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Sich verbunden fühlen mit der Natur

Ein großes grünes Trostpflaster – wieso ich ständig im Wald bin

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Mein Freund, der Baum ist hart. Seine stumpfe, tiefgefurchte Borke drückt an der Wange. Ich schlinge meine Arme um ihn – genauer gesagt: sie, es ist eine Stieleiche. Ich umarme ihren Stamm, um zu fassen, zu begreifen, was genau die Auswirkungen von Naturnähe sind. Denn das soll sehr gut für mich sein: „Einen Baum anfassen und Leben spüren“, lese ich im Netz oder „Auftanken unter einer Eiche, meditieren unter der Weide, träumen unter einer Linde. Stärke kann man einatmen, lehren uns die Bäume.“ Vieles im Netz zum Thema Naturerfahrung klingt schon sehr esoterisch. Und oft so schwammig, wie die kleinen orangebraunen Pilz-Gebilde, die am Stamm „meiner“ Eiche hocken.

Bei einer Umarmung nicht zurückumarmt zu werden, ist nie ein gutes Gefühl. Von außen muss es umständlich aussehen: Weil unten Wurzeln für Abstand sorgen, am Stamm dichter Efeu und stachelige Hundsrosen ranken, stehe ich mit dem Rest meines Köpers etwa zwei Handbreit vom Baum entfernt. Verbiege mich. Und fühle mich wie beim Umtrunk eines ungeliebten Kollegen, den man umarmt, weil es alle machen. Und nicht zu kurz, weil alle zugucken. Hier gibt es keine Zuschauer, ich stehe am frühen Abend mitten im Mischwald, südlich von meinem westfälischen Heimatdorf.

Nehme ich das mit dem Umarmen wörtlich, dann habe ich außer einem Abdruck im Gesicht persönlich nicht so viel davon. Auch diesmal nicht, ich habe es schon öfter versucht, wollte aber herausfinden, ob es sich nicht inzwischen, nach vielen Wochen Quality time im Wald, besser anfühlt. Aber es bleibt seltsam. Ich gehe weiter, um einen anderen Baum zu finden. Den werde ich nicht mehr knuddeln.

Ich gehe planlos in den Wald

Für viele Menschen, besonders die in Städten, ist es mit einem gewissen Aufwand verbunden, in den nächsten Wald zu gelangen. Und manche wissen auch gar nicht, was sie da sollen, ohne Plan oder Aufgabe. Sie sind ja nicht Städter:innen geworden, weil sie durchs Unterholz strolchen wollen, sondern lieber durch die Shops und Cafés im Citydschungel. „Ja, und was machst du da dann so?“, das höre ich oft, auch von Menschen, die auf dem Land leben, wenn ich erzähle, dass ich wieder im Wald war. Das meine ich nicht überheblich. Zwischen Bäumen lernt man, dass man gar nicht immer was machen muss.

Vielleicht habe ich da zugegeben einen kleinen Standortvorteil. Auch wenn mein Hauptwohnsitz mitten in Hamburg ist, hatte ich schon immer einen kurzen Weg in den Wald. Da, wo ich aufgewachsen bin, war die Natur das einzig wirklich Aufregende. Auch in meiner Familie kam ich schwer drum herum. Als Kind nervte es mich zwar tierisch, wenn mein Vater, Jäger und Waldpädagoge, beim Sonntagsspaziergang schon wieder einen Kuckuck imitierte oder minutenlang an einer Pfütze stehenblieb, um flüchtige Abdrücke schließlich als Dachsspuren zu identifizieren. Es war mir fast peinlich, auch dass er immer grüne Sachen anhatte. Das ist mir heute unbegreiflich, längst ist Natur meine Leidenschaft Nr. 1 und ich bewundere meinen Vater für sein Wissen und seine Gelassenheit, die ich größtenteils auf seine Lebensmittelpunkte Wald und Garten zurückführe. Sein Kommentar, wenn ich mich über jemand im Job- oder Freundeskontext aufrege: „Was stört‘s die alte Eiche, wenn sich eine Sau dran kratzt?“ Dem muss man eigentlich nie was hinzufügen. Ich kann es heute immer kaum erwarten, den Wald meiner Kindheit, naja, eigentlich jeden Wald, der nicht bei Drei auf den Bäumen ist, aufzusuchen.

In Island empfahl die Forstbehörde neulich als Ausgleich allen, die während des Social Distancing keine anderen Menschen umarmen können, das mit Bäumen zu machen („aber nicht alle mit demselben“) – für mich waren viele Stunden im Wald während der ersten Corona-Hochphase wie ein großes, grünes Trostpflaster. Auch deshalb verbrachte ich sie bei meinen Eltern auf dem Land.

Bäume zu umarmen, ist auch eine Protestbewegung

Menschen gehen mit Bäumen auf Tuchfühlung, um ein Zeichen zu setzen, nicht erst seit den Protesten des Anti-Kohle-Bündnisses „Ende Gelände“ im Hambacher Forst: Im Jahr 1730 hielten sich 294 Männer und 69 Frauen der hinduistischen Glaubensrichtung Bishnoi an den Bäumen in ihrem Dorf im indischen Rajasthan fest, um zu verhindern, dass die als Baumaterial für einen Palast gefällt wurden. Die Bishnoi leben bis heute nach 29 spirituellen Glaubenssätzen, unter anderem: „Fälle niemals einen Baum und beschneide keinen grünenden Baum“, und: „Töte kein Tier, egal, wie klein es ist.“ Alle 363 Baumhüter:innen sollen damals von Soldaten getötet worden sein, die Bäume wurden gefällt. Schließlich erließ der Maharadscha aber ein Dekret, das das Fällen in den Dörfern von den Bishnoi verbot.

Die tragische, heldenhafte Geschichte beeinflusste wiederum die sogenannte Chipko-Bewegung – Widerstand von vor allem Frauen, die sich zuerst in ländlichen Bezirken der nordindischen Region Uttarakhand ab den 1970er Jahren schützend gegen die Bäume stellten und einen Kreis um sie bildeten, um die kommerzielle Abholzung zu stoppen, die krasse Auswirkungen auf das Ökosystem und damit den Verlust ihrer Lebensgrundlage zur Folge hatte.

Wie man den Wald vor seiner Haustür schützen kann, hat meine Kollegin Mara Löffler untersucht:

Seid umschlungen, Fichten. Aber nur symbolisch

Das Treehugging, Bäume umarmen, ist natürlich auch im übertragenen Sinne gemeint. Es ist ein Lebensgefühl (viele würden sagen: ein Trend), bei dem es erst mal darum geht, die Natur zu – dafür gibt es leider kein gutes deutsches Wort – embracen, sie anzunehmen, zu umarmen, intensiver in Kontakt mit ihr zu kommen, Pflanzen und Tiere zu beobachten, sich ihnen offen zu nähern, sie nicht zu stören oder zu beschädigen, sondern zu respektieren. To embrace bedeutet aber auch: sich etwas aneignen. Zu der Frage, was eigentlich der Baum davon hat, komme ich noch. Man kann das Bäumeumarmen aber vermutlich nicht nicht politisch sehen.

Nach ein paar Minuten bei meinem abendlichen Waldspaziergang hier finde ich eine Stelle, die mir spontan gefällt. Eine gerade gewachsene Buche am Waldrand. So habe ich freien Blick aufs Feld. Falls Rehe aus dem Dickicht kommen. An einer Seite ist eine Kuhle im Waldboden, ein verlassener Bau vermutlich. Ich lasse mich nieder, lehne mich an den Stamm. Der Stamm ist im Gegensatz zur Eiche von eben glatt und grau, bis auf wenige Erhebungen und weiße Flecken, die ich als Pilze einordne. Ich mag es, über die Rinde von Bäumen zu streichen. Aber nicht, weil ich das Gefühl habe, es überträgt sich Energie oder so. Mir gefällt einfach die geriffelte, gefurchte oder glatte Struktur und die Kühle an meinen Handflächen. Dann sitze ich da, tue, was ich hier meistens tue: Erstmal absichtslos rumhängen.

Was für ein Vogel singt da sein „Witt-Witt“? Und der andere, der da so trällert? Wer sind sie, was denken sie? Haben sie Angst, sind sie fröhlich? Ich habe keinen blassen Schimmer. Ich weiß nicht mal, ob es der Buche hier lästig ist, dass ich an ihr lehne. Ob sie ein Bewusstsein dafür hat, das schön oder sonst wie zu finden. Aber vielleicht muss man Bäume auch nicht vermenschlichen, wie es Deutschlands Baumflüsterer Nr. 1, Peter Wohlleben,von Wissenschaftlern vorgeworfen wird. Dass Bäume ihre „Kinder stillen“ sollen, hat mich auch etwas stutzig gemacht.

Wald wirkt, wirklich

Nicht parat zu haben, welche Tiere ich da höre, welche Arten von Pflanzen ich da sehe, hat mich früher im Wald etwas kirre gemacht. Man will ja immer alles wissen, alles erklären. Im Grunde genommen weiß ich aber gar nichts über den Wald und alles, was in ihm lebt. Mir fehlen die Werkzeuge zu ihrer Bestimmung. Ich wollte anfangs immer ein Artenlexikon, einen Förster, ein Biologie-Diplom an die Hand. Erst nach und nach wurde mir im Grunde egal, ob ich Arten bestimmen kann oder nicht. Wissen und Verstehen stellen sich hier auf andere Weise ein:

Mein Alltag ist voll von Entscheidungen, Besorgungen, Erledigungen und alles in allem gespickt mit äußerst lästigen, organisatorischen Angelegenheiten. Ich meine damit nicht unbedingt gestresst, aber es gibt immer Dinge zu regeln. Manchmal bin ich davon mürbe und übersättigt. Hier nicht. Ich habe nichts vor und ich muss auch nichts erledigen, ich sitze einfach nur da und werde ruhig. Ich atme ruhiger, mein ganzer Apparat fährt irgendwie runter. Jetzt gerade habe ich sehr wohl das Gefühl, einzusinken, trotz des harten Baumstamms im Rücken. Gleichzeitig gibt er mir Halt. Manchmal schreibe ich im Wald. Ich muss aber nichts beackern. Totale Zweckfreiheit. Jedes Mal gibt es diesen Punkt, an dem ich förmlich fühlen kann, wie alles leichter wird.
Diese positiven Effekte des Waldes für unseren Organismus sind längst wissenschaftlich nachgewiesen: Das Grün beruhigt nicht nur unsere Psyche, schon ein Spaziergang im Wald sorgt für eine niedrigere Herzfrequenz, sagt etwa der Grazer Physiologe Maximilian Moser übrigens auch, dass schon das Schlafen in einem Naturholzbett Wunder wirke.

Bestimmte Duftstoffe, die Bäume ausdünsten, um miteinander Informationen zu tauschen (etwa über Schädlinge oder auch, um Insekten anzulocken, die die Schädlinge vernichten), die so genannten Terpene, stärken unser Immunsystem. Das lässt sich sogar messen, in Form von mehr Abwehrzellen nach einem Aufenthalt im Wald. Vor allem Japan ist hier ein Vorreiter, das Waldbaden, also ein bewusst erlebter, oft geführter Aufenthalt im Wald wurde hier erstmals definiert und wissenschaftlich untersucht. „Shinrin Yoku“ bedeutet „baden im Wald“, meint aber nicht das Schwimmen in einem See, sondern eher das Ein- und Abtauchen in die Atmosphäre des Waldes.

Schön: Ich spiele keine Rolle

Auch jetzt, im Juli, liegt ein Blättermeer am Boden vor meinem Sitzplatz an der Buche. Ich nehme eins zur näheren Betrachtung in die Hand. Das Blatt ist oben ledrig braun, unten ockerfarbig und vielleicht sechs Zentimeter lang und länglich eiförmig zugespitzt, an der Basis zum Stiel leicht herzförmig, ansonsten wie ein Laubbaum in Miniatur geformt. Das Blatt hat am Rand kleine Zacken oder Zähnchen, der Stiel formt eine S-Kurve und man kann wohl sagen, dass dieses Blatt der herkömmlichen Vorstellung eines Blattes entspricht. Die Oberfläche ist leicht angeraut, wenn ich darüberstreiche, entsteht ein kratziges Geräusch. Spätestens jetzt hat mich der Wald verschluckt.

Normalerweise verbringe ich viel Zeit mit dem Nachdenken über mich selbst, darüber, was in meiner und der gesamten Welt so vor sich geht. Wer ich bin, was ich will, was ich muss und vor allem: Wie es morgen mit mir weitergeht. Wie viele Menschen betrachte ich mich als den Mittelpunkt der Welt, weil ich die Dinge in der Regel aus meiner Perspektive denke, wie auch sonst. Aber hier, in freier Wildbahn, ist es, als wären schlagartig für alle Gedanken an Szenarien, Termine und Sorgen der Aus-Knopf gedrückt. Als würde ich mich auflösen oder komplett leermachen. Das meine ich mit Leichtwerden. Es ist wie Meditation.

So pathetisch es vielleicht klingt: Angesichts der uralten, riesigen Bäume und der Millionen Dinge, die hier auf dem Waldboden sind, all der Erde, den Ästen, dem Moos und den Eicheln, den Bucheckern, Gräsern und Blüten, den Käferpanzern und dem Knochenmehl, den Ameisen, den Nadeln und Blättern, den Samen und der Losung und Millionen Dinge mehr, wird mir klar, ob bewusst oder unbewusst, dass ich jetzt gerade und im Grunde genommen völlig unwichtig bin. Hier ist völlig egal, wer ich bin oder was ich „da draußen“ sonst so mache, ob ich Geld habe, viele Freunde oder sonstigen Erfolg.

Dieses Gefühl nennt man Demut – und es ist vielleicht die logischste Erklärung dafür, warum der Wald mir so guttut. Warum ich anderen immer davon erzählen will. „Demut oder Ehrfurcht lassen uns als kleines Stück von etwas Größerem sehen“, beschreibt es Jennifer Stellar, Professorin am Institut für Psychologie an der Universität von Toronto. Zusammen mit anderen Psycholog:innen und Neurowissenschaftler:innen erforscht sie den Zusammenhang von Ehrfurcht und Staunen für das menschliche Wohlbefinden.

Wenn wir uns durch Ehrfurcht klein fühlen, erleben wir ein Gefühl der „Selbstverringerung“, nehmen uns als Teil von etwas Größerem wahr (ganz im Gegensatz zu den frustrierenden Gefühlen, die wir erleben, wenn uns jemand klein macht). Egoistische Tendenzen, wie Anspruchsdenken, Arroganz und Narzissmus treten in den Hintergrund, so Stellars Kollegin Amie Gordon. Deshalb fühlen wir uns verbunden. Das erleben wir nicht nur in der Natur, aber Zeit in der Natur sehen die Wissenschaftlerinnen als einen wichtigen Auslöser. Ich sehe mich nicht mehr als Mittelpunkt, sondern Mikro-Teilchen in dieser wabernden, wachsenden organischen Welt. Und davon haben wir beide was, ich und der Wald: Wie würde man angesichts einer solchen Erfahrung nicht zustimmen, dass er als Ökosystem nicht nur total faszinierend, sondern in höchstem Maße schützenswert ist?

Inzwischen dämmert es. Ein Stockwerk über mir, im Wipfel des Nachbarbaums, eine Tanne (oder Kiefer ...?), futtert ein Eichhörnchen, ich sehe es nur schemenhaft, hin und wieder lässt es Zapfenteile auf den Boden fallen. Ich höre leises Nagen. Eine fast schwarze Maus läuft ins Bild, hält inne, bemerkt den Fehler (mich) und huscht unter leisem Rascheln weg. Eine fast weiße Mini-Spinne klettert einen Halm hoch und wieder herunter, was absichtslos aussieht, es aber sicher nicht ist. Dann sehe ich, dass sie ihren Faden von meinem Hosenbein aus gesponnen hat. War ich so bewegungslos, so eins mit der Natur, dass sie mich mit einer Pflanze verwechselt hat?

Manchmal erwische ich mich dabei, spektakulärere Tiere sehen zu wollen, wie neulich die Fuchswelpen oder das Kitz, das bis auf wenige Meter auf mich zu lief, um sich dann, als es erkannte, dass ich kein Artgenosse und womöglich gefährlich bin, erschrocken ins Dickicht zu verdünnisieren.

Egal, wen oder was ich sehe: Ich gehe eigentlich immer mit diesem großartigen Gefühl nach Hause, ganz klein zu sein.


Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Martin Gommel

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