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Überforderung

Der Film „Systemsprenger“ tut weh – aber das muss er auch

Newsletter von Bent Freiwald
etwa 4 Min. Lesedauer

Sie hält sich ein Küchenmesser an den Hals, so eins mit schwarzem Griff, groß, scharf, gefährlich. Sie droht damit, sich umzubringen, denn sie will nicht in die Schule. In der Küche des Pflegeheims reden Erzieher und Kinder auf sie ein, rufen den Krankenwagen. Kurze Zeit später liegt sie in einem Krankenbett unter grellem Licht, gefesselt, damit sie weder sich noch jemand anderem etwas antun kann.

„Systemsprenger“ nennt man Kinder, die im deutschen Hilfesystem eine Station nach der anderen hinter sich lassen. Hilfesystem – das bedeutet: Schulen, Jugendämter, Heime, Wohngruppen, Erzieher:innen und Schulbegleiter:innen. Eben alle, die versuchen, verhaltensauffälligen Kindern zu helfen. „Systemsprenger“ heißt auch der deutsche Vorschlag für die Kategorie „Bester internationaler Film“ bei der Oscarverleihung 2020. Meine Einstiegsszene mit dem Messer stammt aus diesem Film. Er zeigt einem eine Welt, die es so in Deutschland gibt, von der die meisten Erwachsenen aber nichts mitbekommen.

Screenshot: Bent Freiwald auf Youtube bei Kinocheck

Die neunjährige Hauptperson Benni durchläuft in dem Drama einen Kreislauf, den nicht viele Kinder in Deutschland durchlaufen. Benni fliegt aus Heimen, Schulen suspendieren sie dauerhaft, Pflegefamilien geben sie wieder ab. Sie weiß nicht, wohin mit ihrer Wut, aber die Wut findet ihren Weg: Benni schreit, prügelt und schlägt.

Kurz vor der Szene mit dem Messer wird sie von ihrer Mutter versetzt, sie sollte Benni eigentlich abholen und übers Wochenende mit nach Hause nehmen. Bennis Teufels-Kreislauf: Sie ist einsam und sucht eine Familie. Durch ihre Aggressivität können andere Kinder und Erzieher:innen aber nicht mit ihr umgehen. Dadurch bleibt sie allein, was sie noch aggressiver macht.

Laut Studien gelten etwa fünf bis sieben Prozent aller Heimkinder in Deutschland als Systemsprenger. Menno Baumann, Professor für Intensivpädagogik, hat den Film wissenschaftlich begleitet und dafür gesorgt, dass der Film – obwohl keine Doku – realistisch ist. Er sagt in einem Vortrag (zu sehen auf Youtube): „Das Thema dieser Kinder ist das Thema Brüche.“ Damit meint er vor allem Beziehungen, die zerbrechen. Oftmals zu allererst: die Beziehung zu den Eltern. In Bennis Fall, die Beziehung zur Mutter, die überfordert ist.

In einer Szene sagt die Mutter: „Wenn nicht einmal die Profis mit ihr klarkommen, wie soll ich das dann schaffen? Ich habe manchmal richtig Angst vor ihr.“

In einer anderen Szene sagt Benni: „Mama hasst mich.“

Während Benni im Film von Einrichtung zu Einrichtung gekarrt wird (von einer wirklich sympathischen Mitarbeiterin des Jugendamtes), hofft man immer: Die nächste Familie ist ihre Rettung, dieses Mal klappt es. Man hofft, denn ständig wird klar: Benni ist zwar Täterin, aber auch Opfer. Der Film zeigt allerdings auch: diese beiden Kategorien sind vielleicht gar nicht so hilfreich.

Als nach einem weiteren Abbruch niemand mehr weiterweiß, macht Schulbegleiter Micha einen Vorschlag: Drei Wochen in den Wald, nur er und Benni, kein Internet, kein Strom, Lüneburger Heide at its best. Normalerweise macht er diese Tour mit straffälligen Jugendlichen. Was dort folgt, ist ein ständiges Auf und Ab: Benni beleidigt Micha, sie bauen zusammen eine Hütte, er schreit sie an, sie rennt weg, sie fällt ihm in den Arm. Was bleibt: Micha als Bennis neue Bezugsperson – und die Hoffnung als Zuschauer, dass alles gut wird.

Die Hoffnung stirbt. Ich kann euch nicht sagen, wann genau, aber sie stirbt, mitten im Film. Irgendwann beschleicht einen das Gefühl: Die nächste Familie ist nicht die Rettung, das hier ist kein Hollywood-Streifen, bei dem spätestens nach der zweiten Krise alles gut wird und die Kamera zum Abschluss noch einmal über das bunte Familienfest schwenkt, bei dem Kinder und Eltern gemeinsam durch den Garten tollen, der Grill glüht, ein Song von The Walkmen im Hintergrund, Toooor.

Regisseurin Nora Fingscheidt sagt: „Die einzige Kontinuität bei diesen Kindern ist der Wandel.“ Die Zuschauer:innen werden gezwungen, das zu erleben, was Erzieher:innen mit diesen Kindern in ihrer täglichen Arbeit erleben. Sie werden gezwungen durchzuhalten. Aber es lohnt sich. Durch den Film versteht man die Kinder, die niemals ohne Grund so werden wie Benni, aber auch die Erzieher:innen, die wahrscheinlich jeden Tag an ihre Grenzen kommen. Hauptdarsteller Albrecht Schuch (Micha) sagt im Interview bei der Berlinale: „Die Arbeit von Sozialarbeitern ist der Wahnsinn. Davor mache ich einen Kniefall.“

Ich habe den Film in einem kleinen Kino im Prenzlauer Berg gesehen, vielleicht sieben Reihen mit jeweils vier Plätzen. Als der Abspann begann, atmeten alle im Saal einmal tief durch. Meine Kollegin Teresa und ich waren fast die letzten, die den Raum verlassen haben. Nur in der letzten Reihe saß noch ein Mann mit Glatze, die Fahrradtasche neben sich, nach vorn gebeugt vergrub er seinen Kopf in seinen Händen. Diesen Film zu sehen tut weh, aber das muss er auch.


Hier könnt ihr den Trailer auf Youtube sehen.

Hier einen Beitrag des NDR Kulturjournals über den Film.


Schlussredaktion: Vera Fröhlich.

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