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Die anderen und ich, Folge 3

Postbotensohn trifft Unternehmertochter – wie sehr prägt uns unsere Klasse?

von Benjamin  Hindrichs
etwa 21 Min. Lesedauer
Die anderen und ich
3 Folgen
Die anderen und ich
Wir gehen raus zu Menschen, die wir in unserem normalen Leben wohl nie treffen würden. Um nachzufragen, zuzuhören – und um die Kluft vielleicht ein Stück weit zu überwinden.

11.30 Uhr, Westerland auf Sylt: Starker Westwind fegt über die Brandung, die Gischt schäumt in der Sonne. Als wir mit den Knöcheln im Wasser stehen, wirft Freya die Arme in die Luft und saugt die salzige Nordseeluft ein. Auf Sylt hat sie Schwimmen gelernt, zahllose Sandburgen in die Flut gebaut und ist beinahe im Watt ertrunken. Die Insel ist ihr Zufluchtsort. Seit ihrer Kindheit kommt sie mehrmals im Jahr her – und wird eines Tages das Familienhaus erben.

Freya (betrachtet das Meer): Ganz ehrlich? Wenn ich alt bin, können mich alle am Arsch lecken. Dann beziehe ich ein Stück von dem Haus und vermiete den Rest an Menschen, die nicht komplett scheiße sind. Damit habe ich dann meine Rente abgedeckt.

Ich: Ich könnte mir Schlimmeres vorstellen. Hast du denn gar keine Angst vor der Zukunft?

Freya: Nee. Ich bin tiefenentspannt. Ich möchte diese Butze haben und mein Gemüse im Garten anbauen. Wenn alle Stricke reißen, wäre das hier das Schlimmste, was mir passieren könnte. Das gibt mir eine Entspannung, die ich als sehr luxuriös empfinde. Hast du halt nicht.

Ich: Stimmt, habe ich nicht. Das ist einer der großen Vorteile, wenn man wohlhabend ist: Man kann es sich leisten, sorglos zu sein.

Freya: Ja, Sorglosigkeit und Unbefangenheit sind riesige Privilegien. Ich habe eine Kollegin, die wahnsinnige Angst vor Arbeitslosigkeit hat. Die war total panisch zu Beginn der Corona-Krise. Und dadurch, dass sie so Angst hatte, auch sehr erpressbar.

Ich: Und du nicht?

Freya: Wie gesagt: Wenn alle Stricke reißen, gehe ich halt nach Sylt.

Freya und ich kommen aus sehr verschiedenen Klassen. Ihr Vater ist Unternehmer, meiner Postbote. Ihre Eltern leben auf Sylt und in einem Golfresort in Südafrika, meine bei Remscheid. Sie ist zwischen Golfclub und Privatschule aufgewachsen, ich in einer Großfamilie, in der das Geld immer knapp war. Auswärts essen? Sie im Sternerestaurant, ich im Dönerladen. Urlaub? Sie in Thailand, ich im Zelt. Freya ist Mitte 30, ich bin zehn Jahre jünger. Vor kurzem hat sie sich mit Unterstützung ihres Vaters eine 100-Quadratmeter-Wohnung in Hamburg gekauft – für mich beinahe unvorstellbar.

Die Begriffe „Klasse“ und „Schicht“ fassen Menschen zusammen, die aus ähnlichen gesellschaftlichen Verhältnissen kommen. Das heißt: Ungefähr gleich viel (oder wenig) verdienen und besitzen. Denn das beeinflusst nicht nur unsere Lebenschancen, sondern auch unsere inneren Einstellungen: Menschen, die vergleichbare Erfahrungen machen, haben oft auch ähnliche Bedürfnisse, Werte und Interessen. Und die spiegeln sich auch in unserem Verhalten und Auftreten: Wer von klein auf regelmäßig ins Theater geht, weiß, wie er sich dort zu verhalten hat. Jemand, dessen Eltern dafür kein Geld hatten, weiß das nicht. In der Soziologie heißt dieses Auftreten „Habitus“.

Während wir umgangssprachlich oft von „Schichten“ sprechen, verwende ich in diesem Artikel gezielt den Begriff „Klasse“. Das mache ich, weil der Begriff soziale Ungleichheit und daraus folgende, gesellschaftliche Konflikte nicht bloß darstellt, sondern ihre wirtschaftlichen Ursachen betont. Die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sozialen Herkunft heißt „Klassismus“.

Wie stark prägt uns unsere Herkunft? Um das herauszufinden, habe ich Freya auf Sylt getroffen. Sie möchte anonym bleiben, um offen über ihre Eltern, ihre Wut und ihre Verletzlichkeit sprechen zu können. Deswegen habe ich ihren Vornamen in dieser Geschichte geändert. Ihr richtiger Name ist mir bekannt.

In meiner Familie bin ich der Erste, der studiert. Dabei merke ich fast jeden Tag, wie groß der Vorsprung von Menschen wie Freya ist. Menschen, die nicht arbeiten müssen und mehr Zeit fürs Studium haben, die sich keine Gedanken um den Wocheneinkauf machen, und ihre Praktika über Bekannte ihrer Eltern bekommen. Ich finde das unfair. Weil ich für den gleichen Lebensstandard doppelt oder dreimal so viel arbeiten muss. Und weil es mich unglaublich nervt, wenn mir Freunde mit wohlhabenden Eltern sagen, ich solle doch nicht so gestresst sein. Oder sich beschweren, wenn sie doch mal einen Nebenjob annehmen müssen. Da reagiere ich allergisch. Die sollen sich nicht so anstellen – und das Gejammer sein lassen. Denn wer ohne Geldsorgen aufwächst, hat doch eigentlich keine echten Probleme, oder?

Ich: Wann ist dir aufgefallen, dass du wohlhabend bist?

Freya: Schwierig zu sagen. Man landet ja in der gleichen Peergroup.

Ich: Wie meinst du das?

Freya: Ich war auf einer Privatschule. Viele dort hatten wohlhabende Eltern. Ein Klassenkamerad hat alle zwei Wochen 500 Euro Taschengeld bekommen. Mir ist erst viel später bewusst geworden, dass ich viel Geld habe, mit Mitte, Ende 20, durch meinen Ex-Freund. Für ihn war das immer ein Thema.

Wer kein Geld hat, kann nicht die Person sein, die er sein möchte

Ich: Mir ist schon früh aufgefallen, dass ich aus ärmeren Verhältnissen komme als viele meiner Freunde. Wenn ich mit ihnen weggefahren bin, war ich die Person, die im Restaurant gesagt hat: Nee, kein Hunger. Und sich dann später ein Brötchen im Supermarkt geholt hat. Sobald ich Geld ausgebe, ist da diese Stimme, die fragt: Kann ich mir das wirklich leisten?

Freya: Ich denke tatsächlich nicht darüber nach, ob ich Geld ausgebe. Aber ich trinke nicht, ich rauche nicht, ich konsumiere keine Drogen. Ich brauche nicht viel. Manchmal schaue ich mir aber den Hartz-IV-Satz an – ich wüsste nicht, wie ich davon leben sollte.

Ich: Ich komme mit extrem wenig Geld aus. Zu Beginn der Corona-Zeit mit etwa 100 Euro im Monat.

Freya: Das werde ich bei einem Einkauf im Bioladen los!

Im Bioladen einkaufen – das würde ich auch gern. Trotzdem empfinde ich für Menschen aus wohlhabenden Verhältnissen keinen Neid, eher eine Mischung aus Trotz und Scham. Trotz, weil ich mir immer wieder denke: Es ist eben leicht, sich durch ethisch korrekten Konsum moralisch überlegen zu fühlen. Muss man sich nur leisten können. Scham, weil meine finanzielle Situation es mir nicht ermöglicht, der zu sein, der ich gerne sein möchte: Jemand, der selbstlos und großzügig durchs Leben geht – und ethisch korrekt konsumiert.

12.20 Uhr. Wir steuern auf die Uferpromenade zu, einen Friesencrêpe holen: mit Butter, Zimt, Zucker und Vanilleeis. Ich schiele auf die Preise, Freya winkt ab und lädt ein. Während sie ansteht, sichere ich uns einen Platz auf einer Bank und lehne mich zurück, Leute beobachten. Sylt trägt herbes Parfüm, Steppjacke und Segelschuhe, trinkt gerne Champagner, sagt „Moin“ und hat immer eine Regenjacke dabei. Freya ist tätowiert, trägt Jutebeutel, schwarze Schlaghose aus Cord und Bandshirt. Sie fällt auf. Doch das stört sie nicht, im Gegenteil. Von dieser Selbstinszenierung grenzt sie sich bewusst ab – innerlich wie äußerlich. Daraus ziehe sie durchaus ein gewisses Überlegenheitsgefühl, erzählt sie. Ihr Vater wirft ihr deshalb vor, „wahnsinnig arrogant“ zu sein.

Bei mir zu Hause: Gleicher Vorwurf, anderer Hintergrund. Meine Eltern fühlen sich als Verlierer der Globalisierung. Seit ich mich erinnern kann, bestimmt die Angst vor dem gesellschaftlichen Abstieg ihre Haltung zur Welt. Sie idealisieren die Vergangenheit und treten auf der Suche nach Schuldigen gegen „Ausländer“ und „die da oben“. Ich bin ihr Gegenbild: Gebildet, Kosmopolit, Moralist – so sehe ich mich. Abgehoben, arrogant und lebensfremd – so sehen sie mich. Weil ich schon früh Wörter benutzte, die sie nicht kannten, mich für Dinge interessierte, die ihnen fremd waren. Und mich dadurch von ihrer Arbeiterkultur abgrenzte. Um selbst aufzusteigen.

Für diese Abgrenzung hat der französische Soziologe Didier Eribon in seinem Buch „Rückkehr nach Reims“ einen Begriff geprägt: Klassenflucht. Das bedeutet: Mit fast allen angelernten Gewohnheiten und Verhaltensweisen seines Elternhauses zu brechen. Um woanders dazuzugehören.

Ich: Woran merkst du eigentlich, wenn jemand aus einer anderen Schicht kommt?

Freya: Puh! Mir fällt es auf, wenn Menschen mit ihrem Besteck nicht richtig umgehen können.

Ich: Wirklich?

Freya: Ja, automatisch. Ich habe einen Blick beigebracht bekommen, mit dem ich erkenne, wenn jemand etwas „Besseres“ ist. Das ist hier normal: Meine Großmutter und mein Vater unterscheiden auf der Insel zwischen erkennbaren Altreichen, die auch das kulturelle Kapital mitbringen, und ekligen Neureichen, die die Etikette nicht kennen.

Laut dem französischen Soziologe Pierre Bourdieu unterscheiden sich die Klassen nicht nur durch Geld und Besitz („ökonomisches Kapital“), sondern auch durch weitere Merkmale: Bildung („kulturelles Kapital“), Beziehungen („soziales Kapital“) und Ansehen („symbolisches Kapital“). All das kann sich jede und jeder bis zu einem gewissen Teil selbst erarbeiten. Es wird uns aber von klein auf mit auf den Weg gegeben – je nachdem, in welchem Elternhaus, in welcher Schicht wir groß werden. Und je mehr Arten von Kapital wir mitbringen, desto höher ist die Position in der gesellschaftlichen Hierarchie.

Freyas Eltern fliegen first class durch die Weltgeschichte, aber versichern ihre Reinigungskraft nicht

14.35 Uhr: Wir sind in Kampen, auf der sogenannten Whiskeymeile. Hier konzentriert sich der Reichtum der Insel. Porsches, Bugattis, BMWs, ein schwarzer Maserati mit Aufkleber: „Man gönnt sich ja sonst nichts.“ Ich habe noch nie so viele teure Autos auf einmal gesehen.

Freya: Mein Vater hat mir mal erklärt, dass Porsche ja letztlich auch nur VW sei, und Maseratis billige Angeberautos. Jeder BMW sei teurer. Meine Eltern messen den Wert eines Autos eher daran, wie viele Golfbags man in den Kofferraum bekommt.

Ich: Wirklich? Bei uns wurde der Wert eines Autos daran bemessen, wie viele Kinder hinten reinpassen – und wie lange es hält.

Freya (lacht): Ja. Es ist unglaublich, was man aus deren Sicht so selbstverständlich braucht. Neulich sagte meine Stiefmutter, der Fernseher sei ja so kompliziert zu bedienen. Deswegen müsse ein neuer her. Es ist wirklich absurd, für was die Geld ausgeben – und für was nicht.

Ich: Für was denn?

Freya: Naja, Personal zum Beispiel: Die beschweren sich beim Abendessen im Clubhaus darüber, dass es ja so schwer sei, hier eine günstige Reinigungskraft zu finden.

Ich: Bei den Immobilienpreisen können sich die meisten Reinigungskräfte wahrscheinlich gar nicht leisten, hier zu leben, oder?

Freya: Auf keinen Fall, die pendeln alle. Und dann schimpft meine Stiefmutter immer, dass die nicht ordentlich arbeiten würden. Die hat mal eine Reinigungskraft rausgeschmissen, weil die den Staubsaugerbeutel nicht gewechselt hat. Das hat mich sehr beeindruckt. Ich habe sie dann gefragt, ob die denn versichert sind.

Ich: Und?

Freya: Neeein! Das wäre ja noch teurer! Ich denke mir da: Ihr habt es doch. Die betrügen ja nicht nur den Staat, sondern das geht auch von den Renten ab, von Menschen, die sowieso schon wenig verdienen.

Ich: Deine Eltern fliegen also first class und kaufen sich ein Haus in einem Golfresort in Südafrika, aber versichern ihre Reinigungskraft nicht?

Freya: Ja, das ist lächerlich. Die gehen ja auch alle auf 20.000 Charity-Veranstaltungen pro Jahr. Und unterhalten sich am nächsten Tag darüber, wo man die günstigste, schwarzarbeitende Putzkraft herbekommt – auf dem Golfplatz!

Ich: Sagst du ihnen manchmal, wie absurd das ist?

Freya: Viel seltener, als es mir lieb wäre. Ich wäre gerne die Person, die sich ständig hinstellt und Kontra gibt.

Ich: Bist du aber nicht?

Freya: Leider nicht. Ich sehe manchmal auch gar nicht, dass das etwas bringt. Die sind sich da sowieso alle einig. Oft ist auch Alkohol im Spiel. Ich kenne diese Situationen – und ich bin damit aufgewachsen, das zu ertragen.

Ich: Aber findest du das nicht inkonsequent? Dieses ganze Gehabe einerseits so stark zu kritisieren, dann aber nichts zu sagen?

Freya (denkt nach): Ja. Aber oft fallen mir die richtigen Worte erst hinterher ein. Und der Waffenstillstand mit meinem Vater ist sehr fragil.

„Ich will dieses Haus haben – und habe Angst, dass mein Vater mich enterbt”

Freya ist Scheidungskind. Nach der Trennung zog sie zu ihrem Vater. Und es war schwierig, erzählt Freya. Immer wieder ließ ihr Vater sie wissen, dass sie nicht seinem Bild einer guten Tochter entsprach. Er bezeichnete sie als „hässlich“ und signalisierte bei jeder Gelegenheit: Du bist nichts wert. Freya verletzte sich selbst – erst an den Beinen, dann auch am Arm. Dort, wo sie heute tätowiert ist. Sie litt unter Depressionen, hatte Suizidgedanken. Trost fand sie in der Musik. Und sie lernte ihren Ex-Freund kennen. Sie sagt: „Der hat mich nicht wie ein Stück Dreck behandelt. So habe ich gelernt, dass ich in Ordnung bin und mich wehren darf. Hat er mir sechs Jahre lang einmassiert, dann wars okay.“ Zu ihrer Mutter hat sie inzwischen ein gutes Verhältnis. Mit ihrem Vater und seiner neuen Frau ist es weiterhin schwierig.

Ich: Warum hast du eigentlich nie mit deinem Vater gebrochen?

Freya: Weil er in Sylt sitzt. Er hat dieses eine Teil noch, was mir in diesem ganzen Erbschaftsding was wert ist. Dieser Ort war immer mein Zufluchtsort: Wenn es mir schlecht ging, bin ich nach Sylt gefahren und habe mich eingebunkert.

Ich: Also hast du Angst davor, enterbt zu werden?

Freya: Ja. Den ganzen anderen Bums kann er meinetwegen verbrennen. Aber ich will dieses Haus haben. Und ich habe tatsächlich Angst davor, dass er mich enterbt.

Ich: Deswegen meidest du auch die Konfrontation mit ihm?

Freya: Klar.

17.10 Uhr. Wir spazieren durch den Ort, in dem das Haus von Freyas Familie steht. Kastanienbäume stöhnen im Wind. Eine Katze streunt umher. Freya geht in die Knie, krault ihr Fell und schaut sich um. Seit ein paar Minuten flüstert sie fast und bewegt sich behutsam, wie auf Glas: Als könne mit jedem Schritt etwas zu Bruch gehen.

Freya (betrachtet das Haus ihrer Familie): Mein Vater ist Einzelkind, ich bin Einzelkind. Das heißt: Irgendwann erbe ich alles. Die Frage ist nur, von welchem Geld ich diese Erbschaftssteuer bezahlen soll.

Ich (deute auf das Haus): Wenn du das nicht verkaufst?

Freya: Was ich nicht tun werde. Dieses Haus ist so ideell aufgeladen für mich. Ich bin für eine Vermögenssteuer. Aber wenn du hier plötzlich ne Bude an der Backe hast, die ein paar Mille wert ist, und darauf Erbschaftssteuer zahlen musst, na dann, Prost Mahlzeit. Das ist ja nicht flüssig. Wenn ich irgendwas Liquides erbe: Nimm die Hälfte, go for it. Ist mir egal. Aber einen Sachwert? Finde ich echt schwierig.

Ich: Was berechtigt dich denn überhaupt dazu, das alles zu erben? Du hast ja nichts dafür getan. Und verstehst dich nicht mal wirklich mit deinem Vater.

Freya: Schmerzensgeld.

Ich (überrumpelt): Ernsthaft?

Freya (trocken): Ja.

Freya findet die Erbschaftssteuer ungerecht – ich finde es unfair, dass manche Menschen überhaupt erben

Ich: Wärst du bereit, etwas von dem Haus abzugeben?

Freya (zögert): Ja … Ich habe ja keine Kinder und auch nicht wirklich vor, das zu ändern. Und dieses Haus ist ja viel zu groß für eine Person.

Ich: Und was würdest du damit machen?

Freya: Ich würde einen Teil zu einem normalen, also nicht inselüblichen Preis an Menschen vermieten, die hier wirklich leben möchten. Ich will da kein Reetdach draufsetzen und es dann für sechs Mille verkaufen. Denn das ist ja das Problem bei Erbengemeinschaften auf Sylt: Du erbst etwas, was nicht liquide, aufgrund dieses Spekulationsmarktes aber super viel wert ist. Und auf diesen Gegenwert musst du dann Steuern zahlen.

Ich: Und das findest du ungerecht?

Freya: Ja.

Ich: Was wäre denn gerecht?

Freya: Das zu einem günstigen Preis zu vermieten und damit etwas für die Gemeinschaft zu tun. Wenn ich das für 20 Jahre tue, stottert das sozusagen meine Erbschaftssteuer ab.

Ich: Man wird in Deutschland ja nicht reich, weil man arbeitet, sondern weil man erbt. Glaubst du nicht, dass das eine Erbschaftssteuer ändern kann?

Freya: Naja, es wäre in meinem Fall ja niemandem geholfen, wenn ich das Haus verkaufen muss, nur um meine Erbschaftssteueranteile zu bezahlen. Das grundsätzliche Problem ist: Wir sind weggekommen von der Devise, dass Eigentum verpflichtet: Wenn dir etwas gehört, ist es deins. Aber das bedeutet nicht, dass du da rauspressen kannst, was du willst. Immobilien werden heutzutage als Kapitalanlage gehandelt – und das ist falsch. Das ist Wohnraum.

Ich: Deswegen finde ich dich in dem Punkt auch egoistisch. Die Erbschaftssteuer ist einer der zentralen Hebel, mit dem man die Gesellschaft langfristig sozial gerechter gestalten könnte. Zum Beispiel, wenn so ein Haus in Kommunalbesitz übergeht.

Freya: Die würden das Haus doch auch nach der Logik des maximalen Gewinns verkaufen. Und machen dann die Straße breiter, damit die Leute mit ihren SUVs durchkommen. Ich verstehe deinen Ansatz, aber ...

Ich: Aber?

Freya: Ich habe halt schon eine starke Bindung an Familienbesitz. Und den Gedanken, dass man über Generationen hinweg etwas weitergibt, finde ich eigentlich sehr gut.

Ich: Wenn man das kann …

Freya: Ja, klar. Das ist natürlich ein Riesenprivileg, gerade heutzutage: Ich glaube nicht, dass wir beide noch viel von der Rentenkasse sehen werden.

Ich: Empfindest du dieses Privileg manchmal als Last?

Freya: Ich finde nicht, dass ich all mein Geld spenden muss, nur um dann nicht mehr privilegiert zu sein. Ich fühle mich aber verpflichtet, etwas zurückzugeben. Zum Beispiel habe ich meinen Partner geheiratet, der viel weniger Geld hat als ich. Damit er nicht mit leeren Händen dasteht, wenn mir mal was passieren sollte.

Wer Geld hat, kann es sich leisten, manchmal egoistisch zu sein

Ich: Hast du dich mal politisch engagiert?

Freya: Nee.

Ich: Warum nicht?

Freya (zögert): Ich spende halt immer mal wieder. Und fang jetzt bald bei der Freiwilligen Feuerwehr an.

Ich: Um was zurückzugeben?

Freya: Nee, da steckt nichts Philosophisches dahinter. Ich finds halt spannend.

Ich: Bist du politisch?

Freya: Ja. Gehört, glaube ich, auch zum Selbstverständnis bei uns. Mein Vater hat viel gelesen, wir hatten immer eine Zeitung im Haus.

Ich: Könnt ihr gut über Politik streiten?

Freya: So uneinig sind wir uns oft gar nicht. Aber ich ziehe halt andere Konsequenzen für mein Verhalten. Wobei ich mir das ja auch ein bisschen so zurecht drehe, wie es mir passt.

Ich: Was meinst du?

Freya: Naja, ich sitze da in meiner 100-Quadratmeter-Wohnung und erfreue mich meines Lebens. Aber würde ich meinen ökologischen Lebensstil konsequent durchziehen, könnte ich bei meiner Wohnung anfangen.

Ich: Wofür brauchst du die denn?

Freya: Ist halt ne geile Bude. Ich hab mich n Keks gefreut. Aber was den ökologischen Fußabdruck angeht, ist Wohnraum ein großes Thema. Und das klammere ich aus, rede es mir schön. Nach dem Motto: Wir können das einfach nicht. Das ist halt Schwachsinn, natürlich könnte ich. Hab halt keinen Bock. Ich möchte gerne Platz haben.

Ich: Klingt, als würde Geld egoistisch machen!?

Freya (zögert): Klar. Es macht insofern egoistisch, als dass ich es mir leisten kann, in dem Punkt keine Abstriche zu machen. Mein Partner und ich haben lange drüber gesprochen: Brauchen wir diese Wohnung wirklich? Die Antwort ist einfach: Eigentlich nicht. Wir Menschen halten ja wahnsinnig viele Widersprüche aus.

„Ich habe das permanente Bedürfnis, die Leute schon mit meiner Anwesenheit zu provozieren“

19.40 Uhr. Für das Abendessen hat Freya einen Tisch reserviert: In einer hippen Osteria direkt am Campingplatz. Ein Gast, ein grauhaariger Herr in himmelblauem Poloshirt, wartet vor dem Eingang. Als er uns sieht, hält er inne, mustert uns mit hochgezogenen Augenbrauen, erst Freya, dann mich. „Äh ... Habt ihr auch reserviert?“, fragt er. Freya bemerkt ihn kaum, marschiert auf den Eingang zu: „Natürlich.“

Ich: Hast du den Kerl bemerkt? Das war ja ein unglaublich offensiver Blick!

Freya: Echt? Sowas merke ich gar nicht mehr. Ich habe das permanente Bedürfnis, die Leute hier schon mit meiner Anwesenheit zu provozieren.

Ich: Ich versuche immer – gerade hier auf der Insel – nicht aufzufallen. Bloß keine Augen auf mich, die mich kritisch betrachten. Sonst könnten die vielleicht merken, dass ich eigentlich nicht hierhergehöre.

Freya: Vielleicht ist das auch so ein Privilegien-Ding: Du versuchst, nicht aufzufallen, weil das nicht deine Schicht ist. Ich könnte hier dazugehören – wenn ich wollte: Ich habe die Klamotten zu Hause, ich habe den Schmuck von Oma. Ein paar Ohrringe rausnehmen und, easy, ich könnte total glänzen. Aber ich möchte mich abgrenzen.

So bleiben Reiche unter sich – und schreibt sich Ungleichheit langfristig in uns fest

Das Essen kommt. Rigatoni und Tortellini in Gorgonzolasoße. Freya trinkt Apfelschorle, ich einen Rotwein. Bevor wir anfangen zu essen, zeigt sie mir, wie man das mit dem Besteck richtig macht. Serviette falten, auf den Schoß legen. Immer zum Körper hin falten! Denn so kann man sich mit der Innenseite den Mund abtupfen und sieht der weißen Oberfläche nicht an, dass die Serviette benutzt wurde.

Freya (lacht): So einen Kram habe ich gelernt. Eigentlich braucht das kein Mensch.

Ich: Scheint hier aber wichtig zu sein!

Freya: Definitiv! Ich kann das nicht ablegen, obwohl ich es hinterfrage. Und das machen alle hier. Die sehen das und werten dich danach. Daran orientiert sich, ob sie mit dir sprechen, dich einladen, ob man einen Deal mit dir eingeht oder nicht. So bleiben die unter sich. (Sie deutet auf mein Weinglas.) Schau: Der Kellner hat dir viel zu viel eingeschenkt.

Ich: Echt?

Freya: Ja, viel zu weit über den Eichstrich. Mein Vater achtet da ganz stark drauf. Das sind die Kleinigkeiten, die ich meine: Der Kellner wäre bei ihm schon mal unten durch.

22.10 Uhr. Nach dem Essen laufen wir noch einmal die Dünen hoch, Sonnenuntergang schauen. Schieferblaue Wolken schwimmen im Abendhimmel. Freya schließt die Augen.

Freya (nach langem Schweigen): Spürst du das auch? Ich kann gar nicht in Worte fassen, was ich fühle, wenn ich hier bin. Ich träume schon immer davon, mal zur See zu fahren, vielleicht nach Lateinamerika zu schippern. Wer weiß, vielleicht mache ich auch das, wenn ich älter bin.

Ich (ironisch): Dann aber ohne Motor, oder?

Freya (lacht): Klar, wie in Fluch der Karibik.

Freya und ich, so verschieden sind wir gar nicht. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden, viel zusammen gelacht – und Gemeinsamkeiten entdeckt: Wir beide sind maßgeblich zu dem geworden, wer wir sind, weil wir uns von der Klasse unserer Eltern abgewandt haben. Aber: In dieser Gemeinsamkeit liegen auch die Unterschiede.

Freya empfindet Schmerz und Trotz und Verachtung gegenüber ihren Eltern. Ich manchmal Scham, manchmal Wut, manchmal Mitleid: Weil meine Eltern gar nicht die Möglichkeit hatten, ein anderes Leben zu führen. Nach vielen Jahren der Auseinandersetzung sehe ich inzwischen, dass auch sie zu dem gemacht wurden, das sie sind: Sie fremdeln mit mir, sie machen mir Vorwürfe, weil sie tief verunsichert sind. Ich weiß, dass sie nichts lieber getan hätten, als mir mehr zu ermöglichen – aber nicht konnten. Trotzdem kracht es eigentlich immer, wenn wir uns sehen. Ich habe schließlich nichts zu verlieren. Freya vermeidet die Konfrontation mit ihrem Vater – aus Angst, enterbt zu werden.

In der Öffentlichkeit ist es andersherum: Freya kann es sich leisten, mit ihrer Kleidung zu provozieren, ich will bloß nicht auffallen und kann oft nicht der sein, der ich möchte. Sie macht sich keine Gedanken um Geld, ich checke täglich meinen Kontostand. Sie hat keine Angst vor der Zukunft, wird ihren Lebensabend auf Sylt verbringen. Ich weiß nicht, was kommt.

Das hier ist also die Geschichte zweier Menschen, die sich von ihrer Klasse abgewandt haben. Der große Unterschied ist unsere Fallhöhe. Deshalb lässt sich unsere Geschichte auch als eine Geschichte der Ungleichheit erzählen, die sich trotz aller Emanzipation in unser Leben eingeschrieben hat – und unser Denken und Handeln, unsere Sorgen und Ängste bis heute beeinflusst. Beide Versionen haben ihren Anspruch auf Gültigkeit.

Mit dieser Gewissheit verabschiede ich mich von ihr. Als die Sonne in die Wellen sinkt, steigt Freya ins Auto. Ich bleibe auf dem Campingplatz.


Redaktion: Philipp Daum, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Martin Gommel.

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