© Johannes De Bruycker

Der Westen im Irak

Die Geschichte dieses Mannes zeigt, was im Nahen Osten in den letzten 15 Jahren schiefgelaufen ist

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An einem Vormittag im Oktober 2005 kamen Fremde in Ismael Khairis Dorf. Ihre behelmten Köpfe sahen zu groß aus für ihre Körper. Über den wüstenfarbenen Uniformen baumelten Gewehre. Khairi kannte die US-Soldaten aus dem Röhrenfernseher. Sie sprachen laut und verscheuchten jeden, der ihnen zu nahe kam. Khairi, 21, der sehr schüchtern und vorlaut sein kann, schreckte das nicht ab. Er fand, sie sahen cool aus.

Die Soldaten brachten Wasser. Es war ihr einziger Kontrollbesuch in Dugure, einer Siedlung aus flachen Bauten im Nordirak, eingeklemmt zwischen den Sindschar-Bergen und Syrien, einem Dorf, das den Krieg nicht sah, den die Amerikaner vor zwei Jahren begonnen hatten. Dann verschwanden sie wieder. In Khairi hinterließen sie einen Wunsch. Er wollte so sein wie sie.

Nachts in seinen Träumen trug er ihre Uniform. Er besorgte sich ein Wörterbuch und wiederholte laut englische Sätze, während er im Laden seines Vaters Lebensmittel verkaufte. Nach fünf Monaten fühlte er sich bereit. Der jesidische Bauernsohn brach auf zur nahe gelegenen US-Basis. Damit ihn seine Eltern nicht aufhielten, erklärte er seinem Bruder Hussein: Das ist unser Geheimnis. Komme ich morgen nicht heim, erzähl den anderen, dass ich für die Amerikaner übersetze.

Seit er Dugure verlassen hat, hat Khairi die Welt gesehen. Er übersetzte im Irakkrieg für George W. Bushs Soldaten. Er floh vor den Terroristen des Islamischen Staats, nachdem Amerika abgezogen war. Er überquerte das Mittelmeer und strandete in Griechenland. Er kehrte in den Irak zurück und wartet dort bis heute auf Asyl und ein sicheres Leben in den Vereinigten Staaten.

Ismael Khairis Geschichte zeigt, was im komplizierten Verhältnis zwischen dem Westen und dem Nahen Osten in den vergangenen 15 Jahren schiefgelaufen ist. Er erlebte den Optimismus, als der Diktator Saddam Hussein stürzte und die Ratlosigkeit, als die US-Soldaten abzogen. Er spürte Hoffnung, als er mit Syrern, Afghanen und Irakis nach Europa zog, und Verzweiflung in den überfüllten Camps um Athen. Seine Geschichte erklärt, warum sich so viele im Nahen Osten vom Westen im Stich gelassen fühlen.

Es könnte eine hoffnungslose Geschichte sein. Aber bis heute träumt Ismael Khairi von Amerika.

Khairi wollte sich selbst beweisen, dass er mehr kann als anbauen, ernten und verkaufen

14 Jahre nach dem Besuch der Soldaten in Dugure betrachtet Ismael Khairi ein Porträtbild. „Ich sah gut aus“, sagt er. „Ich war sehr jung. Keine Glatze, keine grauen Haare.“ Khairi kniet in einem Raum ohne Möbel und scrollt, wie so oft, durch seine Fotos. Regentropfen trommeln auf das Blechdach seines Containers.

Es ist März 2019 und ich treffe Khairi zum dritten Mal. Ich lernte ihn vor drei Jahren in Athen kennen, ich traf in ein zweites Mal in Griechenland, und jetzt im Nordirak. In Wirklichkeit heißt Khairi anders. Er fürchtet, dass dieser Text seinen Asylantrag gefährden könnte. Der Redaktion ist sein echter Name bekannt.

Sein Flüchtlingslager, zehn Doppelreihen weißer Container, bettet sich in die Hügellandschaft in Irakisch-Kurdistan, 140 Kilometer von Dugure entfernt. Ringsherum weiden zottelige Schafe. „Ich war auch fetter, ich bin ein bisschen mager jetzt“, sagt er. Auf dem Bild trägt er Uniform, fett war er nie: Sein Kinn dominierte das kantige Gesicht, stolz hob er es für den Fotografen an. Ein Jahr lang übersetzte er da schon für die US-Soldaten.

Als ich Khairi im Athener Hafen kennenlernte, war er ein Mann mit breitem Lächeln und tiefen Lachfalten um die Augen, immer auf der Suche nach einem Lacher. Jetzt steckt er sich ununterbrochen dünne Menthol-Zigaretten an, außer sein Vater ist in der Nähe, abends schluckt er Schlaftabletten. Khairi, 35, versteckt die kurzen silbernen Haare unter einer Kappe. Sein einst flüssiges Englisch stockt mittlerweile. Viele seiner Sätze beginnen mit „actually“, eigentlich, meist dann, wenn er etwas ungerne sagt.

Seit fünf Jahren wohnt Khairi mit seiner Familie hier, zusammen mit rund 10.000 anderen. Die meisten sind Jesiden, die vor der Terrormiliz IS geflohen sind. Fließend Wasser gibt es nicht und Strom nur zu bestimmten Zeiten. Nachts streunen Straßenhunde umher und knurren Khairi aus dem Schlaf. Den Eingang des Lagers säumen Läden, sie bieten Brautkleider an, Obst und Schuhe. Wenn Khairis Schwestern einkaufen gehen, ziehen sie ihre schönsten Blusen an und tragen Glitzerpuder auf. Es ist ihr Ausbruch aus dem Alltag.

Khairi reißen die Fotos aus seiner Melancholie. „Wer bist du! Wie geht es dir! Öffne den Kofferraum! Bleib weg vom Fahrzeug!“, sagt Khairi so rhythmisch, es könnte der Text eines Rapsongs sein. Vor 14 Jahren, in der US-Basis, übersetzte er diese Sätze richtig und bestand den Englisch-Test. Schnell lernte er, in alltäglichen Situationen zu übersetzen. Khairi wollte sich selbst beweisen, dass er mehr kann als anbauen, ernten und verkaufen. Als er zwölf wurde, verließ er die Schule, um seinen Eltern auf dem Feld zu helfen.

„Wer bist du! Wie geht es dir! Öffne den Kofferraum! Bleib weg vom Fahrzeug!“, wiederholt er. Nach dem Test nahm er ein amerikanisches Pseudonym an: George.

Khairi war eine Lebensgarantie für amerikanische Soldaten

Als George W. Bush den Irak angriff, brachte er Hoffnung in Khairis Familie. Khairi erinnert sich mit Bitterkeit an Saddam Hussein. „Sein Porträt hing auf jeder Toilette“, sagt er. Die Zeit des Diktator war für die Familie eine Zeit der Entbehrung. Als nach dem zweiten Golfkrieg die Wirtschaft in der Krise war, reichte das Geld der Familie Khairi nicht mal für Zucker. Der bittere Geschmack des Tees erinnerte sie an ihre Armut. Als ein amerikanischer Panzer die Statue von Saddam Hussein in Bagdad vom Sockel riss, applaudierte eine Menschenmenge, sprang auf die Bronzestatue und bewarf sie mit Schuhen und Müll.

Es sollte alles so einfach sein: Die Amerikaner würden Saddam Hussein stürzen und die Iraker auf dem Schutt Bagdads eine freie Marktwirtschaft und Demokratie errichten. Doch Bushs Berater planten kaum, wie dieser Frieden entstehen sollte. Als die Iraker nach dem Sturz Saddams Schulen und Museen plünderten, sagte Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, seine Soldaten seien weder Polizisten noch Sozialarbeiter. Immer weniger Bürger hatten Zugang zu Wasser und Strom. Terroristen versteckten Sprengsätze in den immer wachsenden Müllbergen. Die Wut der Iraker auf die US-Soldaten wuchs. Doch Khairi boten sie eine Chance auf Ansehen und Geld.

Denn er war mehr als ein einfacher Übersetzer. Er war eine Sicherheitsgarantie für die amerikanischen Soldaten. Er arbeitete mit Patrouillen in Mossul und an der syrischen Grenze zusammen. Einmal, in Mossul, kam ein Mann mit getrimmten Bart und grauem Gewand auf Khairis Team zu. Das war ungewöhnlich, normalerweise hielten Zivilisten Abstand. „Auf eurem Weg liegt eine selbstgebaute Bombe“, sagte ihm der Mann auf Arabisch. Khairi alarmierte die Soldaten, sie entschärften den Sprengkörper.

„Wir mochten diesen Kerl nicht einfach nur, wir legten unser Leben in seine Hände“, sagt Major Tyrone Powers. Auf einem Foto legt Khairis jüngeres Ich, George, seinen Arm um den muskulösen, schwarzen Soldaten. Khairi behält das Bild auf seinem Handy und sieht es sich an, wenn seine Erinnerung an die Zeit mit den US-Amerikanern verschwimmt. „Er war definitiv einer unserer Lieblingsübersetzer“, sagt Powers. Er lernte Khairi gleich zu Beginn kennen, sie arbeiteten im selben Team. In den ersten Tagen war Khairi schüchtern, doch bald lachte er am lautesten über die vulgären Witze der Soldaten. Er fing an, Zigaretten zu rauchen und Jeans zu tragen. Khairi sagt, er lernte von den Amerikanern vieles: Hart zu arbeiten. Wach zu bleiben. Und noch etwas:

„Wenn die Amerikaner duschten, bedeckten sie sich nicht. Männer, die neben Männern duschten – aber sie bedeckten sich nicht, wenn sie aus der Dusche kamen. Das war sehr, sehr seltsam. Ich habe den Amerikanern nichts gesagt, aber ich habe nie geguckt, bis sie sich Klamotten anzogen. Es war komplett seltsam. Aber nach einer Weile war es mir egal. Wir haben dieselben Körper.“

Der Abzug der Soldaten war der erste Knacks in der Beziehung zwischen Khairi und Amerika

Nach einem Jahr verließ Major Powers Ismael Khairi. 2011 gingen die letzten amerikanischen Soldaten. Die Bilanz des Irakkriegs war verheerend: Seit 2002 waren 100.000 irakische Zivilisten und 4.800 US-Soldaten gestorben. Millionen Iraker waren auf der Flucht.

Neun Empfehlungsschreiben von neun verschiedenen Soldaten bekam Ismael Khairi zum Abschied. Die Papiere nahm er bis in die Flüchtlingslager Griechenlands mit, in einer schwarzen Umhängetasche, die er eng am Körper trug. Khairi sagt: „Ich war traurig, als die Amerikaner uns verließen.“

Es war die erste Enttäuschung in der Beziehung zwischen Ismael Khairi und Amerika.

Nach dem Abzug der US-Soldaten beging Khairi einen Fehler: Er bewarb sich nicht um das Visum für ehemalige Übersetzer in den Vereinigten Staaten. Sein Onkel und sein bester Freund bewarben sich, sie leben heute in Nebraska und Georgia. Beide ließen ihre Familien im Irak zurück. Khairi wollte das nicht. „Wir Jesiden sind ein komisches Volk“, sagt er verlegen. „Die Familie ist so wichtig, ich habe bis zu meiner Hochzeit mit meinen Eltern in einem Raum geschlafen.“

Er zog zurück in sein altes Leben, nach Dugure. Dort erwartete ihn nicht länger ein Lehmhäuschen, Khairis Gehalt steckte in einem Ziegelhaus mit Säulen. In Dugure vergingen drei trügerisch friedliche Jahre.

Die Amerikaner hatten dem politischen System des Irak etwas von zuhause mitgebracht: Checks and Balances. Sie installierten ein System der Gewaltenteilung. Der Präsident des Irak ist seither immer kurdisch, der Ministerpräsident schiitisch, der Parlamentspräsident sunnitisch. Doch nach dem Abzug provozierte Ministerpräsident Nuri al-Malik konfessionelle Konflikte. Es gab Ausschreitungen, Vergeltungsaktionen, Tote. Bis heute spaltet das System das Land und begünstigt Korruption: Jeder bemüht sich, möglichst viel in die eigene Tasche zu stecken.

Schon 2006 verübte eine Gruppe, die sich ISI nannte, Islamischer Staat im Irak, eine Anschlagsserie. 2014 besetzte die Terrormiliz, die mittlerweile IS hieß, Islamischer Staat, zuerst Falludscha, dann Mossul und bald weite Teile des Landes. US-Präsident Obama zögerte lange. Erst im Herbst kündigten die Vereinigten Staaten beim Nato-Gipfel ein internationales Militärbündnis gegen den IS an. Für Khairis Volk war das zu spät.

Die Amerikaner schützen Khairi nicht vor den Terroristen

Schon seit Jahrzehnten misstrauten die Jesiden ihren muslimischen Nachbarn. Die religiöse Minderheit, die den Sindschar-Berg ihre Heimat nennt, wurde schon im 18. Jahrhundert Opfer von Massakern. Jesiden glauben an sieben Erzengel. Melek Taus, der oberste dieser Engel, kniete nicht vor Adam nieder, als Gott ihn darum bat. Für die Jesiden bestand er damit den Test, er beugte sich nur vor Gott selbst. Aus der Sicht mancher Muslime handelte Melek Taus blasphemisch. Der IS nennt sie Teufelsanbeter.

In der Nacht vom 2. auf den 3. August 2014 saß Khairi mit seiner Familie in Dugure und beobachtete den orangenen Rauch über dem Sindschar-Berg. Südlich des Berges überfielen IS-Terroristen jesidische Dörfer, ermordeten Männer und entführten Frauen. Der Wind trug die Kampfgeräusche bis nach Dugure. Der Streit der Männer übertönte sie: Khairis Vaters und seine Onkel stritten, wohin die Familie fliehen sollte. „Wir gehen nach Kurdistan“, schrie der Vater. „Wir gehen auf den Berg“, schrie einer der Onkel. Um neun Uhr morgens stand die Entscheidung. Die knapp 40 Familienmitglieder verteilten sich auf drei Autos. Khairi saß auf der Ladefläche eines Pickups. Staub bedeckte sein Gesicht, als sie Richtung Irakisch-Kurdistan rasten.

Der IS tötete 5.000 Jesiden, mehr als 10.000 flohen nach Europa, Kanada und Australien. Viele, die in Kurdistan Schutz suchten, leben bis heute in Flüchtlingslagern. Ihre Containersiedlungen schimmern weiß in den leeren Landschaften Kurdistans.

Nach der Flucht wachte Khairi in einem Containerdorf auf. Die Amerikaner hatten ihn nicht vor den Terroristen beschützt. Eine Rückkehr nach Sindschar kam für ihn nicht in Frage. Khairi brauchte eine neue Heimat. Er wollte nach Nebraska, dorthin, wo sein Onkel wohnt.

Er überzeugte seine Eltern und Geschwister, sich gemeinsam um Flüchtlingsstatus in den USA zu bewerben. Die Internationale Organisation für Migration (IOM), die ihn dabei unterstützte, warnte, dass der Prozess Jahre dauern könne. Khairi wartete ungeduldig. Jeden Abend versammelte er sich mit seiner Familie im Container zum Abendessen und sah in den Nachrichten, wie Iraker und Syrer das Mittelmeer überquerten. Europa entwickelte sich zum Lieblingsthema im Flüchtlingscontainer.

Ein neuer Plan entstand: Die Familie würde ein sicheres Leben in Deutschland führen und von dort aus in die USA fliegen, sobald alle den Flüchtlingsstatus erhielten. Die Eltern verkauften ihren Geländewagen. Von dem Geld bezahlten Khairi, zwei Brüder und eine Schwester einen Schleuser.

Im dritten Versuch erreicht Khairi die EU – aber er kommt zu spät

Es war eine sternlose Nacht im März 2016, die Ägäis brauste auf, als das Plastikboot die griechischen Gewässer erreichte. Ihre Wellen schlugen gegen die Ränder, durchnässten die Flüchtlinge und ihren Schleuser und das Boot tanzte. „Stop! Stop!“, fuhr der türkische Schleuser die weinenden Frauen an, damit sie verstummten. Khairi kniete am Boden und verfolgte stumm die Zeiger seiner Uhr. Es war 1.30 Uhr morgens, sein Körper machte sich bereit, das Herz pumpte schnell, denn Khairi hatte panische Angst. Er konnte nicht schwimmen. Nach nur 45 Minuten erreichten sie Lesbos. Es war die längste Dreiviertelstunde seines Lebens.

Es war ihr dritter Versuch, die EU zu erreichen. Dreißig Tage hatten sie in einem Hostel in der Türkei übernachtet, während Khairi einen vertrauenswürdigen Schleuser suchte. Als ein Syrer ihm ein verschlissenes Holzboot zeigte, verweigerte er die Überfahrt. Ein zweiter Schleuser führte ihn und seine Geschwister auf dem Landweg in Richtung EU. Sie erreichten die griechische Seite des Grenzflusses Mariza, doch der nächste Schleuser ließ sie sitzen. Sechs Tage warteten sie, bevor sie sich der griechischen Polizei stellten. Die Griechen setzten sie auf der türkischen Seite des Flusses ab.

Dieses Zurückdrängen verstößt gegen EU-Recht. Jeder, der die EU-Grenze überquert, darf Asyl beantragen. Doch zu dieser Zeit erzählten viele Flüchtlinge von den sogenannten Pushbacks durch griechische und bulgarische Grenzbeamte.

An den Außengrenzen kündigte sich der Rückzug der EU an. Noch im Sommer 2015 weigerte sich Angela Merkel, die Grenzen vor Flüchtlingen zu schließen, die über Ungarn nach Deutschland kamen. Bilder vom Münchner Hauptbahnhof gingen durch die Medien: Deutsche begrüßten Flüchtlinge mit Applaus und Geschenken.

Khairi ließ sich davon blenden, bis er in Athen ankam. „Sie ist sehr stark und sehr ehrlich“, sagte er über Merkel. „Sie zeigt Respekt und Menschlichkeit.“ Jesiden, die in Deutschland lebten, erzählten ihm am Telefon von ihr.

Doch Ismael Khairi erreichte den Athener Hafen zwei Wochen zu spät.

Mazedonien, Slowenien und Kroatien hatten ihre Grenzen geschlossen. Der Weg nach Deutschland war versperrt. Khairi strandete in einem Flüchtlingslager in Skaramangas, westlich von Athen.

Die Anträge der Familie auf Flüchtlingsstatus in den Vereinigten Staaten werden akzeptiert

Als ich Khairi ein halbes Jahr nach seiner Ankunft in Griechenland zum zweiten Mal traf, hatte er sich zurückgezogen. Das Lager war überfüllt, voller frustrierter junger Männer, es gab Schlägereien, Messerstechereien. „Ich mag es nicht, wenn die Sonne scheint“, sagte er im September 2016. „Mir gefallen graue und bewölkte Tage besser, dann musst ich nicht glücklich sein.“

Khairi war als starker Mann nach Athen gekommen. Er würde die Stadt gealtert verlassen.

Khairi saß seit Tagen in seinem Container mit Blick auf die Ägäis, die er mittlerweile nicht mehr sehen konnte, als sein Handy klingelte. Ein Mitarbeiter der Internationalen Organisation für Migration (IOM) war am Apparat. Seine Stimme klang freundlich, seine Nachricht erschütterte Khairi. Die Anträge der Familie auf Flüchtlingsstatus in den Vereinigten Staaten würden akzeptiert, der Prozess könne beginnen. Er müsse nun für eine Befragung in Bagdad erscheinen. Khairi erfuhr, dass sein Antrag auf Flüchtlingsstatus in den Vereinigten Staaten verfallen würde, sobald die EU ihn als Flüchtling anerkennen würde.

Am 6. Oktober 2016 kehrte er als 805. Iraker freiwillig aus Griechenland zurück, mit Unterstützung der IOM, die ihm den Flug und ein Taschengeld zahlte. Tausende Migranten haben auf diese Weise Europa verlassen, unter dem Beifall der europäischen Nationalisten. Doch anders als die meisten hatte Khairi eine Perspektive: Bald, dachte er, würde er in Nebraska leben.

Donald Trumps „muslim travel ban“ verhindert auch Khairis Einreise

Und in dieser an Enttäuschungen reichen Geschichte kam eine neue Enttäuschung dazu. Vier Wochen, nachdem Ismael Khairi in das Containerdorf in Kurdistan zurückgekehrt war, wählten die Amerikaner Donald Trump zum Präsidenten. In Bluffton, South Carolina, erklärte der neue Präsident, die Invasion des Iraks sei „eine der schlimmsten Entscheidungen in der Geschichte“ der USA. Während des Wahlkampfs hatte er versprochen, die Migration zum Schutz der Amerikaner zu begrenzen. Kaum war er im Amt, unterzeichnete er Exekutive Order 13769, besser bekannt als „muslim travel ban“: Kurzzeitig durften keine Staatsbürger aus sieben muslimischen Ländern mehr einreisen – darunter auch Irakis.

Eigentlich ist Ismael Khairis Geschichte simpel: Er ist ein Mann auf der Suche nach einem besseren Leben. Nur, dass Khairi dabei seit Jahren über weltgeschichtliche Ereignisse stolpert. Wäre sein Leben ein Buch, er wäre ein tragischer Held. Einer, der sein Schicksal in die Hand nimmt, aber immer etwas zu spät kommt. Doch seine Geschichte kennt auch Hoffnung, denn Khairi hat sich einen letzten Rest Optimismus bewahrt.

Khairi wollte nicht daran glauben, dass die USA ihn versetzen würden. Zweimal reiste er mit seiner Familie zur US-Botschaft in Bagdad, um befragt zu werden. Die amerikanischen Behörden prüfen, ob es sicher ist, die Familie ins Land zu lassen. Hintergrundcheck wird das genannt.

Mehr als zwei Jahre sind vergangen. Khairi wartet Tag für Tag auf einen Anruf eines IOM-Mitarbeiters.

Die Unsicherheit treibt ihn in eine irrationale Ängstlichkeit. In seinem Kopf entwickelte sich Donald Trump zum Imperator. Zeigt sein Daumen nach oben, zieht er in die Vereinigten Staaten und lebt ein neues Leben. Dreht er den Daumen nach unten, bleibt Khairi bis zum Ende im kurdischen Flüchtlingslager. Und weil die Entscheidung noch nicht gefallen ist, will er nichts falsch machen. Sobald er eine Person in Uniform sieht, und sei es ein Sicherheitsmann vor einem Einkaufszentrum, geht er auf sie zu und fragt irgendeine Erlaubnis: Darf ich eintreten? Darf ich hier parken? Auf gar keinen Fall will er jemanden verärgern, vor allem nicht den US-Präsidenten.

Er beantragte Flüchtlingsstatus in Nebraska, doch mittlerweile träumt er von Georgia. Sein Haus soll einstöckig sein, einen kleinen Garten haben und eine schöne Garage für ein schönes Auto. Neulich rief sein bester Freund an, der in Georgia wohnt. „Er hat ein Haus und drei Autos. Er versprach mir, eines der Autos zu leihen, sobald ich ankomme“, sagt Khairi.

Khairis größte Angst ist, dass die Amerikaner ihn vergessen

Ich traf Ismael Khairi zum letzten Mal im Frühjahr 2019 im Flüchtlingslager. Als ich das Aufnahmegerät einschaltete, appellierte er an den Präsidenten: „Lieber Herr Präsident Trump, bitte vergessen Sie uns nicht! Ich möchte, dass Sie wissen: Ich fühle mich wie ein Bürger der Vereinigten Staaten.“ Khairi weiß, dass seine Chancen auf ein Leben in den USA schlecht stehen. Doch er glaubt bis heute fest daran, dass er als Flüchtling anerkannt wird. Er muss daran glauben, sonst verliert er eine Perspektive, die er sich seit Jahren aufgebaut hat.

Zum dritten Mal fühlt er sich von der US-Regierung alleine gelassen. Sie zog ihre Soldaten ab, sie beschützte ihn nicht vor dem IS, und jetzt lässt sie ihn nicht ins Land. Von Oktober 2015 bis Ende September 2016 wurden laut Ministerium für Innere Sicherheit der Vereinigten Staaten noch 9.880 Iraker als Flüchtlinge in die USA gelassen. Zwei Jahre später waren es nur 140. Die Anträge bleiben bei den Hintergrundchecks stecken, jener Phase, in der sich auch Khairis Antrag befindet.

Khairis größte Angst ist, dass die Amerikaner ihn vergessen. Er behält so viel von George, wie er kann. Er trägt Jeans und Kappe und erzählt verschämt vulgäre Witze. „Ich bin voller Hoffnung, dass ich in die USA reisen werde“, sagt er. „Ich war stolz, für die Amerikaner zu arbeiten und ich bin stolz und ich werde immer stolz darauf sein.“


Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Bent Freiwald; Fotoredaktion: Martin Gommel.

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