© Martin Gommel

Newsletter über bessere Bildung

Warum ich mir eine Bildungskatastrophe wünsche

Autorenpost von Bent Freiwald
etwa 5 Min. Lesedauer

Richard, David und Precht. Darf ein Newsletter über Bildung überhaupt mit diesen drei Wörtern beginnen, oder rollt ihr schon mit den Augen? Probieren wir es anders: Gerald und Hüther. Okay, den kennt ihr auch. Neurobiologe, Autor von populärwissenschaftlichen Büchern übers Gehirn, aber auch: über Schule. Und dann noch: Manfred Spitzer, ich weiß, da schrillen gleich die Alarmglocken auf, sehr kontrovers.

Was sie alle gemeinsam haben: Sie fordern, auf die eine oder andere Weise, eine „Bildungsrevolution“. Kleiner gehts nicht, da sind sie sich einig. Mit ein paar Reförmchen ist es nicht mehr getan.

Über das Grundproblem haben wir an dieser Stelle schon mal gesprochen: Die Gesellschaft verändert sich – genau – rasant! Nur die Schulen irgendwie nicht. Der englische Pädagoge Sir Ken Robinson fasst das so zusammen: „Unser Bildungssystem ist für eine andere Gesellschaft entwickelt worden, für das Zeitalter der industriellen Revolution und der Aufklärung. Die Schule ist deshalb nach dem Modell der Fabrik aufgebaut: Schüler:innen werden nach Alter sortiert, die jedes Jahr wie am Fließband vorrücken.“

Und Olaf-Axel Burow, ein Pädagogik-Professor, der auch auf Krautreporter schon Texte veröffentlicht hat, schreibt: „Was in vielen unserer Schulen passiert, nenne ich das industrielle, nach Fächern sortierte, akademisch-kognitive Lernen. Dieses Lernen ist die Grundlage unseres gesellschaftlichen Reichtums.“ Wunderbar, könnte man jetzt denken.
Er schreibt weiter: „Aber wir leben heute nicht mehr im 17. oder 18. Jahrhundert.“

Was passiert, wenn wir jedes Jahr Hunderttausende Schüler:innen in eine Gesellschaft entlassen, auf die sie nicht vorbereitet sind, weil sie in veralteten Strukturen gelernt haben? Burow: „Wir brauchen keine bessere Bildung, sondern eine ganz andere.“

Robinson und Burow – noch zwei Personen mehr, denen es nicht um G8 oder G9 geht, sondern ums G-anze. Die Liste lässt sich lange weiterführen. Jetzt müssen wir aber auch zugeben: Diese Autoren sind nicht die ersten, die eine Revolution in der Bildung fordern. Und hier, in der Bildungsblase sind sich die meisten sowieso einig: Was in den Schulen passiert, ist nicht mehr sonderlich zeitgemäß.

Aber kommt das auch bei denjenigen an, die sich nicht jeden Tag mit Bildung beschäftigen, kommt das auch bei Oma Erna an? Das müsste es, damit sich wirklich etwas verändert.

Machen wir einen kurzen Schlenker: Der Klimaschutz erlebt derzeit einen neuen Aufmerksamkeits-Höhepunkt, und das völlig zu recht. Solche Höhepunkte gab es immer mal wieder, und solche Höhepunkte gab es auch immer wieder in der Bildung. Stichwort Pisa-Schock. Oder Bologna-Reform. Aber jeden Freitag, wenn wir KR-Autoren uns um neun Uhr morgens zur Redaktionskonferenz zusammensetzen, merken wir in puncto Klimaschutz: This time it's different.

Dieses Mal wird das Thema nicht einfach nach ein paar Wochen oder Monaten durch ein neues Royal Baby (so süß!) oder eine Fußball-WM (wie peinlich!) aus der Öffentlichkeit verdrängt werden. Dafür gibt es Anzeichen: Der Klimaschutz beeinflusst Wahlen, zumindest in Deutschland. Es bringt mehrere Hunderttausend Menschen auf die Straße. Alle Parteien suchen nach Lösungen, weil sie müssen, wie sie selbst zugeben. Das Thema Klimaschutz ist endlich da, wo es hingehört: In unser aller Köpfe. Auch in den von Oma Erna.

Beim Klimaschutz ist es also, so scheint es, gelungen: Die Dringlichkeit ist in der Öffentlichkeit angekommen. Aber in der Bildung …? Ist es dieses Mal auch anders? Nun, es sieht derzeit nicht danach aus.

Die Forderungen prallen ständig ab, mal an der Bürokratie (Föderalismus!), an der Trägheit des Systems, am Lehrer:innenmangel – oder am Geld: Wie der Deutschlandfunk berichtet, soll der Etat des Bundesministeriums für Bildung und Forschung 2020 um 533 Millionen gekürzt werden. Ja, richtig: gekürzt! Und weiter: Stattdessen setzte Finanzminister Olaf Scholz offenbar andere Schwerpunkte. Zum Beispiel im Bereich Rente.

Ach herrje.

So ähnlich prallten auch die Klimaschutz-Forderungen jahrelang, nein, jahrzehntelang ab. Damit sich Politik radikal ändert, benötigt es eine Katastrophe, oder zumindest einen Auslöser. Vor der Fukushima-Katastrophe konnte Angela Merkel über den Atomausstieg nur müde lächeln. Die aktuelle Klimaschutzbewegung brauchte keine Katastrophe, sondern lediglich jemanden, der auf die Katastrophe hinwies, in der wir uns praktisch schon befinden. Wie ich in meinem Text über die „Fridays for Future“-Proteste schreibe: „Eine (damals) 15-jährige Klima-Aktivistin aus Schweden, die Vertretern aus der ganzen Welt ins Gesicht sagt: Ihr seid nicht erwachsen genug, um die Wahrheit auszusprechen.“

Zurück zur Bildung: Man könnte meinen, es gab schon genug Bildungskatastrophen, so schlecht wie Deutschland bei allen möglichen berechtigten oder unberechtigten Vergleichen abschneidet. In Mönchengladbach ist vor zwei Wochen das Dach einer Grundschulklasse eingestürzt, kurz nachdem die Schüler:innen den Raum verlassen haben. Das Medienecho war kurz, und nicht mal heftig. Ein bisschen nach dem Motto: Tja, die Schulen sind halt marode, das Problem ist ja bekannt. Und weiter geht der Trott.

Natürlich könnte ich in diesem Newsletter und in meinen Texten weiter über die Probleme in den Schulen, Kitas oder Unis schreiben. Zum Beispiel darüber, dass keine (also wirklich: keine) der erhofften Effekte der Bologna-Reform eingetreten sind: Die Student:innen studieren heute länger als vor der Reform, verbringen weniger Zeit im Ausland, und brechen immer noch zu gleichen Anteilen ihr Studium ab. (Die Süddeutsche Zeitung rechnet mit der Reform ab.)

Aber ich glaube nicht, dass es an Informationen mangelt, die zeigen, wie schlecht es um unser Bildungssystem steht. Daran mangelte es bei der Klimakatastrophe auch nicht. Ich glaube, dass es schlichtweg noch keinen Auslöser gab, der das Thema langfristig in die Öffentlichkeit katapultiert hat. Bis es zu einem solchen Auslöser, einer Art Bildungskatastrophe, kommt, sehe ich drei Möglichkeiten, wie ich künftig über Bildung berichte. Welche drei Möglichkeiten das sind, verrate ich euch in der nächsten Ausgabe meines Newsletters.


Welche Tricks oder Strategien helfen euch dabei, etwas zu lernen oder euch etwas einzuprägen?

Vor ein paar Wochen habe ich darüber geschrieben, was ihr über euer Gehirn wissen solltet, wenn ihr etwas lernen wollt (egal was). Jetzt soll es noch konkreter werden, ich suche nach Tricks oder Strategien, wie man sich etwas besonders gut merken kann. Deshalb interessiert mich: Habt ihr einen solchen Trick oder eine Strategie? Verratet es mir in dieser Umfrage. Die besten Tricks trage ich dann zusammen und finde heraus, warum sie funktionieren.

Bis nächste Woche!

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