Katar, Petrodollars und die Journalisten

Katar, Petrodollars und die Journalisten

Jens Weinreich
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In Handballkreisen war es kein Geheimnis, dass der Weltverband IHF und das WM-Organisationskomitee Journalisten großzügige Offerten unterbreitet hatten. Darüber berichtete schon vor zehn Monaten zuerst das Magazin Handball Time. Unter Berufung auf den skandalumtosten IHF-Präsidenten Hassan Moustafa aus Ägypten hieß es: „Katar wird mindestens 5.000 Personen einladen, vielleicht sogar 10.000.“ Fans und Journalisten, denn Katar wolle sich der Welt schließlich bestens präsentieren. Diese Meldung wurde von der Nachrichtenagentur SID aufgegriffen und von vielen Medien am 1. April 2014 verbreitet. Manche dachten an einen Aprilscherz.

Aber es war keiner.

Seit vergangenem November (zur Korrektur siehe Anmerkung rechts) hat sich der Deutsche Handball-Bund (DHB) darum bemüht, die Reisepakete an Journalisten zu verteilen. Das wäre beinahe schwer gefallen, weil Deutschland die WM-Qualifikation nach Niederlagen gegen Polen eigentlich verpasst hatte. Doch wenige Wochen später, im Juli 2014, hatten IHF-Präsident Moustafa und seine Partner aus Katar eine schräge Lösung gefunden: Dem notorischen Außenseiter Australien wurde aus arg konstruierten satzungstechnischen Gründen die WM-Teilnahme gestrichen. Der DHB, größter Handballverband der Welt und wichtigster Markt für die IHF, erhielt eine sogenannte Wildcard. Deutschland war urplötzlich doch bei der WM – da stieg das Interesse an den Rundum-Sorglos-Paketen unter den Journalisten.

Einladung von IHF-Präsident Hassan Moustafa an Journalisten: Der Link für die Anmeldung existiert noch, ist aber unspektakulär: http://media.ihfdata.com/form.html

Image caption: Einladung von IHF-Präsident Hassan Moustafa an Journalisten: Der Link für die Anmeldung existiert noch, ist aber unspektakulär: http://media.ihfdata.com/form.html

Die Berliner tageszeitung meldete in der vergangenen Woche, während der WM, dass etwa 20 Medienvertreter aus Deutschland das Angebot der IHF und von Katar angenommen hatten. Erst die taz hat mit dem Beitrag „Verband bezahlt Berichterstatter“ ein wenig Licht ins Dunkel gebracht. In der überschaubaren Handballszene dagegen wusste so ziemlich jeder Bescheid. Gestört hat es offenbar niemanden.

Warum hat außer der taz und dem NDR-Medienmagazin Zapp niemand darüber berichtet? Oder habe ich etwas übersehen?

Flug und Unterkunft für zweieinhalb Wochen

Ein Großteil der Berichterstattung über diese bizarre Handball-WM wird also von Journalisten geliefert, die sich von den Gastgebern aushalten lassen. Manch einer von ihnen hat die Offerte anfangs selbst noch als „gigantische PR-Aktion“ bezeichnet. Die Namen der Reporter und Medien sind mir gar nicht so wichtig. Zu einigen hatte ich in den vergangenen Tagen Kontakt. Ich will niemanden an den Pranger stellen, sondern die Problematik skizzieren. Ich habe stichprobenhaft überprüft, ob auch nur einer derjenigen, die Katars, nun ja, Gastfreundschaft genießen, seine Leser, Hörer und Zuschauer darüber informiert hat, wer die Reise bezahlt.

Ich habe bisher nicht einen Hinweis darauf gefunden.

Offenbar haben nicht nur freie Journalisten die Angebote angenommen, die pro Person 4.000 bis 5.000 Euro kosten dürften, zurückhaltend kalkuliert. Die WM-Organisatoren übernahmen alles: Flug und Unterkunft für zweieinhalb bis drei Wochen, zwar nicht in den besten Hotels von Doha, aber doch in ziemlich exquisiten wie dem Mövenpick Tower & Suites, gleich neben dem Hilton Hotel, wo die deutsche Nationalmannschaft logiert. Das bringt, neben der Kostenersparnis, auch eine Zeitersparnis, die angesichts des knackigen Arbeitsprogramms bei so einer WM nicht zu unterschätzen ist. Denn die Konkurrenz, all jene Journalisten, die ihre Reisen selbst bezahlt haben oder von ihren Arbeitgebern bezahlen ließen, muss sich zu Terminen mit dem deutschen Team im Taxi durch den Stau kämpfen. Das kann schon nervend sein, auf jeden Fall anstrengender, als lässig vom Mövenpick zum Hilton zu schlendern.

Etwa 20 deutschen Journalisten wurden die Reisen bezahlt. Insgesamt soll Katar für 680 der 1.711 akkreditierten Medienvertreter die Kosten übernommen haben, schreibt die Neue Zürcher Zeitung. Das sucht seinesgleichen. In der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen liegt Katar übrigens auf Rang 113 von 180 erfassten Nationen.

Man kann nun darüber diskutieren, inwieweit der Zusammenbruch des freien Marktes die Entscheidung der Journalisten befördert haben könnte, das Angebot der IHF anzunehmen. Man kann darüber debattieren, dass die Honorare lausig sind und sich kaum ein herkömmliches Medium an Reisekosten beteiligt. Gewiss, solche Probleme gibt es nicht nur im Sportjournalismus, sondern auch in den Ressorts Wirtschaft, Politik, Auto, Technik, Reisen und sogar im Feuilleton. Stimmt alles, weiß man seit Ewigkeiten, nimmt aber die Journalisten nicht aus der Verantwortung. Ich zähle mich gar nicht zu den Hardlinern, kann mir gesponserte Reisen durchaus vorstellen, wenn man offen und offensiv damit umgeht und die Hintergründe schildert. Ich denke aber auch: Sponsored by Katar geht gar nicht.

Katar kauft alles und jeden ein: die öffentliche Meinung, Vereine, Verbände, Fernsehrechte, Mega-Events, Architekten, Weltcups, Kongresse, kleinere Weltmeisterschaften, Weltkonzerne, Wissenschaftler, Trainer, Sportler, Funktionäre. Beispiele dafür sind Legende, täglich kommen neue Fakten hinzu. Auf politischer Ebene spitzte sich die schon mehr als vier Jahre währende Diskussion darüber, mit welchen Methoden Katar seinen Vormarsch im Weltsport finanziert, am Dienstag weiter zu. Der Kulturausschuss des Europarates bezeichnete die Vergabe der Fußball-WM 2022 an Katar als „zutiefst illegal“ und „völlig vergiftet“ und forderte eine Neuausschreibung der WM.

So sehr unterscheiden sich die Vorgänge im Fußball-Weltverband FIFA nicht von den Abläufen in der Handball-Föderation IHF. Deren Präsident Hassan Moustafa nennt man aus guten Gründen den Pharao. Moustafa regiert die IHF mit Unterstützung arabischer Scheichs – vor allem Scheich Ahmad Al-Sabah aus Kuwait, einer der mächtigsten Männer des olympischen Weltsports, und Mitgliedern der katarischen Herrschaftssippe der Al-Thanis. Moustafa hat ähnlich wie sein FIFA-Sportkamerad Joseph Blatter ungezählte Affären überstanden, und er hat sich im Amt bereichert: Mal kassierte er über einen geheimen Beratervertrag mit dem IHF-Marketingpartner Sportfive mindestens eine Million Schweizer Franken, dann ließ er sich 500.000 Franken Jahresgehalt plus 400 Franken Reisespesen genehmigen – pro Tag, und der Pharao ist schon mal 280 Tage im Jahr unterwegs. Nachdem die IHF im Dezember 2013 einen TV-Vertrag mit Katars Sender Al Jazeera über gigantische 100 Millionen Franken abgeschlossen hatte, ließ sich Moustafa sofort sein Gehalt erhöhen. Wie viel er seither kassiert, wurde (noch) nicht bekannt.

Dieser Hassan Moustafa also unterstützt gemeinsam mit seinen katarischen Hintermännern nun gänzlich uneigennützig Hundertschaften internationaler Journalisten?

Einladungsjournalismus in völlig neuen Dimensionen

Im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) galt es nach der Bestechungskrise im Jahr 1999 ein Jahrzehnt lang als relativ unfein, Journalistenreisen im großen Stil zu finanzieren. Olympiabewerber wurden zurückhaltender und haben sich erst in den vergangenen vier Jahren wieder als großzügige Gastgeber betätigt. Die alte Praxis des Einladungsjournalismus wird nahezu flächendeckend wiederbelebt. Katar ist da nur ein Beispiel, wenngleich in völlig neuen Dimensionen.

Der Weltverband der Sportjournalisten (AIPS), geführt vom Italiener Gianni Merlo, schätzt solche Allianzen. Berufsethische Überlegungen sind eher rudimentär ausgeprägt. Auch bei der Handball-WM richtet die AIPS mit dem Gastgeber und der IHF ein sogenanntes Young-Reporter-Programm aus. Da wird schon dem Nachwuchs die Skepsis vor derlei Bündnissen genommen. Solche Programme gab es bereits bei diversen Weltmeisterschaften der FIFA, bei Olympischen Spielen und Olympischen Jugendspielen, zuletzt im Dezember auch bei der Kurzbahn-WM der Schwimmer in Doha. Der journalistische Extrakt dieser Kooperationen ist bescheiden. Es gibt zahlreiche andere Beispiele dafür, dass Sportkonzerne und ihre PR-Paladine wieder aktiver werden bei der Akquise vermeintlich unabhängiger Berichte und Meinungsstücke und der Förderung eines Papageien-Journalismus.

Ende April 2014 ließ die AIPS ihren Kongress in Aserbaidschan vom Diktator Ílham Alijew ausrichten, der Blogger und regimekritische Journalisten wie Khadija Ismailowa ins Gefängnis steckt. Alijew, auf der AIPS-Webseite als „charismatisch“ beschrieben, kümmerte sich in Baku persönlich um die Sportjournalisten und hielt die Eröffnungsrede der Jahreshauptversammlung. Die Gäste waren begeistert von Speis, Trank, Unterkünften und der Großzügigkeit des Gastgebers, der in WikiLeaks-Dokumenten als Mafiaboss beschrieben wird. Den Sportjournalisten gefiel es besonders, dass Alijew bei den ersten European Games 2015 in Baku freies WLAN spendieren will.

Das Sportbusiness hat sich zu einer globalen Industrie entwickelt, mit Funktionären, die im Range von Diplomaten täglich First Class um die Welt jetten und ihren Geschäften weitgehend kontrollfrei nachgehen, mit steinreichen Nationen wie Katar, die den Sport als Element der Soft Power entdeckt haben. Sie investieren Reichtümer in PR- und Propagandatools. Im Auftrag von Sportverbänden und Gastgebern von Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen organisieren die teuersten PR-Agenturen der Welt den gewünschten Nachrichtenfluss. Einen Soft Stream, natürlich keinen harten Journalismus. Die Größen der Branche wie Hill+Knowlton Strategies, Weber Shandwick oder Burson-Marsteller reüssieren allesamt im Sportbusiness und haben Verträge mit dem IOC, der FIFA oder Gastgebern von Mega-Events. Parallel zur existenziellen Krise der Medien wuchsen die Optionen der PR-Schaffenden.

Für Tamim Bin Hamad Al-Thani, den Emir von Katar, für Stiftungen und Firmen des Herrscherhauses ist zum Beispiel die PR-Truppe BLJ Worldwide tätig. Deren Boss Michael Holtzman hat eine peinliche Vergangenheit als Partner der Diktatoren Muammar Al-Gaddafi (Libyen) und Baschar Al-Assad (Syrien). Typen wie Holtzman haben die irre Botschaft entwickelt, mit der Sportfunktionäre seit einem halben Jahr alle gut dokumentierten Enthüllungen (vor allem von der Sunday Times) über Korruption bei der Akquise der Fußball-WM 2022 von sich weisen: Das sei rassistisch motivierter Journalismus.

Man kann die gemäß NZZ 680 gesponserten Journalistenreisen zur Handball-WM nach Katar natürlich als 680 Einzelfälle betrachten. Als 680 unüberlegte Handlungen. Man kann aber auch versuchen, dieses Beispiel in die fundamentalen Umwälzungen der olympischen Branche einzuordnen.

Durchgeplante WM: Katar im Halbfinale

Gewiss haben die meisten der eingeladenen deutschen Handball-Reporter dieser Tage in mindestens einem Beitrag den Aufstieg Katars zur Sport-Supermacht thematisiert, mit Erwähnung der Schattenseiten. Manch einer hat Geschichten über jene Tausendschaften von Fans geliefert, die Katar ebenfalls aus aller Welt einfliegen ließ, um die Ränge der ultramodernen und nagelneuen WM-Arenen zu füllen und eine stimmungsvolle Atmosphäre zu generieren. Einige haben das bisher in deutschen Medien bereits ausgiebig erörterte Thema der Sklavenarbeiter auf den gigantischen Baustellen des Emirats angetönt. Man stelle sich nun aber vor, wie diese Beiträge auf Rezipienten gewirkt hätten, wären sie mit dem Zusatz versehen worden: „Übrigens, Katar hat auch die Reise unseres Autors finanziert.“

Im Grunde war der journalistische Mehrwert gering. Haben sie sich doch hauptsächlich mit Handballspielen befasst und mit einem aus deutscher Sicht bis heute wundersamen WM-Verlauf. Je besser die Deutschen spielten, die ja eigentlich die WM-Qualifikation verpasst hatten, desto weniger wurde anderes thematisiert. Das DHB-Team stand an diesem Mittwochnachmittag im Viertelfinale – ausgerechnet gegen die mit eingekauften und eingebürgerten Legionären bestückte Mannschaft Katars. Und es verlor. Das hat nicht allein, aber ein bisschen an den Schiedsrichtern gelegen. Auch Schiedsrichter sind Teil der Inszenierung.

Zum ersten Mal steht Katar im Halbfinale einer Handball-WM. So war es geplant. Emir Tamim saß in seiner Herrscherloge und jubelte.

Auf erstaunliche Weise korrespondiert der, nun ja, sportliche Verlauf der WM also mit den Interessen von IHF und Katar: Diejenigen, deren Kosten man begleicht, berichten nun vor allem von einem „faszinierenden und aufregenden Event“. So hatte es Hassan Moustafa in seinem Einladungsschreiben an Journalisten formuliert.

Alles halb so wild?

It’s showtime, folks!


Nachtrag, 29. Januar 2015, 9.31 Uhr: Andere Länder, andere Sitten. In Dänemark hat der Handballverband das Angebot gar nicht erst weiter geleitet. Schon im Herbst wurde in aller Klarheit (mit Haltung :) darüber berichtet:


In Schweden wurde das ebenso frühzeitig thematisiert:


Im Standard habe ich gerade diesen Hinweis gefunden:


Nachtrag, 2. Februar 2015: Am Wochenende hat mir Philipp Albrechtsberger vom Wiener KURIER aus Doha geschrieben. Seine Redaktion hat sich die Unterkunft in Doha bezahlen lassen (was den Großteil der Kosten ausmacht), alles andere selbst bezahlt. Immerhin: Philipp Albrechtsberger hat das zu Beginn der WM-Berichterstattung im KURIER öffentlich gemacht. Noch immer das einzige Beispiel aus dem deutschsprachigen Raum, das ich kenne.


Viel mehr zu Katars Eroberungspolitik und zu anderen Scheichs und Oligarchen des olympischen Weltsports gibt es in den E-Books „Macht, Moneten, Marionetten“ (gerade erschienen: 576 Seiten, hunderte Abbildungen, Charts, Dokumente, Grafiken, Statistiken) und „2022 - die WM in Katar, Sklavenarbeit und Korruption in der FIFA“ (erscheint in Kürze und wird bis zur FIFA-Wahl Ende Mai mehrfach monatlich ergänzt, korrigiert und erweitert).

Drüben in meinem Blog habe ich die Thematik (weg von den Handball-Journalisten) etwas vertieft: Supermacht mit Petrodollars: Katars Expansionsstrategie im Sport.


Aufmacherfoto: Juan Eduardo De Cristófaro - Flickr (CC BY 2.0)

Der Text wurde gesprochen von Alexander Hertel von detektor.fm