach der Anmeldung, kurz vor der eigentlichen Impfung. Wer am längsten wartet, ist als Nächstes dran, doch wer wartet am längsten? Durch mehrere Eingänge strömen die Impfwilligen. Die brachiale, aber funktionierende Lösung: Eine Handvoll Soldat:innen behält das Geschehen im Auge, zählt mit und berichtet, wer der Nächste ist. Auch so geht es.

Wenn genug Helfer:innen der Hilfsorganisationen eingearbeitet sind, kann die Bundeswehr „abziehen“, wie es im Impfzentrum heißt. Bis dahin macht die Bundeswehr sich nützlich – da die Soldat:innen als Erste da waren, kennen sie viele Details der Abläufe, haben Bedienungstipps für die Software und wenn man seinen Arbeitsplatz verlässt und vergisst, sich auszuloggen, findet sich ein:e Soldat:in und loggt dich aus.

Impfkampagnen sind die große Gegenerzählung zu dem romantischen Streben „zurück zur Natur“

Plötzlich soll ich selbst geimpft werden. Als Mitarbeiter des Impfzentrums bin ich jetzt ein Mensch der Kategorie „§2–4: Mitarbeitender medizinischer Einrichtungen mit sehr hohem Corona-Expositionsrisiko“. Ich verlasse also meinen Platz im Anmeldungsbereich und wechsle die Seiten.

„Hallo, ich soll geimpft werden.“

„Ihren Personalausweis und den Anamnesebogen bitte.“

Nach der Anmeldung muss ich doch noch mal an meinen Arbeitsplatz, weil ich nicht wusste, wann ich dran war – ich hatte ja keine Einladung bekommen. Also suche ich mich selbst im System – mein Termin ist in vier Minuten. Ein Soldat bringt mich in eine Impfkabine, das Aufklärungsgespräch kann der Arzt überspringen.

Der Impfstoff wird im „Aufbereitungsbereich“ am anderen Ende der Arena aufgetaut und aus Durchstechflaschen in Spritzen gezogen. Jedes Fläschchen enthält fünf Impfdosen, die mit je 1,8 Milliliter Natriumchloridlösung (9 Milligramm/Milliliter) pro Spritze verdünnt werden müssen. (Man kann auch sechs Dosen aus einem Fläschchen ziehen, wenn man feinere Nadeln benutzt. Das ist in der EU bislang nicht erlaubt, ändert sich aber in den nächsten Tagen.)

Wie ein mRNA-Impfstoff funktioniert und alles, was man über den neuen Corona-Impfstoff wissen muss, hat meine Kollegin Esther Göbel hier verständlich erklärt.

Impfkampagnen sind Kristallisationspunkte des Fortschritts, der Zivilisation. Hier zeigt sich, was der Mensch leisten kann, wenn er nur will. Impfkampagnen sind die große Gegenerzählung zu dem romantischen, aber eigentlich reaktionären Streben „zurück zur Natur“. Dieses Naturbild ist eine Erfindung, künstlich angelegt und gepflegt wie fast der gesamte deutsche Wald. Aber die Natur ist nicht nur Wald, Wiese und Eichhörnchen. Zur Natur gehört auch, dass sie uns an den Kragen will, dass sie in unsere Zellen eindringen will, bis sich unsere Lungen entzünden und wir keine Luft mehr bekommen.

Aber auch wir sind Teil der Natur und zwar der, der Staaten gründet und mit ihrer finanziellen Hilfe überall auf der Welt die RNA erforscht, Glas zu Durchstechflaschen bläst, Desinfektionsmittel, Kühltechnik, Flugzeuge, Trucks, Satelliten und Elektronenrastermikroskope erfindet, das erste Coronavirus entdeckt (durch die Engländerin June Almeida), klinische Studien mit Zehntausenden Freiwilligen durchführt, Maschinen baut, die mRNA produzieren, diese in die Durchstechflaschen füllt, sie in mit Kühltechnik ausgestattete Flugzeuge und Trucks lädt, mit ihnen, von Navigationssatelliten orientiert, in eines der 27 geheimen deutschen Verteilzentren oder zu einem zentralen Umschlagplatz der Bundeswehr in Niedersachsen fährt (der aber so geheim ist, dass die Bundesregierung seine Existenz dementiert) und dann von dort zu den Aufbereitungsbereichen der Impfzentren weitertransportiert, wo wir den Impfstoff auftauen, mit Kochsalzlösung verdünnen, in Spritzen aufziehen, diese in durchsichtige Plastiktüten stecken, in einem Wägelchen in den Gang auf der Rückseite der Impfkabinen fahren, in dem die Ärztinnen und Ärzte in Halbtagesschichten arbeiten, die Aufkleber mit der Chargennummer beifügen, aus der hervorgeht, aus welcher Produktionsserie der Impfstoff stammt, woraufhin jemand die Plastiktüte öffnet, eine andere Person die vorbereiteten Spritzen entnimmt, an jahrelang ausgebildete Fachleute übergibt, die den Impfstoff in unsere desinfizierten Oberarme injiziert, wo er unsere Zellen dazu anregt, die Coronaspikes zu produzieren, die unsere Immunsysteme in genau das richtige Maß von Aktivität versetzen, damit sie die Antikörper produzieren, die verhindern, dass das Virus, wenn wir es einatmen, in unsere Zellen eindringt.

Die Injektion dauert keine drei Sekunden und ich habe Comirnaty – das ist der Handelsname des Biontech/Pfizer-Impfstoffs – im linken Oberarmmuskel. Es wird kurz warm an der Einstichstelle, das ist alles. Ich könne in den Tagen nach der Impfung müde und abgeschlagen sein, sagt der Arzt, aber das sei es dann auch schon. Ein Soldat fotografiert in der Zwischenzeit meinen Personalausweis und alle Dokumente, die ich unterschrieben hatte und schließlich das Impfblatt, auf das der Arzt den Chargen-Aufkleber aufgebracht hat. Es wird sich hinterher noch genau nachvollziehen lassen, welche Charge in welchem Arm gelandet ist. Dann bringt mich ein Soldat zu einem DRK-Mitarbeiter, der geht mit mir an den Dutzenden anderen Impfkabinen vorbei, übergibt mich an einen zweiten DRK-Mitarbeiter, der mich in den „Beobachtungsbereich“ bringt. You’ll never walk alone.

Die dreißig Minuten, in denen ich mit den anderen frisch Geimpften auf eine allergische Reaktion warte, sind die unangenehmste Zeit des Tages. Ich kann nichts tun, außer mich selbst und die Sanitäter:innen zu beobachten, wie sie mich beobachten. Wir schauen auf die riesige Wanduhr, während die mRNA, die vor Kurzem noch bei minus 70 Grad vor sich hindämmerte, ihre Botschaft in unsere Zellen auszusenden beginnt. Am nächsten Tag bin ich müde, wahrscheinlich von der Impfung, vielleicht aber auch von den zehn Stunden im Impfzentrum. Bemerkenswerte Nebenwirkungen gab es sonst keine.

Impfzentren sind Zivilisation in Aktion

Mittlerweile sind auch die Über-90-Jährigen dran. Meist sagen sie nicht viel, denn für sie ist alles mühsam: Die vielen Unterlagen, die Maske, die Orientierung. Eine Dame schiebt ihren Rollator in eine Impfkabine.

„Ich bin ja ganz begeistert, wie Sie das alles organisiert haben hier. Das haben Sie doch bestimmt geübt vorher!“

„Ja, ein bisschen.“

Dann zeigt sie mir, dass sie sich extra ein Oberteil aus Stretch angezogen hat, damit sie schnell den Ärmel hochziehen kann.

Ja, wir haben jetzt ein Jahr Epidemie und machen immer noch Fehler. Aber das ist normal. Es heißt, die EU habe die Impfstoffe zu spät zugelassen, dann zu wenig bestellt und generell zu wenig bezahlt. In Israel haben schon zehn Prozent der Bevölkerung die erste Impfdosis erhalten, in Deutschland nicht mal ein Prozent. Doch im Hintergrund wird an der Rückkehr zur Normalität gearbeitet. Das Leben geht weiter, diesmal wortwörtlich.

Wir werden das Virus nicht mit esoterischem Wunschdenken, Verschwörungsmythen oder hetzerischen Lügen besiegen. Wir besiegen das Virus mit Vernunft und Menschlichkeit. Nur die Unvernünftigen, die Unverbesserlichen, machen keine Fehler. Sie haben immer schon alles gewusst, glauben nichts, wollen aber auch nichts wissen. Wer vernünftig ist, lernt aus Fehlern, ändert seine Ansichten, wird besser. Wer menschlich ist, lässt Fehler zu.

Impfkampagnen sind gleichermaßen kühl kalkulierte Logistik und warme Humanität, sie sind Choreografien der Vernunft, sie sind Zivilisation in Aktion. Sie existieren, damit wir rausgehen können, ohne andere mit unseren Aerosolen ins Krankenhaus zu bringen. Sie existieren, damit wir weiter von der Natur träumen können, von den Wäldern, Seen und Eichhörnchen.


Nachtrag 7. Januar 2021, 15:14: In einer ersten Version des Textes hieß es, das Gebäude, das heute die „Arena“ ist, hätte ungenutzt im Todesstreifen gelegen. Tatsächlich lief der Betrieb als Omnibushalle und -werkstatt auch im Mauerstreifen weiter.

Redaktion: Bent Freiwald, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Till Rimmele.

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