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Demokratiebildung

Wo wir die Demokratie verlernen? In der Schule!

Ein Plädoyer von Bent Freiwald
etwa 8 Min. Lesedauer

Hast du dich schon mal gefragt, warum du nie bei Pegida mitgelaufen bist? Das Abendland nicht mit Galgen und Geschrei verteidigt hast? Nicht gegen „die da oben“ protestiert und dich mit „denen hier unten“ verbunden hast?

Ich mich auch nicht. Natürlich nicht. Pegida – diese als Kritik verkleidete Nazi-Veranstaltung – unterstützen? Vollkommen absurd.

Trotzdem sind wir eigentlich alle ein kleines bisschen Pegidisten. Denn das Gefühl, gegenüber denen da oben machtlos zu sein und mit Wahlen sowieso nichts ändern zu können, haben wir alle bereits früh gelernt: in der Schule.

Dabei wird den Schulen (zu recht!) eine entscheidende Rolle zugesprochen, uns politisch zu bilden. Deshalb ist die erste Forderung nach jedem brennenden Heim für Geflüchtete, jedem Angriff auf gewählte Politiker:innen, jedem unerwartet guten Abschneiden der AfD: Wir brauchen mehr Demokratiebildung in den Schulen! Das sichert zustimmendes Kopfnicken von allen Seiten (außer von rechts).

Die Forderung ist natürlich richtig. Das Problem: Kaum etwas in deutschen Schulen ist so verlogen wie unser halbherziger Versuch, den Jugendlichen Demokratie beizubringen. Die gute Nachricht: Es braucht keine großen Reformen oder Unmengen an Geld – die Schulen könnten sofort anfangen, das zu ändern.

Demokratie kann man nicht auswendig lernen

Als ich die Schule verlassen habe, war mein Wissen um unsere Demokratie in erster Linie: sehr theoretisch. Im Politikunterricht habe ich gelernt, wie unser politisches System funktioniert, wie sich der Bundestag zusammensetzt, wer wen wählen darf, welche Kontrollinstanzen es gibt, wie das Parteiensystem funktioniert, und ich hoffe, du bist jetzt nicht direkt eingeschlafen. Politikunterricht kann ganz schön langweilig sein.

Aber Demokratie kann man nicht auswendig lernen.

Ich kann alles über das demokratische System wissen und trotzdem davon überzeugt sein, dass meine eigene Stimme nichts verändern kann. Echte Demokratiebildung findet deshalb nicht in einem Fach statt, sondern in allen Fächern, und nicht nur theoretisch, sondern durchs Machen.

Es gibt gute Gründe, nicht nur „durchzunehmen“, wie eine demokratische Gesellschaft funktioniert, sondern die Schule selbst zu einer zu machen und die Schüler:innen miteinzubeziehen:

  • Wer aktiv an einer Entscheidung beteiligt ist, ist auch eher bereit, bei der Umsetzung zu helfen.
  • Wer selbst mitentscheidet, was er oder sie lernt, ist auch motivierter – wir prägen uns etwas besser ein, wenn es uns interessiert und uns wichtig ist.
  • Wer ständig mit anderen Meinungen konfrontiert wird, hält andere Meinungen auch besser aus, lernt seine eigene Sichtweise zu vertreten, vielleicht sogar (ganz verrückte Idee), die Idee eines anderen nach Abwägung doch besser zu finden als die eigene. 56 Prozent der Jugendlichen haben Angst vor einer wachsenden Feindlichkeit zwischen Menschen mit unterschiedlichen Meinungen, das zeigt die aktuelle Shell-Jugendstudie (PDF).
  • Und wer mitbestimmt, wie die Schule aussieht und was die Schule macht oder sein lässt, fühlt sich direkt mit ihr verbunden. Es entsteht eine Art Schul-Identität, eine gemeinsame Erzählung, die den meisten Schulen heutzutage fehlt.

Partizipation bedeutet: Wir hören euch zu, auch, wenn uns eure Sichtweise stinkt. Die Macht in den Schulen zu dezentralisieren, ist deshalb die beste Vorsorge dafür, dass sich Schüler:innen später nicht von radikalen politischen Kräften vereinnahmen lassen. Wer die Schule klimaneutral machen möchte, dafür einen Kompromiss eingehen und Kritiker:innen überzeugen muss, weiß auch: sich zu einigen, ist kompliziert, und einfache Antworten sind meistens falsch.

Meine Kollegin Esther Göbel hat sich angeschaut, was es mit einer Kita macht, wenn die Kinder wirklich was zu sagen haben. Ihr Fazit: Es klappt. Früh übt sich, wer ein guter Demokrat sein will:

Demokratiebildung ist heute eine Alibi-Veranstaltung

All das ist bekannt. Die Schulen sind sogar dazu verpflichtet, ihre Schüler:innen mit einzubeziehen. In der UN-Kinderrechtskonvention steht in Paragraf 12, dass die Meinung von Schüler:innen berücksichtigt werden muss. Und auch in jedem der 16 Schulgesetze in Deutschland steht, dass die Kinder mitbestimmen sollen. Paragrafen sind aber oft wie Parkett: Auslegungssache.

Die UN-Behindertenrechtskonvention besagt zum Beispiel, dass alle Menschen das Recht haben, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Wie umstritten die Umsetzung dieser Paragrafen in Deutschland ist, habe ich in diesem Artikel erklärt:

Christoph Berens führt für das Land Hamburg Fortbildungen in Demokratiepädagogik durch und sieht jede Woche, wie Hamburger Schulen diese Vorgaben umsetzen. Er sagt: „Klassenräte, Klassensprecher, Schülervertretungen – das sind heute alles Alibi-Veranstaltungen, die die meisten Schulen nur haben, weil es so im Schulgesetz steht.“

Und weiter: „Eigentlich müsste es in jeder Schule einen Vertrag geben, mit einer Tabelle. Links die Fragen, bei denen die Schüler:innen mitreden dürfen, rechts die Fragen, bei denen sie nicht mitreden dürfen.“

Warum kaum eine Schule einen solchen Vertrag hat? Weil die linke Spalte der Tabelle ziemlich leer wäre.

Meiner Kollegin Belinda Grasnick hat ein Lehrer aus Brandenburg erzählt: „Die Schüler lassen sich nur schwer in demokratische Prozesse einbinden. Sie haben auch wenig Interesse an der Schülervertretung.“ Was auch daran liegt, dass sie dort keine richtige demokratische Arbeit leisten können. Meistens trifft sich die Schülervertretung nur zwei Mal im Halbjahr für zwei Stunden.

Die Schülervertretungen schaden unserer Demokratie

Dejan Mihajlović ist Lehrer in Freiburg und bringt anderen Lehrer:innen bei, wie man Schüler:innen beteiligen kann. Er sagt: „Ich bekomme ständig negative Rückmeldungen von Schülervertretungen, dass Projekte von der Schulleitung eingestampft wurden, dass ihre Arbeit kontrolliert wird und eigentlich nicht erwünscht ist.“

Die Schüler:innen lernen von Beginn an: Wen ich wähle, ist eigentlich egal. Und die da oben (also die Schulleitung und die Lehrkräfte) machen sowieso, was sie wollen. Das erste Gesellschaftsmodell, das Kinder erleben, die Schule, könnte undemokratischer kaum sein. So, wie sie sind, schaden die Schülervertretungen der Demokratie damit sogar.

Ein Alles-andere-als-Fun-Fact: 71 Prozent der Jugendlichen stimmen laut Shell-Studie dieser Aussage zu: „Ich glaube nicht, dass sich Politiker darum kümmern, was Leute wie ich denken“. 71 Prozent!

Dass es Gremien wie Schülervertretungen gibt, liegt vor allem daran, dass es Gremien wie Schülervertretungen geben muss. Schüler:innen können heute Abitur machen, ohne auch nur ein einziges Mal bei wichtigen Fragen mitentschieden zu haben.

Trotzdem sollen sie mit 18 verstehen, dass ihre Stimme wichtig ist, dass ihre Meinung etwas zählt, dass Wahlen wirklich etwas verändern können.

Vielleicht denkst du jetzt: Ich wurde nie mit einbezogen und ich bringe mich trotzdem mit ein, sehe mich trotzdem als Teil unserer Gesellschaft. Fair enough. Und damit wir uns nicht falsch verstehen: Niemand wird gezwungen, Nazi-Sätze zu sagen, rechtsextrem zu denken oder zu wählen, nur weil wir in der Schule nicht lernen, wie wir uns beteiligen können.

Die Gefahr ist auch nicht, dass sich alle Schüler:innen später machtlos fühlen, wenn wir nicht anfangen, sie in der Schule zu beteiligen. Die Hoffnung ist, dass sich weniger Schüler:innen machtlos fühlen.

Die Gegner der Demokratie schlafen nicht, aber wir tun es

Anders als bei den vielen großen Herausforderungen des Bildungssystems (Inklusion, Integration, Digitalisierung, puh), braucht es keine großen Reformen und auch nicht Unmengen an Geld, damit sich etwas ändert.

Christoph Berens sagt: „Die Rahmenbedingungen sind eigentlich gut. Das musste ich in den letzten Jahren lernen. Es wird nur schlecht umgesetzt, oder eben gar nicht.“

Dabei gibt es Modellschulen, die ihr Wissen gerne weitergeben. Denn es gibt es viele Wege, Schüler:innen mit einzubeziehen. Man kann demokratisch abstimmen lassen, indem man die Schüler:innen schriftlich befragt – oder per App. Niemand verbietet es den Schulen, alle ihre Schüler:innen bei wichtigen Entscheidungen nach ihrer Meinung zu fragen.

Es braucht Lehrer:innen, die bereit sind, Kontrolle abzugeben, und eine Schulleitung, die mutig genug ist, die Schülerschaft nicht auszugrenzen. Und dann: alle an einen Tisch. Sollte der Unterricht später starten? Die Schule klimaneutral und die Hausaufgaben abgeschafft werden? Man kann den Unterricht fair bewerten lassen, die Schüler:innen eigene Ideen zur Abstimmung stellen lassen und sie fragen, was sie lernen wollen.

Neuseeland hat das gemacht: 15.000 Schüler:innen gefragt, was sie lernen wollen. Gemeinsam mit Lehrkräften, Direktor:innen, Eltern, Wissenschaftler:innen und einer Maori-Vertretung (das sind die Ureinwohner:innen Neuseelands) haben sie 2004 so den Schul-Lehrplan verfasst. Und danach sogar noch mal alle Bürger:innen eingeladen, Anmerkungen zu machen. Das ist enorm aufwendig, und es muss ja auch nicht gleich der ganze Lehrplan sein.

In diesem Artikel auf Zeit Online beschreibt die Autorin, was sie vom neuseeländischen Schulsystem gelernt hat, als sie mit ihrer Familie dort gelebt hat.

Aber dass sich die Jugendlichen einbringen wollen, sehen wir jeden Freitag, wenn wieder mehrere Tausend von ihnen auf die Straße gehen. Noch keine Schülergeneration vor ihnen hat über einen so langen Zeitraum jede Woche demonstriert. Und mein Gott sollten wir ihnen dankbar dafür sein.

Denn die Gegner der Demokratie schlafen nicht, sie verändern unser Land. Politiker werden ermordet. Bürgermeister in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen treten zurück, weil ihnen gedroht wird. Eine Synagoge in Halle wird angegriffen! Und wir lassen zu, dass Demokratiebildung eine hohle Forderung bleibt, die uns alle nach solchen Anschlägen für ein paar Tage beruhigt.

Gegen die Feinde der Demokratie zu kämpfen, ist aufwendig. Wir dürfen die Bereitschaft der Jugendlichen, dieses Land mitzugestalten, in den Schulen nicht verpuffen lassen.

Deshalb: Schafft die Schülervertretungen ab – oder gebt ihnen endlich mehr Macht!


Redaktion: Rico Grimm; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Fotoredaktion: Martin Gommel.

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