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Ostdeutsche Identität

Sagt viel aus: Viele Ostdeutsche verstecken bewusst ihre Dialekte

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„Deine Herkunft hört man ja überhaupt nicht.“ Diesen Satz hat eine Freundin von mir inzwischen häufiger gehört. Nein, diese Freundin hat keinen Migrationshintergrund, sie ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Weswegen sie diesen Satz so oft hört, ist ihre Heimat: Halle an der Saale, Sachsen-Anhalt.

Ihr Hochdeutsch ist makellos – und damit ist sie nicht alleine: Fast niemand meiner ostdeutschen Freund:innen und Kolleg:innen sächselt im Alltag, sie thüringern nicht, sie brandenburgern nicht. Fast alle können es, die wenigsten tun es.

Bei meinen bayerischen Bekannten ist das ganz anders. Das gerollte „R“ des Fränkischen höre ich oft, und wer in Bayern das Radio anmacht, weiß sehr schnell, wo er oder sie ist. Die Menschen sind stolz auf ihren Dialekt. Und selbst die, die es nicht können, bemühen sich schnell, ein zünftiges „Servus“ anzunehmen. In den zwei Jahren, in denen ich in München gelebt habe, fand ich: Meine Integration fängt bei der Begrüßung an.

Wieso verstecken also viele junge Ostdeutsche ihren Dialekt? Und was macht das mit ihnen?

Ich lebe – mit kurzen Unterbrechungen – seit zehn Jahren im Osten. Ich bin in Wuppertal aufgewachsen, man hört mir maximal ein leichtes Ruhrgebiets-Deutsch an. Also bin ich kein Spezialist für ostdeutsche Dialekte. Deswegen habe ich die ostdeutschen KR-Leser:innen gefragt, wie sie es mit ihrem Dialekt halten, mit wem sie Dialekt sprechen und auch, welche schlechten Erfahrungen sie gemacht haben. Fast 600 Menschen haben bei der Umfrage mitgemacht und das vorweg: Vielen gefällt es nicht, dass sie ihren Dialekt verbergen.

Mich haben auch viele Mails von Leser:innen erreicht, die fanden, dass ich mit dieser Umfrage zu sehr verallgemeinern würde. Und mit „ostdeutschen Dialekten“ meist Sächsisch oder maximal Thüringisch gemeint sei und ich dadurch Brandenburger:innen und Mecklenburger:innen einfach vergessen würde. Ich möchte es gerne auf meine naive Herangehensweise schieben, aber die Wahrheit ist eine ganz andere: Wenn ich an Ostdeutsch denke, dann an eine Mischung aus verschiedenen Dialekten, die im Band zwischen Dresden und Erfurt gesprochen wird. Natürlich weiß ich, dass ich damit falsch liege. Eine Freundin aus Mecklenburg-Vorpommern spricht natürlich anders als ein Freund aus Dresden. Aber ihre Probleme sind oft die gleichen.

Das Ostdeutsche als Witz

Sucht man auf Youtube den Begriff „ostdeutsch“, wird schnell klar, warum meine Freund:innen lieber darauf verzichten, ihren Dialekt raushängen zu lassen. Da testet zum Beispiel das Sat.1-Frühstücksfernsehen in Köln, wie „sexy“ Ostdeutsch ist. Und zwar so: Die Reporterin läuft durch die Fußgängerzone und spricht mit wackeligem Sächsisch Männer an. Wenn die auf das Angebot, doch etwas trinken zu gehen, eingehen, gilt Sächsisch als sexy. Fazit des knapp siebenminütigen Clips: Die Kölner Männer stehen nicht sonderlich auf Sächsisch. Dass es vielen so geht, vermuten übrigens auch mehrere Teilnehmer:innen der Umfrage. Zum Beispiel sagt Luise: „Wer möchte schon als unsexy bezeichnet werden?“

Aber auch der Rest, den Youtube mir vorschlägt, ist nicht viel besser:

Bestellung bei Mc Donalds auf ostdeutsch
Herr der Ringö - Der Sachsenrat I Synchro/Verarsche auf sächsisch
Mein Wagen fährt Diesel! Dieselfahrverbot Parodie - Die Toten Hosen auf sächsisch - Tage wie diese

Lauter Videos, in denen Ossis irgendwo anrufen und sich in breitem Sächsisch über irgendetwas beschweren. Ein bisschen blöd, ein bisschen wütend und ziemlich unverständlich, schon ist die Karikatur des Ossis fertig. Irgendwie wird klar, wie das Bild über die ostdeutsche Sprache geprägt wurde.

Jetzt die Henne-Ei-Frage: Was war zuerst da? Die Karikatur des Ostdeutschen oder die Unbeliebtheit des Dialektes?

Denn, dass er unbeliebt ist, kann man sehr deutlich sagen. Das Allensbach-Institut hat in einer repräsentativen Umfrage einmal 1.814 Menschen gefragt, welchen Dialekt sie gar nicht gerne mögen: Über 50 Prozent haben geantwortet: „Sächsisch“. Erst danach kommt Bayerisch, das ein Fünftel der Befragten nicht mag. Klar, dass dann irgendwann viele keine Lust mehr haben, ihren Dialekt auszupacken. So hat sich von 1991 bis 2008 der Anteil der Ostdeutschen, die ihren Dialekt eigentlich immer sprechen, um acht Prozentpunkte verringert – auf 33 Prozent. Auch das Allensbach-Institut geht also von Ostdeutsch sprechenden Ostdeutschen aus. In Westdeutschland sprechen nur noch 24 Prozent ihre Dialekte, wobei es dort 1991 auch nur 28 Prozent waren. Übrigens: Der beliebteste Dialekt ist trotzdem Bayerisch. Das kann auch daran liegen, dass diesen Dialekt fast die Hälfte der Befragten aus Bayern eigentlich immer sprechen, wie in der Studie festgestellt wurde.

Die Zahlen für Ostdeutschland finden sich auch in meiner Umfrage wieder. Die Mehrheit der KR-Leser:innen, die mir antworteten, spricht Dialekt. Wann sie ihn benutzen, ist aber unterschiedlich. Fast ein Drittel derer, die es können, sprechen immer im Heimatdialekt. Die überwältigende Mehrheit spricht eher mit der Familie oder Freunden im Dialekt. Insgesamt kann übrigens jeder Dritte gar keinen ostdeutschen Dialekt sprechen.

Wenn du dir die Ergebnisse der Umfrage im Detail anschauen willst, kannst du das hier tun.

Ostdeutsche Dialekte sind oft Ziel von Witzen. Selbst im Freundeskreis ist man nicht immer sicher davor. So schreibt mir Caro: Als sie mit nicht-ostdeutschen Freunden zusammengesessen habe, wäre ihr „witziger“ Dialekt am Ende das Thema des Treffens geworden. Oder Florian, der wie viele andere sagt: "Ich bekomme entsetzte Blicke von westdeutschen Freunden, wenn ich den Anruf eines Familienmitglieds im heimatlichen Dialekt beantworte.“ Selbst die eigenen Partner:innen, natürlich nur die aus dem Westen, machen sich über den Dialekt lustig.

Verlernen als Rettung

Die Lösung für fast die Hälfte der Teilnehmer:innen ist, dass sie ihren Dialekt vermeiden. Obwohl sie ihn sprechen können. Sie wollen nicht, dass sie den Stempel „Ostdeutscher“ bekommen. Für manche ist verstellen leicht. Andere haben ihren Dialekt so verinnerlicht, dass sie ihn nicht ablegen können wie eine Jacke, die andere lächerlich finden. Für solche Menschen gibt es Kathrin Duschek. Sie ist Sprachtrainerin, selbst in Halle an der Saale aufgewachsen und hilft Menschen, ihren Dialekt zu verlernen. Am Telefon klingt ihre Stimme auch nicht nach Sachsen-Anhalt.

Ich frage sie, warum sie Menschen hilft, ihren Dialekt zu verlernen. Sie sagt: „Die Menschen, die zu mir kommen, wollen sich oft im Beruf weiterentwickeln und haben das Gefühl, dass ihr Dialekt ihnen dabei im Weg ist und sie nicht ernst genommen werden.“ Viele von Duscheks Kund:innen verfallen in stressigen Situationen im Beruf dann doch in den Dialekt, weil das mühsam erlernte Hochdeutsch dann nicht abgerufen wird. Duschek hilft den Menschen, das Hochdeutsch in ihre Sprache zu integrieren.

Hilfe klingt erstmal gut, aber ist das nicht eine erzwungene Anpassung? „Ich finde nicht, dass man seinen Dialekt abtrainieren, sondern dass man das Hochdeutsche dazutrainieren sollte“, sagt sie. Nur so könne man sich dann in den jeweiligen Situationen entsprechend ausdrücken.

Für KR-Leserin Nastasia sind solche Situationen alltäglich: „Mir hat meine Familie beigebracht: Dialekt sprechen gehört sich nicht! Das war irgendwie bäh.“ Nastasia hat auf meine Umfrage eine lange Mail geschrieben. Daraufhin haben wir uns für ein Telefonat verabredet. Nastasia, Jahrgang 83, lebt in Düsseldorf. Sie ist eine der Millionen Ostdeutschen, die im Westen leben und arbeiten – und ihren Dialekt verstecken. Während unseres fast eine Stunde dauernden Telefonats spricht sie die ganze Zeit Hochdeutsch. Und sie stellte einen Vergleich an: „Es gibt 1.000 Ostfriesenwitze, aber trotzdem wird jemand, der Plattdeutsch schnackt, nicht so herabgesetzt wie ein Sachse, der immer der Doofe ist. Wo ist da der Charme, wo das Augenzwinkern?“

Dialekt als Identitätsstifter

Nastasia war auch eine meiner schärfsten Kritikerinnen. In ihrer E-Mail schreibt sie, wie sehr sie sich darüber geärgert hätte, dass ich alle ostdeutschen Dialekte zusammengeworfen hätte, wo doch zwischen Mecklenburg und Lausitz mehrere Dialekträume lägen. Nastasia kommt aus Sömmerda, Thüringen, und sagt, sie verstehe manche aus dem Thüringer Wald auch nicht. Und das sei nur eine Stunde Autofahrt weg.

Das gelte genauso für die Identität. Eine ostdeutsche Identität? Durch die Sprache? „Ein Rostocker ist doch nicht gleich Ostdeutscher. Das ist wichtig! Natürlich definieren wir uns durch unsere Sprache, aber auf viel kleinerem Level. Wenn wir uns in Sömmerda über die Erfurter lustig machen, dann hat das mit Ost-West ja nichts zu tun. Sondern weil das die Hauptstädter sind.“ Das Ich entstehe dann durch das Du, also die Abgrenzung.

Aber das gilt auch für Ost–West, oder?

Die meisten Teilnehmer:innen meiner Umfrage sind der Ansicht, dass ein ostdeutscher Dialekt durchaus Einfluss auf die Identität hat. Nur ungefähr jede:r fünfte glaubt nicht, dass der Dialekt Einfluss auf eine ostdeutsche Identität hat.

Ich rufe bei Professor Beat Siebenhaar von der Universität Leipzig an. Siebenhaar ist zwar Schweizer, was man auch noch hört, aber forscht schon lange zu ostdeutschen Dialekten. Wer hat nun Recht? Er erklärt: „Eine Identität rein an der Sprache festzumachen, ist schwierig. Teilweise entstehen Gemeinsamkeit und Gruppenzugehörigkeit durch Sprache, aber es kann auch umgekehrt funktionieren.“ Dann würde sich zum Beispiel Sprache angleichen, wenn man eine gemeinsame politische Identität hätte. Die Ablehnung, auf die Ostdeutsch sprechende Menschen oft träfen, sei aber genauso identitätsstiftend: „Man nimmt dann automatisch an, dass der Gegenüber eine ähnliche Geschichte und Erfahrungen hat.“

Aber woher kommt die Ablehnung? Dafür müsse er sehr weit ausholen, sagt Siebenhaar. Im Prinzip hat die Abwertung des Ostdeutschen mit der Abwertung des Sächsischen Königshauses begonnen.

Ja, tut mir leid, da müssen wir jetzt hin.

Also: „Das Sächsische“, sagt Professor Siebenhaar, „war einmal die Sprachform, aus der sich das Deutsche überhaupt entwickelt hat. Martin Luther orientierte sich bei seiner Bibelübersetzung an der sächsischen Aussprache. Im 18. Jahrhundert aber verlor Sachsen Macht und Einfluss. Sächsisch wird zur Bauern- und Pöbelsprache.“ Als dann Humoristen und Satiriker in den folgenden Jahrzehnten dieses Bild aufgriffen, war die Karikatur des Ostdeutschen geboren – lange vor der DDR, Erich Honecker und dem Sat.1-Frühstücksfernsehen.

Vorbilder? Fehlanzeige

KR-Leserin Anja bringt mich auf einen anderen Gedanken: „Es fehlt einfach an Vorbildern. Wenn ein Henry Maske sächseln würde oder Katarina Witt ihren Dialekt stärker betonen würde, wäre das vielleicht etwas anderes.“ „Meistens“, meint Anja, „sind es ja Komiker, die ihre ostdeutschen Dialekte nach außen tragen.“ Wenn Olaf Schubert in der Heute-Show im ZDF den Ossi raushängen lässt oder Uwe Steimle, der gerade vom MDR rausgeschmissen wurde, seine Witze macht, lachen auch Ostdeutsche. Aber: „Es fehlt eine ernsthafte Person“, sagt sie.

Interessant ist, dass viele KR-Leser:innen sich mehr Ostdeutsch in den Medien wünschen würden, etwa eine sächselnde Tagesschau-Sprecherin oder eine Talkshow mit einem Moderator aus Mecklenburg-Vorpommern.

Über den Gewöhnungseffekt zum Ziel

Das sind also die, die ihren Dialekt verlernt haben. Die genug von den Witzen, den abwertenden Kommentaren und den Vorurteilen hatten. Auf der anderen Seite stehen die, die weiterhin Ostdeutsch sprechen. Kerstin ist eine von ihnen. Obwohl auch sie Sprüche abbekommt, redet sie weiter im Dialekt – für den „Gewöhnungseffekt und so“. Oder Henry, der mir per Mail schreibt, dass er immer in seinem Heimatdialekt spricht, „außer wenn mir klar wird, dass ich dafür für den Gesprächspartner nicht oder nicht mehr gut verständlich bin.“ Für ihn ist Hochdeutsch dann der Kompromiss, den er aus Respekt vor dem Gegenüber eingeht.

Siebenhaar, Duschek und Nastasia beschäftigen sich intensiv mit den ostdeutschen Dialekten. Für sie ist Dialekt ein Hobby, ein Forschungsobjekt und Beruf. Aber keinen der drei wird man auf offener Straße Dialekt sprechen hören. Und das ist vielleicht die Zukunft des Ostdeutschen.


Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Susan Mücke; Bildredaktion: Martin Gommel.

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