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Wir können nicht ewig wachsen, Folge 3

„Das Streben nach Geld bedeutet einen großen Verzicht auf Freiheit“

Interview von Katharina Mau
etwa 18 Min. Lesedauer
Wir können nicht ewig wachsen
3 Folgen
Wir können nicht ewig wachsen
Wachstum löst nicht unsere Probleme
03
„Das Streben nach Geld bedeutet einen großen Verzicht auf Freiheit“

Er hat lange von 500 Euro im Monat gelebt – seine Zeit war ihm wichtiger als mehr Geld. Gerade promoviert Gerrit von Jorck in einem Projekt zum Zeitwohlstand und hat die Vollzeitstelle, die er nie haben wollte. Ich habe mit ihm darüber gesprochen, wieso wir einen neuen Wohlstandsbegriff brauchen, warum viele mehr arbeiten, als sie wollen, und was Zeit mit der Klimakrise zu tun hat.

Ich habe mir ein Video von dir bei einem Science Slam angesehen, da sagst du: „Krise ist nicht die Wachstumskrise – Krise ist, wenn morgens der Wecker klingelt.“ Was meinst du damit?

„Solidarisches Postwachstum“: Gerrit von Jorck beim #33 Science Slam Berlin:

https://www.youtube.com/watch?v=7XvohArmj7s

Ich wollte zeigen, dass das abstrakte Wirtschaftswachstum unsere tägliche Lebensführung sehr stark berührt. Und dass Krise nicht dann ist, wenn wir kein Wirtschaftswachstum mehr haben, sondern wenn jeden Morgen der Wecker klingelt, weil unser Schlaf und unser Alltag in eine Wachstumsspirale eingetaktet sind. Der Wecker ist ein totaler Fremdkörper, den aber alle als ganz normal ansehen. Du kannst immer wieder Leute schocken, wenn du sagst, du gestaltest deinen Alltag ohne Wecker.

Tust du das?

Ja, seit dem Abitur habe ich den Wecker abgeschafft. Es gibt immer diese fünf Prozent der Fälle, wo man morgens einen Zug kriegen möchte – da stelle ich mir auch einen Wecker, aber sonst nicht.

Wie viel arbeitest du?

Ich habe immer halbtags gearbeitet – jetzt haben wir aber ein Projekt zum Thema Zeitwohlstand beantragt, und ich promoviere im Rahmen des Projektes. Das funktioniert mit einer halben Stelle nicht, deshalb habe ich entschieden, für zweieinhalb Jahre Vollzeit zu arbeiten. Das wollte ich immer vermeiden, und viele meiner Befürchtungen bewahrheiten sich direkt – mein ehrenamtliches Engagement ist zum Beispiel deutlich weniger geworden.

Du forschst zu Zeitwohlstand. Was ist das?

Es ist ein Wohlstandsbegriff, der materiellen Wohlstand ersetzen soll, weil Zeit die knappste Ressource in unserer Gesellschaft ist und außerdem sehr ungleich verteilt. Gewisse Schichten können es sich leisten, ihre Zeitknappheit auszulagern, indem sie sich zum Beispiel Staubsauger-Roboter kaufen oder Care-Arbeit an Dritte auslagern. Insbesondere die ärmeren Schichten und darunter vielfach Frauen sind durch Haushalt und Beruf doppelt belastet, und ihnen fehlt die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Damit wird Zeitwohlstand auch zu einer sozialen Frage.

Geht es dir allein darum, wie viel Zeit man wirklich hat?

Nein, es gibt fünf Dimensionen. Eine ist die Tempo-Dimension: In welcher Geschwindigkeit mache ich etwas und habe ich genug Zeit, Dinge so zu machen, wie ich möchte? Alle meine Kollegen, schauen zum Beispiel neidisch auf jemanden, der es mal wieder schafft, einen Artikel von A bis Z zu lesen, weil man meistens nur noch querliest.

Gerrit von Jorck

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Wir schauen uns im Projekt auch an, wie das mit nachhaltigem Konsum zusammenhängt. Wenn ich in der Arbeit darauf getrimmt werde, schnell und effizient zu sein, übertrage ich das – so ist zumindest unsere These – auch auf meinen privaten Konsum: Ich versuche, möglichst schnell zu essen oder nach Hause zu kommen, und das ist oft nicht nachhaltig, weil ich mir die Tiefkühlpizza reinziehe oder mit dem Auto fahre.

Was sind die anderen Dimensionen?

Die zweite ist die Planbarkeit. Wir arbeiten bei unserem Projekt auch mit einem Schichtarbeitsbetrieb zusammen. Dort ist es ganz normal, dass man am Montag den Schichtplan für die Woche bekommt. Man weiß also nie eine Woche vorher, was man mit seiner Zeit anfangen kann. In einem Interview hat ein Schichtarbeiter gesagt, ihm gehe es einfach nur darum, Arzttermine wahrnehmen zu können.

Die dritte Dimension ist die der Synchronisierung, also der Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf, aber auch zwischen ehrenamtlichem Engagement und anderen Lebensbereichen.

Die vierte Dimension ist Zeitsouveränität: Wie sehr kann ich selbst über die Verwendung meiner Zeit bestimmen?

Und die fünfte Dimension ist ein angemessener Umfang frei zur Verfügung stehender Zeit. Da kommt die quantitative Logik schon vor, aber wir ändern die Arbeitswelt nicht, indem wir einfach nur weniger arbeiten gehen. Studien zeigen zum Beispiel, dass Leute sogar intensiver arbeiten, wenn sie ihre Arbeitszeit reduzieren.

Und da ist meine These: Wenn sich die Arbeitswelt nicht ändert, wird sich auch unsere Gesellschaft nicht ändern. Wenn mein Arbeitsverhältnis auf Beschleunigung ausgelegt ist, führt das dazu, dass ich auch innerlich auf Steigerungslogik getrimmt bin.

Kannst du skizzieren, wie dein Traum-Zeitwohlstands-Arbeitsplatz aussieht?

Er würde mich auf gar keinen Fall mehr als vier Tage in Anspruch nehmen.

Wie lang an den vier Tagen?

Ich würde sagen, nicht länger als sechs Stunden. Ich glaube, wenn ich weniger Zeit hätte, wäre ich nicht mehr in der Lage, in der Arbeit etwas anzustoßen und umzusetzen. Es ist mir auch wichtig, an meinem Traumarbeitsplatz genügend Zeit für Kaffeepausen zu haben, einen Schnack mit Kollegen.

Meine Traumstelle wäre entfristet. Dann hat man eine viel bessere Verhandlungsposition, um Dinge zu verändern. Ich würde weiterhin ohne Wecker leben können. Und mein Traum-Arbeitsplatz lässt sich sehr gut vereinbaren mit meinem sonstigen Engagement. Dass selbstverständlich ist, während der Arbeitszeit mal auf die Fridays-for-Future-Demo zu gehen oder bei der solidarischen Landwirtschaft mitzuhelfen etc.

Ich denke, da müssen auch gesellschaftliche Auseinandersetzungen hingehen, wenn man über nachhaltige Arbeitszeit spricht. Ich bin auf ein schönes Konzept aus den 80ern gestoßen, ich kenne es aus den Texten von Ulrich Mückenberger. Er spricht von innerer Arbeitszeitverkürzung und sagt, im Grunde müssen wir weiterhin an einer Vollzeiterwerbsarbeitsgesellschaft festhalten.

Ulrich Mückenberger war von 1985 bis 2010 Professor für Arbeits-, Sozial und Europarecht an der Universität Hamburg. Seitdem arbeitet er in einem Sonderforschungsbereich der Universität Bremen zu globalen Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik. Er sitzt im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik.

Wieso das?

Wenn ich eine halbe Stelle habe und ökologisch lebe und mich engagiere, dann ist das auch nett. Aber wenn wir wirklich unsere Arbeitswelt aktiv verändern wollen, müssen wir uns zusammentun und kollektiv etwas erstreiten. Deshalb bleibt es zentral, dass wir Vollzeit arbeiten gehen, um unsere Interessen gegenüber der Kapitalseite durchzusetzen.

Aber wir müssen eine Art innere Arbeitszeitverkürzung einfordern, das heißt, dass wir unsere Arbeitszeit für andere Dinge als für Produktion verwenden. Dass wir zum Beispiel während der Arbeitszeit ökologischem Engagement nachgehen und dabei weiter bezahlt werden.

Das klingt radikal, aber in Ansätzen gibt es das schon. In den meisten Bundesländern gibt es Bildungsurlaub. Da kann ich mich während der Arbeitszeit fünf Tage im Jahr zu irgendwas weiterbilden. In Österreich gibt es ein paar Modellbetriebe, die haben gesagt: Wenn unsere Mitarbeiter mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zur Arbeit kommen, erkennen wir die längere Pendelzeit als Arbeitszeit an. Ich könnte mir vorstellen, dass man solche Sachen ausbauen kann.

Wieso sollten Unternehmen darauf eingehen?

Bei den Fahrradfahrern war sicherlich die Gesundheitsabteilung involviert mit dem Gedanken, unsere Mitarbeiter sind dann gesünder. Es gilt aber auch das klassische Arbeitskampf-Argument: Wenn die Arbeitnehmer Forderungen aufstellen, müssen die Unternehmen ihnen nachkommen, wenn sie Streiks und Unzufriedenheit seitens ihrer Arbeitnehmer vermeiden wollen.

Und gerade bei kleinen und mittelständischen Unternehmen darf man nicht vergessen, dass die Unternehmensleitung oft selbst mitarbeitet. Wir hatten vor ein paar Jahren am IÖW (Institut für ökologische Wirtschaftsforschung) ein Projekt, wo wir mit Postwachstums-Pionieren zusammengearbeitet haben. Die Vorschläge, langsamer zu arbeiten, Aufträge abzulehnen, kamen oft von der Unternehmensleitung, weil sie gesehen haben, gerade kommen sie nur ins nächste Burnout.

Auf Spiegel Online wurde vor ein paar Jahren ein Porträt von dir veröffentlicht. Dort stand: „Gerrit von Jorck könnte Spitzenverdiener sein: Sein VWL-Studium hat er mit 1,0 abgeschlossen, er war im Ausland, hat Praktika absolviert. Doch von Jorck lebt von 500 Euro im Monat – weil er das so will.“ Woher kam dieser Wandel?

Ich habe schon mit 16 beschlossen, dass ich keine Lust auf Karriere habe und mir Konsum nicht viel gibt. Als ich mit dem Studium fertig war, habe ich gedacht: Ich lebe gerade das beste aller Leben, und ich will das weiterleben. Und da ich als Student schon nur 500 Euro verdient habe, habe ich nach dem Studium auch nur 500 Euro verdient. Es gab keinen guten Grund, mich zwanghaft auf dem Arbeitsmarkt zu verkaufen. Es gab also keinen wirklichen Bruch. Irgendwann habe ich mich entschieden, eine Halbzeitstelle anzunehmen, die mir angeboten wurde und die mich sehr interessiert hat.

Seitdem hast du immer Halbzeit gearbeitet, jetzt hast du zum ersten Mal eine Vollzeitstelle.

Ich habe mich lange bewusst entschieden, nicht Vollzeit zu arbeiten, weil ich die Gefahr gesehen habe, da nicht wieder rauszukommen. Genauso wie ich mich mit 18 bewusst entschieden habe, keinen Führerschein zu machen. Ich wusste genau, wenn ich einen Führerschein mache, dann werde ich jede 100 Meter mit dem Auto fahren.

Was gibt es denn für eine Gefahr, wenn man Vollzeit arbeitet?

Es gibt den sogenannten Work-and-Spend-Cycle, der geht auf die Soziologin Juliet Schor zurück: Ich arbeite und baue mir damit einen Konsum-Standard auf. Und um den zu halten, gehe ich weiter arbeiten.

Juliet Schor ist Professorin für Soziologie am Boston College. Schon 1992 hat sie in einem Artikel für die Washington Post den Work-and-Spend-Cycle beschrieben.

Aus diesem Zyklus ist es unheimlich schwer auszubrechen. Wenn man zum Beispiel ein Haus kauft, muss man dauerhaft viel arbeiten gehen, um die Schulden abzuarbeiten. Das ist ein objektiver Grund. Und subjektiv lässt sich zeigen, dass zwar die Zufriedenheit ab einem bestimmten Niveau nicht zunimmt, wenn man mehr verdient. Aber sie sinkt radikal, wenn das Konsumniveau irgendwann wieder runtergeht. Das ist der zweite Lock-in-Effekt in diesem Work-and-Spend-Cycle.

Ich bin gespannt, inwiefern bei mir dieser psychologische Effekt eintreten wird. Ob es mir tatsächlich gelingt, wenn meine Promotion vorbei ist, wieder weniger zu arbeiten.

Laut einer Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) würden mehr als 40 Prozent der Beschäftigten ihre Arbeitszeit gerne um mindestens zweieinhalb Stunden in der Woche verkürzen. Warum tun sie es nicht?

Ein Grund, ist der Work-and-Spend-Cycle. Aber es liegt sicherlich auch daran, wie der Arbeitsmarkt gestaltet ist. Ich muss mich auf dem Arbeitsmarkt verkaufen, und deswegen ist es schwierig, auf Karriere und Konsum zu verzichten. Weil immer das Gefühl da ist, ich muss noch mehr machen, damit ich nicht der erste bin, der gekündigt wird, wenn eine neue Konjunkturflaute kommt, damit ich nicht der letzte bin, der von einem neuen Projekt erfährt etc.

Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt das als Beschleunigungsspirale: Wir strengen uns die ganze Zeit an, in dieser Spirale zu bleiben und treten damit auf der Stelle. Aber sobald wir uns nicht anstrengen, würden wir aus dem Hamsterrad herausfliegen. Und Arbeit ist die einzige Absicherung, die ich habe, um an der Gesellschaft teilnehmen zu können. Das ist ein Dilemma, das wir irgendwie auflösen müssen. Und ich kann direkt sagen, ich halte das bedingungslose Grundeinkommen nicht für die Lösung.

Hartmut Rosa ist Professor für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und forscht unter anderem zu Zeitsoziologie und Beschleunigungstheorie.

Warum nicht?

Die Höhe und die Ausgestaltung des Grundeinkommens wird immer von demokratischen Mehrheitsverhältnissen abhängen. Ich kann dann nur alle vier Jahre über die Wahl sehr indirekt auf die Höhe des Grundeinkommens Einfluss nehmen anstatt, wie bei meiner Lohnhöhe, alle zwei Jahren in Tarifverhandlungen, durch Streiks etc. Deshalb sehe ich die Lösung eher darin, dass wir einen viel höheren gewerkschaftlichen Organisationsgrad haben.

Was meinst du damit?

Es gibt immer weniger Unternehmen, die an den Tarifverhandlungen teilnehmen, und immer weniger Beschäftigte, die in Gewerkschaften organisiert sind. Gewerkschaften haben aber die besten Möglichkeiten, Druck auf Arbeitgeber aufzubauen, um Interessen durchzusetzen.

Also wäre eine Lösung, dass wieder mehr Unternehmen an Tarifverhandlungen teilnehmen müssen. Wie könnte man den Menschen noch ermöglichen, weniger zu arbeiten?

Die Absicherung durch den Sozialstaat finde ich sehr wichtig. Wenn man nicht so viel verdient und nur auf einer halben Stelle arbeiten will, muss man unheimlich lange arbeiten, um davon jemals eine Rente zu haben. Ich finde, man sollte das Recht einfordern, zumindest mit 30 Stunden zum Mindestlohn, eine existenzsichernde Rente zu haben – und das auch innerhalb von 30 Jahren.

Soziale Absicherung ist der wichtigste Grund, warum Menschen arbeiten gehen. Wenn die gewährleistet ist, kann man es tatsächlich schaffen, die Gesellschaft in Richtung Nachhaltigkeit zu verändern. Aber ohne Sicherheit werden wir unsere Transformation in eine Postwachstums-Gesellschaft glaube ich nicht hinkriegen.

Wir haben bisher über Zeitwohlstand gesprochen, jetzt sprichst du die Postwachstums-Gesellschaft an. Wie hängt das beides zusammen?

Eine Wachstumsgesellschaft zerstört unseren Zeitwohlstand, weil sie dazu tendiert, unsere Lebenszeit zu vereinnahmen und zur Ware zu machen. Wenn man Zeitwohlstand einfordert, fordert man deshalb immer auch eine Postwachstumsgesellschaft ein.

Sind das nicht Gegensätze: weniger Wachstum und mehr Absicherung durch den Sozialstaat? Das Geld muss ja irgendwo herkommen.

Ich würde sagen, es ist vor allem eine Verteilungsfrage. Klar, die spitzt sich tendenziell zu, wenn es weniger zu verteilen gibt. Aber ich finde, wir haben in unserer Gesellschaft einen relativ hohen Lebensstandard erreicht, sodass wir uns durchaus höhere Rentenbeiträge leisten können.

Hast du selbst Sorge, dass du im Alter nicht genug haben könntest?

Das treibt mich schon um, nicht nur die Alterssorge, sondern generell die Verarmungssorge. Ich habe selber einen Arbeiterklassen-Hintergrund, wenn man es so sagen möchte. Meine Eltern arbeiten beide im Krankenpflege-Dienst. Ich bin damit groß geworden, dass ganz klar war, wenn einer von beiden arbeitslos werden sollte, bricht ihr komplettes Lebenskonzept zusammen. Sie haben sich irgendwann ein Haus gekauft, das hätten sie dann verkaufen müssen. Das war ein Dauersorgenthema, das mich durchaus geprägt hat. Das war auch ein Motiv, warum ich gesagt habe, ich will gar nicht erst in diese Abhängigkeit rein.

Ich bin Teil der Generation Schröder, wir haben uns damals auf dem Schulhof darüber unterhalten, ob wir riestern. Viele meiner Freunde haben mit 18 von ihrem Taschengeld einen Riester-Vertrag abgeschlossen. Ich bin damit groß geworden, dass man sich über seine Arbeit überhaupt nicht mehr absichern kann, und das hat für mich damals zu dem Schluss geführt: Wenn ich sowieso irgendwann verarme und nur noch von 500 Euro leben kann, dann kann ich auch gleich damit anfangen.

Nochmal zurück zu den Unternehmen, die versuchen, ihre Gewinne zu maximieren. Die sagen sicher: So hohe Lohnnebenkosten oder eine so geringe Arbeitszeit für unsere Mitarbeiter können wir uns nicht leisten.

Ich gehe da ein bisschen mit Hayek mit, der sagt, der Markt ist ein Entdeckungsverfahren. Das heißt, der Markt gibt uns Information darüber, welche Lohnnebenkostenhöhe möglich ist, welche Arbeitszeitreduktion möglich ist und so weiter. Wenn man es gar nicht erst fordert, sondern von vornherein davon ausgeht, Unternehmen maximieren sowieso nur Gewinne, dann wird man nie herausfinden, was eigentlich möglich gewesen wäre.

Friedrich August von Hayek war Ökonom und Philosoph. Er lebte von 1899 bis 1992 und lieferte nach dem Zweiten Weltkrieg wichtige Anregungen dafür, wie die Marktwirtschaft in Deutschland gestaltet werden sollte. 1974 bekam er den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften für seine Forschung zu Geld- und Konjunkturtheorie.

Ist Zeitwohlstand eher ein Thema für dich und mich? Für Krankenpfleger ist es schwierig zu sagen, ich verkürze meine Arbeitszeit.

Der Vorwurf kommt immer wieder, dass Zeitwohlstand ein Luxusthema ist. Ist es nur dann, wenn man Zeitwohlstand rein individualistisch begreift. Dann ist es etwas für mich, für dich, für ein paar Leute, aber nicht für den Krankenpfleger. Wenn man es aber kollektiv begreift, als Wohlstands-Begriff, dann ist dieser Wohlstand unheimlich ungerecht verteilt, und er fehlt genau bei den Menschen mit niedrigem Einkommen. Die haben keine Planbarkeit in ihrem Leben, kaum Zeit für andere Aktivitäten.

Viele sagen, im Top-Management oder in den Karriere-Berufen hast du das ja auch. Falsch! Weil du da viel mehr Privates in deine Zeit integrierst. Dann hast du Geschäftsessen oder Tagungen, wo du die ganze Zeit bist und quatschst. Das ist eine andere Arbeitsweise als in einem klassischen 9-to-5-Job, wo alles durchgetaktet und fremdbestimmt ist. Von daher glaube ich, Zeitwohlstand ist definitiv kein Luxusthema, sondern ein sehr essenzielles für unsere Gesellschaft.

Jetzt hast du gesagt, deine Eltern hätten es sich nicht leisten können, ihren Job zu verlieren. Das heißt, in einem Markt könnten sie nicht sagen: zu meinen Konditionen. Von wem muss dann der Wandel kommen?

Letztendlich braucht man Frontrunner. Das sind tatsächlich oft die Betriebe, die gewerkschaftlich gut organisiert sind. Gerade geht die IG Metall schon voran und hat mit der Freizeitoption zumindest die Wahlentscheidung bei den Mitarbeitern gelassen: Wollen sie mehr Geld oder mehr freie Zeit haben?

Und ich denke, auch die Leute, die eine sehr starke Stellung auf dem Arbeitsmarkt haben, also die gut qualifizierten, sollten vorangehen, um Dinge auszuhandeln. Aber dabei auch gucken: Handeln sie als Zeitpioniere, die versuchen, einen Raum zu eröffnen, oder eröffnen sie nur Möglichkeiten für sich selbst? Dann würde ich nicht mehr von Pionier sprechen, dann ist man eher Zeitegoist.

Du hast vorher schon die Psyche angesprochen. Aus der Community kam die Frage, ob der Mensch nicht immer automatisch nach mehr strebt?

Das Streben nach Geld, Einkommen und materiellem Wohlstand ist gleichzeitig ein großer Verzicht auf Freiheit, auf die eigene Lebenszeit. Ich denke, man kann genauso ein Streben und vielleicht auch eine Gier nach Zeitwohlstand entwickeln. Danach, sich in seinem Umfeld zu engagieren, zur gesellschaftlichen Transformation beizutragen. Letztendlich strebt der Mensch vielfach nach dem, wofür er Anerkennung bekommt, und was ihm selbst etwas gibt. Die Gier zu entwickeln, gemeinsam zu einer ökologischeren Welt beizutragen, sehe ich als die Herausforderung unserer Zeit und auch ehrlich gesagt etwas, womit man recht viele Leute kriegt.

Mehr als 40 Prozent der Deutschen wollen weniger arbeiten. Sie streben nach Zeitwohlstand und einem guten Leben im Hier und Jetzt. Materieller Wohlstand ist ja auch sowas Absurdes. Es ist dieses Versprechen, dass das gute Leben dann irgendwann kommt, wenn wir alt und gebrechlich sind. Das ist doch eine sehr komische Gier, der wir da nachstreben und deswegen meine ich: Es ist keine Gier. Sondern das ist das Streben nach sozialer Sicherheit.

Du hast vorhin schon Fridays for Future angesprochen. Kann Zeitwohlstand ein Mittel gegen die Klimakrise sein?

Ich würde den Bogen nicht überspannen zu sagen, es ist ein Allheilmittel gegen die Klimakrise. Sicherlich kann radikale Arbeitszeitverkürzung erstmal auch zu krassen Rebound-Effekten führen. Ein Drei-Tage-Wochenende führt in unserer jetzigen Gesellschaft wahrscheinlich erstmal dazu, dass die Leute Kurztrips mit dem Billigflieger nach Mailand machen. Deswegen denke ich auch eher in Richtung innere Arbeitszeitverkürzung etc. Einfach nur quantitativ die Arbeitszeit zu reduzieren, reicht nicht.

Aber Zeitwohlstand ermöglicht uns unheimlich viel. Zum Beispiel einen Übergang von zeiteffizienten zu zeitintensiven Tätigkeiten. Wenn ich irgendwohin laufe, statt mit dem Auto zu fahren, habe ich eine zeiteffiziente Tätigkeit durch eine zeitintensive ersetzt, die sehr ressourcenarm ist. Ein anderes Beispiel: In einer Studie wurde gezeigt, dass Leute, wenn sie genug Zeit haben, aus ihrem Umweltbewusstsein auch Umwelthandlungen kreieren. Es gibt den sogenannten Value-Action-Gap: Wir wissen alle, wir haben eine Umweltkatastrophe. Wir wissen auch alle, was wir machen müssten, aber keiner macht es.

Und da konnte gezeigt werden, dass mehr Zeit dazu führt, dass die Leute anfangen, aus ihrem Umweltbewusstsein auch Umweltpräferenzen herauszubilden. Daraus folgt dann wieder Umweltverhalten. Bewusstsein heißt erstmal, mir ist es auf einer rationalen Ebene bewusst. Präferenzen sind Handlungen, die ich verinnerlicht habe.

Ich habe mir das so erklärt: Ich weiß prinzipiell, welche Produkte ich im Supermarkt kaufen muss. Aber dann gehe ich da rein und verfolge meine ganz klassischen Routinehandlungen. Kaufe die Dinge, die ich schon immer gekauft habe. Aber wenn ich mehr Zeit habe, dann kann ich bewusst in den Supermarkt gehen und andere Produkte kaufen. Und damit über eine gewisse Zeit hinweg auch neue Präferenzen ausbilden, sodass ich irgendwann ganz verinnerlicht Dinge kaufe, die nachhaltig sind.

Ich glaube, dass wir, wenn wir über eine Postwachstumsgesellschaft reden, ein positives Narrativ brauchen. Wir wissen jetzt, was wir nicht mehr wollen: Wir wollen nicht mehr wachsen. Aber wir wissen nicht, wo wir hinwollen. Bisher ist unsere ganze Gesellschaft auf das Streben nach materiellem Wohlstand ausgelegt. Wenn wir sagen, eine Postwachstumsgesellschaft ist eine, wo weniger materieller Wohlstand generiert wird, ist das keine coole Erzählung. Es ist etwas anderes zu sagen: Ja, es wird weniger materieller Wohlstand hergestellt, aber dafür stellen wir jetzt mehr Zeitwohlstand her.


Redaktion: Rico Grimm; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Verena Meyer.

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