© Getty Images / serts

Wir können nicht ewig wachsen, Folge 4

Das BIP steigt! Hipp, hipp … hurra?

von Leonie Sontheimer
etwa 10 Min. Lesedauer

Wenn man das Büro von Albert Braakmann betritt, sieht man als erstes: Papierstapel. Auf dem Schreibtisch, vor dem Schreibtisch, auf der Fensterbank, auf dem Schrank. Als zweites fällt ein pinkes Porzellanschwein auf, das vom Schrank aus die Papierberglandschaft überblickt. Dass hier ausgerechnet ein Glücksschwein steht, mag ein unbedeutender Zufall sein oder ein Scherz des Besitzers.

Denn Albert Braakmann ist Direktor der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung des Statistischen Bundesamtes. Wenn er und sein Team alle drei Monate neue Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) veröffentlichen, leiten Medien und Politik daraus ab, wie es Deutschland geht. Aber Braakmann, der Fachmann, sagt: Wie es den Deutschen geht, sagt uns das BIP nicht.

Braakmanns Büro liegt im siebten Stock eines kastenförmigen Hochhauses an einer zentralen Verkehrsader in Wiesbaden. Der Steinboden der Empfangshalle im Erdgeschoss glänzt wie frisch poliert, an der Wand hängen zwei große Bildschirme. Auf einem der beiden wird ein Promo-Video in Dauerschleife wiedergegeben: Glückliche Mitarbeiter:innen, die freiwillig die Treppen nehmen, vor Flipcharts gestikulieren und sich „mit großen gesellschaftlichen Aufgaben dieses Landes“ beschäftigen. Das Statistische Bundesamt gehört zum Bundesinnenministerium, es erhebt, sammelt und analysiert Daten zu Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt.

Das Bruttoinlandsprodukt will die wirtschaftliche Leistung eines Landes in einer einzigen Zahl fassen. Im Jahr 2018 betrug es in Deutschland etwa 3.344 Milliarden Euro. Vergleicht man die BIPs verschiedener Jahre oder Quartale, kann man Aussagen über das Wirtschaftswachstum treffen.

Als das Statistische Bundesamt im August bekannt gab, dass das Bruttoinlandsprodukt von April bis Juni im Vergleich zum Quartal davor um 0,1 Prozent gesunken sei, sprach Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier von einem Warnsignal. „Das Wachstum in Deutschland ist momentan viel zu schwach“, sagte er der „Bild“-Zeitung im Oktober. In der Kausalkette der Union bedeutet mehr Wirtschaftswachstum „höhere Löhne, mehr Steuereinnahmen, mehr Sozialbeiträge, mehr Wohlstand für unser Land“. Das steht in ihrem Regierungsprogramm. Weniger Wachstum bedeutet dementsprechend weniger Wohlstand.

Wenn, wie in diesem November, die aktuellen Quartalszahlen kommen, greifen das alle Medien auf. „Deutschland entgeht knapp der Rezession“, „schrammt an der Rezession vorbei“ steht über den Meldungen, die Medien klingen erleichtert. Doch um zu verstehen, wie es Deutschland geht, braucht es mehr als das BIP. Das sagen selbst diejenigen, die es berechnen.

Das BIP ist ein Wirtschaftsmaß und nicht mehr

Dass das BIP oft als Anzeichen für die Lebenszufriedenheit der Deutschen verstanden werde, habe einen einfachen Grund, sagt Braakmann. Jahrelang stieg das BIP und gleichzeitig wurden die Lebensbedingungen hier in Deutschland immer besser. „Das Bundesamt errechnet das BIP seit den Fünfzigern. In den Jahrzehnten nach dem Krieg hat man gesehen, dass die Wirtschaft wächst und dass es den Leuten immer besser geht. Dieser Zusammenhang suggerierte Wohlfahrt und haftet dem BIP nach wie vor an.“

Warum das BIP so eine mächtige Zahl ist und wer sie erfunden hat, hat Frederik Fischer 2015 hier aufgeschrieben.

Wie wenig das BIP und der Zustand der Deutschen miteinander zu tun haben, zeigt diese Grafik:

Infografik: Bent Freiwald

Fast noch aufschlussreicher: Wenn man auch Umweltschäden, Kriminalität, Ausgaben für Bildung und Gesundheit und andere Faktoren mit einbezieht, sieht man, dass Deutschland seit mehr als 18 Jahren auf der Stelle tritt. Der Nationale Wohlfahrtsindex des Umweltbundesamtes hatte sein Hoch im Jahr 1999.

Der NWI ist ein Wohlfahrtsmaß, bei dem 20 ökonomische, ökologische und soziale Komponenten erfasst, in Geldeinheiten bewertet und zusammengerechnet werden. Entwickelt wurde er von Forschern der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft Heidelberg sowie der FU Berlin. Gefördert durch das Umweltbundesamt.

Doch was sagt das BIP dann über Deutschland aus? „Unser Ziel ist es, die wirtschaftliche Realität so gut es geht abzubilden“, sagt Stefan Hauf, der einmal quer über den Flur von Braakmanns Büro sitzt. Er ist Leiter der Gruppe D1 „Inlandsprodukt, Input-Output-Rechnung“. Wegen des kryptischen Namens sei er dazu übergegangen, im Smalltalk nur noch zu sagen, dass er das Wirtschaftswachstum berechne.

„Selbst bei meinen beiden Kindern habe ich es nicht geschafft, ihnen zu erklären, was ich genau tue“, sagt Stefan Hauf. Er trägt Anzug und Krawatte, sein Büro ist aufgeräumt, an der Wand stehen Wasser- und Apfelsaft-Kästen und hinter der Schiebetür seines Schranks drei Flaschen Sekt. Auf der äußersten Ecke seines Schreibtisches liegt ein einsamer Tischtennisball – Hauf ist leidenschaftlicher Tischtennis-Trainer. Er vergleicht die Berechnung des BIP gerne mit der Sportart: Es sehe leicht aus, stecke aber viel dahinter.

Das BIP zu berechnen ist ein bisschen wie Tischtennis spielen

In der Abteilung „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung“, die unter anderem das BIP berechnet, arbeiten etwa 130 Leute. Sie erheben gar keine Daten selbst, sondern verarbeiten Informationen, die andere Abteilungen oder Institutionen erstellt haben. Welche Quellen dafür brauchbar sind und wie man diese gewichten sollte, ist nicht etwa willkürlich, sondern streng geregelt. Auch, damit das BIP international vergleichbar bleibt. Die Norm der Vereinten Nationen sowie die Umsetzung der Europäischen Union liegen in Buchform auf Stefan Haufs Tisch: dicke, blaue DIN-A4-Bücher, mindestens 1,5 Kilo schwer, mit hunderten dicht beschriebenen Seiten.

Das BIP kann auf drei Wegen berechnet werden: der Entstehungsrechnung, der Verwendungsrechnung und der Verteilungsrechnung. Vereinfacht gesagt: Man kann die Frage „Wie hoch war die Wirtschaftsleistung in Deutschland?“ auf drei Weisen beantworten. Erstens kann man sich anschauen, wie viele Waren und Dienstleistungen produziert wurden. Zweitens, wie viel dafür ausgegeben wurde. Und drittens, wie hoch das Einkommen von Arbeitnehmern und Selbstständigen war. Die Ergebnisse der drei Rechnungswege werden dann für ein sicheres Gesamtergebnis abgeglichen.

Die Bücher liegen hier in fast jedem Büro. Auch in dem von Dénise Janz, Irina Piradashvili und Nathalie Wiersma. Ihre Namen stehen neben der Tür auf einem nüchternen Schild. Gerade kommt per Mail eine Auswertung der Kollegen aus dem Außenhandel rein, auf die Dénise Janz gewartet hat. Wieder eine Zelle in den endlosen Excel-Tabellen, die befüllt werden kann.

Ein kleines rotes Plastikviereck umrahmt den aktuellen Tag im Kalender: 21. Oktober. Noch neun Tage, bis das Bundesamt die erste Einschätzung des Quartals an das Statistische Amt der Europäischen Union (Eurostat) schicken muss. Die Abläufe wirken eingespielt. Man weiß hier schon, wann mit dieser Erhebung oder jener Pressemitteilung zu rechnen ist. Doch Janz und ihre Kolleginnen müssen trotzdem aufmerksam bleiben und das aktuelle Geschehen verfolgen. Ereignisse wie der Brexit schlagen sich in den Wirtschaftszahlen nieder.

Und auch der Klimawandel schleicht sich ein, das verdeutlicht ein Beispiel aus dem Sommer 2018: Da sei der Containerumschlag-Index abnormal niedrig gewesen. Dieser Index gibt an, ob mehr oder weniger Container von einem auf das andere Transportmittel umgeladen werden, normalerweise sei das ein sehr verlässlicher Indikator für den Export. Doch durch die anhaltende Trockenheit waren die Wasserstände der Flüsse so niedrig, dass viel weniger Container umgeschlagen werden konnten.

Es bräuchte ein BIP für die Umwelt

Zurück in das Büro des Direktors. Für Braakmann ist es selbstverständlich, dass die Umwelt auch die Wirtschaft beeinträchtigt. „Es müsste sich der Gedanke durchsetzen, dass Umwelt doch wichtiger ist, als man bisher gedacht hat. Oder dass die negativen Auswirkungen der Umwelt auch wirtschaftlich zu solchen Schäden führen, dass man sie stärker beachten muss.“

Braakmann ist schon seit 37 Jahren im Statistischen Bundesamt. Im Oktober ist er 64 Jahre alt geworden. Er hat einen Bart, lockige braune Haare und eine bassige Stimme. Aufgewachsen ist er auf einem Bauernhof an der Nordsee, an der Grenze zu Holland. Vielleicht macht ihm der Klimawandel deshalb Sorgen: „Wenn dann die Polarkappen und Eisberge anfangen zu schmelzen und das Wasser steigt und steigt, bin ich nicht sicher, wie lange sich bestimmte Gebiete in Norddeutschland noch halten können.“ Als Direktor der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) ist es Braakmanns Ziel, Deutschland schnellstmöglich alle relevanten Zahlen zu liefern. Und ein Maß für den Zustand der Umwelt wird aus seiner Sicht immer relevanter.

Zwar wird seit 1991 im Rahmen der Umweltökonomischen Gesamtrechnung (UGR) ermittelt, wie sich Wirtschaft und Umwelt gegenseitig beeinflussen. Und in alternativen Wohlstandsindikatoren wie dem Nationalen Wohlfahrtsindex (NWI) werden ebenfalls negative Folgen für die Umwelt gegengerechnet. Der jährliche Bericht der UGR und die Veröffentlichungen zum NWI bekommen jedoch nicht annähernd so viel Aufmerksamkeit wie das BIP. Braakmann ist daher schon lange der Meinung, dass es für die Umwelt eine eigene Zahl geben müsste, die man dem BIP gegenüberstellen kann: eine Umweltzahl. Er weiß aber auch, dass dies unmöglich ist.

Für die Kommunikation und Vermittlung wäre es von Vorteil, wenn man den Zustand der Umwelt in einer einzigen Zahl ausdrücken könnte. Aber allein schon die Frage, in welcher Maßeinheit Wasserqualität, Artenvielfalt und der Zustand der Wälder zusammengefasst werden sollten, zeigt, wie kompliziert die Sache ist. Selbst wenn man sich darauf beschränken würde, nur eine Verbesserung beziehungsweise Verschlechterung abzubilden, also auf Maßeinheiten zu verzichten, bliebe die knifflige Frage, welchen Faktor man wie stark gewichtet.

So will die Bundesregierung künftig die Lebensqualität messen

Vor einem ähnlichen Dilemma stand von 2010 bis 2013 die Enquete-Kommission des Bundestags für „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“, die Braakmann als Berater begleitet hat. Schon damals war dem Bundestag klar, dass sich mit dem BIP keine Aussagen über die Lebensqualität der Deutschen treffen lassen. Einer der Aufträge der Kommission war es daher, einen ganzheitlichen Wohlstandsindikator zu entwickeln. Nach zwei Jahren empfahl die Kommission ein „erweitertes BIP“ aus zehn Leitindikatoren, die nicht nur die wirtschaftliche Dimension berücksichtigen, sondern auch die soziale und ökologische.

„Dem Deutschen Bundestag wird mit diesem Indikatorensatz empfohlen, dass gleichberechtigt neben der materiellen Dimension des Wohlstands andere Aspekte stehen. Der Erhalt von Freiheit und Demokratie, soziale Inklusion durch einen guten Bildungsabschluss und Arbeit für möglichst viele sowie Gesundheit spielen künftig eine Rolle, wenn die Gesellschaft prüft, wie es um den eigenen Wohlstand steht. Zugleich zeigt das neue breitere Wohlstandsmaß, ob dieser Wohlstand nachhaltig ist, indem Umweltqualität und Staatsverschuldung einbezogen werden.“ (S. 25 des Schlussberichts)

Statt den Indikatorensatz der Enquete-Kommission zu übernehmen, startete die Bundesregierung in der darauffolgenden Legislaturperiode einen neuen Anlauf. Im Bürgerdialog „Gut leben in Deutschland“ fragte sie Bürger:innen, was sie unter Lebensqualität verstehen.

Dieser Bürgerdialog ging eher zufällig viral: Vielleicht erinnerst du dich an die Szene im Sommer 2015, als ein 14-jähriges Mädchen zu weinen begann und Merkel in Verlegenheit brachte? Das war auf einer der Dialog-Veranstaltungen.

Aus den Ergebnissen wurden 46 Indikatoren abgeleitet, an der sich die Bundesregierung „künftig orientieren“ will. Einerseits decken diese Indikatoren viele Bereiche ab und geben somit eine recht differenzierte Antwort auf die Frage, wie es Deutschland geht. Andererseits: Wer hat schon einmal von diesen Indikatoren gehört? Und welches Medium wird sie in der Meldung zur neuen BIP-Zahl berücksichtigen?

Zu den Indikatoren gehören neben dem BIP pro Kopf zum Beispiel auch Breitbandversorgung, Artenvielfalt und Landschaftsqualität sowie die Kinderbetreuungsquote.

Am Ende sei das alles eine Frage des politischen Willens, sagt Braakmann. Er müsse sich an die EU-Verordnung halten, das dicke blaue Buch mit den hunderten Seiten voller Vorschriften. Auf internationaler Ebene werden diese Vorschriften gerade einem Update unterzogen. Braakmann zufolge werden dabei drei Punkte eine zentrale Rolle spielen: Globalisierung, Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Braakmann ist einer der 18 Experten, die sich um das Nachhaltigkeits-Update kümmern. Das kann aber durchaus noch etwas dauern. Die Statistische Kommission der Vereinten Nationen, die den Startschuss geben muss, trifft sich nur ein Mal pro Jahr.

Kann Druck aus der Zivilgesellschaft helfen? Indirekt ja. Weil die Bevölkerung mehr Klimaschutz will, hat Ursula von der Leyen ihn zu einem der Schwerpunktthemen der EU-Kommission erklärt. Um Maßnahmen ergreifen zu können, wird diese bald Zahlen zu Klima und Umwelt benötigen. Und die liefern die statistischen Ämter.

Möglich also, dass in den nächsten Jahren Gelder für neue Berechnungen bereitgestellt werden. Doch um damit ein Gegengewicht zum BIP zu schaffen, müssten Politiker die Umweltzahl zur Chefsache machen, vielleicht sogar ihre politischen Karrieren an diese Zahl binden, so wie sie es auch mit dem Bruttoinlandsprodukt machen.

Druck spürt Braakmann gerade allerdings in anderer Hinsicht. Bisher veröffentlichte Deutschland die neuen Zahlen zum BIP immer 45 Tage nach Ablauf des aktuellen Quartals. Andere Länder in Europa lassen sich gut zwei Wochen weniger Zeit. Deswegen hat das Statistische Bundesamt entschieden: Die neuen Wachstumszahlen, sie sollen schneller kommen


Redaktion: Rico Grimm; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel.

Prompt headline