© Geomar (CC BY 4.0)

Kobalt, Nickel, Manganknollen

Die Menschheit möchte Rohstoffe im Meer fördern – und hat keine Ahnung, was sie da tut

von Katharina Mau
etwa 8 Min. Lesedauer

Jonathan Mesulam ist eigentlich Lehrer. In Neuirland, einer Insel in Papua-Neuguinea, unterrichtete er in der Schule – bis er sah, wie Unternehmen, die in der Region Rohstoffe abbauen wollten, mit den Leuten vor Ort umgingen. „In der Regel kommen diese gebildeten Menschen und sprechen nur über die positiven Seiten des Projekts“, sagt er im Interview mit dem Business and Human Rights Resource Centre, das die Menschenrechte im wirtschaftlichen Kontext fördern möchte. „Sie erwähnen nicht die negativen Folgen, die das Projekt haben wird.“ Heute ist Mesulam Aktivist. Er hat eine NGO gegründet, die mit Communitys vor Ort zu Themen rund um die Klimakrise arbeitet und setzt sich gegen Tiefseebergbau ein. Er glaubt, dass die Menschen dadurch ihre Lebensgrundlage und ihre Kultur verlieren könnten.

Beim Tiefseebergbau schicken Unternehmen kleine Tiefseeroboter, die über Kabel mit einem Schiff oder einer Plattform verbunden sind, bis zu sechs Kilometer unter die Meeresoberfläche. Dadurch wollen sie Rohstoffe, wie Nickel, Kobalt oder Kupfer gewinnen. Es ist die neueste Idee der Menschheit, um ihren Rohstoffhunger zu befriedigen. Noch gibt es solche Minen nicht. Das könnte sich aber ändern – auch die deutsche Bundesregierung erforscht den Tiefseebergbau, aber nicht in der Ost- oder Nordsee. Sondern im Pazifik und im Indischen Ozean. Weltweit verhandeln gerade Staaten über ein Papier, das diesen Abbau möglich machen würde: den Mining Code.

In einem Umkreis von 200 Seemeilen können Staaten an der Küste über die Rohstoffe im Meer verfügen. Das ist ihr Herrschaftsgebiet. Aber der Bereich außerhalb, der auch die „Area“ genannt wird, gehört allen Staaten auf der Welt zusammen. Dafür verantwortlich ist die Internationale Meeresbehörde (ISA). Sie hat den Auftrag, das „gemeinsame Erbe der Menschheit“ zu verwalten. Bisher dürfen Unternehmen nicht in diesen Gewässern abbauen. Doch schon jetzt hat die ISA sogenannte Explorationslizenzen vergeben, mit denen die Länder zum Abbau forschen dürfen. Im Auftrag der Bundesregierung erkundet die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) die Seegebiete im Pazifik und im Indischen Ozean, für die Deutschland später auch eine Abbaulizenz bekommen könnte.

Der Bedarf an Rohstoffen und die Hoffnung auf das nächste Geschäft sind groß

Mesulam aus Papua-Neuguinea glaubt, dass die Kultur der Menschen auf der Insel in Gefahr sei, wenn Unternehmen anfangen, Rohstoffe aus der Tiefsee zu holen. Das weltweit erste konkrete Projekt ist gescheitert, bei dem das kanadische Unternehmen Nautilus Minerals Rohstoffe in den Gewässern von Papua-Neuguinea abbauen wollte. Das Unternehmen ging pleite. Aber es wird nicht der letzte Versuch bleiben. Zu groß ist der Bedarf an Rohstoffen und die Hoffnung auf das nächste große Geschäft.

In der Tiefsee könnte die Menschheit unter anderem Nickel, Kobalt und Kupfer gewinnen. Alle drei Rohstoffe braucht sie, um Batterien zu bauen – je stärker wir auf Elektroautos setzen oder Solaranlagen mit Speicher, desto mehr dieser Rohstoffe sind nötig. Eine Studie des Öko-Instituts zeigt, dass der Bedarf an Kobalt allein für die Elektromobilität von 20.000 Tonnen im Jahr 2016 auf 400.000 Tonnen im Jahr 2030 steigen könnte. Und bei Nickel von rund 21.000 Tonnen auf 1,4 Millionen. Zwar gibt es an Land noch sehr große Vorkommen – das Öko-Institut geht nicht davon aus, dass diese knapp werden könnten –, für Länder wie Deutschland wäre der Tiefseebergbau allerdings auch interessant, um weniger abhängig von den Rohstoffen aus anderen Ländern wie Kongo oder den Philippinen zu werden.

Für den Abbau in der Tiefsee kommen infrage: Massivsulfide, manganreiche Krusten mit hohem Kobaltanteil und Manganknollen, in denen Nickel, Kobalt und Kupfer enthalten sind. Zum Abbau der Massivsulfide müsste man in den Meeresboden hineinbohren. Bei den manganreichen Krusten und den Manganknollen trägt man die obere Schicht, also etwa 10 bis 15 Zentimeter des Meeresbodens ab.

Technisch könnte der Unterwasser-Bergbau schon in etwa zehn Jahren funktionieren. Wann es sich finanziell lohnt, ist unklar. Doch schon jetzt kritisieren Umweltverbände wie Greenpeace und Menschenrechtsorganisationen wie Misereor die Idee. Denn der Abbau würde die Ökosysteme in der Tiefsee für Jahrhunderte zerstören und könnte auch den Menschen schaden, die an den Küsten leben. Das Problem: Niemand weiß, was wirklich passieren würde, sollten große Maschinen im industriellen Maßstab den Meeresboden zerpflügen.

Die Tiefsee ist der am wenigsten erforschte Teil der Erdoberfläche. Die Geräte müssen den hohen Druck aushalten und sind deshalb sehr teuer. Und die Gebiete sind riesig. Mehr als 60 Prozent der Erdoberfläche liegen unterhalb 1.000 Metern.

Einer der zu den Umweltfolgen des Tiefseebergbaus forscht, ist Matthias Haeckel vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Er sagt: „Ich persönlich denke, dass wir uns als Menschheit mehr Gedanken über unseren Konsum und eine nachhaltige Nutzung von Rohstoffen machen sollten, bevor wir anfangen, neue Ressourcen aus einem Gebiet zu holen, das bislang halbwegs unberührt ist. Wir verstehen derzeit nicht, was die langfristigen Konsequenzen sein könnten.“

Einige Folgen können die Forscher:innen schon sehr gut voraussagen. Um zum Beispiel sogenannte Manganknollen abzubauen, müsste man die obere Schicht des Meeresbodens entfernen. Dadurch werden alle Tiere und Tierchen getötet, die dort leben. Vor etwa 30 Jahren haben Biolog:innen in einem Test Furchen in den Boden gezogen, um zu sehen, wie lange die Folgen bestehen bleiben.

„Wir haben die Spuren untersucht“, sagt Haeckel, „und sehen, dass die Ökosysteme sich nicht innerhalb von ein paar Jahrzehnten erholen, auch nicht die Mikroorganismen.“ Die Mikroorganismen sind ganz unten in der Nahrungskette. In der Tiefsee bräuchten sie viel länger als an Land, um sich zu erholen, mindestens 50 oder 60 Jahre, alles andere komme erst danach. „Es dauert also mindestens ein paar Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende, bis wieder Tiere den Boden besiedeln“, sagt Haeckel.

Direkt auf den Manganknollen leben noch einmal spezielle Arten: kleine Krebse, Schlangensterne oder Oktopusse. Haeckel sagt: „Die schädigen wir für Millionen Jahre, weil die Manganknollen so lange brauchen, um neu zu wachsen.“

Wir wissen nicht, welche Folgen die Zerstörung der Ökosysteme hätte

Was Haeckel und die anderen Forscher:innen nicht wissen: Welche Auswirkungen hätte das noch? Teilweise seien die Tierarten von Mexiko bis vor Asien miteinander verwandt, sagt Haeckel. Gibt es irgendeine Art von Austausch zwischen den Arten am einen Ende des Pazifiks mit denen am anderen? Sind sie aufeinander angewiesen? „Unter Umständen beeinträchtigen wir über den gesamten Pazifik die Tierarten und damit ihre Funktionen für das Ökosystem“, sagt Haeckel. „Ob die Folgen negativ sind, wissen wir nicht, weil wir nicht wissen, welche Rollen die Organismen haben.“

Jonathan Mesulam, der ehemalige Lehrer und heutige Aktivist fordert, den Tiefseebergbau komplett zu verbieten. Er hat Sorge, dass es durch den Abbau weniger Fische geben könnte, Fischer:innen ihre Lebensgrundlage verlieren und die lokale Wirtschaft leidet. Und er hat Angst, dass der Abbau die Kultur vieler Menschen zerstören könnte. An einigen Orten in Papua-Neuguinea fangen die Menschen Haie und die Tiere haben eine wichtige Bedeutung. „Tiefseebergbau könnte der Kultur der ‚Shark Caller‘ schaden“, sagt Mesulam. So werden die Menschen dort genannt, die traditionell Haie rufen, um sie zu fangen. Haie seien sehr sensibel für Lärm und könnten verschwinden, wenn Maschinen Rohstoffe abbauen. „Wenn wir das verlieren, was sagen wir zukünftigen Generationen, dass wir einmal Shark Caller waren? Wenn wir unsere Kultur verlieren, verlieren wir unsere Identität.“

Wäre es also das Beste, wenn der Tiefseebergbau nie starten würde? Ganz so einfach ist es nicht, denn auch der Abbau an Land schadet Umwelt und Menschen. Luise Heinrich von der Jacobs University Bremen versucht, in ihrer Doktorarbeit die Umweltfolgen an Land und unter Wasser zu vergleichen. Das ist gar nicht so leicht. Denn über die Folgen in der Tiefsee weiß man wenig und auch über die Folgen an Land gibt es überraschenderweise gar nicht so viel Forschung.

Heinrich zitiert zwei Studien: Die eine kommt zum Ergebnis, dass der Tiefseebergbau mehr Energie verbraucht als der klassische Bergbau an Land, und vom Energieverbrauch vergleichbar ist mit sehr tiefen Bergwerken. Eine andere Studie weist darauf hin, dass der Tiefseebergbau weniger Vorbereitung brauche, während man beim Bergbau an Land oft erst Wälder abholzen müsse.

Die beiden Punkte, die Heinrich erwähnt, sind zusammengefasst in einem Paper, an dem sie mitgeschrieben hat: Deep-sea Mining: Interdisciplinary Research on Potential Environmental, Legal, Economic, and Societal Implications.

„Allgemein kommen Studien oft zu dem Ergebnis, dass Tiefseebergbau umweltfreundlicher sein könnte, weil weniger abgeholzt werden muss“, sagt Heinrich. „Außerdem kann es beim Tiefseebergbau zum Beispiel keine Kinderarbeit geben, man muss keine Dörfer umsiedeln. Und die Schiffe und Geräte zum Abbauen kann man leicht wieder wegnehmen, während man an Land feste Strukturen zum Abbau braucht.“ Doch auch Heinrich sagt, dass wir noch zu wenig über die Folgen des Tiefseebergbaus wissen. Und der Vorteil an Land sei: „Die Umwelt erholt sich schneller wieder.“

Heinrich weist aber auch darauf hin, dass es vielleicht nicht um ein Entweder-oder geht, sondern dass sowohl in der Tiefsee als auch weiterhin an Land Rohstoffe abgebaut werden könnten. Und sie sagt auch nochmal, dass die Frage momentan eher noch theoretisch ist. Sie schätzt, dass man technisch in den nächsten zehn Jahren soweit wäre – ob es dann zum Abbau kommt, hänge von der wirtschaftlichen Situation, von den Umweltvorschriften und davon ab, ob es große Investoren gebe.

Trotzdem müssen wir jetzt schon darüber sprechen. Schließlich verhandeln die Staaten jetzt gerade über den „Mining Code“, der die Grundlage für jeden etwaigen Abbau sein wird. Forscher Matthias Haeckel geht davon aus, dass sich die Staaten entscheiden, den Tiefseebergbau zu erlauben. „Die Debatten sind weit fortgeschritten und mehrere Länder haben ein großes Interesse am Tiefseebergbau.“

Wer nur wenig Macht hat, die Verhandlungen zu beeinflussen: Menschen wie Jonathan Mesulam, die dann mit den direkten Folgen leben müssten.


Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Martin Gommel


Tiefseebergbau wird überhaupt nur diskutiert, weil unser Lebensstil immer mehr Rohstoffe erfordert. Was aber, wenn wir nicht den Meeresboden aufscharren müssen, um sie zu bekommen, sondern einfach nutzen, was schon da ist? Deswegen schreibe ich in meinem nächsten Text über Recycling, unter anderem von Autobatterien. Wenn du dazu eine Frage hast, kannst du sie mir hier stellen:

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