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Klimakrise

Ja, Fleisch essen belastet die Umwelt – aber Kühe sind trotzdem keine Klimakiller

von Frank Mitloehner, University of California
etwa 7 Min. Lesedauer

Das Ausmaß und die Auswirkungen der Klimakrise werden immer deutlicher.

Dafür soll auch unser Fleischkonsum verantwortlich sein. Es häufen sich deswegen Appelle wie dieser der Tierschutzorganisation WWF, weniger Fleisch zu essen, um die Umwelt zu schonen und etwas für den Klimaschutz zu tun. Einige Aktivisten fordern eine Fleischsteuer, damit die Menschen weniger Fleisch essen.

Der Grundgedanke dabei: Die Fleischproduktion erzeugt weltweit mehr Treibhausgase als der gesamte Transportsektor. Diese Behauptung ist aber nachweislich falsch, wie ich zeigen werde. Doch ist sie so beharrlich wiederholt worden, dass sich falsche Annahmen über den Zusammenhang zwischen Fleisch und Klimakrise festgesetzt haben.

Meine Forschung konzentriert sich darauf, wie sich die Tierhaltung auf die Luftqualität und den Klimawandel auswirkt. Meiner Meinung nach gibt es sowohl viele Gründe dafür, tierisches Eiweiß zu essen, als auch dafür, es zu lassen. Der Verzicht ist jedoch nicht das ökologische Allheilmittel, wie viele uns glauben machen wollen. Wenn man den Verzicht auf die Spitze treibt, kann das sogar der Gesundheit schaden.

Erst korrigieren wir mal die Zahlen über Fleisch und Treibhausgase

Ein Großteil des schlechten Rufs von Fleisch basiert auf der Behauptung, dass Vieh die größte Quelle von Treibhausgasen weltweit ist. Eine vom Worldwatch Institute in Washington, D.C. veröffentlichte Analyse aus dem Jahr 2009 ergab beispielsweise, dass 51 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen aus der Aufzucht und Verarbeitung von Nutztieren stammen.

Die Analyse findet ihr auf Englisch hier als zehnseitiges PDF, die 51 Prozent stehen gleich im zweiten Absatz.

Nach Angaben der US-Umweltschutzbehörde waren die größten Quellen für die Treibhausgasemissionen der USA im Jahr 2016 die Stromerzeugung (28 Prozent der Gesamtemissionen), der Verkehr (28 Prozent) und die Industrie (22 Prozent). Auf die gesamte Landwirtschaft entfielen insgesamt 9 Prozent. Die gesamte Tierhaltung trägt weniger als die Hälfte dieser Menge bei, was 3,9 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen der USA entspricht. Das liest sich ganz anders als die Behauptung, dass Vieh genauso viel wie oder mehr ausmacht als der Transport.

Auf Englisch findet ihr die Angaben der EPA (United States Environmental Protection Agency) hier. Die EPA hat auch einen interessanten Rechner (Greenhouse Gas Inventory Data Explorer), in den man den Sektor, das Treibhausgas, die Quelle dafür und das Jahr eingeben kann und der interessante Grafiken ausspuckt. Wer wirklich alles über den Treibhausgas-Ausstoß der Landwirtschaft in Deutschland wissen will, muss sich durch den rund 400seitigen Bericht (PDF eines Bundesforschungsinstituts, des Thünen-Instituts, durchbeißen. Die Kurzfassung vom Umweltbundesamt: „Ackerbau und Viehzucht sind in 2016 für ca. 7,2 Prozent der Treibhausgasemissionen in Deutschland verantwortlich. Wiederkäuende Rinder, Mist- und Güllelagerung sowie stark gedüngte Felder setzen die Gase Methan und Lachgas, aber auch Ammoniak frei.“

Woher kommt das Missverständnis? Im Jahr 2006 veröffentlichte die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) eine Studie mit dem Titel „Livestock's Long Shadow“ (390 Seiten, PDF), die international große Beachtung fand. Darin heißt es (in der Zusammenfassung auf Seite XXI), dass Nutztiere erstaunliche 18 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verursachen. Das Fazit der Experten: Die Viehzucht trägt mehr zum Klimawandel bei als alle Verkehrsträger zusammen.

Diese Behauptung war falsch. Der leitende Autor des Berichts, Henning Steinfeld, hat sie inzwischen (in einem Beitrag für die Thomson-Reuters-Stiftung) korrigiert. Das Problem war, dass FAO-Analysten eine umfassende Ökobilanz zogen, um die Klimaauswirkungen von Nutztieren zu untersuchen – dann aber eine andere Methode verwendeten, als sie den Transportsektor analysierten.

Bei der Tierhaltung nämlich berücksichtigten die Forscher alle Faktoren, die mit der Fleischproduktion verbunden sind. Dazu gehörten Emissionen aus der Düngemittelproduktion, die Umwandlung von Wälder in Weiden, der Anbau von Futtermitteln und direkte Emissionen von Tieren (Rülpsen beim Wiederkäuen, Gülle) von der Geburt bis zum Tod.

Als sie sich jedoch den CO2-Fußabdruck des Verkehrs ansahen, ignorierten sie viele Auswirkungen auf das Klima: Emissionen bei der Herstellung von Fahrzeugmaterialien und -teilen etwa, der Montage von Fahrzeugen und der Instandhaltung von Straßen, Brücken und Flughäfen. Stattdessen betrachteten sie nur die Abgase von fertigen Autos, Lastwagen, Zügen und Flugzeugen. Infolgedessen verzerrte die FAO den Vergleich des Treibhausgas-Ausstoßes von Nutztieren mit denen des Transports.

Auf diesen Fehler habe ich in einer Rede vor Kollegen am 22. März 2010 in San Francisco hingewiesen, was zu einer Flut von Medienberichten führte. Zu der Ehrenrettung der FAO muss ich sagen: Sie hat ihren Fehler sofort eingesehen. Leider war die anfängliche Behauptung der Organisation, dass das Vieh für den Löwenanteil der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich sei, bereits weit verbreitet. Bis heute kämpfen wir darum, die Zahl aus der Welt zu räumen.

In ihrer jüngsten Bewertung (PDF, Seite XII schätzte die FAO, dass Vieh 14,5 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen durch menschliche Aktivitäten verursacht. Es gibt keine vergleichbare vollständige Ökobilanz für den Verkehr. Steinfeld hat jedoch dargelegt, dass die direkten Emissionen aus dem Transport gegenüber dem Viehbestand vergleichbar sind. Sie betragen 14 % (für den Transport) respektive 5 Prozent (für die Tierhaltung).

Der Verzicht auf Fleisch wird das Klima nicht retten

Viele Menschen meinen nach wie vor, dass es einen erheblichen Einfluss auf das Klima hat, wenn man einmal die Woche auf Fleisch verzichtet. Aber selbst wenn die Amerikaner alle tierischen Proteine aus ihrer Ernährung strichen, würde das laut einer aktuellen Studie die Treibhausgasemissionen der USA um nur 2,6 Prozent reduzieren. Unsere eigenen Untersuchungen an der University of California, Davis, haben ergeben: Wenn alle Amerikaner montags kein Fleisch essen würden (Meatless Mondays), würde der Ausstoß nur um 0,5 Prozent sinken.

Darüber hinaus haben die Veränderungen in der Technologie, der Genetik und des Managements, die in den vergangenen 70 Jahren in der US-Landwirtschaft stattgefunden haben, die Tierproduktion nicht nur effizienter gemacht. Sie verursacht auch weniger Treibhausgase. Laut der statistischen Datenbank der FAO sind die direkten Treibhausgasemissionen der US-Viehhaltung seit 1961 um 11,3 Prozent zurückgegangen, während sich die Fleischproduktion mehr als verdoppelt hat.

Die Nachfrage nach Fleisch steigt in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Dabei spielen der Nahe Osten, Nordafrika und Südostasien eine führende Rolle. Der Pro-Kopf-Fleischkonsum in diesen Regionen hinkt jedoch immer noch dem der Industrieländer hinterher. Im Jahr 2015 betrug der durchschnittliche jährliche Pro-Kopf-Fleischverbrauch in den Industrieländern 92 Kilogramm, verglichen mit 24 Kilogramm im Nahen Osten und Nordafrika und 18 Kilogramm in Südostasien.

Angesichts des prognostizierten Bevölkerungswachstums in den Entwicklungsländern wird es für Länder wie den Vereinigten Staaten sicherlich eine Chance geben, ihre nachhaltigen Aufzuchtmethoden einbringen zu können.

Im Gegensatz zur Kuh kann der Mensch kein Gras verdauen

Eine US-Landwirtschaft ohne Vieh würde die nationalen Treibhausgasemissionen nur in geringem Umfang senken, aber auch die Nahrungsmittelversorgung erschweren. Viele Kritiker der Tierhaltung weisen schnell darauf hin, dass Bauern, die nur Pflanzen züchten, mehr Kilo Nahrung und mehr Kalorien pro Person produzieren könnten. Aber auch der Mensch braucht viele essentielle Mikro- und Makronährstoffe für seine Gesundheit.

Es ist schwer, ein überzeugendes Argument dafür zu liefern, dass die Vereinigten Staaten ein Kaloriendefizit haben. Die hohen nationalen Raten von Übergewicht bei Erwachsenen und Kindern sprechen dagegen. Aber nicht alle Pflanzenteile sind essbar oder schmecken gut. Die Viehhaltung ist eine Möglichkeit, der Pflanzenzucht einen ernährungsphysiologischen und wirtschaftlichen Mehrwert zu verschaffen.

So ist zum Beispiel die Energie in Pflanzen, die Nutztiere fressen, am häufigsten in Zellulose enthalten, die für den Menschen und viele andere Säugetiere unverdaulich ist. Aber Kühe, Schafe und andere Wiederkäuer können Zellulose abbauen und die in dieser riesigen Ressource enthaltene Sonnenenergie freisetzen. Laut FAO sind bis zu 70 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche weltweit Weideland, das nur als Weidefläche für Wiederkäuer genutzt werden kann.

Die Weltbevölkerung steigt schätzungsweise auf 9,8 Milliarden Menschen bis 2050. Die Ernährung so vieler Menschen wird immense Herausforderungen mit sich bringen. Fleisch ist nährstoffreicher pro Portion als vegetarische Produkte, und Wiederkäuer gedeihen weitgehend mit Futter, das nicht für den Menschen geeignet ist. Die Viehzucht bietet auch den Kleinbauern in den Entwicklungsländern ein dringend benötigtes Einkommen. Weltweit liefert die Viehhaltung die Lebensgrundlage für eine Milliarde Menschen.

Der Klimawandel erfordert dringende Aufmerksamkeit, und die Tierhaltung hat einen großen ökologischen Fußabdruck, der sich auf Luft, Wasser und Boden auswirkt. Dies, kombiniert mit einer schnell wachsenden Weltbevölkerung, liefert uns viele überzeugende Gründe, weiterhin für mehr Effizienz in der Tierhaltung zu arbeiten. Dabei sollte der Anfang allerdings mit wissenschaftlich fundierten Fakten gemacht werden.


Frank Mitloehner hat 1996 sein Landwirtschaftsstudium an der Universität Leipzig als Diplomagraringenieur abgeschlossen. Anschließend promovierte er an der Universität Göttingen im Fachbereich Tierwissenschaften (2000). Aktuell arbeitet er als Professor für Tierzucht und Experte für Luftreinhaltung an der University of California, Davis. Sein Hauptziel ist, zum Aufbau umweltfreundlicher Haltungssysteme beizutragen.

Diesen Artikel hat auf Englisch The Conversation veröffentlicht. Hier könnt ihr den Originalartikel lesen. Übersetzung und Produktion: Vera Fröhlich; Redaktion: Philipp Daum; Bildredaktion: Martin Gommel.

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