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Schleichwege zur Klassik, Zugabe, Folge 11

Musik für die Krise, Musik gegen die Krise

von Gabriel Yoran
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Welche Musik hört man in der Krise? Vor einigen Jahren war der amerikanische Komponist John Adams zu Besuch in London. Adams, ein fröhlicher Typ und sagenhaft erfolgreicher Komponist, wollte die Aufführung eines seiner Stücke besuchen. Es sollte auf der „Last Night of the Proms“ gespielt werden, dem prächtigsten Konzert des Jahres.

Die Proms sind eine große Konzertreihe in der Royal Albert Hall in London. Es gibt keine Kleiderordnung, jeder ist willkommen, es ist eine elitäre und gleichzeitig klassenlose Veranstaltung. Die „Last Night“ ist das wahnsinnig populäre Abschlusskonzert, ihr patriotisch-weihevoller und gleichzeitig völlig alberner Höhepunkt, zu dem das Publikum mit großen Union-Jack-Hüten kommt. Es gibt nichts Vergleichbares in Deutschland, vermutlich gibt es das nirgendwo.

Das Konzert beginnt traditionell mit der Hymne „God save the Queen“ und dann folgt noch mehr britische Musik. Es war also eine besondere Ehre für Adams, dass ausnahmsweise Musik eines Amerikaners die Proms beschließen sollte.

Es kam nicht dazu.

Es war der 15. September 2001, nur vier Tage nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York. Adams’ Stück, das an diesem Abend hätte gespielt werden sollen, ist kurz, rasant und euphorisch – der Titel: „Short Ride in a Fast Machine“.

Wenn schon die Musik nicht in die gedrückte Stimmung gepasst hätte, der Titel des Werks allein wäre unvermittelbar gewesen an jenem Abend. Der „Short Ride“ wurde aus dem Programm der Proms gestrichen, ein zweites Mal bereits. 1997 hätte das Stück schon einmal aufgeführt werden sollen, aber die Briten standen noch unter dem Schock des gewaltsamen Todes von Lady Di. Auch Prinzessin Diana, erste Ehefrau des britischen Thronfolgers Prinz Charles, kam in einer schnellen Maschine ums Leben.

Ich schreibe diesen Text Ende März, es ist meine dritte Woche in abnehmend freiwilliger Selbst-Isolation. Das letzte Konzert der Berliner Philharmoniker ist schon über zwei Wochen her. Und selbst dieses Konzert fand schon unter beklemmenden Bedingungen statt: vor leeren Rängen. Und eigentlich ist meine Klassikreihe nach zehn Folgen zu Ende, aber da viele von uns zu Hause bleiben und vielleicht musikalischen Zuspruch brauchen, frage ich mich in diesem Text mit euch: Welche Musik hört man in der Krise?

Das vorerst letzte Konzert der Berliner Philharmoniker existiert nur für die Digital Concert Hall, die normalerweise kostenpflichtige Website der Philharmoniker. In Anbetracht unserer Zwangsvereinzelung kann man dieses hervorragende Angebot momentan kostenlos nutzen. Und so könnt ihr nun hunderte Konzerte, gespielt von einem der weltbesten Orchester, für lau hören.

Der italienische Philosoph Giorgio Agamben hat auf die Etymologie des Wortes Krise hingewiesen: Krisis meinte in der antiken Medizin den Moment, in dem der Arzt merkt, ob der Kranke überleben oder sterben würde. Im Jahr 2020 wird dieser Moment Monate dauern. Und jeder, der schwierige Zeiten durchgemacht hat, weiß, dass auch die Zeit der Trauer nicht gleichförmig ist, dass sich der Zustand, der sich in der nebligen Frühe noch wie Einsamkeit angefühlt hat, schon in der Nachmittagssonne wie Freiheit anfühlen kann. Diese unterschiedlichen Verfassungen haben Komponist:innen in Musik gegossen, durch ihre Musik können wir auf die gleichen Ereignisse durch andere Brillen schauen.

Musik funktioniert nicht für alle gleichermaßen

Die Krise nach 9/11 verlangte neben der Streichung von Adams’ Stück nach weiteren Programmänderungen bei der Last Night of the Proms 2001. Der Abend bestand schließlich aus tragischer oder zumindest getragener Musik, endete dann aber mit dem letzten Satz von Beethovens 9. Sinfonie: Freude schöner Götterfunken. Als John Adams das geänderte Programm sah, hatte er, wie er in seiner Autobiografie schreibt, einen furchtbaren Gedanken: Es gibt offenbar keine abendfüllende amerikanische Musik für ein Ereignis wie 9/11. Selbst auf das Programm des Benefizkonzerts zugunsten der Ersthelfer setzten die New Yorker Philharmoniker keine amerikanische Musik, sondern Brahms’ „Deutsches Requiem“.

Johannes Brahms: Ein deutsches Requiem

https://youtu.be/ZXU9vqVdudM?t=43

Der Kritiker der New York Times lobte die Wahl, denn Brahms’ Musik verkörpere einen „innigen Ausdruck des Trostes“, und wer das Stück kennt, wird dem kaum widersprechen. Dass da deutsche Musik gespielt wird bei einem Ereignis, das sich nun wirklich vornehmlich um Amerika dreht, findet in der Kritik keine Erwähnung. John Adams aber hat das beschäftigt. Er schreibt in seiner Autobiografie, dass es kein abendfüllendes amerikanisches Werk gibt, das das Publikum neue Hoffnung schöpfen lässt wie Beethovens „Eroica“ oder Mahlers Wiederauferstehungssinfonie (um Letztere ging es auch im neunten Teil der Klassikserie.) Aber zumindest gebe es kürzere, innige Stücke aus den Vereinigten Staaten, zum Beispiel Aaron Coplands „Quiet City“.

Aaron Copland: Quiet City

https://www.youtube.com/watch?v=FBAB8jHAhdw

Jetzt könnte man natürlich einwenden, dass Musik doch eine universelle Sprache ist, die überall gleichermaßen verstanden wird. Das stimmt nur so halb. Musik ist Kulturprodukt und was für die einen funktioniert, mag anderswo gar keine Wirkung entfalten. Und in Zeiten der Krise ist dem Publikum nach Vertrautem zumute, denn damit lässt sich verlässlich das Zusammengehörigkeitsgefühl hervorrufen, das man dann besonders braucht. Anders gesagt: In Zeiten der Krise braucht man Musik, die man schon kennt. Oder wenigstens eine, die einem bekannt vorkommt. Dass die Amerikaner im Moment der Krise auf deutsche oder österreichische Musik zurückgreifen müssen, hat Adams erschüttert: Alle Menschen werden Brüder „is a product made in Germany“.

Ludwig van Beethoven: 9. Sinfonie (Finale)

https://www.youtube.com/watch?v=gT91esZK90I&t=2852s

Es gibt selten Programmänderungen aufgrund großer Krisen, aber wenn doch, dann wird auf die immer gleiche Musik zurückgegriffen. Dafür gibt es auch einen ganz praktischen Grund: Meist ist einfach keine Zeit mehr für Proben – oder bestenfalls nur für eine einzige. Es muss also ein Repertoirestück gewählt werden, das die Musikerinnen und Musiker in- und auswendig kennen. Als John F. Kennedy 1963 ermordet wurde, gab es auch in Deutschland Programmänderungen. In Frankfurt am Main wurde kurzfristig Verdi ins Programm gehoben: Ein Opernhaus kann dann Verdis Oper „Die Macht des Schicksals“ (La forza del destino) spielen und ein Sinfonieorchester kann zumindest das Vorspiel daraus spielen. Dieses Stück kam auch bei den Proms 2001 wieder zum Einsatz.

Guiseppe Verdi: La forza del destino (Ouvertüre)

https://www.youtube.com/watch?v=lqI8z0FdBhM

Diese ernste Musik liegt abseits der Trauerstandards

Falls euch in der aktuellen Krise nach ernster Musik zumute ist, die nicht unbedingt zum Repertoire gehört, aber trotzdem die beklemmende, einsame, gegenwärtige Stimmung trifft, hier sind ein paar Vorschläge abseits der Trauerstandards:

Arnold Böcklin: Die Toteninsel, dritte Version, 1883, Alte Nationalgalerie Berlin
Arnold Böcklin: Die Toteninsel, dritte Version, 1883, Alte Nationalgalerie Berlin

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Sergei Rachmaninows Vertonung von Arnold Böcklins symbolistischer Gemäldereihe „Die Toteninsel“ ist wunderschöne, ominöse Musik:

Sergei Rachmaninow: Die Toteninsel (1909)

https://youtu.be/FcRn_2DgPlA?t=34

Auch Max Bruch gebrauchte eine außermusikalische Inspiration für „Kol Nidrei“, ein Stück für Cello, das auf einem jüdischen Gebet basiert, das am Vorabend von Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, gebetet wird:

Max Bruch: Kol Nidrei (1880)

https://www.youtube.com/watch?v=XGzOozXt4ek

Rued Langgaard war ein dänischer Komponist, dessen Oper „Antichrist“ erst nach seinem Tod uraufgeführt wurde. Ein erstaunlich unbekanntes, erstaunlich spektakuläres, höchst dramatisches Stück:

Rued Langgaard: Vorspiel zu „Antichrist“ (1921-1930)

https://www.youtube.com/watch?v=9uVurN7T_iM

Diese Stücke beschwören bessere Zeiten herauf

Welche Musik hört man in der Krise? Irgendwann braucht man ein Antidot gegen Angst und Trübsal. Musik, die bessere Zeiten heraufbeschwört, ausgelassen ist, übertrieben gut gelaunt. Wir befinden uns ja immer noch auf den Schleichwegen zur Klassik, also lasst uns doch gemeinsam herausfinden, ob das auch mit Stücken funktioniert, die man noch nicht kennt. Ein paar davon möchte ich euch vorstellen – nicht jedem bekannte Werke, die man gegen die Krise anhören kann:

Aus dem 17. Jahrhundert stammt dieser „kunstreich-melodiöse Wohlklang in verschiedenen Stimmungen und in sieben Teile oder Partien für drei Instrumente angeordnet“. Es ist alles drin: extremer Ausdruck, abstruse Dissonanzen, Humor, mit Papier (!) präparierte Instrumente. Zudem stammt das Stück von dem Komponisten mit dem eindeutig besten Namen: Hört euch Heinrich Ignaz Franz von Bibers „Battalia“ an:

Heinrich Ignaz Franz von Biber: Battalia (1673)

https://www.youtube.com/watch?v=dMVI7z5GYRU

Um 1730 herum nahm sich Johann Sebastian Bach ein Vivaldi-Konzert für vier Geigen vor, bearbeitete es für vier Cembali, änderte, ergänzte und, bäm: ein Remix aus dem frühen 18. Jahrhundert:

Vivaldi/Bach: Konzert für vier Cembali, BWV 1065 (um 1730)

https://www.youtube.com/watch?v=MojU8uh4Sno&t=23

Amy Beach war die erste Amerikanerin, die eine Sinfonie schrieb. Hier ist ein gewitztes, charmantes Klavierstück von der Frau, die 1910 auf eine dreijährige Europatournee ging, um eigene Klavierstücke aufzuführen:

Amy Beach: Honeysuckle (From Grandmother’s Garden) (1922)

https://www.youtube.com/watch?v=JL7BY1ABpJk

Ernst von Dohnányi fährt in seinen „Symphonischen Minuten“ alles auf, was er kann. Das Stück besteht aus fünf Sätzen und dauert nur eine knappe Viertelstunde. Hört euch das ganze Stück an, wenn ihr könnt. Wenn ihr nur drei Minuten habt, hört nur den letzten Satz. Dohnányis Musik schwelgt und feiert als ginge uns das Leid der Welt nichts an, als wäre es nicht 1933 – und es war 1933, als er das schrieb. Vielleicht ein Grund, warum es so selten gespielt wird. Rückwirkend war das die falsche Musik. Falsche, schöne Musik:

Ernst von Dohnányi: Symphonische Minuten – 5. Satz (1933)

https://www.youtube.com/watch?v=mcttYB8XJX0&list=OLAK5uy_m1YYBqllAnxsuMNwi08PeMv9beRA-V_rM&index=10

Auch die Orchester, Solisten und Solistinnen leiden unter der Pandemie

So furchtbar sie ist, auch diese Krise wird vorbeigehen. Dann werden wir wieder in Konzerte gehen können – und auch wenn ich normalerweise eine Lanze nach der anderen für das Klassik-Streaming breche: Sobald wir wieder dürfen, lasst uns den Musikerinnen und Musikern live zuhören. Die Konzertsäle brauchen Publikum. Die Orchester, die Solistinnen und Solisten, auch sie leiden unter der Pandemie. Nicht alle haben die Berühmtheit (und einen Vertrag mit Sony) wie der Pianist Igor Levit, der es sich erlauben kann, während der Corona-Krise kostenlos abendliche Hauskonzerte auf Twitter zu streamen. Levit ist sehr gut, aber wie immer belohnt die Ökonomie der Aufmerksamkeit eine Handvoll Stars, während viele unbekannte Künstler jetzt noch unsichtbarer (und unhörbarer) sind, wenn die Bühnen wegfallen.

John Adams’ zweimal verschobener „Short Ride“ kam übrigens doch noch zur Aufführung. 2014 bei den Proms, dirigiert von der hervorragenden Marin Alsop. Und weil es ein Stück ist, das gute Laune macht und einen geradezu euphorisiert aus dem Konzertsaal entlässt, ist der „Short Ride“ ein gutes Stück gegen die Krise. Möge sie schnell vorbeigehen.

John Adams: Short Ride in a Fast Machine (1986)

https://www.youtube.com/watch?v=5LoUm_r7It8


Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Susan Mücke; Bildredaktion: Martin Gommel.

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