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Leben mit der Natur

Die Krise der Betonköpfe

von Rico Grimm
etwa 7 Min. Lesedauer

Um Europa vor dem steigenden Meeresspiegel zu schützen, könnten wir die Nordsee komplett eindeichen: Von der französischen Bretagne bis zum englischen Cornwall eine gigantische Wand aus Beton durch das Meer ziehen, und dann auf der anderen Seite der britischen Insel weitermauern. Von Schottland aus durch die Tiefen der Nordsee bis zur Küste Norwegens. Das Projekt würde Nord- und Ostsee zu riesigen Teichen verkommen lassen. Wattwanderungen an der Nordseeküste wären dann Geschichte, weil Ebbe und Flut nicht mehr existieren würden. Aber: Millionen Menschen wären in Sicherheit.

Was sich wie ein schlechter Scherz anhört, haben zwei Wissenschaftler gerade durchgerechnet und zur Diskussion gestellt. Sie wollen den Plan als „Warnung“ verstanden wissen: Es könnte sein, dass wir so weit gehen müssen – wenn der Klimawandel nicht gebremst wird.

Aber wer würde darauf wetten, dass dieser Vorschlag nur eine Warnung bleibt? Es ist komplett denkbar, dass in ein, zwei Jahrzehnten, wenn die Straßen von Rotterdam, Hamburg und London immer wieder unter Wasser stehen werden, ein Politiker diese Idee wieder hervorkramen und als die Lösung präsentieren wird, beklatscht von der Bauindustrie und von Arbeitern, denen die große Mauer von Europa auf Jahre hinaus stabile Einkommen sichern würde.

Die New Yorker diskutieren darüber, ihre Stadt mit einer 120-Milliarden-Dollar-Mauer vor Sturmfluten zu schützen, in Jakarta will die indonesische Landesregierung den Bau einer solchen Mauer schnell vorantreiben, im vietnamesischen Ho-Chi-Minh-Stadt wollen sie einen 41 Kilometer langen Ringdeich um die Stadt ziehen. Es wirkt ja auch wie die logische Schlussfolgerung. Was tun, wenn das Wasser steigt? Das Wasser zurückdrängen, mit allem, was wir haben! Aber was machen wir, wenn alles, was wir haben, aufgebraucht ist und das Wasser immer noch steigt?

Unsere Zivilisation hat sich nicht mit der Natur entwickelt, sondern gegen sie

Das ist keine rhetorische Frage. Die beiden Wissenschaftler, die die Nordseemauern durchgerechnet haben, meinen, dass der Bau so viel Sand verbrauchen würde wie alle derzeitigen Bauvorhaben der Welt zusammen. Und wenn sie stünde, die Mauer, wäre nichts gewonnen – wie mit so vielen anderen Mauern auch. Sie wäre der deutlichste Ausdruck einer Zivilisation, die dumm, ignorant und fahrlässig handelt, einer Zivilisation, in der die Betonköpfe das Sagen haben. Betonköpfe sind Menschen, denen immer nur die gleiche Antwort einfällt, egal, was passiert.

Wir alle sind Betonköpfe – wer würde uns das verdenken? Denn die derzeitige Krise reicht tiefer, als viele gerade wahrnehmen. Es geht nicht nur um CO2-Emissionen. Unsere Diskussionen darüber sind nur Symptom des eigentlichen Problems: Die modernen Zivilisationen haben sich nicht mit der Natur entwickelt, sondern gegen sie.

Die ersten sesshaften Kulturen entwickelten ein bestimmtes Weltbild: Hinter den Grenzen des eigenen Grundstücks begann die „Wildnis“, dort lebten nomadische „Barbaren“ und die Natur war willkommen, wenn sie gerade genug Regen und Sonne brachte, um die Feldfrüchte gedeihen und nicht eingehen zu lassen. In allen anderen Fällen war sie ein Gegner, von dem man sich unabhängig machen musste. Bis heute hat sich daran nichts geändert. Die jetzigen sesshaften Zivilisationen, egal ob in Afrika, Europa, China oder Nordamerika, sehen in der Natur ein Werkzeug. Macht sie euch untertan, sagten ihre Götter und die Menschen machten sich ans Werk. So spannt sich ein weiter Bogen von den ersten Sumpf-Entwässerungen der antiken Zivilisationen zum Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat. Unterschiedliche Werkzeuge, aber das gleiche Denken.

Wer sich über die wahre Frühgeschichte der ersten Staaten informieren will, sollte unbedingt „Die Mühlen der Zivilisation“ von James C. Scott lesen. Dieses Buch hatte ich in einem meiner Newsletter besprochen:

In diesem Buch legt der US-amerikanische Politikwissenschaftler James C. Scott eine „Tiefengeschichte der frühen Staaten“ vor, die zeigt: Staaten sind für Menschen nicht so selbstverständlich, wie wir heute annehmen. Scott bezeichnet sich als „Grenzverletzer“, der in diesem Buch archäologisches und anthropologisches Wissen zusammengetragen hat, um zu zeigen, dass die Menschen nicht zum Staat kamen, sondern der Staat sich die Menschen holen musste, notfalls mit Gewalt. Oder wie es an einer Stelle im Buch heißt: Die Chinesische Mauer wurde erbaut, um die „Barbaren“ draußen zu halten – aber auch, um die Steuerzahler drinnen zu halten. Scott zeigt überzeugend, dass zentralisierte Staatlichkeit nicht das zivilisatorische Paradies ist, als das es uns im Geschichtsunterricht immer vermittelt wurde.

Ja, es gibt eine Linie von Jäger-Sammler-Kulturen über Sesshaftigkeit hin zur Staatlichkeit, aber sie bedeutet nicht per se Fortschritt. Um es überspitzt zu sagen: Die schriftliche, nationalstaatfixierte Geschichtsschreibung seit 3.000 Jahren ist immerwährende Propaganda gegen die Menschen, die nicht sesshaft waren und sich staatlicher Hoheit entzogen. Als sich in den fruchtbaren Flussebenen Mesopotamiens (im Süden des heutigen Irak) die ersten Stadtstaaten bildeten, lebten mehr als 99 Prozent der Menschen in Gebieten, die nicht staatlich verwaltet waren, und es ging ihnen nach allem, was wir heute wissen, gut: Infektionskrankheiten, wie Masern oder Röteln kannten sie nicht, die entstanden erst mit der Viehhaltung. Steuern mussten sie nicht zahlen, sie „arbeiteten“ wenig, und trotzdem war ihre Ernährung ausgewogener als diejenige der Bauern. Aber die Geschichte dieser Menschen wird uns nicht erzählt.

Aber die globale Umwelt- und Klimakrise zwingt uns nun zum Schwur

Ideen wie die Nordseemauern stehen für eine Denkweise, die sich über Tausende Jahre eingeschliffen hat. Zur Zeit nutzen wir alle Kraft, die uns unsere Maschinen liefern, um die Natur zu beherrschen. Wir deichen ein, entwässern, begradigen, betonieren, roden und planieren. Und am Ende pflanzen wir etwas Grünes, damit nicht alles so grau aussieht.

Das setzt sich sogar fort außerhalb der Städte. Zwischen den Feldern unserer Essens-Fabriken haben wir Gebiete ausgewiesen, um die Natur zu „schützen“. Naturschutzgebiete sind wichtig, sonst bleibt ja heute nicht mehr viel übrig. Diese Gebiete sind aber in einem gewissen Sinne auch Ausdruck der totalen Macht der Spezies Mensch. Denn nur ein Tyrann, der wirklich unangefochten herrscht, kann seinen Untertanen kleine Freiheiten gewähren, die gut für die PR sind, aber nichts an der Rangordnung ändern. Platz für uns Menschen, Platz für die Natur, klare Verhältnisse zwischen Siegern und Besiegten.

Ich glaube, dass dieses Denken von Siegern und Besiegten, von Herrschern und Beherrschten so tief in unserer Kultur verwurzelt ist, dass nur wenige sich davon wirklich freimachen können. Aber wir können die große ökologische Krise als Chance begreifen, in Klausur zu gehen. Denn wenn einmal diese Grundüberzeugung wackelt, diese, die so tief geht, bleibt davon nichts unberührt, mehr noch, daraus können wir Hoffnung schöpfen: „Hoffnung in Zeiten der Klimakrise bindet sich dann nicht mehr nur an das, was direkt mit den Statistiken über Treibhausgas-Emissionen zu tun hat, sondern geht tief hinein ins alltägliche Leben der Menschen.“

Ich bin überzeugt, dass alles miteinander zusammenhängt. Einen „Krieg gegen CO2-Emissionen“ zu führen, wird uns am Ende nichts nützen, wenn dieser Kampf unsere Gesellschaften aus dem Gleichgewicht bringt. Deswegen brauchen wir eine breitere Umwelt- und Klimabewegung. Wie die entstehen könnte und was es braucht:

Aber die globale Umwelt- und Klimakrise zwingt uns nun zum Schwur. Es besteht die Möglichkeit, dass die Natur doch nicht endgültig „besiegt“ ist, dass im langen Kampf mehr zu Bruch gegangen ist, als wir verstehen könnten: Der Meeresspiegel steigt, der Nährstoffgehalt von Getreide sinkt, die Stürme werden gewaltiger und die Dürren länger. Die Kontrolle gleitet langsam, aber stetig aus den Händen der modernen Zivilisationen. Die Menschen merken, dass sie wieder etwas tun müssen und die vorherrschende Strategie wäre nun: mit mehr Technik und Maschinen den „Kampf gegen die Natur“ verstärken.

Es gibt, abgesehen von absurden Nordsee-Mauer-Fantasien, gute Argumente für genau diese Vorgehensweise. Das stärkste ist wahrscheinlich: Tausende Jahre hat es so immer wieder funktioniert, davon erzählen unsere Geschichtsbücher, das bringen wir unseren Kindern in der Schule bei. Die Zivilisation, ein einziger Fortschritt hin zu – ja, wohin eigentlich? – auf jeden Fall nicht aufzuhalten und alles in allem ein großer Segen. Oder?

Aber dieses Mal könnte es anders sein. Denn noch nie haben so viele Menschen auf der Erde gelebt, noch nie haben sie so viele Ressourcen verbraucht, noch nie sind so viele Arten so schnell ausgestorben. Ausmaß und Geschwindigkeit, das ist dieses Mal anders und es könnte sein, dass wir an einem kritischen Punkt sind, der sich – einmal überschritten – später als Wendepunkt herausstellt: Diese 300 Jahre waren dann die Jahre, in denen es sich entschieden hat, ob die Menschen auf einer ausgelaugten Erde weiterleben konnten – oder auf einer des Reichtums.

Lies diesen Text, wenn du mehr darüber wissen willst, wie eng Klimakrise, Wachstum und Ressourcenverbrauch miteinander verknüpft sind:

Unsere „Lösungen“ haben uns über die Jahrtausende diesem Punkt der Entscheidung immer näher gebracht. Nur Betonköpfe erkennen das nicht.


Vielen Dank an Krautreporter-Mitglied Jens, der mich mit seinem Kommentar unter meinem letzten Artikel über die Ursachen und Gründe der australischen Waldbrände auf die Idee für diesen Text gebracht hat. Von ihm stammt der Ausdruck „Krise der Betonköpfe“.

Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Martin Gommel.

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