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Klimakrise

Klimaschutz in Deutschland macht einen Unterschied in der Welt

Ein Kommentar von Katharina Mau
etwa 9 Min. Lesedauer

Gruppenarbeiten in der Schule fand ich oft blöd. Am Ende bekamen alle die gleiche Note, egal, wer wie viel wirklich getan hatte. Wenn jemand aus der Gruppe nicht mitmachte, mussten die anderen das hinnehmen oder selbst nochmal mehr machen.

Die Klimakrise ist wie eine Gruppenarbeit. Nur besteht die Gruppe hier nicht aus drei bis fünf deutschen Schülern, sondern aus der gesamten Menschheit.

Tut ein Staat nichts, um die Klimakrise zu lösen, können das die anderen vielleicht noch ausgleichen. Tun viele Staaten nichts, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht klappen.

Die Länder Europas verursachen nur einen kleinen Teil der CO2-Emissionen, und ihr Anteil wird immer kleiner werden, denn in den Ländern Asiens und Afrikas leben mehr Menschen, und die Wirtschaft dort wächst schnell. Laut einer Studie des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsnetzwerks Price Waterhouse Coopers (PwC) wird sich die Wirtschaftsleistung in China bis 2050 mehr als verdreifachen, in Indien fast versechsfachen. Damit steigt auch der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid.

Diese Grafik gibt einen Überblick über die CO2-Emissionen der Staaten:

Auf der Seite von Our World in Data gibt es noch weitere Grafiken zum weltweiten CO2-Ausstoß. Es lohnt sich, da mal draufzuschauen.

Wenn das so ist, warum sollten wir überhaupt etwas tun? Warum sollten wir die deutschen Kohlekraftwerke abschalten, wenn gerade weltweit Kohlekraftwerke neu gebaut werden, mit einer Kapazität, die insgesamt zwölfmal so hoch ist? Warum sollten wir die CO2-Emissionen in Deutschland senken, wenn sie gerade Mal 2,3 Prozent des jährlichen weltweiten CO2-Ausstoßes ausmachen?

Diese Frage lese ich gerade immer öfter. So argumentiert zum Beispiel AfD-Politikerin Beatrix von Storch auf Twitter. Und Arnold Vaatz, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, schreibt in einem Beitrag für das Magazin Superillu: „Deutschland trägt zum menschengemachten CO2-Ausstoß 2,2 Prozent bei. Nicht nur deshalb ist unser Braunkohleausstieg bedeutungslos: Die Welt baut wöchentlich neue Kohlekraftwerke.“

Auf den ersten Blick leuchtet diese Argumentation ein. Sie wirkt pragmatisch, realistisch. Wie ich aber gleich zeigen werde, basiert sie auf falschen Annahmen, ist ein Weg, den unangenehmsten Fragen auszuweichen – und widerspricht Buddha. Und der hat immerhin eine Weltreligion begründet. „Wenn Buddha heute leben würde, er wäre ein Grüner. Ein Umweltschützer!“ Sagt der Dalai Lama.

Im Ernst: Diese Argumentation widerspricht den Erfahrungen, die die Welt mit der Solarenergie gerade macht und auch dem in jüngster Zeit so gern zitierten „gesunden Menschenverstand“.

Deutschland muss mehr für das Klima tun, schon aus Eigeninteresse.

Unabhängig werden von Ländern wie Irak, Libyen, Nigeria

Denn selbst, wenn einem nur das Wohl Deutschlands wichtig ist, gibt es gute Argumente für den Kohleausstieg und die Förderung erneuerbarer Energien. Deutschland muss einen großen Teil seiner Energie im Ausland kaufen, in Form von Öl, Gas, aber auch Steinkohle. Allein aus diesen drei Rohstoffen gewinnt Deutschland fast 70 Prozent seiner kompletten Energie. Dazu zählen nicht nur Strom oder Wärme, sondern zum Beispiel auch das Benzin für Autos.

Wichtige Energielieferanten sind die Niederlande, Großbritannien, aber auch: Russland, Libyen, Irak, Nigeria und in der Zukunft vielleicht auch Katar und die USA. Je mehr Energie Deutschland bei sich erzeugt, desto unabhängiger wird es von diesen Ländern, zu denen Deutschland zum Teil komplexe, schwierige Beziehungen unterhält.

Zwar gibt es auch in Deutschland reichlich Energie, in Form von Kohle, aber sobald die Umweltschäden miteinbezogen werden, die Abbau, Transport und Verfeuerung verursachen, wird es sehr teuer, dadurch Energie zu gewinnen.

Außerdem: Die Klimakrise macht nicht an Grenzen halt. Sie ist auch bei uns jetzt schon spürbar. In Sachsen vertrocknete 2018 beispielsweise ein Drittel der Ernte von Landwirt Christoph Kunack, der Sommer in Deutschland war ungewöhnlich heiß und trocken. Eine neue Untersuchung zeigt, dass Ereignisse wie die Juni-Hitzewelle von 2019 mindestens fünfmal wahrscheinlicher geworden sind durch die Treibhausgas-Emissionen der Menschen.

Nur wenige Wochen zuvor hatten tischtennisballgroße Hagelkörner mehr als 80 Prozent der Ernte im „Obstgarten Frankreichs“, in der Region Auvergne-Rhône-Alpen zerstört. Dauer des Hagelsturms: Zehn Minuten. Klimakrisenbedingte Naturkatastrophen nehmen auch in Deutschland zu. Wenn wir die Schäden begrenzen wollen, müssen wir die weltweiten CO2-Emissionen drastisch senken.

Wir leben auf Kosten von ärmeren Menschen

Laut dem jüngsten Bericht des Weltklimarats darf die Menschheit weltweit noch etwa 420 Gigatonnen CO2 ausstoßen, wenn sie das Ziel, den Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur auf 1,5 Grad zu beschränken, mit 66 Prozent Wahrscheinlichkeit erreichen will. Wenn es so weitergeht wie bisher, sind die 420 Gigatonnen schon 2030 erreicht.

Jeder Mensch in Deutschland verbraucht im Schnitt viermal so viel CO2 wie ein Mensch in Brasilien, fünfmal so viel wie ein Mensch in Indien und 120 Mal so viel wie ein Mensch in Mali.

Die Zahlen zum CO2-Ausstoß pro Kopf habe ich mit Hilfe der Daten in dieser Karte berechnet.

Und das sind nur die Emissionen von heute. Die rauchenden Eisenbahnen, die verrußten Fabrikviertel, die gewaltigen Schlachtschiffe, die Automobile, Kraftwerke und Panzer. Länder wie Deutschland begannen schon vor 250 Jahren, die Atmosphäre der Erde zu verändern. Damals prangte auf den europäischen Karten Afrikas in der Mitte des Kontinents noch ein großer weißer Fleck.

Rechnet man die historischen Emissionen Deutschlands zusammen, dann kommt das Land auf Platz sechs, gleichbedeutend mit 0,03 Grad Erderhitzung. Klimawissenschaftler nennen das die „historische Schuld“, und wer kurzerhand erklärt, dass Deutschland nichts gegen die Klimakrise unternehmen müsse, sagt eben auch: Ich finde es uneingeschränkt richtig, dass sich Deutschland auf Kosten der ärmsten Länder des Planeten entwickelt hat.

Wir, die Menschen in den Industriestaaten, haben einen Lebensstil etabliert, der die Grenzen des Planeten deutlich übersteigt. Wir können diesen Lebensstil nur deswegen heute noch aufrechterhalten, weil viele Menschen deutlich unter dem Niveau leben, das ihnen zustünde, wenn alle gleich viel verbrauchten.

Nehmen wir einmal an, die Welt würde bis 2050 klimaneutral werden. Dann hätten wir bis dahin pro Jahr noch einen CO2-Ausstoß von etwa 14 Gigatonnen zur Verfügung. Wenn man mit einer Bevölkerungszahl von 7 Milliarden Menschen rechnet, sind das 2 Tonnen pro Mensch. Ein Mensch in Deutschland verbraucht im Schnitt das Fünffache. Die reichsten Menschen der Erde nehmen sich also ungefragt einen CO2-Kredit bei den ärmsten Menschen.

Wir forschen, alle nutzen

Außerdem haben wir in Deutschland und anderen Ländern im globalen Norden mehr Geld, um zu erneuerbaren Energien, Speichersystemen und anderen entscheidenden Technologien für eine Energiewende zu forschen. Deutschland etwa gibt 2,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Forschung aus, und auf eine Million Einwohner kommen rund 4.300 Wissenschaftler:innen. Indien gibt im Vergleich 0,8 Prozent des BIP für Forschung und Entwicklung aus, und auf eine Million Einwohner kommen nur 156 Forschende.

Neue Technologien, die Forscher aus den reichen Ländern entwickelt haben, können dann auch die ärmeren Staaten einsetzen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Solarenergie. Die Kosten von Solarzellen sind in den letzten 40 Jahren um 99 Prozent gesunken. Ohne die großflächige Forschung vor allem in den 1990er Jahren wäre das laut einer Studie des Massachusetts Institute of Technology nicht möglich gewesen.

Zunächst fiel also der Preis für Solarzellen, weil damals vor allem europäische und nordamerikanische Forscher die Technologie immer weiter verbesserten. Dann trat China auf den Plan und vergrößerte den Markt für diese Technologie, was wiederum die Preise sinken ließ. Wenn man mehr von etwas produziert, wird es oft günstiger, weil zum Beispiel die Fixkosten gleichbleiben oder sich verschiedene Firmen darauf spezialisieren, nur ein Teil herzustellen und das dann günstig verkaufen können. Heute investiert China mehr als alle anderen Länder in erneuerbare Energien.

China mit seinen gigantischen Wachstumsraten ist dabei kein Spezialfall. In Indien wurde 2018 erstmals mehr Geld in erneuerbare Energie als in Kohleenergie investiert. Und die Länder, die gemessen an ihrer Wirtschaftskraft das meiste Geld in erneuerbare Energie investiert haben, waren 2015 Südafrika und Chile. In Uruguay hatten erneuerbare Energien 2013 einen Anteil von zwei Prozent, fünf Jahre später einen Anteil von etwa 40 Prozent. Und Senegal übertrifft wahrscheinlich die selbstgesteckten Ziele: Bis 2025 will das Land den Anteil erneuerbarer Energien auf mindestens 15 Prozent bringen, schon jetzt sind es 13 Prozent.

Auch Bangladesch hat von den günstigeren Solarmodulen profitiert. In dem Land ist der Anteil der Menschen, die Zugang zu Off-Grid Photovoltaikanlagen haben, weltweit am größten. Das sind die Solarsysteme, die man auf Dächern installieren kann. Dort kaufen sich Familien, die keinen Zugang zu Strom haben, solche Anlagen. Dadurch brauchen sie keine Kerosinlampen mehr, die sie davor benutzt haben. Laut dem Unternehmen, das die Solaranlagen in Bangladesch vertreibt und das die Regierung gegründet hat, werden so bisher jährlich etwa 900.000 Tonnen CO2 eingespart. Zum Vergleich: Das entspricht dem Jahresverbrauch von etwa 90.000 Menschen in Deutschland.

Wer meint, dass Deutschland ganz alleine nichts bewegen kann, hat Recht. Wer aber auch meint, dass Deutschland allein sei mit seiner Energiewende, liegt völlig daneben. Die Welt bewegt sich hin zu Erneuerbaren, zu langsam, um die Klimaziele des Pariser Vertrages zu erreichen, aber sie tut es.

Was mit der Solarenergie funktioniert hat, könnte auch mit anderen wichtigen Technologien funktionieren. Wenn es klappt, und diese Technologien so günstig werden, dass sie sich auf der ganzen Welt verbreiten, dann hat das einen großen Effekt. Denn viele Länder fangen gerade erst an, in Energie zu investieren und mehr Energie zu verbrauchen. Dass die Alternativen genutzt werden und viele ärmere Länder stark in erneuerbare Energien investieren, zeigen die Beispiele oben.

Und auch unabhängig von der Technologie haben die reicheren Länder, egal ob Südkorea, Kanada oder Deutschland, weltweit noch immer eine Vorbildfunktion. Nicht, weil die Menschen sich dort vorbildlich verhalten würden. Sie zeigen mit ihren Fernsehserien, über Facebook und die Werbung ihrer großen Industriekonzerne den Menschen in den ärmeren Ländern das Leben, das sie mal haben könnten, wenn sich ihre Heimatländer „entwickeln“.

Sie setzen den Standard von „Was ist wünschenswert?“ Das zeigen schon allein die Begriffe Entwicklungsland, Schwellenland, Industrieland. Dieser Dreiklang ist nicht wertfrei. Die Industrieländer sind an der Spitze, und die anderen Länder sollen sich dorthin entwickeln.

Die Begriffe und auch die Vorstellung dahinter kann man kritisieren. Dass die Entwicklung bisher so passiert, lässt sich aber beobachten. In Städten auf der ganzen Welt gibt es die gleichen Shopping Malls, immer mehr Menschen fliegen, essen mehr Fleisch oder wohnen in größeren Häusern.

Deshalb ist es umso schlimmer, dass der CO2-Ausstoß der sogenannten Industrieländer so hoch ist, dass er nicht für die ganze Welt funktionieren kann. Aus dieser Verantwortung heraus, müssen wir mehr gegen die Klimakrise tun. Wir haben eine Schuld zu begleichen, wir haben die Mittel dazu und den nötigen Einfluss, um etwas zu verändern.


Redaktion: Rico Grimm. Schlussredaktion: Vera Fröhlich. Fotoredaktion: Martin Gommel.