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Erbschaft

Mein Urururopa hat den Kühlschrank erfunden – warum hat meine Familie kein Geld?

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Meine Großeltern besaßen eine Zeit lang einen Kühlschrank, auf den sie besonders stolz waren. Denn das Firmenlogo mit einem großen L, das die restlichen Buchstaben überschattete, trug den Namen meines Urururopas: Linde. Nach Carl von Linde, Erfinder des ersten industrietauglichen Kühlschranks. Dieser Vorfahre, so erinnert sich meine Familie an ihn, war ein wichtiger Mann: Er gründete ein Unternehmen und Hotels, erfand ein Verfahren zur Verflüssigung von Luft, stiftete Kirchen und bekam einen Adelstitel.

Mein Opa, Nachkomme des Firmengründers und damit potentieller Erbe, hatte eine Weile sparen müssen, um sich einen Linde-Kühlschrank leisten zu können. Er und meine Oma, ein Pfarrerspaar mit vier Kindern, achtete auf sein Geld. Ihre Tochter, meine Mutter, entschied sich für ein Leben als Künstlerin und damit am Rande des Existenzminimum. Ich bin mit dem Bewusstsein um Geldsorgen aufgewachsen und habe im Studium den Bafög-Höchstsatz bekommen. Würden Linde-Kühlschränke noch hergestellt werden, ich könnte mir keinen leisten.

Carl von Linde war bei uns in der Familie zwar ein großes Thema, aber um sein Geld ging es dabei selten. Wohl deshalb habe ich ein paar Jahre gebraucht, bis mir ein Widerspruch auffiel: Die Firma, die mein Urururgroßvater gründete, heißt heute Linde plc. Sie ist der weltweit größte Hersteller von Industriegasen. Eines der 30 größten Unternehmen Deutschlands. 2019 machte sie 25 Milliarden Euro Umsatz und beschäftigte 80.000 Mitarbeiter:innen. Bis 1980 saßen Verwandte von mir im Aufsichtsrat und Vorstand der Linde AG. Wieso ist eigentlich von diesem Reichtum nichts bei mir angekommen? Warum bin ich nicht als verwöhnte Millionärin aufgewachsen?

Der Reichtum vieler Familien geht auf Menschen wie Carl von Linde zurück

Die meisten von Deutschlands Superreichen haben ihr Vermögen ihren Vorfahren zu verdanken. Drei von vier der deutschen Hochvermögenden über 40 haben laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung geerbt oder eine Schenkung erhalten. Zum Vergleich: In der Gesamtbevölkerung in diesem Alter nur jede:r Dritte.

Ein besonders unbekannter Fleck in der Topographie des Reichtums sind die sogenannten Familienclans. Dort besitzen eine Menge Leute über viele Generationen hinweg eine Menge Geld. Und viele von diesen Clans stammen von Erfindern und Firmengründern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ab. Von Menschen also wie meinem Urururgroßvater Carl von Linde.

Da gibt es die Namen, die jeder kennt, wie die Familie Siemens, laut Manager Magazin 2017 die siebtreichste Großfamilie Deutschlands. Ihr Geld geht auf Werner von Siemens zurück, der seine Firma 1847 gründete, drei Jahrzehnte vor Carl von Linde. Die Nachkommen Robert Boschs (Firmengründung 1886) gehören ebenfalls in diese Kategorie.

Diese Familienclans haben es geschafft, ihr Vermögen über Jahrzehnte, teilweise Jahrhunderte zusammenzuhalten. Bei über der Hälfte der hundert reichsten deutschen Familien befindet sich laut einer Studie der Universität St. Gallen das Geld seit mindestens drei Generationen in der Familie. Bei immerhin elf Prozent ist das Geld schon seit fünf Generationen da. Genauso viele Generationen liegen zwischen Carl von Linde und mir. Was haben diese Clans anders gemacht als meine Familie?

Meine Familie ist stolz auf den Erfinder, weniger auf den Unternehmer

In meiner Familie wird Carl von Linde als Erfinder erinnert, nicht als Unternehmer. Man erzählte mir, dass er seine ersten Eismaschinen für bayerische Brauereien entwickelte. Denn bis dahin mussten sie fürs Brauen und Lagern des Biers im Sommer riesige Mengen an Natureis verwenden, was besonders in milden Wintern ein Problem war. Um weniger vom Wetter abhängig zu sein, überließ der Großbrauer Gabriel Sedlmayr meinem Urururgroßvater Geld und Räume in seiner Spatenbrauerei, wo er jahrelang herumexperimentierte, bis er irgendwann erfolgreich war.

In der Rückschau ist die „Eismaschine“ eine seiner kleineren Erfindungen. Zum Beispiel wird reiner Sauerstoff noch heute mit einem Verfahren gewonnen, das Carl von Linde entwickelt hat – und mit dem heute schweren Corona-Fällen im Krankenhaus das Atmen erleichtert wird. Die renommierte Wissenschaftszeitschrift Nature hat ihn 1942 einen der herausragenden deutschen Ingenieure seiner Zeit genannt.

Bis heute tauchen Geschichten über meinen Urururgroßvater bei Familientreffen auf, sie gehören so dazu wie, vierstimmig klassische Weihnachtslieder zu singen und Diskussionen über Politik zu führen. Aber ich hatte irgendwann in der Pubertät aufgehört, an Carl von Linde zu denken.

Das Schiedköpfl ist unser Familienhaus

Ein altes Haus mit rotgestreiften Fensterbedeckungen steht in der Landschaft, davor eine grüne Wiese.

© Siegfried Krieger

Bis ich im vergangenen Jahr mit meiner Tante in den Urlaub gefahren bin. Wir verbrachten zwei Wochen in einem Haus in den Alpen, weiß getüncht mit Balkonen aus Ebenholz und rot-weiß gestreiften Holzläden. Dieses Haus ist der manifeste Beweis für das Geld, das es einmal in meiner Familie gegeben haben muss: Denn es gehört meiner Familie.

Es ist eines dieser Häuser mit einem eigenen Namen: Das Schiedköpfl. Und es ist wirklich groß, auf dem Untersalzberg bestens gelegen, und es hat nicht nur einen eigenen Hausmeister, sondern sogar ein eigenes Häuschen, in dem er wohnt.

Mein Ururgroßvater Rudolf Wucherer hat das Schiedköpfl 1927 bauen lassen. Hier verbrachte mein Opa die Sommer seiner Kindheit und auch von mir gibt es Fotos, wie ich als Baby im Sandkasten liege. Alle Familienmitglieder fahren noch regelmäßig dorthin, nur ich hatte irgendwann in der Pubertät damit aufgehört.

Aber im vergangenen Jahr, mitten in den Alpen, beginne ich hinzuschauen: Auf die evangelische Kirche im Ort, die Carl von Linde stiftete. Auf seinen Namen im örtlichen Museum und den von ihm angelegten Spazierweg. Ich sehe die Glocke über dem Esstisch am Schiedköpfl, mit der nach den Bediensteten geläutet werden konnte und beginne, die Frage meiner Mutter zu verstehen: Wo ist das ganze Geld hin?

Mein Opa ist der Familienexperte

Ich besuche meinen Opa, in meiner Familie der unangefochtene Experte zu Vorfahren im Allgemeinen und Carl von Linde im Speziellen. Er ist ein pensionierter Pfarrer mit klugem Gesicht, schütterem Haar und krummem Rücken, der sich freut, endlich eine Verbündete in Sachen Ahnenforschung gefunden zu haben.

Wir sitzen in dem mit Büchern, Klavier und Nippes vollgestopften Wohnzimmer des Reihenhauses meiner Großeltern, und er sagt: „Carl von Linde hat eine Aktiengesellschaft gegründet. Ihm gehörten nur Teile der Firma und auch nur Teile der Patentrechte. Und dieses Geld ist einfach im Laufe der Generationen und unter den vielen Nachkommen verloren gegangen.“ Mein Opa breitet einen Stammbaum auf dem niedrigen Wohnzimmertisch aus, den er „Atompilz“ nennt und der die Nachkommen Carl von Lindes bis in seine Generation zeigt. Ich zähle die Kreise, die sich um Carl von Linde ziehen: Er hatte sechs Kinder, 25 Enkel und schon 70 Urenkel. Die Familie vergrößerte sich also rasant. 2008 bestand sie schon aus über 600 Personen.

Das sind immerhin doppelt so viele wie in der Großfamilie Siemens, die 2016 laut der Wirtschaftswoche 300 Mitglieder umfasste. Als einer der großen Familiensippen gehört ihnen ein Vermögen von sieben Milliarden Euro. Damit kommt jedes Familienmitglied auf ungefähr 14,3 Millionen Euro. Das ist zwar eine Milchmädchen-Rechnung, aber: Halb so viel wäre für mich immer noch eine Menge.

Ein älterer Mann mit langem Ziegenbart schaut in die Kamera. Schwarzweißaufnahme.
Carl von Linde (11.06.1842-16.11.1934)

© Getty Images ullstein bild Dtl.

Die Linde-Stiftung wurde in den 1950er Jahren aufgelöst

Tatsächlich bekam mein Opa einmal Geld, weil er ein Linde-Nachfahre ist. Ende der 1950er Jahre wurde eine Stiftung für in Not geratene Nachkommen Carl von Lindes aufgelöst, weil das Finanzamt ansonsten einen Großteil des Vermögens einbehalten hätte. Damals hat mein Opa seinen Anteil bekommen, zur Hochzeit mit meiner Oma. Das ist inzwischen aber so lange her, dass er sich an den genauen Betrag nicht mehr erinnert.

Wir machen uns deshalb auf die Suche nach Hinweisen in seinem Arbeitszimmer im ersten Stock, das mit einem Schreibtisch und Bücherregalen an den Wänden vollgestopft ist. Mein Opa muss insgesamt etwa 25.000 D-Mark bekommen haben, rechnen wir zurück, indem wir alte Kontoauszüge und Verkaufsbestätigungen überschlagen.

Teile davon verwendete er, damals ein junger Familienvater, als Puffer: Etwa um ein neues Auto zu kaufen oder für den Urlaub. Darüber schüttelt er heute den Kopf. „Ich habe damals noch nicht gewusst, dass man Vermögen gut anlegen und dann in Ruhe lassen muss, damit es sich vermehrt.“ Gleichzeitig meint er: „Das war nicht genug, als dass man davon ein Vermögen hätte anhäufen können.“
Und tatsächlich: Mein Opa bekam vier Kinder und elf Enkel – von diesem Geld wäre kaum etwas bei mir angekommen, selbst wenn er es nicht angerührt hätte. Insgesamt, rekonstruieren wir aus Unterlagen, müssten in der Stiftung damals circa 2,5 Millionen D-Mark gewesen sein. Die wurden Ende der fünfziger Jahre gleichmäßig auf die damals 116 lebenden Nachkommen verteilt.

Der Weg der Lindes unterscheidet sich von denen anderer Unternehmerfamilien

Aber Carl von Linde wird wohl kaum sein ganzes Vermögen in eine Stiftung für bedürftige Angehörige gesteckt haben. Praktischerweise gibt es einen Wälzer über die Geschichte der Firma Linde, geschrieben vom Wirtschaftshistoriker Hans-Liudger Dienel.

Mein Opa hatte mir schon erzählt, dass Carl von Linde nicht die ganze Firma gehörte. Er hatte eine Aktiengesellschaft gegründet und seine Anteile und Patenrechte mit seinen Investoren geteilt. Hier bei Dienel finde ich dazu jetzt genaue Zahlen: Zwei Drittel der Patentrechte hat Carl von Linde abgegeben. Wie viele der Aktien am Anfang Carl von Linde gehörten, lässt sich nicht mehr hundertprozentig rekonstruieren. Aber Dienel vermutet, dass es ungefähr 15 Prozent waren. Dazu kamen Gewinntantiemen und Aufsichtsratsposten in anderen Unternehmen.

Wie wohlhabend Carl von Linde gewesen sein muss, beschreibt Florian Beierl in seinem Buch „Carl von Linde“. Demnach avancierte Linde in der Gegend um Berchtesgaden zu einer Art Privatbank und vergab Kredite, deren Gesamtvolumen heute Millionenbeträgen entspräche.

1942, 70 Jahre später, waren laut Dienel noch ungefähr sieben Prozent der Firma in der Hand der Familie Linde: Das klingt vielleicht erstmal wenig. Aber wenn ich es mit anderen reichen Familien vergleiche, ist es das gar nicht unbedingt. Die Firma Bosch zum Beispiel gehört zu 92 Prozent einer gemeinnützigen Stiftung, die übrigen acht Prozent sind in den Händen von Boschs Nachkommen. Das reicht immerhin für den Listenplatz 51 auf der Manager-Magazin-Liste der reichsten Sippen Deutschlands. Auch der Familie Siemens gehörten 2017 laut Manager Magazin noch sieben Prozent ihres Unternehmens.

Was haben die Boschs und all die reichen Familienclans anders gemacht als wir? Um das herauszufinden, telefoniere ich mit Nadine Kammerlander. Sie ist eine der Mitverfasserinnen der Studie über Familienclans und Professorin an der Otto Beisheim School of Management in Vallendar, wo sie zu Familienunternehmen forscht.

Sie sagt: „Entscheidend ist, dass Familienclans ihr Vermögen zusammenhalten.“ Nur dann greift niemand das Vermögen an sich an. Außerdem vermehrt sich viel Geld schneller als weniger Geld, weil es nicht so schlimm ist, wenn eine Investition nicht aufgeht.

„Um das Geld über mehrere Generationen zusammenzuhalten, ist eine gewisse Formalisierung nötig“, sagt Kammerlander. Die gibt es bei Familienunternehmen automatisch, weil das Vermögen direkt in der Firma angelegt ist. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts bestand die „Formalisierung“ meist darin, dass der Firmenbesitzer sein Unternehmen an den ältesten Sohn vererbte.

Linde war 90 Jahre lang in Familienhand, aber kein Familienunternehmen

Carl von Linde hatte aber eben kein Familienunternehmen, sondern Aktienanteile. Und die konnte er kaum einfach so einem Sohn vererben und die anderen sechs Kinder ignorieren. Und tatsächlich scheinen sich die Aktienanteile immer weiter aufgesplittet zu haben.

„In den vergangenen Jahrzehnten ist das Wissen darüber sehr gewachsen, wie Unternehmen und Vermögen in einer Familie bleiben“, sagt Kammerlander. Dann beginnt sie, mir die unterschiedlichen Techniken zu erklären: Stiftungen, Holding GmbHs, Poolvereinbarungen, Aktionärsbindungsverträge und Family-Governance-Dokumente.

Solche Maßnahmen waren zu Carl von Lindes Zeiten nicht denkbar. Kammerlander glaubt deshalb: „Hätte ihr Vorfahre seine Firma hundert Jahre später oder als Familienunternehmen gegründet, würde die Gegenwart jetzt ganz anders aussehen.“

Wir haben es also nie zu einem reichen Familienclan geschafft, weil Carl von Linde kein Familienunternehmen gegründet hat. Oder auch keine Beraterin engagieren konnte, die ihm die dazu nötigen Family-Governance-Maßnahmen erklärt hätte. Aber auch nach Carl von Lindes Tod saßen seine Söhne, Schwiegersöhne und Enkel in der Firma im Aufsichtsrat und Vorstand. Dienel schreibt, über 90 Jahre lang sei die Bindung an die Familie Linde so eng gewesen, wie es sonst nur bei Familienunternehmen üblich ist. Auf diese Weise muss doch Vermögen in der Familie geblieben sein? Ich mache mich auf die Suche nach Verwandten, die näher an der Firma dran sind.

Der letzte Firmenchef, der von Carl von Linde abstammte, war Hermann Linde. Er verließ seinen Posten als Vorstandsvorsitzender und die Firma 1976 nach einem verlorenen Machtkampf. Hermann Linde starb 2015 im Alter von fast 100 Jahren und wohnte bis zuletzt in der Nähe des damaligen Hauptsitzes der Linde AG. In Pullach, einem reichen Münchner Vorort. Dort lebt heute seine Tochter Annemarie, die zur Generation meines Opas gehört. Annemarie Linde schlägt mir gleich das „du“ vor, als ich sie anrufe und unsere Verwandtschaftsverhältnisse erkläre und lädt mich ein, sie zu besuchen.

Der Besuch bei den Linde-Töchtern zeigt eine andere Facette der Familie

Eine Woche später essen wir in ihrem Wohnzimmer Kuchen von geblümten Porzellantellern. Der Raum ist weitläufig und ausgesucht leer. Zwischen Antiquitäten aus Holz stehen frische Blumen und einzelne gerahmte Bilder.

Annemarie Linde, pensionierte Lehrerin, trägt schulterlanges braunes Haar, weiße Perlenstecker in den Ohren und über ihrer weißen Bluse einen orangenen Cardigan. Im Gespräch erwähnt sie ihr Engagement im Rotary Club, wenig später kommt ihr Mann vom Golfen nach Hause. Ihre jüngere Schwester Barbara, die nur ein paar Fußminuten entfernt wohnt, sitzt mit uns am Tisch. Sie trägt eine Brille, ihre kurzen grauen Haare sind zu einen asymmetrischen Pony geschnitten. Mit ihrem Mann hat sie einen Verlag für japanische Literatur gegründet.

Die beiden sprechen voller Wärme über ihre Eltern, die sie nur „Mami“ und „Papi“ nennen. Auch der Firma fühlen sie sich noch sehr verbunden. Sie erzählen, wie sie an Heiligabend mit ihrem Vater zur Firmenzentrale der Linde AG fuhren, um den Hausmeistern Weißwürste zu bringen. Wie gerne sie als junge Mädchen mit zum Flughafen kamen, wenn der Chauffeur ihren Vater für eine Dienstreise absetzte.

Und sie sind persönlich empört darüber, dass der Hauptsitz der Linde Group vor ein paar Jahren in die USA verlegt wurde, nachdem die amerikanische Firma Praxair Linde gekauft hatte. „Wir haben damals viel in der Familie darüber geredet, ich habe dann dem Geschäftsführer eine Mail geschrieben und er hat mich auch zu einem Treffen eingeladen.“ Gebracht hätte das aber nichts.

Auch wenn ihr Vater ein großes Unternehmen geleitet hätte, seien sie nicht großbürgerlich aufgewachsen, darauf bestehen die beiden. Ihre Eltern seien sehr sparsam gewesen. Für Kultur hätte es zwar stets genug Geld gegeben, aber als junges Mädchen sammelte Annemarie Linde die Rabattmarken-Hefte ihrer Mutter, um sich Kleider bei C&A kaufen zu können.

„Weil die anderen immer mit tollen Autos kamen und meine Eltern VW fuhren, habe ich gedacht, mein Gott, wir können uns nichts anderes leisten.“ Sie lacht. Als ihr Vater Geschäftsführer der Linde AG wurde, bekam er einen abbezahlten Mercedes aus dem Fuhrpark der Firma, damit er endlich mit einem repräsentativen Auto fuhr.

Die Schwestern betonen auch, dass die Manager-Gehälter damals nicht mit den exorbitanten Löhnen von heute zu vergleichen sind. „Papi hat mal gesagt, wenn man mein Gehalt unter allen Leuten, die hier arbeiten, aufteilen würde, dann würde jeder zehn Cent mehr kriegen.“ Von Carl von Lindes direktem Erbe ist bei ihnen kaum etwas angekommen – ein kleiner Teil eines Grundstücks und ein paar Aktien.

Aber als ich sie frage, ob sie nach dem Tod ihrer Eltern geerbt hätten, sagen sie: „Natürlich.“ Annemarie Linde meint: „Meine Eltern haben sich gut überlegt, wie sie ihren Kindern etwas vererben können und haben das auch sehr klug und von langer Hand geplant.“

Das Vermögen der Familie Kelber ist verloren

„Von langer Hand geplant“, diese Worte wirken in mir nach. Denn die Lindes haben ohne Frage mehr Geld als wir. Dabei leitete der Opa meines Opas, Rudolf Wucherer, die Linde AG in den fünfziger Jahren und saß bis 1965 im Aufsichtsrat der Firma. Auch die Eltern meines Opas hatten ein Hausmädchen, mit dem sie bis zum Tod verbunden waren. Es gab also auch bei uns in der Familie bis vor ein paar Generationen noch Geld. Wo ist das hin?

Ich frage bei meinem Opa genauer nach. Und tatsächlich war die Auflösung der Stiftung vielleicht das erste, aber nicht das einzige Mal, dass er Geld von seinen Verwandten bekam. Er sagt: „Im Laufe der Jahrzehnte ist immer wieder Geld in die Familie reingeflossen.“ Ungefähr 120.000 Mark durch den Verkauf eines Grundstücks in München, dann nochmal 60.000 für eine Immobilie von seiner Mutter. Und in den Neunzigern nochmal 400.000 Mark für bestimmte Aktien, die mein Opa für sich und seine sechs Geschwister verwaltete und von denen ihm ein Siebtel zustand.

Ein alter Mann sieht ein Dokument an, er sitzt in einem Büro mit vielen Büchern und einem Computer.
Rebecca Kelbers Großvater in seinem Büro

Das mag weniger Geld gewesen sein als bei Barbara Linde, zumal das Erbe auf mehr Geschwister aufgeteilt werden musste. Trotzdem ist es zusammengerechnet eine Viertel Million, die mein Opa im Laufe seines Lebens durch die Linde-Verwandtschaft erbte. Dass meine Großeltern dieses Geld verprasst haben, kann ich mir nicht vorstellen. Zahlreiche Anekdoten belegen ihre Sparsamkeit. Was ist also daraus geworden?

Das Geld aus der Linde-Stiftung nutzte mein Opa als junger Familienvater als Puffer, wenn er mal knapp bei Kasse war. Vom Erbe seines Vaters behielt er nicht viel, sagt er mir. Stattdessen gab er einiges davon an seine vier Kinder weiter. Tatsächlich erbte meine Mutter ein einziges Mal Geld, das hat sie mir schon früh erzählt. Sie kaufte davon ein Klavier, auf dem sie bis heute unterrichtet.

Die 400.000 Mark hat mein Opa für sich und seine Geschwister in Aktien angelegt, um die er sich selbst gekümmert hat. Denn er fand nur einen einzigen Banker vertrauenswürdig. Der arbeitete aber bei einer Bank, deren Gebühren ihm zu hoch waren. Heute nennt er es einen „Kapitalfehler“, dass er damals nicht einfach die Bank gewechselt hat. „Ich habe unterschätzt, wie viel Wissen man braucht, um gut auf dem Aktienmarkt zu investieren.“

Statt es zu vermehren, verlor er innerhalb von 15 Jahren ein Fünftel des Geldes. Von seinem Teil des verbliebenen Geldes kaufte er das Reihenhaus, in dem meine Großeltern seit der Pensionierung meines Opas wohnen. Irgendwann (in hoffentlich ferner Zukunft) werde ich vielleicht ein Elftel davon erben. Viel wird das nicht sein. Bei uns ist im Kleinen noch einmal passiert, was auch im Großen für das Linde-Erbe galt: Das Vermögen in meiner Familie wurde nicht richtig organisiert. Und wie ich inzwischen weiß, verfließt ererbtes Geld schnell, wenn man nicht weiß, wie man es erhält.

Von dieser Regel gibt es im Linde-Erbe eine einzige Ausnahme: Das Schiedköpfl. Haus und Grundstück hat meine Familie vor einigen Jahren an einen Verein übertragen, dem Familienmitglieder vorsitzen. Es gibt feste Regeln, niemand kann seinen Teil einfach so verkaufen. Und genau deshalb wird das Schiedköpfl wahrscheinlich der einzige Überrest unserer großbürgerlichen Vergangenheit bleiben. Dafür werden auch meine Enkel noch dort in den Alpen Urlaub machen können.


Redaktion: Philipp Daum, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Martin Gommel

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