Gesucht: das nächste Aids-Virus

Gesucht: das nächste Aids-Virus

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Als die Sonne sehr weit oben am Himmel steht, kommt Brice Bidja aus dem dichten Wald, der das Dorf Mesock im Südosten von Kamerun umgibt. Eine Flinte Kaliber zwölf in der einen, den schlaffen Körper einer Blaumaulmeerkatze in der anderen Hand. Der kleine Affe mit dem charakteristischen weißen Schnurrbart wippt auf und ab. Für gewöhnlich kommt Brice allein zurück von der Jagd. An diesem Morgen begleiten ihn einige Fremde auf dem Rückweg zu seiner Lehmhütte – Dokumentarfilmer, ein paar Helfer und Wissenschaftler. Darunter der amerikanische Virologe Nathan Wolfe.

Wolfe wartet draußen, während sich die anderen nacheinander ducken, um durch den niedrigen Hauseingang ins Innere der Lehmhütte zu gelangen. Das Gesicht von Bidjas Frau, Sandrine, ist im rötlichen Schimmer des Feuers zu erkennen. Dahinter ihre zwei Kinder. Brice legt die Meerkatze auf einen Palmwedel und holt ein Stück Filterpapier heraus, das er von Wolfes Organisation, der Global Virus Forecasting Initiative (GVFI), bekommen hat. Sandrine hockt auf dem Boden. Sie trennt dem toten Affen mit einer Machete die Arme ab, hält sie über das Papier, vorsichtig, bemüht, das heruntertropfende Blut in fünf aufgedruckten Kreisen landen zu lassen. Als die Kreise tiefrot sind, steckt Brice die Blutprobe in einen wiederverschließbaren Plastikbeutel mit Kieselgel und reicht ihn einem Mitarbeiter Wolfes.

Die Forscher wollen wissen, ob das Äffchen, das weniger später eine Mahlzeit für die Familie Bidja werden wird, ein gefährliches Virus in sich trägt. Ein Virus, das auf den Menschen übergehen und die nächste tödliche Pandemie auslösen könnte.

Die neue Strategie: Präventivschläge gegen neue Erreger

Sandrine schiebt das Affenbein in die Flammen. Es riecht nach verbrannten Haaren und verbrannter Haut. Sie holt es wieder aus dem Feuer und bearbeitet es mit der Machete. Die Kameras rücken näher. Sie dokumentieren den Weg der Klinge durch Beine, Schwanz und Nacken. Am Eingang plaudert Brice mit Nathan Wolfe. Sein Französisch durchmischt sich mit den Geräuschen splitternder Knochen. Sandrine öffnet jetzt den Brustkorb des Affen mit scharfen Hieben ihrer Machete. Jeder Schlag hinterlässt einen feinen Sprühnebel aus Blut. Einer Zuschauerin wird es zu viel. Sie stürzt nach draußen und zieht panisch eine Flasche mit antibiotischem Gel aus ihrem Rucksack. „Oh, gut, du hast Händedesinfektionsmittel mitgebracht“, sagt Wolfe grinsend. „Das wird dich schützen, ganz sicher.“

Sandrine nimmt ein kleineres Messer, um den Affenkörper bis auf die Eingeweide für den Verzehr vorzubereiten. Als sie bemerkt, wie die Kinder unruhig werden, greift sie in den Brustkorb, schneidet Herz und Leber heraus und wirft ihnen die labberigen Organe hin. Die Kinder rollen sie zwischen ihren Händen wie Knete.

Nathan Wolfe, 44, breit gebaut, mit kurzem, krausem Haar und Dreitagebart, ein Vorreiter in Regenstiefeln, ist Teil einer ambitionierten Bewegung, die den Umgang der Welt mit der Virenbekämpfung ändern will. Vom schieren Eindämmen eines Ausbruchs hin zu Präventivschlägen gegen aufkommende Viren.

„Wenn man sich beispielsweise Aids, Pocken oder Ebola anschaut, oder jedes andere dieser wirklich üblen Viren, die sich im vergangenen Jahrhundert entwickelt haben“, sagt Wolfe, „dann ist ein Großteil dieser Erreger von Tieren auf uns Menschen übergesprungen. Was wir jetzt versuchen, ist weit flussaufwärts zu schwimmen und das nächste HI-Virus einzufangen, bevor es zu einer tödlichen Pandemie kommen kann.“

Was gibt es in einer aufgeklärten Welt überhaupt noch Neues zu entdecken? Nathan Wolfe sagt: „Die kleinsten Formen des Lebens auf unserem Planeten, die Viren.“ Seinen TED Talk findet ihr hier.

Um das zu erreichen, hat Wolfe das letzte Jahrzehnt hauptsächlich an der Seite von Jägern wie Bidja verbracht. Hat Blut von ihnen und ihrer Beute gesammelt.

Es ist kein Zufall, dass er sich dafür die Wildnis des südöstlichen Kamerun ausgesucht hat, einem der anspruchsvollsten Lebensräume der Welt. Hier, so vermuten Wissenschaftler, ist einst ein Schimpansen-Virus zu HIV mutiert und gelangte in das Blut eines Jägers. Nachdem das Virus seinen ersten, ahnungslosen Wirt befallen hatte, schwärmte es aus, in mehr als 60 Millionen Körper weltweit.

Nathan Wolfe.

Wolfe zieht mit seinem Projekt Global Viral durch die Welt. Subventionen erlauben dem Projekt Forschungen an weiteren tropischen Hotspots, die eine Geschichte sich tödlich vermehrender Viren haben, darunter Vogelgrippe und SARS. Wolfe will eine weltweite Infrastruktur, die Wissenschaftler mit einem dauerhaften Strom von neuem Blut aus überwachten Populationen versorgt, darunter solche wie die Busch-Jäger in Afrika, Geflügelfarmer in Südostasien oder Verkäufer der schwimmenden Märkte in China, wo lebendige Wildtiere als Nahrungsmittel verkauft werden.

„Wolfes Arbeit wird uns dabei helfen, Wissenslücken bei der Entstehungsgeschichte von Viren zu schließen – und das nahezu in Echtzeit“, sagt Mark Smolinski, Geschäftsführer der Predict and Prevent Initiative von Google.org, dem philanthropischen Arm des Technologiekonzerns, der die Global Viral Forecasting Initiative finanziell unterstützt. „Es wäre nicht zu viel gesagt, dass Nathan das nächste HIV finden könnte – hoffentlich hält es sich dann noch in tierischen Wirten auf und ist nicht vollständig auf Menschen übergegangen.“

Seit 1940 kamen 300 neue Krankheiten hinzu

Was Wolfes Arbeit antreibt – und seinem Projekt eine Menge Geld verschafft – ist die furchteinflößende Aussicht, eine neue unaufhaltsame Krankheit könnte im Dschungel ausbrechen, die Ärzte überrumpeln und Millionen Menschen töten, bevor eine wirksame Antwort gefunden werden kann. Seit 1940 hat sich die Menschheit mit mehr als 300 neuen Krankheiten infiziert. Und die Risiken werden größer. Moderne Gesellschaften ebnen opportunistischen Mikroben geradezu den Weg, indem sie Städte immer weiter verdichten, das Klima verändern und immer mehr alte Menschen hervorbringen.

Obschon Wissenschaftsoptimisten vor Jahren voraussagten, man würde ansteckende Krankheiten mittelfristig in den Griff bekommen, erhöht sich das Potenzial eines Ausbruchs stetig, weil immer mehr Weltreisende die Viren über die Grenzen tragen. Und weil Holzfäller und Mineure immer tiefer in den mikrobenreichen Urwald vordringen, kommen auch immer mehr Menschen in Kontakt mit Tieren, die schnell mutierenden Viren als Wirt dienen.

Überdies wächst die Befürchtung, die globale Erderwärmung könnte tropische Erreger in die klimatisch gemäßigten Breitengrade und Bergregionen tragen.

Unter Menschen bereits etablierte Krankheiten wie Affenpocken, Denguefieber und Tuberkulose kommen in veränderter Form wieder auf, als medikamentenresistente Stämme, die Menschen an Orten angreifen, an denen sie als ausgerottet galten.

Das West-Nil-Virus, das es in Afrika bereits seit tausenden Jahren gibt, tauchte zum ersten Mal 1999 in New York auf. Innerhalb von drei Jahren hatte es sich quer über den Kontinent ausgebreitet und wurde zu einer von Nordamerikas einheimischen Krankheiten. Im Oktober 2007 starb ein Biologe im Grand Canyon National Park in Arizona an der Krankheit, nachdem er eine Leichenschau an einem Berglöwen durchgeführt hatte.

Eine falsche Strategie ist wie warten auf den Herzinfarkt

Obwohl das nächste blutige Fieber nur einen Kontinentalflug weit entfernt liegen könnte, konzentrieren sich die öffentlichen Gesundheitssysteme auf Epidemien, deren Ausbruch bereits begonnen hat. Das sei nicht rational, sagt Wolfe, der diesen aktuellen Ansatz mit der Vorgehensweise der Kardiologen in den 1950er Jahren vergleicht: „Man wartet auf den Herzinfarkt und flickt den Patienten dann mittels Bypass-Operation wieder zusammen.“

Wolfe wuchs in einem Außenbezirk von Detroit auf und studierte Biologie in Stanford und Oxford, bevor er nach Harvard ging, um in Immunologie und Infektionskrankheiten zu promovieren. In Borneo forschte er an Orang-Utans, als die Leitung des Aids-Forschungsprogramms der US-Army ihn ausfindig machte und ihn nach Kamerun einlud, als Chef einer Studie über Jäger in abgelegenen Dörfern.

Als Wolfe dort im Jahr 2000 ankam, hatten Forscher diesen Teil Kameruns noch nicht als möglichen Entstehungsort von HIV/Aids im Visier. Wolfe und seine Kollegen wussten damals sehr wenig über die Bandbreite der Erreger im Tierreich und darüber, wie sie auf Menschen übertragen werden. Aber sie und andere Forscher hatten damals bereits eine Ahnung, dass Jäger wie Brice Bidja eine Rolle in der Übertragungsgeschichte von HIV spielen könnten.

Auch wenn HIV und Aids erst in den 1980er Jahren in den öffentlichen Fokus rückten, als eine mysteriöse Krankheit damit begonnen hatte, tödliche Schneisen durch die Schwulen-Communities in Kalifornien und New York zu schlagen, gab es den Erreger schon viel früher. Mit neuen Verfahren zur Genanalyse und der Wiederentdeckung alter Gewebeproben wurde das wahrscheinliche Datum des Übergangs von HIV vom Schimpansen auf den Menschen früher datiert. Die jüngste Erkenntnis stammt von Michael Worobey, Wissenschaftler an der University of Arizona, der eine gut erhaltene Gewebeprobe einer HIV-positiven Frau aus dem Jahr 1960 untersuchte. Worobeys genetische Analyse des Gewebes – gefunden in einem Universitätslager in der Demokratischen Republik Kongo – datierte den Übergang von HIV vom Schimpansen auf den Menschen auf das Jahr 1900 zurück.

Die Ergebnisse bekräftigen die These, dass es Jahrzehnte gedauert haben könnte, bis HIV ein Stadium erreicht hatte, in dem es pandemisch werden konnte.

„Dies bestätigt, dass seine gut abgestimmte Prävention lokale Seuchen daran hindern kann, anderswo Fuß zu fassen“, sagt Worobey. „Wenn wir damals gewusst hätten, was wir jetzt wissen, hätten wir das HI-Virus stoppen können.“

Abgesehen vom modernen T-Shirt Brice Bidjas, das ihm Missionare gegeben haben, fällt es nicht schwer, sich ihn als jenen Dorfbewohner vorzustellen, der vor einem Jahrhundert aus seiner Lehmhütte heraustrat, dazu bestimmt, der erste ungewollte HIV-Wirt zu werden. Patient null einer Krankheit, die sich später in jede bewohnte Region der Erde ausbreiten und das Leben von mehr als 25 Millionen Menschen fordern würde.

Infektionen über Bisse, Schnitte, rohes Fleisch

Der Jäger wird froh gewesen sein, einen Schimpansen erlegt zu haben. Die Nahrung reichte für einige Tage. Aber vielleicht hatte sich der verwundete Schimpanse noch gewehrt und den Jäger gebissen. Oder vielleicht war sein infiziertes Blut mit einer offenen Wunde des Jägers in Kontakt gekommen, als er den Kadaver nach Hause schleppte.

Möglich auch, dass die Frau des Jägers sich beim Ausweiden an der Hand verletzte oder die Kinder sich ihre von den Organen blutroten Hände in den Mund gesteckt haben, so wie ich es bei Bidjas Kindern beobachtet habe. So oder so, muss mit dem HIV-Vorläufer Simianes Immundefizienz-Virus (SIV) infiziertes Blut in Kontakt mit menschlichem Blut gekommen sein.

Viren bestehen aus genetischem Material – DNS oder RNS – das bis zu hundert Mal kleiner ist als Bakterien; erst im Elektronenrastermikroskop wird es erkennbar. Trotz ihrer geringen Größe tragen sie eine unvorstellbare Menge an genetischem Rüstzeug in sich. Sie können in Echtzeit auf Stimuli reagieren und mutieren ausgesprochen schnell. Diese Eigenschaft hat sie zur in vielerlei Hinsicht erfolgreichsten Klasse von Organismen werden lassen.

Anders als andere Organismen kann ein Virus nicht ohne Wirt leben – es muss in eine lebendige Zelle eindringen, sich dort vermehren und weitere Zellen infizieren. Wenn zwei Viren dieselbe Zelle zur gleichen Zeit infizieren, können sie genetisches Material miteinander austauschen – virale Rekombination.

Im Fall des pandemischen HIV fanden Wissenschaftler heraus, dass sich das Virus in Schimpansen, die zwei kleinere Affenarten gefressen hatten, rekombiniert hatte und erst viele Jahre später auf den Menschen überging. Anschließend verbreitete es sich von einer Person zur nächsten und reproduzierte sich dabei so rasch, dass bereits einen Monat nach einer Infektion ein einzelner Teelöffel Blutplasma 500 Millionen Kopien des Virus enthielt.

Als das Virus erstmals eine kritische Menge Menschen infiziert hatte, nutzte es die Vorteile einer ganzen Serie günstiger Gelegenheiten – Emigration, Urbanisierung, der Boom des interkontinentalen Flugverkehrs – um sich selbst von einer mysteriösen regionalen Krankheit in einen globalen Killer zu verwandeln, der jährlich noch immer mehr als zwei Millionen Menschenleben fordert und die Bemühungen, Impfstoffe und weitere Präventivmaßnahmen zu entwickeln, durch Mutationen bis heute sabotiert.

In den ersten Jahren war Wolfes Mission ein Höllenkommando

Wolfes Kamerun-Mission war zu Beginn ein Höllenkommando. Die ersten Jahre, sagt Matthew LeBreton, ein Australier, der heute Ökologiekoordinator für Wolfes GVFI ist, musste sich das Team auf ein einziges Fahrzeug – einen ziemlich abgehalfterten Toyota Landcruiser – verlassen, um Proben aus 17 Dörfern zu sammeln. Wenn das Fahrzeug liegenblieb oder die Straßen überflutet waren, ging das Team zu Fuß weiter, nahm Fahrräder oder die Rostlauben an Bussen in dieser Region, um das Blut innerhalb von 48 Stunden, bevor es unbrauchbar wurde, ins Labor zu bekommen.

LeBreton sagt, dass Wolfe angesichts dieser Hindernisse regelrecht aufblühte: „Gib ihm die schwierigsten, logistisch herausforderndsten Umstände, und Nathan wird einen Weg finden.“

Wolfe selbst meint dazu: „Ich habe meinem Team immer gesagt: 'Wenn nichts schiefläuft, haben wir unsere Ziele nicht hoch genug gesetzt'.“

Alle paar Monate schickte Wolfe seine Blutproben ins Labor des Center for Disease Control and Prevention in Atlanta, wo er sie später selbst untersuchte.

Als er 2004 einen Tropfen Blut eines Jägers unter die Lupe nahm, machte er lieber noch eine Kontrolluntersuchung. Die Probe zeigte klare Anzeichen für das Schaumbildende Affenvirus (Simian Foamy Virus, SFV), das so heißt, weil die Zellen unter dem Mikroskop wie Seifenblasen aussehen.

Diese Viren sind, wie auch HIV, Retroviren. Weil sie ihr eigenes genetisches Material in die von ihnen infizierten Zellen injizieren, sind sie hartnäckige Gegner. Einmal eingedrungen, ist es unmöglich, die Viren auszurotten.

Inzwischen gilt der Epidemiologe als Wunderkind

Wolfes Entdeckung der Schaumbildenden Affenviren bei Menschen festigte seinen Ruf als Wunderkind unter den Virus-Epidemiologen. Das National Institute of Health verlieh ihm 2005 den prestigeträchtigen Director’s Pioneer Award. Seine Forschungsergebnisse stellten auch das traditionelle Denken der Epidemiologen auf dem Kopf – man war fälschlicherweise davon ausgegangen, dass der Übergang tierischer Viren auf Menschen sehr selten sei.

„Dass wir in einer so kleinen Stichprobe SF-Viren gefunden haben war schockierend“, sagt Wolfe. „Weil es beweist, dass Viren mit einiger Regelmäßigkeit von Primaten auf Menschen übergehen.“

Könnten menschliche SFV – oder die zwei anderen neuen mit Aids in Verbindung gebrachten Viren, die Wolfe bei seinen kamerunischen Jägern fand – zum nächsten HIV werden? Noch ist es zu früh, um das mit Sicherheit zu sagen. Bis jetzt zeigt keiner der SFV-positiven Jäger eindeutige Symptome. Dennoch wird Wolfes Team die Gesundheit der Jäger weiter kontrollieren, weil die Möglichkeit besteht, dass sie nach einer langen Inkubationsphase doch noch krank werden.

Die Gruppe nimmt zudem regelmäßig Blutproben von den Familienangehörigen der Jäger und ihren Sexualpartnern, um Anzeichen für eine Verbreitung des Virus frühzeitig zu erkennen.

Für Wolfe, der sich nicht mehr darum schert, wo er wohnt oder welcher Universität er angehört, ist Kamerun der dritte Anlaufpunkt in einer Serie von Weltreisen. „Die meiste Zeit habe ich in Autos und Flugzeugen verbracht, den Kopf gesenkt, auf meine Brust sabbernd“, sagt Wolfe und strahlt wie immer Lässigkeit aus. Zu unserer Abfahrt erscheint er spät, trägt T-Shirt und Flip-Flops, vom langen Tag scheinbar unbeeindruckt frisch. „Ich habe endlich herausgefunden, dass Kaffee eine beschissene Droge ist“, sagt er zu mir. „Er ist wirkungslos, und die Dosis ist nicht standardisiert.“ Derzeit experimentiert er an sich mit dem Schlafmittel Ambien (Zolpidem) und dem Aufputschmittel Provigil. Jetlag, sagt er, sei „kein Problem mehr“.

Nathan Wolfe könnte für die Medien leicht den erfolgreichen Forscher spielen. Einst hatte Google.org seine Organisation GVFI mit 5,5 Millionen Dollar bezuschusst. Es folgten weitere 5,5 Millionen von der Skoll Foundation, die Unternehmer im sozialen Bereich unterstützt. Doch obwohl Google.org-Geschäftsführer Frank Rijsberman Wolfe einst als „Rockstar“ der Virus-Feldforschung bezeichnete, wird es auf dieser Tour keine Helikopter oder Gummibärchen geben. Eine zehnstündige Fahrt vor uns, bewegt sich unsere Kolonne von drei Fahrzeugen aus Yaounde heraus, vorbei an den schroffen Skeletten unvollendeter Hochhäuser, von denen manche auch 20 Jahre nach Baustopp noch apokalyptisch grüßen.

In einem Dorf auf dem Weg füllen wir Diesel nach, der in Zwei-Liter-Limonadenflaschen verkauft wird, und entdecken auf dem Tagesmenü eines Restaurants frisch erlegtes Stachelschwein. Es klingt verführerisch, aber Wolfe besteht darauf Ngoila, das rund 30 Meilen nördlich der kongolesischen Grenze im südöstlichen Kamerun liegt, vor Sonnenuntergang zu erreichen. „Wir können hier entweder zum Mittagessen anhalten oder wir können Gas geben“, sagt er und macht für eine Millisekunde eine scheindemokratische Pause. „Ich sage: Geben wir Gas.“

Neue teure „Spielzeuge“ machen die Forschung einfacher

Wir überqueren den Fluss Dja auf einer rostigen Seilfähre und dringen tiefer in den Dschungel vor. Wanderameisen strömen über die Straßen, bilden lebendige Tunnel, die wie Aufpflasterungen zur Geschwindigkeitsbegrenzung aussehen. Die Rhythmen aus dem Radio haben sich vom frenetischen kamerunischen Bikutsi hin zu den wogenden Beats des kongolesischen Ndombolo gewandelt, als unsere Karawane aus nur noch zwei Trucks in Ngoila einrollt. Das dritte Fahrzeug hatte irgendwann zu stottern begonnen und war schließlich wenige Meilen vor dem Dorf liegengeblieben. Während die Fahrer den Mechaniker des Dorfes ausfindig machen, stapfen Wolfe und ich davon, um dem Dorfvorsteher, dem Polizisten und dem Landeshauptmann unseren Respekt zu erweisen.

Wir halten noch kurz an, um mit ein paar Kindern herumzualbern, und gehen dann zurück zur GVFI-Feldstation. Rechtzeitig, um noch mitzubekommen, wie der defekte Truck auf das Gelände geschleppt wird. Als die Sonne untergeht, reparieren wir die Veranda eines kleinen Hauses, das der GVFI als Hauptquartier in Ngoila dient. Wir trinken warmes Bier, essen Reis, Hühnchen, gebackene Kochbananen und Ndole, Gemüse mit Nüssen und Salzfisch oder Ziegenfleisch und Palmöl, gewürzt mit Piri-Piri, Kameruns feuriger Würze.

Für Wolfe eine Möglichkeit, mit seinem Team – LeBreton, dem stellvertretenden Geschäftsführer Ubald Tamoufe, Geschäftsführerin Karen Saylors und dem Leiter der Laborwissenschaft, Brian Pike – über die neuen, teuren Spielzeuge zu sprechen. Spielzeuge, die versprechen, die Logistik zu vereinfachen und die Zeit zwischen dem Sammeln von Proben und den Ergebnissen zu verkürzen.

Wolfes Kamerun-Team besteht aus 27 Spezialisten für öffentliche Gesundheitspflege, Wildschützern, Labortechnikern, Krankenschwestern und Kontaktpersonen zu den Communities. Sie bereiten ihre Labore und Feldstationen für die neue High-Tech-Ausrüstung vor. Sein Projekt in Kamerun wird Stickstoff-Generatoren bekommen, um Blut in den Feldstationen kühlen zu können, Motorräder mit GPS-Ortung und wahrscheinlich auch einen hochmodernen phylogenetischen Sequenzer, der GVFI zum ersten Hightech-Virus-Labor in Zentralafrika machen würde.

Früh am nächsten Nachmittag zuckt eine ältere Frau, als eine Spritze in ihre Vene sticht. Kurz danach fließt das Blut kontinuierlich aus ihrem Arm in ein Sammelgefäß, das eine Krankenschwester in ihrer fleischigen Hand hält. In der Schlange hinter ihr stehen mehrere Dutzend Dorfbewohner. Abgesehen vom Nadelstich stört sich niemand an der Blutabnahme oder der langen Wartezeit. „Der Erfolg unseres Einsatzes ist abhängig von einem langfristigen Engagement“, sagt Studienleiter Tamoufe. „Wir fördern den Austausch von Wissen, erklären, welche Ziele wir verfolgen und bemühen uns, ehrlich zu sein.“

Nach der Blutabnahme geht es für die Studienteilnehmer in einem strohbedeckten Pavillon weiter mit einer medizinischen Vorsorgeuntersuchung. Dann werden sie weggeschickt und erhalten ein Paket, das Milch, Sardinendosen, Kondome und alle verschreibungspflichtigen Medikamente enthält, die sie benötigen.

Von „Fallschirm-Wissenschaft“ hält der Forscher nichts

Der GVFI-Ansatz ist ein Schlag ins Gesicht der sogenannten Fallschirm-Wissenschaft, deren Ansatz lange Grundlage für die Datenerfassung in der Dritten Welt war. Wolfe hat genug von diesem System. Er glaubt, dass er zusammen mit den richtigen Mitarbeitern, sein Modell skalieren und es damit überall in der Welt anwenden kann.

Fallschirm-Wissenschaft bedeutet, dass internationale Forscher in ein Land kommen und dort forschen, dann wieder verschwinden und ihr ganzes Wissen mitnehmen.

Wer weiß, vielleicht funktioniert es ja sogar. Aber die Länder, die Wolfe interessieren – Kongo, Madagaskar, China, Malaysia, Laos – haben eine unvorhersehbare und spezielle Art, selbst die edelsten Ziele und die eleganteste Logistik zu unterlaufen. Sogar in Kamerun, wo das Team seit acht Jahren erfolgreich und vertrauensvoll mit der Bevölkerung zusammenarbeitet, ist nichts selbstverständlich. Heute zum Beispiel wird Wolfes Team etwas noch nie Dagewesenes versuchen. Das Potenzial für Missverständnisse ist entsprechend groß. „Es wird schwierig“, sagt Tamoufe. „Es gibt bestimmte kulturelle Empfindlichkeiten rund um das Thema Masturbation.“

Das GVFI-Team will in der Risikogruppe Samenproben und vaginale Abstriche von Jägern und ihren primären Sexualpartnern sammeln. Das ist wichtig, weil jedes Virus eine Wirtszelle braucht, um Kopien von sich selbst zu erstellen, die dann weitere Zellen infizieren können. Aber ein Virus, das eine Zelle in der Leber oder Lunge infiziert – oder tatsächlich fast jede andere Zelle im Körper eines Tieres – kann sich nicht auf die nächste Wirt-Generation übertragen. Mit anderen Worten: Wenn die Jäger Grippe oder SARS oder Ebola haben und Nachwuchs bekommen, würden sie oder ihre Sexualpartner das Virus im Normalfall nicht an den Nachwuchs übertragen. Allerdings können einige Infektionskrankheiten auch sexuell übertragen werden.

„Spezielle Studien“ mit Jägern und ihren Sexualpartnerinnen

Tamoufes Team sprechen 17 Jäger und ihre Sexualpartnerinnen mit der Bitte an, an der heutigen „speziellen Studie“ teilzunehmen. Tamoufe hat Glück, der Vorsteher der Jäger ermutigt seine Gruppe. „Wir sind Jäger in diesem Gebiet“, sagt er, „und deshalb können wir helfen. Wir wissen, dass sich in einigen der Tiere, die wir töten, schlechte Dinge befinden. Wenn wir unseren Freunden dabei helfen können zu entdecken, wie wir die Menschen am besten schützen, ist das eine gute Sache.“

Tamoufe und der Ökologe LeBreton erzählen vom Zweifel, den sie an ihrer Arbeit haben. „Ob wir diese Abstriche bekommen oder nicht, ist egal“, sagt LeBreton. “Hauptsache, wir bekommen ihr Blut."

An diesem Nachmittag trifft sich das Team in der Zentrale des GVFI in Ngoila. Die Nacht bricht schnell herein. Innerhalb weniger Minuten werden Kerosinlampen angezündet. Glühwürmchen ersetzen die zahlreichen Schmetterlinge. Eines der Glühwürmchen findet seinen Weg auf die abgeschirmte Veranda und fliegt im Zickzack zwischen den Teammitgliedern hin und her.

„In Kamerun heißt es, es bringe Glück, Glühwürmchen im Haus zu haben“, sagt Tamoufe.

In der Tat, es war ein guter Tag. Von den Menschen, die sie angesprochen haben, haben drei Männer Samenproben und vier Frauen Vaginaltupfer abgegeben – ein guter Anfang, darin sind alle einig. Dazu kommen die 100 Blutproben, die sie heute gesammelt haben.

Durch diese Art der Arbeit, von Dorf zu Dorf zu gehen und immer nur ein Dorf zur Zeit zu untersuchen, hat Wolfe in kurzer Zeit eine der umfassendsten Blutsammlungen der Welt zusammengestellt. Rund 25.000 Proben von Menschen und 16.000 Tierproben, die für Wissenschaftler auf der ganzen Welt zugänglich sind. „Diese Sammlung wird eine Informations-Schatzkammer der Zukunft sein“, sagt Michael Worobey von der University of Arizona.

Wolfe führt ein Leben im Minimalismus

Obwohl Wolfe ein Sammler von Objekten jeglicher Art ist – Blut, exotische Mikroben, westafrikanische Kunst – lebt er ein Leben im Minimalismus.

„Fast alles, was ich besitze, befindet sich in einem Stauraum in Los Angeles“, sagt er. Als Wolfe noch an der University of California (UCLA) arbeitete, hatte er eine Wohnung in Venice Beach. „Ich ging schwimmen und zum Yoga und machte Touren auf meiner Vespa. Ich interessierte mich außerdem für seltene Orchideen, aber ich war zu viel unterwegs, und sie gingen ein.“

Wolfe erzählt mir, dass er für Momente wie diesen lebt. Er trinkt ein warmes Bier mit seinem Team, lauscht den Klängen des Dschungels, diesen ausschweifenden Chor aus Grunzen, Krächzen, kichern. Wolfe ist Single. Er sagt, er verspüre den immer stärker werdenden Drang, kürzer zu treten. „Ich denke, dass mein Leben innerhalb der nächsten Monate ruhiger werden wird“, meint er. „Aber das behaupte ich natürlich schon seit Jahren.“

Pike schlägt vor, dass wir nach draußen gehen, um mit dem fast vollen Mond anzustoßen. Auf dem Weg schaltet jemand einen Generator an. Aus einem Radio ertönen quer durch den Hof die warmen, sanften Gitarrensounds der kongolesischen Soukous.

„Wir Wirbeltiere sind ein Pickel auf dem Arsch des Lebens auf diesem Planeten“, sagt Wolfe, ohne sein Wort an jemand Bestimmten zu richten. „Aber wir leben in einem Moment der Geschichte, in dem wir die Werkzeuge besitzen, um die Dinge in einer tieferen Art und Weise zu verstehen. Dinge, die wir vor ein paar Jahren noch nicht einmal geahnt haben.“

„Was gibt es noch da draußen?“ fragt Wolfe, den Blick fest auf den Mond gerichtet. „Wir haben keine Ahnung. Das ist der Spaß an der Sache.“

SARS-Ausbruch mit 700 Toten, aber kein Weltuntergangsszenario

Jeden Tag um neun Uhr mitteleuropäischer Zeit trifft sich das Epidemie- und Pandemie-Warn- und Aktionsteam im Strategic Health Operations Centre, bekannt als der SHOC Room, im Hauptquartier der Weltgesundheitsorganisation in Genf. Nachdem die eingehenden Meldungen diskutiert wurden, machen sich die Mitglieder des Teams daran, die von den WHO-Länderbüros und lokalen Regierungen gemeldeten Ausbrüche zu registrieren.

Im Frühjahr des Jahres 2003 erhielt die WHO einen Bericht über einen grippeähnlichen Ausbruch in Südchina. Ein mutierender, sich schnell verbreitender Virus, welcher später den Namen „Severe Acute Respiratory Syndrome“, kurz SARS, erhalten wird. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte ein Mann aus der Provinz Guangdong – berühmt für seine Frischmärkte, auf denen Wildtiere als Nahrung verkauft wurden – bereits seine Reise zu einem Hotel in Hongkong angetreten.

Diese eine Übernachtung des Mannes in Zimmer 911 führte zur sofortigen SARS-Infektion von mehr als 16 Hotelgästen. Die Gäste reisten weiter nach Europa, Nordamerika und anderen Teile Asiens und gaben so das Virus an mehr als 8.000 Menschen in 32 Ländern weiter.

Bei dem SARS-Ausbruch kamen mehr als 700 Menschen ums Leben. Aber es hätte noch viel schlimmer kommen können. Massive internationale Bemühungen zur Eindämmung der Seuche, koordiniert von der WHO, verhinderten ein Weltuntergangsszenario und brachten den Ausbruch schnell unter Kontrolle. Doch was Menschen wie Dr. Mike Ryan, Koordinator des WHO Global Outbreak and Response Network, Angst macht, ist die Tatsache, dass SARS vielleicht nur eine Generalprobe für etwas viel Schlimmeres war.

„Wir haben es gerade noch so geschafft, SARS unter Kontrolle zu bringen“, sagt Ryan. „Und das nur, weil die Kernländer die Kapazitäten hatten, mit der Lage kontrolliert umzugehen. Aber wenn SARS in ländlichen Gegenden Afrikas ausgebrochen wäre, würden wir noch immer mit dem Virus zu kämpfen haben. Und ich denke, es ist unvermeidlich, dass uns irgendwann etwas Neues trifft, etwas, das noch schwieriger einzudämmen sein wird.“

Trotz des hohen Risikos sind die für Ausbrüche dieser Art verantwortlichen Organisationen unterfinanziert und schlecht ausgerüstet. Das Budget des U.S. Center for Disease Control and Prevention’s pandemic preparations betrug im Jahr 2008 gerade einmal 158 Millionen Dollar. Ein Bruchteil der fast 200 Milliarden Dollar, die im Jahr für Kriege wie im Irak und in Afghanistan ausgegeben werden.

„Wir haben kein Problem damit, Geld auszugeben für Sicherheitsmaßnahmen, die uns vor physischen Angriffen schützen“, sagt Ryan. „Aber Epidemien von Infektionskrankheiten haben viel mehr Menschen getötet als alle Kriege zusammen.“

Die „Spanische Grippe“, die vermutlich in Kansas entstanden ist, hat in den Jahren 1918 und 1919 rund 40 Millionen Menschen das Leben gekostet. Das sind mehr als doppelt so viele Tote wie im Ersten Weltkrieg.

Die WHO ist gelähmt durch Haushaltsdefizite und internationale Protokolle, die ihre Reaktionszeit verlangsamen. Bis vor Kurzem wurden Länder beispielsweise aufgefordert, für nur drei der am meisten verbreiteten Infektionskrankheiten (Cholera, Pest und Gelbfieber) Berichte einzureichen. Der WHO war es nicht erlaubt, Berichte über Ausbrüche aus nichtstaatlichen Quellen zu berücksichtigen. Als Folge von SARS kann die Organisation nun Berichte aus informellen Quellen benutzen. Aber dort, wo Informationen nicht frei fließen (also an Orten wie Myanmar oder Nordkorea), kann sich ein lokaler Ausbruch zu einer unaufhaltbaren Pandemie entwickeln.

„Wenn ein Virus erst einmal loslegt“, sagt David Heymann, Vize-Generaldirektor für Gesundheit, Sicherheit und Umwelt in der WHO, „nimmt er nicht viel Rücksicht auf Grenzen oder Politik“. Wolfes Virusüberwachungsprojekt werde der WHO und anderen Gesundheitsbehörden helfen, Computermodelle weiterzuentwickeln, Prognosen über die nächsten Ausbrüche zu entwickeln und diese durch vorausschauende Ansätze wie Prüfung der Blutlieferungen, Ausbildung von medizinischem Personal, wirtschaftliche Entwicklung und Umweltschutz einzudämmen.

Was ist besser, Autonomie oder internationale Hilfe?

Aber einige Experten für das öffentliche Gesundheitswesen meinen, es wäre letztlich sinnvoller, Gemeinden und Gesundheitsdienstleister mit Werkzeugen zu versorgen, die ihnen helfen, sich von internationalen Organisationen und Regierungen unabhängig zu machen. Die Idee ist, sie mit den richtigen Informationen und Technologien auszurüsten, damit sie lokale Bedrohungen eindämmen können, bevor diese zu globalen Krisen werden. Zu diesem Zweck hat Google.org seine Predict and Prevent Initiative vorgestellt. Das Programm zielt darauf ab, die Überwachung von Krankheiten zu erweitern und lokale Netzwerke für die frühe Erkennung und schnelle Reaktion auf Epidemien zu erschaffen, um diesen immer „zwei Schritte voraus zu sein“, sagt Larry Brilliant, ein unkonventioneller Arzt und Internet-Unternehmer, den die Google-Gründer an Bord geholt haben, um ihre philanthropischen Projekte zu leiten.

„Wir werden weiterhin von den internationalen Organisationen abhängig sein“, erklärt Mark Smolinski, Leiter der Abteilung für Vorhersagen und Prävention. „Aber ich hoffe, dass innerhalb der nächsten zehn Jahre ein Bauer in Vietnam in der Lage sein wird, ein niesendes Huhn oder ein krankes Kind zu melden, ohne sich darüber Gedanken machen zu müssen, welches System am anderen Ende der Leitung antwortet.“

Eric Rasmussen, Leiter des „Krankheits- und Katastrophenschutz-Labors InSTEDD“ (das teilweise von Google finanziert wird) sagt, es spiele keine Rolle, wie viele gute Richtlinien und Verfahren vorhanden seien, „wenn Hürden in unserer Kommunikation es unmöglich machen, Informationen an die Menschen weiterzugeben, die die Fähigkeiten besitzen, etwas an der Situation zu verändern.“

InSTEDD und seine Technologiepartner arbeiten an den verschiedensten Projekten, von aufblasbaren Satellitenschüsseln, die in Rucksäcken transportiert werden können, bis hin zu Systemen, die auf Telefonverbindungen basieren und Warnungen vor einer drohenden Katastrophe übertragen können, wie zum Beispiel vor einem Tsunami.

Da die meisten kranken Menschen nicht als erstes zu einem Arzt gehen, sucht das Predict and Prevent-Team nach unkonventionellen Datenquellen, die den Ausbruch von Krankheiten anzeigen können. Dazu gehört die Überwachung von Gerüchten unter Krankenhausmitarbeitern und die digitale Erkennung (auch Scrubbing genannt) von Nachrichten oder Hinweisen auf Blogs, die auf einen möglichen Ausbruch hinweisen.

Buschfleisch ist und bleibt ein afrikanisches Problem

An unserem letzten Morgen in der Wildnis beruft Projektleiter Joseph Le Doux Diffo ein „Treffen der gesunden Jäger“ in Zoulabot ein. Das sogenannte Buschfleisch („Wir bevorzugen den Begriff Wildfleisch“, korrigiert Wolfe mich) ist ein heikles Thema in Zentralafrika, aufgrund der wachsenden Zahl von kommerziellen Jägern. Wenn das derzeitige Jagdniveau weiterhin bestehen bleibt, werden viele Arten – vor allem Primaten wie Gorillas und Schimpansen – in der Wildnis innerhalb weniger Jahrzehnte ausgestorben sein. Aus Angst vor den gelegentlichen Razzien sind Dörfer oft misstrauisch gegenüber Außenstehenden, die über die Jagd sprechen wollen.

„Wir sagen euch nicht, dass ihr das erbeutete Fleisch nicht essen sollt. Aber es gibt viele gefährliche Krankheiten dort draußen in der Wildnis“, erklärt Diffo den etwa 100 Menschen auf Französisch. „Also bitte seid vorsichtig beim Verzehr des Fleisches.“

„Es gibt hier ethische Feinheiten“, sagt LeBreton, der dem Vortrag zuhört. „Auf der einen Seite lässt das Jagdniveau keine Nachhaltigkeit zu. So tragen die Jäger zu einer großen ökologischen Katastrophe bei, die schließlich Auswirkungen auf ihre eigene Ernährungssicherheit haben wird. Auf der anderen Seite wird jeder Mensch auf der Erde sich dafür entscheiden, die eigenen Kinder zu ernähren, anstatt zur Erhaltung eines gefährdeten Stückes Wild beizutragen.“

Der Ansatz von GVFI ist eine Kombination von Unterricht in der sicheren Jagd und Ausbildung im besseren Verständnis von Naturschutz. Diffo ermutigt die Jäger, sich auf üppig vorhandene Tiere wie Nagetiere zu konzentrieren. Er erinnert sie daran, dass es verboten ist, bestimmte Arten zu jagen. Dann zeigt er, wie man Tierkörper in Plastik oder große Palmwedel einwickeln kann, bevor man sie nach Hause trägt. Da inzwischen bestätigt wurde, dass Ebola die Grenze zum Kongo überschritten hat, rät er den Jägern, sich von toten Tieren im Wald fernzuhalten.

„Wenn wir die Menschen dazu bringen wollen, ihre Leben zu ändern, dann müssen wir das nötige Geld bereitstellen, um Alternativen zu schaffen“, sagt Wolfe. „Und natürlich sollten wir das unbedingt tun. Denn wenn wir uns verantwortlich fühlen, Pandemien zu stoppen und vom Aussterben bedrohte Arten zu retten, dann haben wir auch die Pflicht, mit den Ungleichheiten umzugehen, die diese Probleme verstärken.“ Nach einer Pause fährt er fort: „Die Jäger hier tun etwas völlig Rationales. Die Jagd von Wild birgt ein hohes Risiko in sich, aber das ist nichts im Vergleich zu dem noch höheren Risiko, nichts zu essen zu haben.“

Sind Viren die Treiber der Evolution?

Am späten Nachmittag erreichen wir das GVFI-Haus in Ngoila, gerade in dem Moment, als der Hausmeister dabei ist, Kerosin über eine Reihe von Termiten zu gießen, die sich quer über den Hof auf die Hauswand zubewegen, wild entschlossen, die Sparren des Hauses in eine Mahlzeit zu verwandeln. Wolfe sitzt in einem Plastikstuhl, die Erde hat seine Kleidung rot verfärbt. Er diskutiert mit seinem Team, ob Viren für die Evolution von Tieren bedeutender waren als Mutation oder genetische Rekombination, so wie es die Theorien einiger Forscher behaupten.

„Wir leben auf einem Planeten, der von mikrobiologischem Leben dominiert wird“, sagt Wolfe. „Ich glaube nicht, dass irgendjemand das bezweifelt. Aber sind Viren der primäre Treiber der Evolution? Ich bin nicht davon überzeugt.“

Ein Kasten Bier kommt, als dunkelgraue Wolken sich über unseren Köpfen zusammenballen. Orangefarbene und rosa Strahlen der gerade untergegangenen Sonne beleuchten die Wolkenunterkanten. Ein Sturm zieht auf. Wir gehen auf die Veranda zurück und beobachteten, wie Regentropfen in verrückten, geschwungenen Bögen vom Himmel fallen.

„Ein Irrsinn“, sagt Wolfe. „Vor hundert Jahren wussten wir nichts über die Existenz von Viren. Und nun beginnen wir zu verstehen, dass sie die vorherrschende Lebensform auf der Erde sind. Wir müssen eigentlich alles überdenken, was wir meinen, über diesen Planeten zu wissen.“


Fotos: Tom Clynes.