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Wettrüsten im All

Der Kampf ums Weltall, verständlich erklärt

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Das hört sich jetzt ein bisschen nach Comic an, ist aber die politische Vision von Donald Trump: eine Space Force. Bisher ist die US-Armee zu Land, im Wasser und in der Luft präsent – und jetzt auch im Weltall, denn die Space Force soll die sechste Teilstreitkraft der US-Armee werden. Das Repräsentantenhaus hat dem Gesetzesentwurf schon zugestimmt.

Bisher sind die fünf Teilstreitkräfte der US-Armee: Army (also Bodentruppen), Air Force (die Luftwaffe), Navy (die Flotte), Marines (die Marineinfanterie, also zum Beispiel Wachsoldaten auf Kriegsschiffen), und Coast Guard (die Küstenwache, die vor allem polizeiliche Aufgaben hat).

Moment mal: Heißt das, die USA schicken Soldaten ins All? Sternenzerstörer? Star-Wars-Sturmtruppen?

Nein. Erst mal geht es um eine Umorganisation: Bisher gab es bei der Air Force, also der Luftwaffe, eine Abteilung für Weltraumangelegenheiten. Jetzt soll es eben eine eigene Streitkraft für das All geben. Das heißt zunächst nur: Die USA sehen den Weltraum als militärisches Einsatzgebiet.

Aber was machen die denn genau im All?

Im Gesetzesentwurf heißt es, dass die Space Force die „Operationsfreiheit der USA im Weltraum gewährleisten” und die „Interessen der USA im Weltraum schützen” soll.

Aha.

Militärisch passiert im All folgendes: Die Sowjetunion schossen 1957 den ersten Satelliten Sputnik 1 in den Weltraum. Die Amerikaner folgten ein Jahr später mit Explorer 1 und waren 1969 die ersten auf dem Mond. Lange waren die USA und Russland im Weltraum alleine. Mittlerweile haben elf Staaten sogenannte Trägersysteme, mit denen sie Raketen und damit auch Satelliten ins All schicken können. Darunter Nordkorea und Iran – Länder, die Amerika nicht gerade wohlgesonnen sind.

Der amerikanische Verteidigungsnachrichtendienst (Defense Intelligence Agency, kurz DIA) hält es durch den ganzen Verkehr dort oben für möglich, dass amerikanische Interessen im Weltraum bedroht sind. Wie in vielen anderen industrialisierten Staaten ist auch in den USA das alltägliche Leben nämlich extrem abhängig von der Weltraum-Infrastruktur. Vor allem von Satelliten.

Klar – weil ohne Satelliten kein GPS und kein Navi.

Unter anderem. Wir sind praktisch umzingelt von Satelliten. Guck dir mal die Webseite stuffinspace an, sie hat das eindrucksvoll veranschaulicht. Aktuell schweben ungefähr 5.000 Satelliten im All, 2.000 davon sind aktiv (das sind Zahlen der europäischen Raumfahrtagentur ESA). Die Hälfte aller Satelliten ist amerikanisch.

Unsere Technik ist von diesen Systemen ziemlich abhängig. Bevor du morgens das Haus verlässt, hast du im Schnitt ungefähr fünfmal die Dienste des Global Navigation Satellite System (GNSS) benutzt. Schau dir diese Liste an: Die Politikberatungsfirma „London Economics“ hat zusammengestellt, wie ein Tag in England ohne GNSS aussehen würde

GNSS ist ein Sammelbegriff. Es umfasst mehrere Navigationssysteme, das bekannteste ist das amerikanische Global Positioning System: das GPS. Aber auch das europäische Galileo ist ein GNSS.

Wie denn?

Selbst wenn du kein Smartphone besitzt, einen batteriebetriebenen Old-School-Wecker benutzt und dir der Wetterbericht und die Börse egal sind – spätestens bei der Beleuchtung und beim Wasserkochen endet deine Satelliten-Unabhängigkeit. Denn auch das Stromnetz ist mit dem Weltraum verbunden. Strom wird an verschiedenen Orten erzeugt und ins Netz eingespeist. Damit der Stromfluss nicht unterbrochen wird, wird das Netz mithilfe von nanosekundengenauen Zeitsignalen synchronisiert. Dafür braucht es Satelliten. Sollten die Dienste des GNSS ausfallen, würde der wirtschaftliche Schaden Schätzungen zufolge allein in Großbritannien bei einer Milliarde Euro liegen – pro Tag.

Und was hat das GNSS mit dem Militär zu tun?

Sehr viel, denn seit den Anfängen der Raumfahrt in den 1950er Jahren hat sich besonders das Militär für das All interessiert. Die Raumfahrt wird manchmal auch als Kind des Kalten Krieges bezeichnet. Neben Kommunikation und Erdbeobachtung durch Satelliten hat das Militär auch Navigationssysteme entwickelt. Dass wir mit unseren Smartphones alle Zugriff auf dieses System haben, ist ein relativ junges Phänomen. Die Satellitennavigation mit GPS gibt es seit Ende der 80er Jahre. „Doch erst seit 20 Jahren wird es zivil genutzt“, sagt mir René Kleeßen vom Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum in Bonn am Telefon.

Diesen Zeitpunkt, ab dem die GPS-Navigation auch zivil nutzbar wurde, kann man ziemlich genau datieren. Vor dem Jahr 2000 wurde das zivile Signal verschlüsselt und künstlich verschlechtert. Es wurde nur wenig genutzt, da es für viele Dinge zu unpräzise war. Das änderte sich im Mai 2000, als US-Präsident Bill Clinton die Verschlüsselung des zivilen Signals aufhob. „Von da an gewann die GPS-Navigation auch im zivilen Bereich enorm an Bedeutung, weil das Signal präziser wurde“, erklärt Kleeßen. „Statt auf 100 Meter konnte man von nun an auf 10 Meter genau navigieren.“

Warum sind Satelliten für das Militär überhaupt so wichtig?

Zwischen 20 und 25 Prozent der Satelliten werden derzeit militärisch genutzt. Sie haben die Kriegsführung enorm verändert. Sie betreiben Aufklärung und Spionage, mit ihrer Hilfe werden Einsätze koordiniert und Raketenstarts geortet. Kaum ein Militäreinsatz funktioniert noch ohne Satelliten.

Und alle Satelliten, also auch die zivilen, haben ein sogenanntes Dual-Use-Potenzial. Das heißt, dass sie sowohl militärisch als auch zivil genutzt werden können. Ein Beispiel: Es gibt mittlerweile Satelliten, die sehr nah an ihre Artgenossen heranmanövrieren können, um sie zu inspizieren und wenn nötig zu reparieren.

Eigentlich eine gute Sache, denn aufgrund der hohen Strahlung im All haben viele Satelliten nur eine Lebensdauer von ungefähr fünf Jahren. Die gleiche Technik kann aber auch dafür genutzt werden, um andere Satelliten außer Gefecht zu setzen. „Wir müssen uns in Zukunft auch darüber Gedanken machen, was passieren muss, damit ein Satellit nicht angegriffen wird“, sagt René Kleeßen.

Wie kann man sich einen militärischen Angriff im Weltraum überhaupt vorstellen?

Bleiben wir bei den Satelliten: Diese können ausspioniert, in ihrer Funktionsweise gestört oder auch vollständig zerstört werden. Anfang 2019 hat Indien mit einem Test demonstriert, dass es in der Lage ist, mithilfe von sogenannten Antisatellitenwaffen Satelliten in der Umlaufbahn von der Erde aus abzuschießen. Die drei großen Weltraummächte USA, Russland und China investieren deswegen gerade in Technologien, um ihre eigenen Systeme zu schützen.

China hat einen solchen Test schon 2007 durchgeführt. Er fand auch deshalb so viel Beachtung, weil durch ihn rund 3.000 neue Weltraumschrottteile entstanden sind. Weltraumschrott wird in der Raumfahrt zu einem immer größeren Problem, je mehr die Erdumlaufbahn genutzt wird. Aktuell fliegen laut ESA dort rund 34.000 Trümmerteile herum, die größer als zehn Zentimeter sind. Aber selbst kleinere Teile haben durch ihre hohe Geschwindigkeit eine größere Durchschlagkraft als eine Gewehrkugel. Die Internationale Raumstation (ISS) muss deswegen regelmäßig Ausweichmanöver fliegen.

Das Problem des Weltraumschrotts ist vertraglich schwer zu regulieren. „Durch Weltraumschrott, der bei Zerstörung eines Satelliten entsteht, haben eigentlich alle Nachteile. Er bedroht die Nutzung der Raumfahrtanwendungen auf der Erde. Der Weltraumschrott macht keinen Unterschied zwischen den Ländern“, sagt René Kleeßen. Die europäische Raumfahrtagentur ESA plant momentan eine Mission, um den Schrott zu beseitigen.

Aber das war ja nur ein Test. Ist so ein Angriff tatsächlich schon passiert?

Nein. Bisher hat noch kein Staat den Satelliten eines anderen Staates zerstört. Aber es gab schon Spionageangriffe. Und vermutlich Cyberangriffe, die Satelliten gestört haben.

Könnte es einen Krieg im Weltall geben?

Bisher reden die großen Mächte immer davon, sich im Fall der Fälle verteidigen zu können. Aber der Weltraum könnte tatsächlich Kriegsschauplatz werden. Die NATO, das transatlantische Verteidigungsbündnis, beschloss 2019 eine Weltraum-Strategie, die den Schutz von Satelliten in den Mittelpunkt stellt. Außerdem erklärte sie den Weltraum im November 2019 zum eigenständigen Operationsgebiet. Das bedeutet, dass auch bei Angriffen im All künftig der Bündnisfall ausgerufen werden kann. Der angegriffene Staat kann in einem solchen Fall mit der Unterstützung der anderen NATO-Partner rechnen (derzeit sind es 29). Generalsekretär Jens Stoltenberg zufolge ist der Weltraum „unentbehrlich für die Verteidigung und Abschreckung der Allianz“.

Schon 2016 erklärte die NATO nach dem Land, der See und der Luft auch den Cyberspace zu einem eigenständigen Operationsgebiet, in dem Angriffe einen Bündnisfall auslösen können. Hier hat Rico Grimm über den Kampf im Internet geschrieben:

Warum könnte man ein Aufrüsten im Weltraum nicht einfach verbieten?

Könnte man vielleicht. Dafür bräuchte es allerdings international verbindliche Regelungen und Verträge.

Und die gibt es nicht?

Doch: Es gibt Verträge, aber sie reichen nicht aus und sie sind veraltet. Der wichtigste Vertrag ist der – Achtung: Vertrag über die Grundsätze zur Regelung der Tätigkeiten von Staaten bei der Erforschung und Nutzung des Weltraums einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper, oft einfach Weltraumvertrag genannt. Er wurde 1967 geschlossen und bisher von 107 Staaten ratifiziert. In der Präambel sprechen die Vertragsstaaten von einem „gemeinsamen Interesse der gesamten Menschheit an der fortschreitenden Erforschung und Nutzung des Weltraums zu friedlichen Zwecken“.

Klingt vernünftig.

Stimmt. Und der Vertrag deckt einige wichtige Grundsätze ab: Er verbietet den Staaten, Kern- und Massenvernichtungswaffen im Weltraum zu stationieren, militärische Stützpunkte auf dem Mond oder anderen Himmelskörpern zu errichten und dort Waffentests durchzuführen. Das sind gute Ansätze, aber es gibt eine ganze Reihe Dinge, die weiterhin erlaubt sind. Nuklearwaffen dürfen nicht im Weltraum stationiert werden – aber mit solchen Waffen bestückten Raketen dürfen ihn durchfliegen. Das gleiche gilt für den Abschuss von Raketen oder Satelliten von der Erde aus.

Und warum ergänzt man diese Punkte nicht einfach?

Viele Expert:innen halten das in der Tat für dringend notwendig. Momentan ist es allerdings extrem schwierig, Rüstungsverträge für den Weltraum auszuhandeln. In seiner Rede zur Gründung der Space Force sagte Präsident Trump 2018, dass eine amerikanische Präsenz im Weltraum nicht ausreiche. Es brauche eine amerikanische Dominanz. Stichwort: „Make America Great Again.“

Ich habe darüber mit Götz Neuneck telefoniert. Er ist Politikwissenschaftler am Institut für Friedens- und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg. Er sagt: „Wenn die USA von Dominanz im Weltraum reden, fühlen sich insbesondere Russland und China davon bedroht. Alle haben Angst, der jeweils andere würde sie bedrohen und überholen. Das Wettrüsten wird in den Weltraum hineinwirken.“

Um zu verstehen, warum die Schließung von Rüstungsabkommen so schwierig ist, muss man aber gar nicht erst in den Weltraum schauen – auf der Erde ist es nicht einfacher.

Was meinst du?

„Zum ersten Mal seit 1968 gibt es keine Verhandlungen zur Rüstungskontrolle und Abrüstung mehr zwischen den USA und Russland”, sagt Götz Neuneck. Damals, mitten im Kalten Krieg, verhandelten sie über die Begrenzung von Interkontinentalraketen und Raketenabwehrsysteme] und es gab einige Erfolge.

Die SALT-Verhandlungen (der Name kommt vom englischen Strategic Arms Limitation Talks) zwischen US-Präsident Lyndon B. Johnson und dem sowjetischen Ministerpräsidenten Alexei Nikolajewitsch Kossygin ab 1969 hatten zum Ziel, die strategische Rüstung zu begrenzen. Sie führten 1972 zum Abschluss des ABM-Vertrags, der die Anzahl der Raketenabwehrsysteme begrenzen sollte. Der ABM-Vertrag wurde 2002 von den USA gekündigt.

Laut Neuneck läuft die Rhetorik der beiden Staaten beim Thema Weltraum auf Konfrontation hinaus. „Diese Rhetorik und diese neuen in der Entwicklung befindlichen Waffensysteme sind beunruhigend”, sagt er. Fakt ist aber auch, dass Staaten trotz angriffslustigen Worten bisher oft davor zurückgeschreckt sind, ihre militärische Technik in vollem Umfang gegeneinander einzusetzen. „Man hat bisher ja auch keinen Atomkrieg geführt, obwohl man Atomwaffen hat”, sagt Neuneck. Das Problem ist, dass man die Nutzung dieser Technologien aber auch nicht ausschließen kann.

Okay, das heißt beim nächsten großen militärischen Konflikt funktioniert also mein Handy nicht mehr.

Das ist zumindest möglich. Allerdings ist schwer zu sagen, wie ein solcher Konflikt im Weltraum aussehen würde. Und: Alle Beteiligten sind von Satelliten und Navigationssystemen abhängig. Dass es tatsächlich so weit kommt, ist also unwahrscheinlich. Wichtig zu erwähnen ist auch, dass es im All bei weitem nicht nur Konflikte gibt, sondern auch viel Kooperation – vor allem in der Forschung.

Du meinst die Internationale Raumstation?

Ja, die ISS ist wohl das bekannteste Beispiel für eine friedliche Zusammenarbeit. Sie hat dabei auch symbolischen Charakter. Russische Kosmonaut:innen und amerikanische Astronaut:innen arbeiten dort zusammen und halten sich sogar brav an den Putzplan. Gleichzeitig wird der Weltraum in den nächsten Jahren noch viel voller werden. Der amerikanische Unternehmer Elon Musk will mit seinem Unternehmen Starlink die ganze Welt mit schnellem Internet versorgen – die Rede ist dabei von ein paar tausend Satelliten. Und auch für die wird es Regelungen brauchen. Allein, damit wir uns in ein paar Jahrzehnten nicht unter einer undurchdringbaren Decke aus Weltraumschrott befinden. Das würde schließlich auch die militärische Raumfahrt außer Gefecht setzen.


Vielen Dank für eure Mails zu Beginn dieser Recherche: Frank, Wilfried, Arthur, Jele, Astrid, Tanja, Klaus, Michael, Klaus, Sascha, Sebastian, Andreas und Manuel!

Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Verena Meyer.

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