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Der erste muslimische Polizeivizepräsident Israels

„Ich rechtfertige nichts davon – ich weiß, in welcher Realität ich aufgewachsen bin“

Interview von Franziska Grillmeier
etwa 12 Min. Lesedauer

Aus dem Zierbrunnen vor dem kleinen Polizeihäuschen, das ganz hinten auf der Polizeistation von Kiryat Ata liegt, kommt kein Wasser mehr. Neben dem Plastikrasen, auf dem uns Yoni Mizrachi, Pressesprecher von Polizeivizepräsident Jamal Hakrush empfängt, gehen zwei Polizisten während der Morgengymnastik vor ihren gesattelten Pferden auf die Knie. Es ist 8.30 Uhr. Schwitzige Hände schütteln sich. „Erst mal Briefing“, sagt Mizrachi und hält die Tür zum 20 Grad kühleren Polizeigebäude auf, „dann habt ihr eine Stunde Zeit mit ihm“.

Die schwerbewachte Polizeistation liegt auf einem Hügel zwischen dem mehrheitlich von arabischen Israelis bewohnten Nazareth und der jüdischen Stadt Kiryat Ata. Wir – Übersetzer aus Jerusalem und Journalistin aus Deutschland – sind gekommen, um den 62-jährigen Jamal Hakrush zu interviewen. Er ist der erste Araber, der zum Polizeivizepräsidenten, dem zweithöchsten Rang in der israelischen Polizei, befördert wurde.

Vor drei Jahren finanzierte die israelische Regierung die Gründung einer neuen Abteilung: zur Verbesserung der Beziehung zwischen den arabischen Israelis und der israelischen Polizei im Land. Gilad Erdan, der Minister für öffentliche Sicherheit, sagte, die Abteilung solle siebzig Jahre Versäumnisse der israelischen Polizei ausbügeln.

In Israel lebten 2016 – das sind die aktuellsten Zahlen – 1,8 Millionen arabische Israelis. Sie sind israelische Staatsbürger palästinensischer Herkunft. 85 Prozent davon sind Muslime, der Rest sind Christen, Drusen oder gehören anderen Glaubensrichtungen an. Mehr Informationen findet ihr in diesem PDF des Myers-JDC-Brookdale-Instituts. Der Einfachheit halber schreibe ich in diesem Artikel meist „Araber“, wenn arabische Israelis gemeint sind.

Zu Beginn des Projektes gab es nur zwei Polizeistationen in den arabischen Gemeinden. Wollten sich die Einwohner an die Polizei wenden, musste eine Streife aus einer benachbarten jüdischen Stadt kommen. Jamal Hakrush soll das ändern. Bis 2021 sollen 18 Polizeistationen in arabischen Gemeinden aufgebaut werden, acht stehen schon heute. Außerdem soll die israelische Polizei diverser werden. Sie möchte 1.300 arabische Polizisten rekrutieren.

Pressesprecher Yoni Mizrachi schaltet mit der Fernbedienung die Klimaanlage nochmal zwei Grad herunter. Dann setzt er sich an einen Besprechungstisch uns gegenüber. Aus dem Fenster sieht man das Schulungszentrum, in dem Jamal Hakrush die neuen Bewerber auf die Eignungstests vorbereitet. Es ist das einzige Gebäude auf dem Gelände, das auf Arabisch beschriftet ist. Der Eignungstest für neue Rekruten ist auf Hebräisch. Genauso die Gespräche im Treppenhaus oder die Infotafel im Gang. „Und das wird sich auch nicht ändern“, sagt Mizrachi. Erst vor einem Jahr erklärte sich Israel per Gesetz zu einem rein jüdischen Staat und Hebräisch zur alleinigen Amtssprache.

Das israelische Nationalstaatsgesetz wurde am 19. Juli 2018 von der Knesset verabschiedet. Es gesteht nur dem jüdischen Volk das Selbstbestimmungsrecht zu und verweigert es den nichtjüdischen Minderheiten, Christen, Muslimen und Drusen – 21 Prozent der Bevölkerung Israels. Außerdem soll Jerusalem, vollständig und vereint, die Hauptstadt Israels sein. Die Sprache des Staates ist Hebräisch. Arabisch als zweite Amtssprache erhält einen „Sonderstatus“. Was dieser Status bedeutet, wird nicht weiter erläutert.

Jamal Hakrush kommt aus der Stadt, in der Jesus Wasser zu Wein verwandelt haben soll: aus Kafr Kana, einer arabischen Stadt im Nordosten des Landes. Er arbeitete als Bauarbeiter, mit 21 ging er zur Polizei und legte eine steile Karriere hin. Er leitete die Abteilung der Verkehrspolizei, bevor er 2016 Polizeivizepräsident wurde.

Jamal Hakrush hat keine einfache Aufgabe. Viele arabische Israelis fühlen sich vom Staat Israel vernachlässigt. Fast zwei Drittel der Kinder leben unter der Armutsgrenze, die Arbeitslosigkeit ist hoch, viele Einrichtungen wie Krankenhäuser, Bahnhöfe und Schulen sind unterfinanziert. Einer Studie des israelischen Parlaments zufolge sagten nur 16 Prozent der Araber, dass die Polizei gut auf Verbrechen reagiere. Mehr als die Hälfte der Befragten gaben an, sie hätten Gewaltverbrechen nicht der Polizei gemeldet.

Dazu kommt: Die israelische Polizei wird noch immer durch die Brille des Nahostkonflikts betrachtet. Gleichzeitig – so der Vorwurf – behandelt sie die arabische Minderheit als Sicherheitsrisiko und weniger als Bürger, die selbst ein Sicherheitsbedürfnis haben. Jamal Hakrush muss zwischen beiden Seiten vermitteln – mit nur einer Polizeiabteilung. Keine leichte Aufgabe.

Das sieht man Jamal Hakrush an, als wir zu ihm ins Büro kommen. Sein Gesicht ist wachsam. Der Schnurrbart fein ausrasiert, die blauen Augen auf uns gerichtet. Nur langsam erhebt er sich für eine Begrüßung von seinem Schreibtischstuhl.

Pressesprecher Yoni Mizrachi setzt sich geschäftig an die Tischecke. Beim Gespräch wird er sich manchmal vor- und wieder zurückbeugen, nur wenige Male wird er unterbrechen, vor allem, um Hakrush zuzustimmen. Nur einmal hätte er es lieber gehabt, dass Jamal Hakrush eine Frage nicht beantwortet. Hakrush antwortet trotzdem.

In diesem Polizeigebäude hat Jamal Hakrush sein Büro.

© Franziska Grillmeier

Herr Hakrush, welches Bild hatten Sie als Jugendlicher von der israelischen Polizei?

Ich sah die Polizisten in meiner Nachbarschaft als eine Kraft, die gegen die arabische Minderheit arbeitet. So sahen es alle in meiner Umgebung. Gleichzeitig war die Kriminalität schon damals hoch. Jetzt bin ich nicht der Meinung, dass die Polizei die arabische Minderheit in Israel komplett schlecht behandelt hat, aber es gab immer Differenzen. Und diese Differenzen lösten eine Vertrauenskrise zwischen den Bürgern und der Polizei aus. Als Polizist darfst du nicht von der Gemeinschaft getrennt sein, sonst gibst du ein Versprechen ab, das du im nächsten Moment nicht halten kannst.

Was fehlt der israelischen Polizei im Umgang mit den arabischen Gemeinden bisher?

Die Polizei war meist nur zur Überwachung in arabischen Gemeinden präsent und hat sich nicht unbedingt für die Verbesserung der Sicherheitssituation eingesetzt. Als Polizist möchte ich für die Menschen da sein und nicht nur das Gesetz einhalten. Die Menschen in den arabischen Gemeinden haben ein großes Bedürfnis nach Sicherheit. Und sie haben die Realität, die sie umgibt, klar im Blick.

Und doch kann der Bau solcher Polizeistationen für die Bewohner auch erst einmal Überwachung bedeuten.

Wo eine Polizeistation steht, gibt es weniger Kriminalität. Die Bürger fühlen sich sicherer, wenn sie einen direkten Ansprechpartner haben. In Umfragen sehen wir, dass das Vertrauen zur Polizei wächst, wenn sie leicht erreichbar ist. In den letzten Jahren wurden uns immer mehr Verbrechen gemeldet, was vorher nicht passiert ist. Damit ist zwar die Statistik der Gewaltverbrechen in die Höhe gegangen, doch gleichzeitig konnten wir auch feststellen, dass das Vertrauen uns gegenüber wächst. Insgesamt konnten wir durch die Präsenz der Polizeistationen auch extreme Gewaltdelikte verhindern, einfach, weil wir schnell vor Ort sein konnten. Natürlich schaffen es immer nur die schlechten Nachrichten in die Medien.

Wie sind Sie in die Position gekommen, in der Sie heute sind?

Ich habe ganz unten angefangen und mich mit viel Anstrengung nach oben gearbeitet. Ich gehöre zu einer Minderheit in Israel. Und die wird deutlich anders behandelt als die Mehrheit im Land. Einen Fehler, den ein jüdisch-israelischer Offizier in seiner Laufbahn begehen kann, den kann ich mir nicht leisten.

Können Sie Ihre eigene Erfahrung überhaupt einbringen?

Ich bin ein doppelter Botschafter. Zum einen versuche ich, den arabischen Israelis aus meinen Städten klarzumachen, dass wir nicht gegen sie arbeiten, und zum anderen muss ich die Polizisten innerhalb der Einheit für den Umgang mit der arabischen Gemeinde sensibilisieren. Es ist nicht immer einfach, diese Brücken zu schlagen.

Sie bereiten junge muslimische Bewerber auf den Eignungstest vor. Was ist dabei am schwierigsten?

Am schwierigsten ist es, die jungen Leute davon zu überzeugen, dass die Polizei für sie und nicht gegen sie arbeitet. Und am Anfang standen wir vor einem Dilemma. Für die neue Abteilung brauchten wir arabische Rekruten. Und die Sprache blieb immer ein Problem. Aber die Kriterien für die Eignungstests sind für alle gleich. Wir überlegten, wegen der Sprachbarriere die Anforderungen etwas zu senken. Am Ende habe ich mich dagegen entschieden. Das hätte langfristig zu Ressentiments geführt. Ich wollte nicht, dass irgendjemand sagen kann, die Neuen wären nur zweite Garde und hätten es einfacher gehabt.

Es wird also noch immer ein Unterschied zwischen den arabischen und den jüdischen Polizisten in der Polizei gemacht?

Selbst wenn wir arabischen Israelis die beste Arbeit leisten, wird es immer diesen Unterschied zwischen „uns“ und den „anderen“ geben. In beiden Gesellschaften wird es immer extreme Ansichten geben, in der arabischen Gemeinde und in der jüdischen.

Israel hat sich im vergangenen Jahr zu einem rein jüdischen Staat erklärt und Hebräisch zur alleinigen Amtssprache gemacht. Hat das Ihre Arbeit erschwert?

Yoni Mizrachi beugt sich vor, sagt aber nichts.

Komplett offen kann ich meine Meinung hier nicht sagen. Ich trage diese Uniform, ich bleibe Polizist. Selbstverständlich hat dieses Gesetz das System, in dem ich mich täglich bewege, nicht verbessert. Und trotzdem hoffe ich, dass solche Entscheidungen unsere Arbeit nicht aufhalten.

In einer diversen Stadt wie London beschloss die Polizei, keine speziellen Abteilungen für Minderheiten im Land einzurichten. Sie hatte Angst, dass die Abteilungen untereinander sonst nicht mehr kommunizieren.

Es sind auch jüdische Polizisten mit im Team. Die Abteilung soll nicht isoliert werden. Trotzdem konzentrieren wir uns bei den neuen Rekruten auf Araber, die den kulturellen Kontext besser verstehen, in denen sie eingesetzt werden.


Sicherheit ist eines der drängendsten Themen in den arabischen Gemeinden in Israel. Es gibt fast keine arabische Stadt innerhalb der israelischen Grenzen, in der in den letzten Jahren keine Schießerei stattgefunden hat. Laut einer Untersuchung der Knesset, dem israelischen Parlament, wurden zwischen 2014 bis Mitte 2017 insgesamt 64 Prozent der Mordfälle in Israel an Arabern begangen (die israelische Tageszeitung Haaretz berichtet darüber hier darüber). Dabei machen sie nur 21 Prozent der Bevölkerung aus.


Im letzten Jahr wurden 60 arabische Israelis ermordet. Bis zum Juli dieses Jahres schon 40. Was muss getan werden, um die Gewalt zu verringern, insbesondere an Orten, an denen es noch keine Polizeistationen gibt?

Es ist für mich sehr wichtig zu betonen, dass die arabische Gesellschaft am meisten unter der Gewalt leidet und keine per se gewalttätige Gesellschaft ist, obwohl 53 Prozent der Gewaltverbrechen in der arabischen Gesellschaft passieren. Man muss immer die Umstände miteinbeziehen in diese Zahlen. Über 97,5 Prozent der arabischen Gesellschaft wollen ein normales Leben. Wir haben schwer mit den anderen 2,5 Prozent zu kämpfen, die 62 Prozent der Morde verüben.

Wie versuchen Sie, diese 2,5 Prozent zu erreichen?

Überall auf der Welt gilt die gleiche Formel in der Polizeiarbeit. Man kann die Verbrechensrate nicht eindämmen, ohne sich mit der Vertrauenskrise auseinanderzusetzen. Es ist eine einfache Gleichung. Wir müssen uns um die Bedürfnisse der 97,5 Prozent der arabischen Bevölkerung kümmern, die uns brauchen, und gleichzeitig müssen wir die Kriminalität bekämpfen. Nur so können wir langsam Brücken bauen.

Mitte August kam es im TV-Dokudrama „Jerusalem District“ zu einem Skandal. Die Serie begleitet die Polizei in Jerusalem bei ihrer Arbeit. Während eines Einsatzes hatte die Polizei in einem palästinensischen Haus eine Waffe platziert. Danach häuften sich immer mehr Manipulationsbeweise. Der israelische Rundfunk hat die Serie gesperrt. So etwas trägt nicht zum Vertrauen der arabischen Gemeinde bei.

Die israelische Tageszeitung Haaretz hat die Hintergründe zu diesem Fall.

Yoni Mizrachi: Mir ist es lieber, wenn Sie diesen Vorfall nicht ansprechen.

Jamal Hakrush: Das ist schon okay.

Es wurde ja nicht nur ein Verbrechen simuliert. Die israelische Polizei hat die Palästinenser leichtfertig als Verbrecher dargestellt.

Was soll ich sagen? Ich rechtfertige nichts davon. Ich weiß, in welcher Realität ich aufgewachsen bin. Ich bin nicht von diesem Leben losgelöst. Menschen werden immer Fehler machen. Und ich bin nicht bereit, mich von einem solchen Vorfall verunsichern zu lassen.

Yoni Mizrachi: Ich betone noch einmal, Jerusalem unterliegt nicht dieser Abteilung.

Immer wieder kommt es zu Vorfällen, die zu Misstrauen gegenüber der Polizei führen. Anfang Januar 2017 tötete die Polizei einen Beduinen in der Stadt Umm al-Hiran in der Negev-Wüste. Er hatte gegen den Abriss von Gebäuden demonstriert, die ohne Genehmigungen gebaut worden waren. Auch ein Polizist wurde damals erschossen. Die Polizei sprach von einem terroristischen Anschlag, was sich später als falsch herausstellte.

Das Forscherkollektiv „Forensic Architecture“ der Goldsmiths University of London hat den Vorfall aufgearbeitet und die Verfälschungsversuche des Tathergangs der Polizei aufgedeckt. Hier könnt ihr den Bericht lesen.

Keine Frage, dass dieses Ereignis zu einem großen Hindernis in unserer Arbeit wurde. Heute arbeiten wir daran, nach einem solchen Vorfall sofort mit den Menschen vor Ort in Kontakt zu treten, um sie zu betreuen und eine Untersuchung des Falles einzuleiten.

Sie haben in den letzten drei Jahren 1.350 neue Polizisten eingestellt. Davon nur 300 Muslime. Warum so wenige?

In den drei Jahren, in denen die neue Abteilung existiert, hatten wir mehr als 5.000 arabische Bewerber. Das zeigt uns, dass die Polizei von der arabischen Bevölkerung immer besser angenommen wird. Trotzdem haben wir nur die Besten genommen.

Im Jahr 2018 allein wurden 24 Frauen von Familienmitgliedern ermordet. Wie geht die Polizei mit geschlechtsspezifischer Gewalt um?

Es tut mir sehr leid zu sagen, dass das ein sehr ernstes Problem ist. Wir müssen die Frauen davon überzeugen, dass wir ihnen helfen. Wenn eine Polizeistation im Stadtzentrum steht, kann das zum einen eine Abschreckungswirkung für Täter haben und den Frauen gleichzeitig das Gefühl geben, dass sie einen Ort haben, an den sie sich wenden können.

Wie viele Rekruten in den letzten Jahren waren Frauen?

Wir haben 50 Frauen, die bei uns ausgebildet wurden. Einige von ihnen sind gläubige Musliminnen.

Sie sind 62. Was sind Ihre Pläne für die Rente?

Im Moment denke ich viel über die Zukunft nach. Wenn ich hier aufhöre, möchte ich in der Öffentlichkeitsarbeit bleiben.

Und was machen Sie nach diesem Gespräch?

Gerade bin ich dabei, eine neue Polizeistation aufzubauen. Wenn ich hier aufstehe, warten ein Dutzend Polizisten auf neue Anweisungen. Sie können aber gerne noch ein bisschen bei der Klimaanlage sitzen bleiben.

Jamal Hakrush lacht zum ersten Mal herzlich. Als uns Yoni Mizrachi vor die Tür bringt, sehen wir: Die berittene Polizei ist weg. Und auch sonst ist alles ruhig. „Sommerferien“, sagt Mizrachi.

Jamal Hakrush sitzt hinter seinem Schreibtisch, und Yoni Mizrachi wartet nach diesem Interview auf den nächsten Termin.

© Franziska Grillmeier

Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Fotoredaktion: Verena Meyer.

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