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Wahrheit

Wie gehe ich mit Freunden um, die an Verschwörungstheorien glauben?

von Susan Mücke
etwa 9 Min. Lesedauer

KR-Leserin Reni besucht seit vielen Jahren regelmäßig einen Fitnesskurs. Ebenso lange versorgt die Trainerin sie mit Verschwörungstheorien aus der Welt von Big Pharma. „Dem Wasser wird Natron entzogen, damit wir den Mangel über zusätzliche Medikamente kompensieren. Der Beat der Musik wird immer schneller, um uns krank zu machen. Chemtrails am Himmel vergiften uns. Das sind nur ein paar der Themen“, sagt Reni am Telefon. Strippenzieher sei die Pharmaindustrie, also Eliten, „die uns unkritisch machen wollen, weil sie daran verdienen.“ Das Problem bei all dem Geschwurbel ist nur: „Die Frau erweckt den Eindruck, sie habe das System durchschaut und könnte uns auf ihre höhere Wissensstufe heben. Sie wirkt dabei unheimlich belesen, sodass es mir, wenn ich darüber nachdenke, schwerfällt ihre Thesen zu entkräften.“

Reni möchte wissen, wie sie dem begegnen kann. Soll sie sich jede Woche auf eine Diskussion mit der Trainerin einlassen oder sie ignorieren?

Das habe ich die Krautreporter-Community gefragt und mehr als 100 Leute haben geantwortet. Ich habe mit einem Philosophen und einer Beraterin gesprochen. In diesem Artikel erfährst du, woran man Verschwörungstheorien erkennt, welche Argumente helfen und wann du lieber aufhören solltest, zu diskutieren.

Aber zuerst müssen wir eine Frage klären. Häufig liest man, „Verschwörungstheorie“ sei ein Kampfbegriff, der eine Diskussion von vornherein vereiteln soll. KR-Leser Matthias schreibt: „Das Wort Verschwörungstheorien ist doch ein billiges Mittel, um eine Ansicht oder eine Erkenntnis lächerlich zu machen. Es ist ein Schlagwort, das ausgetilgt werden sollte.“ Marc schreibt: „Verschwörungstheorie ist immer auch all das, was du selber nicht wahrhaben willst oder verstehst, gerade weil du selber nichts darüber gelesen hast.“

Aber das ist schlicht falsch. Es gibt klare Kriterien, um eine Verschwörungstheorie zu definieren. Ich habe darüber mit dem Philosophen Jan Skudlarek gesprochen, der sich in seinem Buch „Wahrheit und Verschwörung“ wissenschaftlich mit dem Thema auseinandersetzt.

Das sagt der Wissenschaftler

„Verschwörungstheorien gab es zu allen Zeiten“, sagt Jan Skudlarek. Man denke nur an die antijüdischen Verschwörungstheorien, die weit verbreitet waren, über Jahrhunderte im öffentlichen Bewusstsein gehalten haben – und teilweise noch halten. Woher aber kommt der Eindruck, dass Verschwörungstheorien so zugenommen haben? Skudlarek sagt: „Das täuscht. Sie sind schlicht sichtbarer geworden. Musste man zu Zeiten des Attentats auf John F. Kennedy erst einmal eine Publikation finden, um die eigene Verschwörungstheorie zu verbreiten, bietet das digitale Zeitalter zahlreiche Kanäle, um sich einfach und schnell zu vernetzen.“

Menschen mit einem großen Bedürfnis nach Einzigartigkeit sind besonders empfänglich für Verschwörungstheorien: „Sie sind gerne besonders und legen sich deshalb auch gerne eine flippige Meinung zu. Gegen den Strom zu schwimmen ist wichtig für ihr Selbstbild“, sagt der Sozialphilosoph, der unter dem Hashtag #verschwörungundwahrheit zum Thema twittert.

Skudlarek rät dazu, erst einmal zu diagnostizieren, mit wem man überhaupt spricht: Wenn, wie im Fall von Reni, eine Fitnesstrainerin sämtliche wissenschaftliche Erkenntnis der Medizin vom Tisch wischt, ist das ein Warnsignal. Skudlarek sagt: „Je weiter weg vom eigenen Fachgebiet argumentiert wird, umso vorsichtiger sollte man sein. Darin zeigt sich auch eine ungesunde Skepsis gegenüber Expertenmeinungen.“

Oft halten sich Verschwörungstheoretiker für „Freidenker“ und „Anti-Mainstream“. Jan Skudlarek sagt: „Dabei ist der Gedanke an sich schon falsch, dass es einen Mainstream gibt, also eine vorherrschende Meinung und eine graues Kollektiv, das diese teilt.“ Die vermeintliche gleichförmige Masse besteht immer aus verschiedenen Meinungen und vielfältigen Ansichten.

Woran erkennt man nun eine Verschwörungstheorie? Nach Skudlarek ist sie durch drei grundlegende Merkmale definiert:

1. Die große Lüge
Jede Verschwörungstheorie geht davon aus, dass wir im großen Stil belogen werden. Deren Anhänger behaupten, dass sich hinter dem, was Intellektuelle und Eliten sagen, eine untergründige, in jedem Fall sehr wichtige Wahrheit verbirgt, über die wir hinweg getäuscht werden sollen (gefälschte Mondlandung, 9/11).

2. Die existentielle Bedrohung
Verschwörungstheoretiker sind immer alarmistisch. Es geht in ihrem Denken nie um eine harmlose Sache, sondern um existentielle Gefahren, die das Leben in seinen Grundfesten erschüttern (Impflüge, Chemtrails, Radiowellen).

3. Die dunklen Mächte
Konspiratives Denken beinhaltet immer die Vorstellung von einer Gruppe
Menschen, die insgeheim böse Absichten verfolgt (Pharmalobby, BRD GmbH, Geheime Weltregierung). Verschwörungstheorien neigen zu abstrakter Kritik. Die Zweifel sind toxisch, das heißt nicht an Fakten orientiert und nicht offen gegenüber neuen Gedanken.

Hintergründe zu den in Klammern genannten bekannten Theorien finden sich in diesem Material der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg.

Das sagt die Beraterin

Andrea Kockler arbeitet ehrenamtlich bei der Initiative „Der Goldene Aluhut“. Die gemeinnützige Organisation identifiziert und entlarvt Verschwörungstheorien im Netz, klärt in Workshops darüber auf und trainiert Lehrkräfte. Andrea Kockler berät und unterstützt Angehörige von Verschwörungstheoretikern. Am Telefon erzählt sie mir, dass die verschwörungstheoretische Abwärtsspirale im Netz dem immergleichen Muster folge: „Am Anfang fällt mir etwas auf, was mich gerade beschäftigt. Ich fange an zu googlen. Dann schlägt der Youtube-Algorithmus zu und rasend schnell lande ich bei 9/11 und mir werden wahllos diverse Verschwörungstheorien zum Thema angeboten. Ich bewege mich in einer Filterblase, suche nach Facebook-Gruppen, die zum Weltbild passen und meide den Kontakt zu Leuten, die widersprechen würden. Je weniger Einflüsse von außen ich habe, desto schneller bewegt sich die Abwärtsspirale.“

Man kann zwei Typen von Verschwörungstheoretikern unterscheiden. Die
sogenannten toxischen Zweifler wird man kaum noch erreichen können. Das wird all jenen helfen, die frustriert darüber sind, nicht genug Gegenargumente liefern oder in Diskussionen nicht mithalten zu können. So wie KR-Leserin Reni, die bei ihrer Fitnesstrainerin den Impuls hat, gegenzureden, aber gleichzeitig das Gefühl, sich nicht gut genug auszukennen.

Nach Ansicht von Kockler ist es wichtiger, sich denen zuzuwenden, die am Beginn der Spirale stehen, Mitlesern in Kommentarspalten etwa.

Für Reni würde das bedeuten, Kontakt zu den anderen Mitgliedern im Sportkurs zu suchen, denn die sind theoretisch noch offen. Und sie anzusprechen, etwa so: „Ja klar, kann man die Pharmaindustrie kritisieren.“ Und dann auf Unstimmigkeit hinzuweisen, zum Beispiel, wenn die Fitnesstrainerin selbsternannte Experten zitiert – die ja auch Geld verdienen wollen, so wie die Pharmaindustrie. Gut ist es immer, die konkrete Lebenswelt anzusprechen, etwas zu erzählen, das die eigene Erfahrungswelt oder die der anderen berührt. Bei Impfgegnern zum Beispiel: „Weißt du noch, als ich letztes Jahre diese schlimme Verletzung am Bein hatte? Wäre ich da nicht tetanusgeimpft gewesen, würde ich heute nicht mehr hier stehen.“

Andrea Kockler rät dazu, vor einer Diskussion die Beziehung zum Gegenüber zu definieren: Wie ist sie gerade und wie soll sie in Zukunft sein?

In den typischen Gartenzaunfällen (Nachbar erzählt was von der vorgetäuschten Mondlandung) gilt es, sachlich und authentisch zu bleiben und mit Fakten zu argumentieren. In einen Dauerkonflikt am Arbeitsplatz zu gehen, ist vielleicht keine Lösung. Eine Trainingsstunde in der Woche lang kann man womöglich über krude Theorien hinweghören. Man kann sich gegebenenfalls auch offensiv abgrenzen und das Thema wechseln, etwa mit dem Hinweis: „Du weißt, dass wir da grundsätzlicher anderer Ansicht sind, lass uns nicht weiter diskutieren.“ Dieses „We agree to disagree“ funktioniert aber nur, wenn der Verschwörungstheoretiker sich auf eine oder wenige Sachen beschränkt und es für ihn auch noch ein Leben außerhalb gibt.

Bei Freunden oder Familie stellt sich die Frage anders, nicht selten wird die Beziehung auf die Probe gestellt, wenn einer in verschwörungstheoretische Kreise gerät. Andrea Kockler empfiehlt dann dringend, den Kontakt nach Möglichkeit zu halten. „Aber nur nach Möglichkeit! Aussteiger aus Sekten oder der Reichsbürgerszene berichten häufig, dass es immer einen gab, der an sie geglaubt hat. Manchmal ist das der letzte Kontakt zur Außenwelt. Manchmal muss man aber auch die Notbremse ziehen, wenn der Kontakt einfach zu belastend wird.“

KR-Leserin Martina macht bereits bei ihren Kindern (16 und 18 Jahre) die Erfahrung, dass die in felsenfester Überzeugung krude Theorien aus dem Internet wiedergeben: „Ich frage dann: Was ist die Quelle? Woher weißt du, dass die Quelle seriös ist? Und, eine Frage, die mir inzwischen ganz wichtig ist: Wer könnte davon profitieren, dass Menschen genau diese Theorie für wahr halten?“ Damit macht Martina eigentlich alles richtig, sagt Andrea Kockler. Sie rät Angehörigen: „Nimm dein Kind mit seinen dir konspirativ erscheinenden Fragen erstmal ernst. Gehe davon aus, dass es wirklich nach Antworten sucht. Informiere dich über die Quellen, die es konsumiert, sieh dir die Internetseiten an, die immer wieder erwähnt werden. Ein Hilfsangebot in frühem Stadium kann helfen.“

Das sagt die KR-Community

Mehr als 100 Leser haben sich mit Ratschlägen beteiligt. Viele von euch berichten über eigene Erfahrungen mit Verschwörungstheorien bei Freunden und Verwandten. Nicole schreibt, dass ihr Bruder an das „Finanzjudentum“ glaubt und daran, dass die Öffentlich-Rechtlichen Medien den Amerikanern gehören. Nachdem sie früher bei dem Thema sehr emotional geworden ist, hat sie für sich nun folgende Lösung gefunden: „Ich frage ohne Ironie und Arroganz detailliert, wie diese Theorien denn in der Realität funktionieren: Wer ist denn jetzt alles involviert in diese Verschwörung? Bei Chemtrails: Wissen die Piloten, dass sie diese fliegen? Wer bestimmt das? Was haben die davon? Wer entscheidet über das Einsatzgebiet?“

Christian schreibt über eine Bekannte, die ebenfalls „in Richtung Chemtrails“ argumentiert: „Ich denke, es geht eigentlich um persönliche Ängste und Kränkungen dieser Menschen. Ihnen ist es zunächst wichtig, gehört und anerkannt zu werden.“

„Manche Menschen aber“, schreibt Stefanie, „muss man einfach aufgeben. Das ständige Diskutieren und auf der Sache herumreiten bestärkt die Person nur, und du selbst wirst zum Feindbild. Gehe dem Ärger aus dem Weg. Nimm Abstand.“

Matthias rät, sich selbst zu informieren und empfiehlt dafür den Blog Relativer Quantenquark des Physikers Holm Hümmler. Nicht zuletzt müssen wir einfach bessere Geschichten erzählen als die Verschwörungstheoretiker, sagt Tobias: „Wie beispielsweise Wissenschaft funktioniert und auch, welche Denkfehler es gibt. Denn nur mit Fakten überzeugen, ist erfahrungsgemäß schwierig. Versuche die Leute abzuholen. Was bekommen sie dadurch, dass sie an das glauben? Sicherheit? Gemeinschaft, weil man ein Feindbild hat? Dann kannst du ihnen eine Alternative bieten.“


Wenn du persönliche Beratung suchst, weil ein Freund oder Familienmitglied Verschwörungstheorien anhängt, schreibe eine E-Mail an: admin@dergoldenealuhut.de


Mit bestem Dank an alle KR-Leser, die sich beteiligt haben: Jens, Dieter, Felix, Nadyne, Dorothea, Mark-Björn, „Rumpelstilzchen“, Nicole, Johanna, Dowa, Tobias, Björn, „Alluhut“, Fionn, Christian, Britta, Harry, Herbert, Ulf, Martina, Simone, „CLH“, Annika, Jens, Grete, Wolfgang, Ute, Stefanie, Simon, Christiane, Evelyn, Martin, Sebastian, Sandra, Matthias, Susanne, Veith, Bruno, Paul, Matthias, Amadeus, Connie, Knut, Katja, Nomis, Aljoscha, Karsten, Martin, Torsten, Henning, Wolf, Chris, „FränkersLu“, Benno, Lisa, Stefan, Marcel, Maike, Axel, „Wahrheitskünder“, Nicole, Jens, Gunilla, Moe, Susanne, Freedalph, Peter, Tom, Sebastian, Christian, Thomas, Jana, Martin, Christoph, Anna, Ruben, Ute, Isabel, Jörn-Uwe, Daniel, Yannick, Christine, Josefine, Mathis, Mari, Heidrun, Anne, Stefanie, Angela, Steven, Judith, G, Julia, Max, Tina, Lena, Atti, Max, Siegfried, Steffi, Nicole, Johannes und Reni für ihre Frage.

Welche Frage stellst du dir in deinem Alltagsleben, auf die wir gemeinsam eine Antwort finden können?

Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Bent Freiwald; Bildredaktion: Martin Gommel.

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