Demonstrationen

Teilnehmerzahlen bei Pegida, Legida & Co - Wie wir Drohnen sinnvoll einsetzen könnten

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  • Zahlen aktualisiert 22. Oktober, 23:17 Uhr
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In Dresden bei Pegida wurden 8.000 Menschen zuviel gezählt, in Leipzig bei Legida 10.000 - aber diese Zahlen sind kein Vergleich gegen den PR-Stunt, der der katholischen Kirche kürzlich gelang. Der Papst besuchte die Philippinen und schaffte es mit dieser Reise auf die Frontseiten der Nachrichten, weil er angeblich einen Weltrekord aufgestellt hatte. Sechs Millionen Menschen sollen im strömenden Regen zu seiner Messe gekommen sein. Das wäre so, als würden sich alle Berliner, alle Hamburger und alle Frankfurter gleichzeitig versammeln.

In Dresden zählten Wissenschaftler aus Berlin und Chemnitz nach und kamen auf weniger Teilnehmer, als die Polizei angab. In Leipzig schauten sich Pressefotografen und wiederum Soziologen die Demos nochmal genauer an.

Irgendwie schwer zu glauben, oder?

Der philippinische Fernsehsender GMA News hat nachgerechnet, wie groß der Platz ist, auf dem die Messe stattfand, und anhand von Fotos gezählt, wie dicht die Menschen standen. Auf keinen Fall konnten sechs Millionen Menschen an der Messe des Papstes teilgenommen haben. Die Seite kommt auf drei Millionen Menschen.

Hier findet ihr die genaue Vorgehensweise von GMA News.

Die katholische Kirche hat ein großes Interesse, mit einem imaginären Weltrekord die Teilnehmerzahlen aufzublähen, genauso wie die Veranstalter von politischen Demonstrationen. Da unterscheiden sich die Lager nicht. Pegidas Schätzungen sind zu hoch. Aber die eher linke, eher alternative Demonstration „Wir haben es satt“, die am 17. Januar in Berlin stattfand, soll von 50.000 Menschen besucht worden sein - nach Veranstalter-Angaben. Ich habe nicht nachgezählt, aber ich stand auf der Bühne, konnte die Menge überblicken und ich habe meine Zweifel.

Die Größe einer Demonstration ist ihre wichtigste Nachricht

Belegen kann ich diese Zweifel aber nicht. Und das ist das Problem mit fast allen Schätzungen, die verbreitet werden. Sie stammen von der Polizei und von Veranstaltern. Sie sind für Dritte nicht nachprüfbar. US-Forscher haben bereits in den 1970er Jahren herausgefunden, dass Medien die Größe von Demonstrationen oft so einschätzten, wie es auch ihrer politischen Linie entsprach. Dass Wissenschaftler tatsächlich nachzählen oder Journalisten ihre Fotos nutzen für eine Auswertung, kommt bei Demonstrationen, die nicht die gleiche politische Wucht wie Pegida & Co haben, selten vor.

Die Studie, die den Zusammenhang von politischer Ausrichtung eines Mediums und Größe der Demos aufzeigt, findet ihr hier.

Dabei ist die Größe einer Demonstration ihre wichtigste Nachricht. Organisatoren von Demonstrationen versuchen nicht umsonst, so viele Menschen wie möglich an zentralen Plätzen in wichtigen Städten zu versammeln. Je mehr sie sind, desto eher berichten die Medien, desto stärker fühlen sich die Teilnehmer und desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass beim nächsten Mal noch mehr Menschen kommen.

(Wenn sich die Zahlen von Polizei und Zeitung unterscheiden, hat die Zeitung selbst nachgezählt bzw. die Zählung von Wissenschaftlern übernommen.)

Grafik: Rico Grimm

Bei potentiell erfolgreichen Sachen wollen die Menschen eher dabei sein als bei Sachen, die keine Aussicht auf Erfolg haben. Diese Dynamik wirkt übrigens auch in einer Crowdfunding-Kampagne.

Das ist aber nur das eine. Große Demonstrationen können durch ihre Existenz politische Chancen schaffen, die vorher nicht da waren oder nicht von der Mehrheit der Gesellschaft erkannt wurden. Selbst wenn die Anliegen der Bewegung zunächst unrealistisch erscheinen, kann es ihr gelingen, mit Ausdauer und konstant hohen Teilnehmerzahlen ihre Ziele zu erreichen. Die Anti-Atomkraft-Bewegung ist das beste Beispiel.

Diese Argumente entnehme ich einem Aufsatz des Soziologen Austin Choi-Fitzpatrick, S. 5-6. Darin werden auch entsprechende Belege genannt. Hier könnt ihn herunterladen.

Protestforscher Dieter Rucht listet fünf Methoden auf, um die Teilnehmer einer Demonstration zu zählen: die Daumenpeilung, die Heranziehung von Erfahrungswerten mit Anhaltspunkten, die Auswertung von Luftbildaufnahmen, die Schätzung einer Menschenmenge anhand einer Stichprobe (bei Kundgebungen) oder Zählen der Reihen (bei Protestmärschen). Als „Industriestandard“ sehen Wissenschaftler dabei Luftbildaufnahmen beziehungsweise generell Fotos an, die von einem erhöhten Standpunkt geschossen wurden. Anhand der Angaben über Größe des Platzes und Dichte der Menge kann mit ihnen auch noch nach der Demonstration recht genau ermittelt werden, wie viele Menschen teilgenommen haben. Dazu legt man ein Raster über das Bild und zählt jedes einzelne Raster aus (siehe Anweisungen ganz am Ende dieses Textes). Fotos von oben machen die Angaben für jedermann nachprüfbar.

Dieses Verfahren wurde von US-Journalismus-Professor Herbert Jacobs 1967 entwickelt. Er beobachtete Demonstrationen auf dem Campus der Universität Berkeley von seinem Bürofenster aus. Anhand eines regelmäßigen, quadratischen Musters auf dem Boden des Platzes konnte er die Menge zählen. Das Verfahren wurde bekannt als Jacobs Crowd Formula (JCF) und in den Jahren seitdem verfeinert. Die Forscher McPhail und Carthy schlagen vor, noch mehr Daten hinzuzuziehen. Man sollte sich zum Beispiel fragen, ob der öffentliche Nahverkehr und das Straßensystem überhaupt in der Lage gewesen sein konnten, alle angegebenen Demonstranten zum Demo-Ort zu bringen.

Die entscheidende Frage bei Demonstrationen ist also nicht, wie gezählt wurde, auch nicht, wer zählt - sondern wer nicht zählt. Zugang zu den Dächern umliegender Gebäude bekommt oft nur die Polizei. Sehr oft hat nur sie einen Hubschrauber, mit dem Luftbildaufnahmen gemacht werden können. Nur sie kann diese Fotos auswerten.

Es gibt keinen Grund, sich bei so wichtigen politischen Ereignissen wie Demonstrationen allein auf die Vertreter der Staatsmacht zu verlassen.Die Polizei neigt bei den Veranstaltungen etablierter Parteien dazu, die Teilnehmerzahlen zu über- und bei den Demos der radikalen Linken oder Rechten zu untertreiben. Das zeigen Studien, bei denen Fotos im Nachhinein ausgewertet wurden.

Edelman 1986, „Crowd Estimation“. St. Petersburg. Choi-Fitzpatrick zitiert die Studie.

Also muss die Zivilgesellschaft selbst diese Fotos schießen und sie anschließend jedem zur Verfügung stellen. Die einzige Möglichkeit, kostengünstig Luftaufnahmen von Massenveranstaltungen zu machen, sind Drohnen.

Foto: Don McCullough / Wikipedia / CC BY 2.0 (Bild beschnitten)

„Die Gesellschaft schenkt Drohnen nur auf zwei Feldern Beachtung: wie Drohnen reguliert werden sollen, die für wirtschaftliche Zwecke eingesetzt werden, und was man in der Frage der militärischen Anwendung von Drohnen tun sollte“, schreibt der US-Forscher Austin Choi-Fitzpatrick, der in einem Seminar an der Budapester Central European University die Idee mit den Drohnen hatte. Was bei diesen Betrachtungen fehle, sei das dritte Einsatzfeld: die Zivilgesellschaft. „Wir dürfen bei den ganzen Diskussionen nicht vergessen, dass wir Drohnen auch einsetzen können, um die Mächtigen zu kontrollieren.“

Choi-Fitzpatrick und sein Team haben den Einsatz von Drohnen bei zwei Veranstaltungen in Ungarn getestet. Aus der Luft haben sie Fotos gemacht, die anschließend von Studenten der Universität ausgezählt wurden. Sie brauchten im Schnitt nur 80 Minuten dafür, und ihre Zählungen lagen nah beieinander. Nur fünf Prozent betrug die Abweichung von der niedrigsten bis zur höchsten Schätzung. „Wenn du lesen und zählen kannst, dann kannst du auch auch unsere Methode benutzen“, sagt Choi-Fitzpatrick.

Aber der Drohneneinsatz ist verboten

Es gibt allerdings noch offene Fragen: „Sicherheit ist ein großes Thema: Die Frage ist, ob Drohnen über einer großen Menschenmenge fliegen sollten oder nicht. Wir müssen darüber reden, wie Forscher Drohnen dort nutzen könnten, z.B. mit Fallschirmen, die einen Absturz verhindern. Wenn wir das nicht machen, bliebe es der Regierung vorbehalten, sie einzusetzen.“

In Deutschland gibt es recht detaillierte Bestimmungen, wann eine Drohne wo geflogen werden darf. Der Einsatz über großen Menschenmengen ist im ganzen Land verboten. Harry Denz von der Luftaufsichtsbehörde Hamburg: „Wenn wir oder die Polizei jemanden dabei erwischen, ist er dran. Es geht auch nicht nur ums Luftrecht, sondern auch um datenschutzrechtliche Bedenken.“ Denz weiß aber von seinen Kollegen, dass sich deutschlandweit Polizisten überlegen, wie sie Drohnen für ihre Zwecke nutzen könnten. Das sei aber noch nicht spruchreif.

Sollte die Regierung es der Zivilgesellschaft schließlich nicht gestatten, Drohnen einzusetzen, gibt es ein bewährtes Mittel, Druck auszuüben: Die Menschen müssten auf die Straße gehen und für dieses Recht demonstrieren. In möglichst großer Zahl.


Probiert es aus - so wird geschätzt

Mit diesen Fotos bringt Austin Choi-Fitzpatrick den Schätzern bei, wie sie welches Feld aus dem Raster einordnen müssen. Es gibt fünf Stufen.

Entnehme ich wiederum diesem Aufsatz - dort stehen auch nochmal detailliertere Anweisungen. So muss etwa noch die Verteilung im Feld mit angegeben werden.

Dichtelevel „X“ - Personenzahl: 0

Foto: Austin Choi-Fitzpatrick

Beschreibung:

Ein Dach oder jede andere leere Fläche.

Dichtelevel „DL 0“ - Personenzahl: bis zu 100

Foto: Austin Choi-Fitzpatrick

Beschreibung:

Sehr lockere Menge mit einem sehr niedrigen Dichtelevel. Du könntest dein Fahrrad ohne Probleme durch diese Menge fahren.
Wenn es so aussieht, als ob weniger als 100 Menschen in diesem Feld sind, zähle sie bitte von Hand aus.

Dichtelevel „DL 1“

Foto: Austin Choi-Fitzpatrick

Beschreibung:

Lockere Menge mit einem niedrigen Dichtelevel. Durch diese Menge könntest du gehen, ohne zu viele Menschen anzurempeln (stell dir eine Person pro Quadratmeter vor).

Dichtelevel „DL2“

Foto: Austin Choi-Fitzpatrick

Beschreibung:

Das ist eine dichte Menge. Es würde dir sehr schwer fallen, durch sie hindurchzulaufen, aber es ist möglich (stelle dir mehr als zwei Menschen pro Quadratmeter vor).

Dichtelevel „DL3“

Foto: Austin Choi-Fitzpatrick

Beschreibung:

Das ist eine extrem dichte Menge. Es ist fast unmöglich, auch nur seine Arme zu bewegen (stelle dir mehr als vier Personen pro Quadratmeter vor!). Diese Dichte wird oft bei Konzerten direkt vor der Bühne erreicht, kommt aber ansonsten nur sehr selten vor.


Aufmacher-Foto: Austin Choi-Fitzpatrick: Drohnenaufnahme von einem Konzert in Budapest.


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