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Schulschließungen

Babsi und die unsichtbaren Kinder

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Babsi Winkler läuft zur Bushaltestelle, als ihr Handy klingelt. Es ist zehn Uhr morgens, ein Sommertag Mitte Juni. Sie kramt in der Hosentasche, nimmt den Anruf an, hört zu und schweigt. Schweigt bis zum Bus. Langsam nickt sie, bleibt stehen und flüstert: „Scheiße“. Sie legt auf, ihre Knie zittern.

Babsi erzählt mir ein paar Tage später am Telefon, was an diesem Vormittag passierte. Sie klingt mitgenommen. Mitgenommen und müde.

Denn als Babsi eineinhalb Stunden später in der Schule ankommt, wartet Mary in ihrem Büro. Mary, sieben Jahre alt, erzählt, wie sie sich in der Nacht zuvor mit ihren Geschwistern im Kinderzimmer einsperrt, während ihr Vater nebenan mit einem Stück Holz auf die Mutter einschlägt. Auf die Oberarme schlägt er, erzählt Mary, in den Bauch, immer wieder in den Bauch. Mary erzählt, wie ihre Mutter schreit, wie ihr Bruder dazwischen springt. Und wie ihre große Schwester schließlich die Polizei ruft.

Babsi Winkler arbeitet als Erzieherin an einer Grundschule in einer westdeutschen Großstadt. Die Schule ist das, was gerne verkürzt als „Brennpunktschule“ bezeichnet wird. Babsi findet, dieses Wort trifft es. „Viel mehr Brennpunkt geht doch nicht!?“, sagt sie. Was sie damit meint: Kinder mit Migrationshintergrund: 95 Prozent. Eltern, die Hartz 4 beziehen: offiziell nicht erfasst, Babsi sagt: wahrscheinlich die Hälfte.

An dieser Schule betreut sie zehn Kinder und ihre Familien. Pausenbrote schmieren, den Schulranzen packen, die Kinder rechtzeitig wecken – was für Millionen Eltern in Deutschland Routine ist, muss Babsi hier hart erkämpfen. Sie sagt: „Ab vier Uhr nachmittags verkümmern die Kinder. Und wenn die nicht in die Schule gehen, dann verkümmern die den ganzen Tag.“

Einige von Babsis Kindern sind übers Mittelmeer geflüchtet. Für manche von ihnen ist Angst ein tägliches Gefühl. Babsis Familien sind auseinandergebrochen oder stehen kurz davor. Viele Eltern finden keinen Job, manche lassen ihre Kinder verwahrlosen, manche schlagen zu.

Zur Pandemie gehörte von Anfang an die Frage: Welche Orte können wir schließen, welche müssen offen bleiben? Wie systemrelevant sind Friseure, Theater, Baumärkte? Über keinen Ort wurde die Debatte so hart geführt wie über Schulen. An kaum einem anderen Ort sind die Kosten eines Lockdowns so hoch.

Für viele Eltern bedeuten geschlossene Schulen: Homeschooling, Doppelbelastung, gesprengte Zoomcalls. Für Babsis Kinder bedeuten geschlossene Schulen: Stress, Enge, Gewalt. Jede Woche sterben in Deutschland drei Kinder an den Folgen von Gewalt. Jeden Tag werden zehn bis zwölf misshandelt, 43 sexuell missbraucht. Laut Bundeskriminalamt findet Gewalt gegen Kinder meistens hinter verschlossenen Türen statt, also zuhause. Diese Zahlen aber sind Zahlen vor dem Lockdown.

Auf der Seite des Bundeskriminalamts kann man sich sowohl die Zusammenfassung als auch die genaue Statistik herunterladen.

Mitte März verlieren Babsis Kinder von einem Tag auf den nächsten ihren sicheren Zufluchtsort: die Schule. Und Babsi verliert das wichtigste Werkzeug, das sie als Erzieherin hat: den direkten Kontakt. Von da an treibt sie Woche für Woche eine Frage an: Wie schütze ich diese Kinder – vor Einsamkeit, ihren Eltern und sich selbst? Nicht immer wird ihr das gelingen.

Ich habe Babsi Winkler seit dem ersten Lockdown im März begleitet, neun Monate lang. Wir haben wöchentlich telefoniert, hin und her geschrieben, Bilder geschickt. Als es wieder möglich war, habe ich sie und die Kinder besucht. Babsi hat mir Einblicke gegeben, die das Innerste von Familien treffen. Deswegen habe ich ihr und den Familien in dieser Geschichte andere Namen gegeben. Alle richtigen Namen sind mir bekannt.

März: Ein VW-Bus voller Geschenke

Vor drei Jahren hat das Jugendamt gemeinsam mit Babsis Schule entschieden, einen Platz für eine Erzieherin zu bezahlen. Der Auftrag geht an einen freien Träger. Babsi soll ausgewählte Kinder und ihre Eltern in ihrem Alltag begleiten. Die Kinder sieht Babsi seitdem jeden Tag, die Eltern müssen mindestens einmal pro Woche zu ihr in die Schule kommen. Die Voraussetzung: Sie müssen bereit sein, sich helfen zu lassen.

Bei den wöchentlichen Treffen geht es meistens nicht um Hausaufgaben oder Schulnoten. Manchmal geht es um Haferflocken: Wo kann man sowas kaufen? Kann man die mit Wasser essen? Es geht um die Brille, die Karim nicht mehr passt, um die Zähne, die Fatima immer noch weh tun. Vor Babsi sitzen meist Eltern, die nicht für ihre Kinder sorgen können, weil sie nicht für sich selbst sorgen können. Wenn Babsi sich nicht kümmert, kümmert sich wahrscheinlich niemand.

„Ein Großteil meiner Arbeit“, sagt Babsi, „besteht darin, die Situation in Familien zu sehen und einzuschätzen.“ Was ist noch akzeptabel? Ab wann muss man das Jugendamt rufen?

Am 12. März sagt Angela Merkel: „Die Schließung der Kitas und Schulen ist eine Option.“ 24 Stunden später, an einem Freitag, verkündet mit Mecklenburg-Vorpommern das letzte deutsche Bundesland: Alle Schüler:innen bleiben ab der kommenden Woche zuhause, bis auf Weiteres.

Ab dem 16. März kann Babsi die Kinder nicht mehr sehen. Sehen, das bedeutet, auf die kleinen Dinge zu achten: Warum macht Dayo heute so große Augen? Wieso kaut Matty so viel an seinen Fingernägeln? Ist das Angst in diesem Blick? Sind das blaue Flecke am Arm? Wenn Babsi nicht sehen kann, kann sie die Situation in den Familien nicht einschätzen.

Im März, als gerade halb Deutschland über Verbindungsprobleme bei Zoom witzelt, erzählt mir ein KR-Mitglied von Babsi. Es sagt: „Ist ja toll, wie gut das Homeschooling bei manchen Familien funktioniert. Aber sprich mal mit Babsi.“ Als ich sie anrufe, sagt sie mir: „Ich habe Angst, dass die Kinder geschlagen werden.“ Ich schreibe alles auf und veröffentliche unser Gespräch als Protokoll. Aber es lässt mich nicht los: Wie wird es den Kindern jetzt, ohne Schule, gehen? Ich rufe Babsi nochmal an und frage sie, ob sie sich vorstellen kann, jede Woche mit mir zu telefonieren. Von da an begrüßt sie mich immer Dienstags mit einem langgezogenen „Haaalloooo“, das sich anfühlt wie eine freundschaftliche Umarmung.

Babsi ist 57 Jahre alt und genau 1,61 Meter groß – auf den Zentimeter legt sie wert, solange es ihn noch gibt. Sie trägt eine dunkelbraune Kurzhaarfrisur, praktisch und meistens auch Nest für ihre Brille. Ihren Job nennt sie „das Tanzen am Abgrund“ und lacht dabei, so wie sie eigentlich immer lacht, wenn sie von den Kindern erzählt, die sie betreut. Manchmal, weil die Geschichten wirklich witzig sind. Meistens, weil sie zu traurig sind, um nicht zu lachen.

Als die Schulen schließen, ruft Babsis Chefin an. „Du wirst jetzt überall gebraucht“, sagt sie. „Kannst du nicht im Altersheim aushelfen? Die Kinder kannst du jetzt doch eh nicht sehen.“ Babsi sagt zur Chefin: „Ich kann die Kinder jetzt doch nicht hängen lassen!“ Und zu mir: „Die kann mich mal!“

An diesem Tag beginnt Babsis Mission. Auf eigene Verantwortung, stellt die Chefin klar. Babsi ruft ihre Familien an, die jetzt zuhause sein müssten. Sie erreicht nicht alle. Also schickt sie ihnen Briefe: „Ich erreiche Sie telefonisch nicht und bin in Sorge“, schreibt sie in großer Schrift, damit die Eltern es leichter lesen können. „Melden Sie sich, wenn Sie Hilfe brauchen!“ Sie legt frankierte Briefumschläge mit in den Brief, damit die Kinder ihr antworten können. Für viele Kinder, das erfährt sie später, ist das der erste Brief, den sie in ihrem Leben bekommen.

In ihrem Freundeskreis sammelt Babsi Spenden. Sie schreibt eine Rundmail und verteilt den Aufruf in den sozialen Netzwerken. Nach drei Minuten bekommt sie die erste Rückmeldung. Nach 24 Stunden sagt sie: „Das überrennt mich.“ Als wir telefonieren, quetscht sich ihre Zuversicht im Wohnzimmer zwischen 20 gestapelte Kartons. Darin: Holzspiele, Mensch ärgere dich nicht, Playmobil, Puzzles, Tonpapier, Tuschkästen und Filzstifte für die Kinder. Ketten, Fußbäder, Handcremes und Duschgels für die Mütter. „Das ist Wahnsinn“, sagt Babsi. Wir sprechen nur kurz und sie spricht schnell.

Am nächsten Tag kommt ein Freund von Babsi mit seinem VW-Bus vorbei, sie laden alles ein, für jede Familie eine Kiste, und fahren los. Sie klingelt bei den Familien, einige Kinder lehnen sich schon aus dem Fenster, sehen sie kommen. „Frau Winkleeeer!“, rufen sie. Vier Geschwister stolpern auf die Straße und umkreisen sie. Der Kleinste wuchtet die Kiste hoch, sie ist fast so groß wie er. Später bekommt sie eine Whatsapp-Nachricht von seiner Mutter: „Sie sind eine großartige Frau! Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Dankeschön!“ Und eine Sprachnachricht von deren Sohn Malek: „Die Sachen haben mir alle gefallen. Danke für alles, du bist sehr nett, Frau Winkler!“

Schon mit 18 arbeitet Babsi zum ersten Mal für den Kinderschutzbund. Sie arbeitet in Kinderheimen, in einer Kinder- und Jugendbücherei, sie betreut Autist:innen, dann wechselt sie in einen Waldkindergarten und organisiert pädagogische Führungen und Freizeiten. „Irgendwie ging es mir schon immer darum, Kinder zu schützen, die sonst niemand beschützt“, sagt sie.

April: Die Not der Anderen

Die Schulen sind jetzt seit drei Wochen geschlossen. Manche von Babsis Kindern sind seit drei Wochen eingeklemmt zwischen Haustür und Fernseher, weil die Eltern sie nicht rauslassen. „Da draußen ist das Virus“, sagt ein Vater ihr am Telefon, „da gehen wir nicht hin“.

Zumindest funktioniert der regelmäßige Kontakt mit den Kindern per Telefon und Brief jetzt. Am Telefon fragt Babsi die Kinder, ob es ihnen gut geht. Sie antworten dann immer gleich: „Jap! Geht gut!“ Nur Jason, ein achtjähriger Junge aus Marokko, sagt einmal leise: „Nein, geht es mir nicht.“

Einen Tag später klingelt Babsi um elf Uhr an seiner Tür. Die Eltern und seine drei Geschwister schlafen noch, nur Jason kommt runter auf die Straße. Er trägt noch seinen Schlafanzug, der eine Ärmel ist hochgekrempelt. Zwischen den grauen Wohnblöcken wirkt er noch kleiner als sonst. Babsi und Jason halten Abstand, aber er greift immer wieder nach ihren Händen, als müsste er sich festhalten, um zu reden. Babsi wird mir später am Telefon sagen: „Da wackelte ein ganzer Mensch.“

Vor den Wohnblöcken fragt Babsi Jason: „Geht´s dir gut?“

„Nee“, antwortet Jason.

„Warum geht es dir nicht gut?“, fragt Babsi.

„Hm“, antwortet Jason.

„Wirst du geschlagen?“, fragt Babsi.

„Ne“, sagt Jason.

„Aber du hast Angst?“

„Hm“, sagt Jason. „Wenn ich mich nicht benehme, muss ich ins Heim.“

Wenn das körperliche, geistige oder seelische Wohl eines Kindes unmittelbar beeinträchtigt oder bedroht ist, so steht es im Gesetz, muss der Staat einschreiten. Babsi muss das dann dem Jugendamt melden. „Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung“ heißt das offiziell. „8a“ nennt Babsi das kurz, nach dem Paragraphen im Jugendschutzgesetz.

Meistens befinden sich die Familien, die Babsi betreut, in einer Grauzone. Den Kindern geht es zu gut, um Kindeswohlgefährdung beim Jugendamt zu melden, aber zu schlecht, um ohne Hilfe von außen klarzukommen. Und manchmal macht ein Anruf beim Jugendamt etwas kaputt. Babsis Währung ist Vertrauen. Die Familien müssen ihr vertrauen, um sie in ihr Leben zu lassen. Und Vertrauen ist hart erarbeitet und schnell verspielt. Die Eltern könnten sich dann komplett zurückziehen und niemanden mehr in die Familie lassen.

Dieses Mal schreibt Babsi dem Jugendamt eine E-Mail. Es ist nicht die erste wegen Jason.

Es ist jetzt Mitte April. In Babsis Schule gibt es eine Notbetreuung für Kinder all der Menschen, die das Land während der Pandemie am Laufen halten: Pfleger:innen, Ärzt:innen und Kassierer:innen.

Ein Schüler hält mehrere Briefumschläge in der während er vor Plastikablagekörben kniet.
Nur langsam öffnen Deutschlands Schulen wieder ihre Türen. Zunächst nur für die Kinder von Eltern mit systemrelevanten Jobs.

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Babsis Kinder gehören nicht dazu, ihre Eltern haben keinen systemrelevanten Job, sie haben gar keinen Job. Babsi nervt ihren Schulleiter und kontaktiert das Jugendamt, bis alle einwilligen und vier Kinder aus ihrer Maßnahme in die Notbetreuung aufnehmen. „Dass diese Kinder endlich wieder zuhause rauskommen, das ist systemrelevant!“, sagt sie.

Schon am ersten Tag der Notbetreuung merkt sie: Den Pullover trägt Adofo schon viel zu lange! Sie merkt: Zum ersten Mal seit Wochen hat Jason wieder einen Stift in der Hand – er kann ihn kaum ruhig halten. Kinderbeine tappen unterm Tisch, schnell und unregelmäßig.

Am ersten Tag nach den Osterferien erzählt Adofo, acht Jahre alt und aus Ghana, dass er jeden Tag auf seinen kleinen Bruder aufpassen muss. Er bringt ihm Deutsch bei, weil seine Mutter das nicht macht. Er kommt ohne Pausenbrot in die Schule, weil seine Mutter noch schläft, wenn sein Wecker klingelt. Selbst an seinem Geburtstag steht sie morgens nicht auf. Als Babsi das hört, kauft sie ein eingeschweißtes Puzzle für 1,50 Euro und schenkt es ihm. „Wow!“, sagt er, „das ist mein Lieblingspuzzle!“

Wenn Babsi an solchen Tagen nach Hause kommt, trinkt sie ein großes Glas Weißwein im Garten ihres schmalen Reihenhauses. Seit ihre Kinder ausgezogen ist, warten zuhause nur noch zwei Katzen. Babsis Haus liegt eineinhalb Stunden von ihrer Schule und der Großstadt entfernt und mischt sich nicht ein. Babsi sagt: „Die Entfernung hilft.“

Vielleicht, sagt Babsi, hätte sie als Kind auch eine erwachsene Babsi in ihrem Leben gebraucht. Wenn sie von ihrer Kindheit spricht, spricht sie leiser als sonst. Sie legt sich die Wörter dann vorsichtig zurecht.

Sie spricht von „Verwahrlosung auf hohem Niveau“. Ihre Eltern hatten ein Sternerestaurant an der Nordsee. An Weihnachten gab es Seezunge und an Silvester Champagner. Babsi sagt: „Ich wurde emotional verwahrlost. Die Sicherheit, dass meine Mutter mich liebt, egal was kommt, hatte ich nie.“ Ihre Mutter war ein Totalausfall, jähzornig und unberechenbar. Sie habe ihr ständig Druck gemacht. Eine drei in Mathe war nicht gut genug, eigentlich war nie etwas gut genug. Als Kind fühlte Babsi sich oft alleingelassen. Niemand sollte sich alleingelassen fühlen, sagt sie.

Ihr Vater habe es nie geschafft, das aufzufangen. Er stirbt, als sie schon erwachsen ist. Ein paar Wochen nach seinem Tod, erzählt Babsi mir am Telefon, steht sie draußen und brüllt in den Himmel Richtung Vater: „Warum hast du uns nicht beschützt??“

Mit 15 bleibt Babsi mehrmals sitzen und meldet sich selbst auf der Hauptschule an. Sie holt den Hauptschulabschluss nach, dann den Realschulabschluss, und macht schließlich Abitur.

Bedingungslose Annahme und Liebe, sagt Babsi, sind die wichtigste Erfahrung, die Kinder machen müssen. „Mehr braucht es fast nicht.“ In ihrer eigenen Kindheit bekam sie die manchmal von ihrem Vater, von ihrer zehn Jahre älteren Schwester, vor allem aber von der Mutter einer Schulfreundin. „Da habe ich eine ganz andere Welt kennengelernt. Eine Welt voller Verständnis, voller Zeit.“ Babsi sagt, das hat Strahlkraft. „Das kann einen Teufelskreis durchbrechen.“

Mitte April besorgt Babsi zwei Skateboards, 15 Euro pro Stück, nicht hochwertig, aber sie rollen. Sie schleift Adofo und Jason zu Decathlon und kauft ihnen Helme in knall-gelb.

Die Jungs wollen die Skateboards im Stadtpark ausprobieren. Auf dem Weg dahin sagt Adofo: „Eigentlich ist es total scheiße, dass es in Deutschland keine Kinderarbeit gibt.“

„Warum das denn?“, fragt Babsi.

„Na, weil ich dann nicht selbst arbeiten kann.“

„Warum solltest du denn arbeiten?“

„Dann kann ich meiner Mutter Geld geben. Die hat ja keins. So einen Helm zum Beispiel“, sagt er und zeigt auf seinen Kopf, „kann sie sich nicht leisten. Sie muss Brot kaufen.“

„Du machst gefälligst einen Abschluss und fängst eine Ausbildung an. Danach kannst du arbeiten. Ich weiß, dass du das kannst! Du musst dafür aber im Unterricht mitmachen!“

Babsi sagt, sie kann mit den Jungs nur so reden, weil sie ganz genau wissen, wie sie es meint. Weil sie wissen, dass sie ihr vertrauen können und sie ihnen nichts Schlechtes will. Egal, was kommt.

Ende April hat sich das Jugendamt immer noch nicht wegen Jason gemeldet. Babsi nimmt Urlaub. An die Kinder denkt sie jetzt nur selten. „Da kann ich ganz gut Abstand halten“, sagt sie.

Fünf Tage später endet ihr Urlaub, als eine Mutter anruft. „Babsi“, sagt sie, „unsere Waschmaschine ist seit Wochen kaputt.“

Am Ende des Gesprächs, Babsi will schon auflegen, stockt die Mutter noch einmal. „Meine Tochter Yara hat Angst!“, sagt sie dann. „Mein Mann ist so aggressiv.“ Normalerweise, das weiß Babsi, wohnt der Ehemann in einer anderen Stadt und soll der Familie fern bleiben. Und normalerweise, das weiß Babsi auch, würde sich die Mutter nicht an sie wenden. „Sie können sich jederzeit melden“, sagt Babsi. „Verstecken Sie ein Handy und rufen Sie an, wenn was passiert. Gehen Sie raus auf die Straße, nehmen Sie sich ein Taxi und fahren zur Schule!“

Nur eine Woche später trifft sie die Mutter in der Schule. Sie bedankt sich für die Waschmaschine, die mittlerweile angeschlossen wurde. Und erzählt, dass ihr Mann wieder bei ihr wohnt.

Als Babsi mir diese Geschichte am Telefon erzählt, fängt sie an zu schreien: „Da reißt du dir so lange den Arsch auf und dann kommt sowas! Wie bekloppt kann man eigentlich sein? Der Typ schlägt seine Frau! Und sie fällt ihm wieder in die Arme!“

„Früher war ich da irgendwie gelassener“, sagt sie dann. An solchen Tagen, erzählt Babsi, fehlt ihr ihr bester Freund am meisten. Erst nach ein paar Minuten verstehe ich, dass ihr bester Freund ihr verstorbener Mann ist. „Sollte der Ehemann nicht immer der beste Freund sein?“, fragt sie.

Ihr bester Freund stolperte in ihr Leben, weil sie in ihn hinein stolperte. Auf einem Weihnachtsmarkt, auf der Suche nach einem Tannenbaum, rannte sie ihn um. Dann ging alles schnell. Zusammenziehen, zwei Kinder, das Reihenhaus. Konzerte, Theater, Oper. Tolles Essen, teures Essen! Sie waren viel unterwegs. „Wir waren uns sehr ähnlich“, sagt Babsi, „sehr lebendig.“ Vor sieben Jahren starb ihr bester Freund. Sein Krebs kam schnell und heftig. Eigentlich wollten sie noch heiraten, aber die Zeit hat nicht gereicht. Heute fehlt ihr die Rückendeckung, die Ablenkung. Babsi geht jetzt nicht mehr so oft raus.

Mai: Verlorenes Vertrauen

Die Schulen sind jetzt, im Mai, wieder geöffnet. Auf dem Schulhof sieht Babsi ein Geschwisterpaar aus dem Kongo, Mary, sieben, und Rick, zehn, das sie schon vor dem Lockdown beobachtet hat. Sie gehören nicht zu ihrer Familiengruppe, sie sehen nicht gut aus. Sie beschließt, sie im Auge zu behalten.

An einem Dienstag steht Dayo, acht Jahre alt, in Babsis Büro, ein Zweitklässler aus Nigeria, mit Fieber. Sie will ihn nach Hause schicken, aber er fleht sie an: „Bitte, bitte, nicht nach Hause! Es ist doch schon viel besser!“ Dabei zittert er und schüttelt sich.

„Ich wusste nicht, dass ein schwarzes Kind so blass sein kann“, sagt Babsi. Dayo wohnt mit vier Geschwistern und seinen Eltern auf insgesamt 45 Quadratmetern, seine Mutter ist psychisch krank, sein kleiner Bruder geistig behindert.

Ein Treppenabsatz welcher mit einem Warnungszeichen versehen ist.
Deutschlands Schulen sehen jetzt anders aus. Lehrkräfte und Schulleitungen haben ihre Gebäude auf die neuen Hygienemaßnahmen eingestellt.

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Warum rufst du denn in so einem Fall nicht das Jugendamt, frage ich Babsi am Telefon. Sie sagt: „Was nützt es diesem kleinen Jungen? Dann fährt einer vom Jugendamt raus und sagt der Mutter: ‚Frau Winkler hat Sie angezeigt.‘ Dann kann ich einpacken. Dann verlieren die anderen Mütter das Vertrauen in mich. Und mit Pech entscheidet das Jugendamt nur, eine Helferin alle zwei Wochen für zwei Stunden vorbeizuschicken.“

In unseren Telefonaten wirkt Babsi jede Woche gestresster. Sie wirft dann Fragen in den Raum, auf die sie keine Antworten hat. „Das sind zehn Familien! 50 Menschen! Wie soll ich das denn schaffen?“ Ihre zwei Katzen versorgen sich mittlerweile selbst, sie hat eine große Tüte Katzenfutter in den Garten gestellt.

Wegen Jason hat sich das Jugendamt immer noch nicht gemeldet. Dann erfährt sie, dass die zuständige Sachbearbeiterin derzeit gar nicht im Dienst ist. Ihre E-Mails sind nie angekommen.

Plötzlich geht alles ganz schnell. Ein unerfahrener Kollege vom Jugendamt ruft bei der Familie an und spricht am Telefon mit den Kindern – ohne, dass die Eltern davon wissen.

Mitte Mai erzählt Babsi: „Das ist eine unnötige Eskalation. Der muss zuerst mit den Eltern reden. Der Vater schäumt vor Wut. Der wusste ja nicht mal, dass das Jugendamt eingeschaltet ist. Der Kollege ist quasi mit der Machete reingegangen und hat jede Menge Scherben hinterlassen.“

Ein paar Tage später meldet der Vater Jason von Babsis Familiengruppe ab.

Als der Chef vom Jugendamt in die Schule kommt, macht sie ihrem Ärger Luft. Warum werden nicht mehr Kinder in Obhut genommen? Warum antwortet niemand auf die Mails?

Der Mann schießt zurück: Babsi benutze seit Monaten bei ihren Anträgen die falschen Formulierungen und Aktenzeichen. Babsi soll von nun an selbst alle Entscheidungen vor Ort treffen. Wenn Kinder geschlagen werden, müsse sie das anzeigen – ansonsten solle sie das Jugendamt in Ruhe lassen.

Als wir telefonieren, wirkt sie zum ersten Mal hoffnungslos. „So verzweifelt wie jetzt“, sagt sie, „war ich noch nie. Dieser Job ist der Wahnsinn. Ich weiß nicht, wie ich das weitermachen soll. Das alles übersteigt meine Arbeitskraft.“

Dann wird sie etwas ruhiger. Das Jugendamt ist selbst überlastet, sagt sie. Seit Jahren fehle Personal. Wenn mal jemand krank sei, säßen da nur noch vier alte Hasen und kümmerten sich um eine ganze Großstadt.
„Diesen Streit anzufangen, war auch dumm. Die Hand, die dich füttert, schlägst du nicht.“

Babsi Winkler ist jetzt auf sich allein gestellt. Und sie zählt jetzt die Tage bis zu den Sommerferien: 38.

38 Tage bis zum Urlaub in Kroatien. 38 Tage bis zur Angst.

Juni: Kinder im Regen

Wenn die Kinder schon nach drei Wochen Lockdown kaum wieder zu erkennen sind – wie wird das erst nach sechs Wochen Sommerferien? Eigentlich hatte Babsi eine Freizeit im Wald geplant. Aber alle Klassenfahrten sind mittlerweile verboten.

Sie ruft trotzdem bei der Stadt an. Dort sagt man ihr, ihren Ausflug könne man eigentlich nicht finanzieren. „Dann machen sie es uneigentlich!“, sagt Babsi.

Eine Woche später hat sie die Zusage: Die Stadt bezahlt. Eine Woche in einer Villa mitten im Wald, klettern, toben, abseilen. Und einen Erlebnispädagogen, der sie begleitet, hat sie auch gefunden.

Babsi lacht jetzt wieder, wenn wir telefonieren.

Sie darf sogar noch zwei Kinder mehr mitnehmen, als ursprünglich geplant. Und sie weiß auch sofort, wer diese zwei Kinder sind: Mary und ihr Bruder Rick, das Geschwisterpaar aus dem Kongo, das sie in den letzten Wochen regelmäßig mit in den Park zum Skateboarden genommen hat, obwohl die beiden kein Teil der Familiengruppe sind. Sie weiß: Eigentlich müsste sie beide aufnehmen. Sie weiß aber auch: Eigentlich gilt das für alle Kinder der Schule.

Eine Woche vor den Ferien, es ist ein Dienstag, bleibt Babsi vormittags zu Hause. Sie muss Formulare ausfüllen, für die Stadt und den Pädagogen, Papierkram macht sie lieber zuhause.

An diesem Morgen hat sie zum ersten Mal seit langem richtig Vorfreude. Sie dreht kroatischen Pop auf, eine Vorbereitung auf den Sommerurlaub. Sie tanzt in die Küche, in die Sandalen und aus dem Haus.

Um zehn Uhr morgens, zwei Stunden nach Schulbeginn, geht Babsi zur Bushaltestelle. Dann klingelt ihr Handy.

Eine Lehrerin ist dran. Sie spricht schnell: Marys Vater. Der Polizeieinsatz. Die Schläge. „Mensch Babsi, wo bleibst du denn?“, fragt sie. Als Babsi mir davon berichtet, spricht sie ganz leise.

Als Babsi in der Schule ankommt, sitzen Mary und ihre Klassenlehrerin schon in ihrem Büro. Die laute Schule ist dort ganz ruhig. Babsi setzt sich zu Mary. Mary erzählt und zittert. Sie möchte wissen, ob ihr Vater ins Gefängnis muss – und für wie viele Jahre. Ob sie ihn jemals wiedersehen wird. Zwischendurch zuckt sie zusammen und schüttelt sich. Sie fragt:

„Warum guckst du so erschrocken, Babsi?“

„Warum hast du den Mund so offen?“

„Schreist du gleich?“

Babsi schreit nicht. Als Mary sich beruhigt, schenkt sie ihr eine Federtasche aus Plüsch. Auf kleine Zettel soll sie schreiben, was sie glücklich macht. Dann soll sie die Zettel in die Federtasche stecken und immer dann rausholen, wenn es ihr nicht gut geht. Sie steckt auch eine Visitenkarte von Babsi herein. Babsi hat darauf geschrieben: „Wenn Mary Angst hat, Babsi anrufen! “

Die Polizei spricht Marys Vater ein Annäherungsverbot aus. Zunächst für zehn Tage, dann wird es verlängert auf ein halbes Jahr.

Am letzten Schultag vor den Sommerferien treffe ich Babsi endlich persönlich. Während Deutschland Abstand hält, toben zehn Kinder durch ihr Büro. Gleich gehen sie los, der letzte Ausflug in den Stadtpark. Auf dem Sofa stapeln sich die Skateboards, auf dem Boden die Kinder. Rick benutzt ein Skateboard als Gitarre und springt im Kreis. Drei Mütter kommen vorbei und unterschreiben den Antrag für die Ferienfreizeit.

Im Stadtpark streiten sich Matty und Rick. „Warum dürfen Mary und Rick denn mit in die Villa?“, fragt Matty. „Die gehören doch gar nicht zu unserer Familiengruppe!“

„Matty, weißt du, manchmal musst du mir vertrauen, dass das schon okay ist“, sagt Babsi. Die Kinder stehen im Halbkreis und blicken sie fragend an. Mary stemmt ihre Hände in die Hüfte und sagt: „Mein Papa hat meine Mama geschlagen, die musste dann ins Krankenhaus und deswegen darf er jetzt zehn Jahre nicht mehr zu uns. Deswegen dürfen wir mit fahren, weil Babsi sagt, wir müssen auch mal rauskommen.“

Am Abend sitzen Babsi und ich auf der Bank in ihrem Garten. Sie hat Pizza bestellt, beim Dönerladen um die Ecke, dazu gibt es Kölsch. Wenn sie das Klackern der Schalke-Fahnen vom Nachbargrundstück hört (nicht ihre!, betont sie), denkt sie an den Wind der Nordsee, an den Wind ihrer Kindheit. „Ich kann das Salz dann fast riechen“, sagt sie.

Der freie Platz in Babsis Gruppe, den Jasons Eltern hinterlassen haben, ist noch unbesetzt. Mary und Rick wird sie nicht aufnehmen. „Das mache ich nicht, das schaffe ich nicht.“ Bei Mary und Rick müsste sie jeden Tag entscheiden, ob sie das Jugendamt kontaktiert. „Das raubt mir zu viel Energie. Ich kann dem nicht gerecht werden. Die anderen Kinder brauchen mich.“ Auch das muss eine Erzieherin tun: Kinder im Regen stehen lassen, um anderen zu helfen.

„Ganz ehrlich“, sagt Babsi, betrachtet die Zigarette in ihrer Hand und lacht, „heute hätte ich auch nichts dagegen, wenn das ein Joint wäre.“

Wie viele Kinder während des ersten Lockdowns zuhause geschlagen wurden, weiß man noch nicht. Eine Studie von der Technischen Universität München besagt, dass Kinder in 6,5 Prozent der Haushalte im April und Mai gewalttätig bestraft wurden. Die Notbetreuung während der Schulschließungen hatten nur einen Zweck: Der Mutter im Pflegeheim oder dem Vater an der Supermarktkasse die Arbeit zu ermöglichen. Sie hatte nicht den Zweck, die Kinder zu schützen, die zuhause keinen Schutz bekommen.

Seit Monaten wird in Deutschland über diese Frage diskutiert: Sind die Schulen sicher? Geht es um Corona-Infektionen, ist die Datenlage unklar. Klar ist: Für zu viele Kinder in Deutschland ist ihr Zuhause unsicher. Da ist die Datenlage eindeutig. Die Kultusminister:innen dieses Landes wissen das. Es ist einer der Gründe, warum sie seit Monaten am Präsenzunterricht festhalten, wann immer es geht.

„Bei all dem Leid“, sagt Babsi, „meine Familien sind diejenigen, bei denen es noch Hoffnung gibt. Die wirklich brisanten Fälle lassen eine Erzieherin wie mich gar nicht an sie heran. Diese Kinder werden komplett vergessen“, sagt Babsi.

In der dritten Woche der Sommerferien treffen sich Babsis Kinder an der Schule. Heute geht's in die Villa im Wald. Dayo hievt einen viel zu großen Koffer um die Ecke, den er selbst gepackt hat. Er trägt zerfetzte Schuhe und die gleiche, schmutzige Nylonjacke wie vor den Sommerferien.

Mary und Rick kommen auch, sie rennen auf den Bus zu. Dahinter kommt die Mutter. Sie geht Hand in Hand mit ihrem Ehemann.

In den Sommerferien reißt mein Kontakt zu Babsi ab. Seit dem Herbst telefonieren wir unregelmäßig. „Die Corona-Zeit hat viel kaputt gemacht“, sagt sie. Das wöchentliche Treffen mit den Eltern findet immer noch nicht wieder statt. Babsi sagt: „Ich soll mich um Familien kümmern, sehe aber einen großen Teil von ihnen gar nicht mehr.“

Babsi versucht trotzdem, Kontakt zu halten, per Telefon, Mail oder Whatsapp. „Manchmal locke ich die Eltern auch mit Kleinigkeiten in die Schule, für eine Unterschrift oder so.“

Am 14. Dezember schließen die Schulen in Nordrhein-Westfalen für den zweiten Lockdown. Eine Notbetreuung für Babsis Kinder gibt es dieses Mal nicht.

Acht Tage vor Weihnachten holt sie die Kinder nochmal für eine Weihnachtsfeier zusammen. Sie verteilt Playmobil, Kuscheltiere, Stifte und Bücher. Jedes Kind nimmt sie zur Seite: „Wir sehen uns heute das letzte Mal. Wenn irgendwas ist, ruf mich an! Du hast ja meine Nummer.“


Redaktion: Philipp Daum, Schlussredaktion: Tarek Barkouni, Bildredaktion: Till Rimmele.

Nachtrag am 18.12.2020: Ich habe den Beginn des achtes Absatzes nachträglich verändert, da vorher der Eindruck entstehen konnte, dass Gewalt und Verwahrlosung in Mittelschichtsfamilien nicht vorkommen.

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