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Corona und Ostdeutschland

Deutsche Geschichte ist westdeutsche Geschichte – die Corona-Krise zeigt es wieder

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Deutschland, Europa, okay, die ganze Welt ist in der Krise. Das Coronavirus hat fast alle Bereiche unseres Lebens verändert.

In ihren Ansprachen ziehen Politiker:innen deswegen spektakuläre Vergleiche – auch um die riesigen Schuldenberge oder Grundrechtseinschränkungen zu rechtfertigen. War es am Anfang noch die Finanzkrise 2009, einigten sich die meisten bald auf einen anderen Vergleich: „Die Corona-Krise ist die schlimmste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg.“

Angela Merkel benutzte den Vergleich in einer Fernsehansprache, betonte sogar, dass die Wende im Vergleich zur Corona-Krise weniger schlimm sei. Ähnlich sagte es eine sächsische Politikerin auf einer Pressekonferenz, auf der ich vor Kurzem war. Zwar haben auch etliche andere Politiker:innen die Corona-Krise so bezeichnet, dass aber ausgerechnet zwei ostdeutsche Frauen so sprechen, zeigt: Deutsche Geschichte ist in unserer Gegenwart fast immer westdeutsche Geschichte. Dass für die Corona-Krise 1945 als Referenzpunkt gewählt wurde und eben nicht 1989, offenbart – mal wieder –, dass die Geschichte der fünf ostdeutschen Bundesländer weniger wichtig ist als die Geschichte der anderen elf im Westen.

Für über 16 Millionen Menschen waren die Wendejahre mindestens genauso lebensverändernd wie die Corona-Krise: Massive Wirtschaftseinbrüche? Check. Wachsende Arbeitslosigkeit? Check. Der Bund gibt Milliarden zur Stabilisierung und Förderung der Wirtschaft aus? Check. Veränderungen, die das Leben jedes Einzelnen beeinflussen? Check.

Was für den Westen Grund zum Jubeln war, löste im Osten eine Krise aus

Aus westdeutscher Sicht waren die Wende und die Jahre danach eher eine Mischung aus Freude, ein bisschen Skepsis, ein gehöriges Maß Überheblichkeit und Business as usual. Ich bin ja selbst in Westdeutschland geboren und habe dort Abitur gemacht. Im Geschichtsunterricht nahm die Wende zwar Raum ein – immerhin ist es eines der wichtigsten deutschen Ereignisse – behandelt haben wir aber eher die Arbeit der Politiker:innen, in dem Fall die Arbeit des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl aus Westdeutschland.

Wir haben Reden und Zeitungsartikel analysiert, darüber, wie marode das DDR-Wirtschaftssystem zum Ende hin war, wir haben über die Gräuel der Stasi diskutiert und, wenn noch Zeit war, die Bürgerrechtsbewegung in der DDR begutachtet. Wie stark Ostdeutschland in der Nachwendezeit in der Krise steckte, war kein Thema. Im Prinzip wusste ich mehr über die Hanse als über das Verschwinden der großen DDR-Wirtschaftsbetriebe, der Kombinate. Denn für die westdeutsche Geschichtsschreibung gab es ja keine Krise, außer dass auf den Gehaltszetteln der Begriff Solidaritätszuschlag auftauchte. Im Gegenteil, die Wende löste in Westdeutschland einen Boom aus.

Aber in Ostdeutschland hatten von 1990 bis 1995 80 Prozent der Erwerbstätigen auf Dauer oder zumindest zeitweise keinen Job mehr. Exportorientierte Betriebe verloren teilweise über 90 Prozent ihrer Kunden, meist in Osteuropa. Die kauften im Westen die vermeintlich besseren Produkte. Aber die Wende betraf nicht nur die Wirtschaft. Direkt nach der Öffnung der Grenzen verließen innerhalb von zwei Jahren rund 800.000 Menschen Ostdeutschland. Familien zogen weg oder wurden auseinandergerissen. Kulturangebote mussten schließen, die Stimmung in der Bevölkerung war am Boden. Kurz: Ostdeutschland war in der Wendekrise.

Dabei ist diese Krise noch nicht mal vorbei. Seit Jahren diskutieren Journalist:innen, Politiker:innen und Aktivist:innen die Folgen der Wende: über abgesprochene Lebensleistungen, über die Treuhand-Machenschaften, über Rechtsextremismus und Strukturwandel. Verändert hat sich wenig. Noch immer fühlt sich mehr als die Hälfte der Ostdeutschen als „Bürger zweiter Klasse“, regelmäßig vertrauen in Befragungen hier weniger Leute der Demokratie und das Misstrauen gegenüber Politiker:innen ist größer. Es ist, wie Jana Hensel in der Zeit am Anfang der Corona-Krise schrieb: „Der Westen beschäftigt sich am liebsten mit sich selbst.“ Deswegen ist es zwar Hohn für viele Ostdeutsche, aber auch nicht verwunderlich, dass der Zweite Weltkrieg als Referenzpunkt für die Corona-Krise herangezogen wird.

Wenn du verstehen willst, wie die Treuhand funktioniert hat und warum der Osten unter den Auswirkungen bis heute noch leidet, solltest du diesen Text von meinem Kollegen Christian Gesellmann lesen:

Wir lernen nicht aus der Wendekrise

Interessanterweise kann sich Ostdeutschland nicht über zu wenig Aufmerksamkeit während der Corona-Krise beschweren, denn Berichtenswertes gab es genug. Neben einigen Milliarden aus dem EU-Förderungspaket für sogenannte „Transition Regions“, also den größten Teil von Ostdeutschland, gab es auch schon zahlreiche Texte, Reportagen und Analysen von hier. Mal ging es um die vergleichsweise geringen Fallzahlen, mal um die besser oder wahlweise schlechter gestellte ostdeutsche Wirtschaft und dann waren da ja noch die Corona-Demonstrationen, die zwar in Westdeutschland deutlich größer waren, aber hier eine merkwürdige Melange aus Rechtsextremen, Esoterikern und Impfgegnern bildeten.

Die bittere Pointe der aktuellen Geschichtsvergessenheit ist, dass die Wendejahre wertvolle Lehren bereithalten, um auch diese Krise, die Corona-Krise, zu meistern. Warum nehmen wir nicht das, was wir in der nun über 30 Jahre andauernden Krise gelernt haben, und wenden es an?

Entscheidungsträger:innen könnten zum Beispiel ihre Entscheidungen und Prozesse transparent machen und dabei Bürger:innen einbinden, selbst wenn das nach einer Forderung aus den Anfängen der Demokratie klingt. Während die Treuhand die ostdeutsche Wirtschaft verscherbelt hatte, lebten die Angestellten in totaler Unsicherheit. Jeder Tag konnte der letzte für den Betrieb sein, Bescheid wusste fast niemand. Diese Frustration über die Intransparenz und empfundene Willkür hält sich bis heute. Sie mit Entscheidungen während der Corona-Krise noch zu verstärken, wäre nicht nur fahrlässig, sondern dumm. Wenn Michael Kretschmer oder Manuela Schwesig mit ihren Zuhör-Touren über das Land tingeln, kann das albern wirken, aber sie erklären ihr Handeln immer und immer und immer wieder.

Ostdeutschland hütet einen Erfahrungsschatz, den der Westen nicht haben will

Und bei allem, was man in Zukunft politisch, wie gesellschaftlich entscheidet, ist die Zeit vorbei, in der das System des Stärkeren das des vermeintlich Schwächeren ersetzt. Wenn der in Jena geborene Intendant der Berliner Festspiele Thomas Oberender von einem „kolonialen Gestus der westdeutsch dominierten Politik und Medien“ schreibt, dann spricht er das aus, was viele Ostdeutsche denken. Denn neben Grundgesetz, Jurist:innen und vielen Verwaltungsbeamt:innen ist ja auch das westdeutsche Wirtschaftssystem einfach komplett übertragen worden. Übrig geblieben ist kaum etwas – auch von den guten Dingen. Ein Beispiel: Die Polikliniken der DDR, also große fachübergreifende Arzt-Praxen. An der Corona-Krise konnte man sehen, wie sehr das bundesrepublikanische Gesundheitsystem unter Druck geraten ist. Vielleicht wäre es an der Zeit, den „kolonialen Gestus“ von damals zu überprüfen und sich anzuschauen, was man übernehmen könnte. Wie zum Beispiel die Polikliniken. So fordern es zumindest immer wieder Gesundheitsexpert:innen. Ist es Zufall, dass es dann auch wieder Jena war, dass die Pandemie früh und sehr entschlossen unter Kontrolle brachte? Dort haben die Menschen schon Masken getragen, als bundesweit noch ihr Nutzen in Frage gestellt wurde.

Und schließlich könnten wir gelernt haben, dass es nicht unbedingt nur hilft, mit Geld um sich zu werfen, wenn die Krise mehr betrifft als die Wirtschaft. So hat Gera zwar einen wunderschön restaurierten Ortskern, aber eben auch fast ein Drittel der Bevölkerung verloren. Lebensqualität lässt sich nicht nur mit Geld erzwingen, im Osten waren die kreativen Freiräume oft genug Triebkraft für Entwicklung. Genau wie ein schönes, aber entvölkertes Gera niemandem etwas bringt, dürfen Politiker:innen eine Bevölkerung, deren Sozialleben quasi zum Stillstand gekommen ist, nicht einfach mit Geld ruhigstellen. Wenn also Clubs nicht öffnen dürfen und deswegen viele junge Menschen einen relevanten Teil ihres Lebensinhaltes verlieren, sollte die Politik nicht unbedingt mehr Geld für die Polizei, sondern kreative – und natürlich coronakonforme Möglichkeiten für die jungen Menschen fördern.

Es mag ja sein, dass die Corona-Krise die schlimmste Krise seit 1945 für die Welt ist, für den Osten ist das mit Sicherheit nicht so. Und wenn der Rest Deutschlands die Wiedervereinigung ernst nehmen würde, wäre sie es auch nicht für den Westen.


Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Verena Meyer

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