Warum es teuer ist, arm zu sein

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Fördern und fordern, fördern und fordern, f-ö-r-d-e-r-n-u-n-d-f-o-r-d-e-r-n.

So oft hatten es die Hartz-Reformer damals 2004 wiederholt. Es wurde zum Mantra „moderner Arbeitsmarktpolitik“. Das Fördern: Individuelle Beratung, Weiterbildung, Vermittlung. Das Fordern: Künftig sollte der einzelne Mensch wieder mehr Verantwortung tragen, wenn es um seine Beschäftigung ging. Wenn er Geld bekam, sollte er sich regelmäßig melden, er sollte willens sein, umzuziehen und Arbeitsangebote anzunehmen, die nicht seiner Ausbildung entsprachen.

„Hartz IV“ wurde zum Stigma einer ganzen Menschengruppe und zum Schreckgespenst der Mittelschicht. Denn unterschwellig sandten diese Reformen eine Botschaft: Streng dich an. Mach, was wir dir sagen. Bilde dich fort, sei pünktlich und fleißig. Dann wird das schon. Wenn du dann keine Arbeit bekommst, bist du selbst schuld. Wenn du arm bist, dann bist du selbst schuld.

Aber zehn Jahren später ist die Situation nur wenig besser geworden. Knapp jeder sechste Deutsche ist laut Statistischem Bundesamt armutsgefährdet. Sechs Millionen Deutsche beziehen Hartz IV. Und ein Viertel aller Beschäftigten bekommen einen Niedriglohn, also weniger als 9,30 Euro pro Stunde. Der Mindestlohn von 8,50 Euro ändert daran nichts. Mindestlohn ist Niedriglohn, das ist klar.

Die Hartz-Reformer taten so, als seien die Menschen arm, weil sie nicht genug sparten und nicht fleißig genug waren. Dabei kann einer noch so gut mit seinem Geld haushalten und noch so viel arbeiten. Es gibt Dinge, bei denen gerade Arme viel bezahlen müssen. Und das macht jeden Schritt für sie doppelt, wenn nicht gar dreifach schwer.

Die Inspiration für diesen Artikel lieferte Barbara Ehrenreich im „Atlantic“.

Hier sind sechs Beispiele:

1. Dacia statt Volkswagen – billige Produkte gehen schneller kaputt

Wer wenig Geld hat, kauft wohl eher billigere Güter. Das könnte bei Nahrungsmitteln vor allem ein gesundheitliches Problem sein, bei anderen Konsumgütern wirkt sich das wiederum auf den Geldbeutel aus. Beispiel Auto. Martin Ruhdorfer, Bereichsleiter Autotest im Technikzentrum des ADAC, sagt: „Wenn man zu billig wird, dann geht das auch auf die Haltbarkeit. Die Hersteller können ja auch nicht zaubern.“

„Wer wenig Geld hat, kauft wohl eher billigere Güter“ – ich folge hier meinem Bauchgefühl, weil ich das nicht belegen kann. Ich habe keine Studien dazu gefunden. Bitte auch den Kommentar von Chorknabe beachten.

Allerdings bestehe kein genereller Zusammenhang. „Man kann natürlich nicht sagen, dass ein Auto, das 50.000 Euro kostet, unbedingt haltbarer ist als eines, das 30.000 Euro kostet.“ Aber einen gewissen Mindestbetrag müsse man schon investieren, wenn man Qualität will.

Beispiel Wäsche. Womöglich gibt es keine Waschmaschine im Haushalt, dann muss auch noch der teure Waschsalon angesteuert werden. Und selbst wer eine Waschmaschine will, muss eine teure kaufen, denn die billigen Waschmaschinen gehen sehr schnell kaputt. Das stellte die Stiftung Warentest in einem Dauertest (9/2013) fest.

Im gleiche Artikel fasst die Stiftung Warentest zusammen, dass bei billigen Stabmixern, Entsaftern und Staubsaugern Vorsicht geboten sei. „Gut und günstig ist hier selten. Mitunter geben die Billiggeräte schnell den Geist auf.“ Dazu kämen ganz simple Qualitätsmängel: Bei den Stabmixern „versagten einige Motoren schon beim Rühren von Wasser“.

2. Wer Geld will, muss zeigen, dass er Geld hat – Problem Kredite

Für Menschen ohne regelmäßiges Einkommen oder andere Sicherheiten ist es fast unmöglich, einen normalen Konsumentenkredit zu bekommen. Das ist aus Bankensicht vielleicht verständlich, es kann aber verheerend sein bei der Jobsuche und im täglichen Leben.

Zum Beispiel fällt die Jobsuche mit einem Auto erheblich leichter als ohne. Aber was machen Sie, wenn Sie arbeitslos sind und das Auto gerade kaputtgegangen ist?

Im Zweifelsfall müssen Arme ihre Wertgegenstände im Pfandleihhaus versetzen oder sich in anderen Kanälen private Kredite besorgen, bei denen vor allem klar ist, dass sie nachteilig für den Schuldner sind. Am ehesten haben Menschen mit wenig Geld wohl noch Zugang zu den teuren Dispo-Krediten auf ihren Girokonten - und die nutzen sie auch häufiger als der Rest der Gesellschaft.

Alle Rohdaten für diese und die folgende Grafiken findet ihr hier.

Das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsordnung (ZEW) kommt in seiner großen Studie zu Dispo-Krediten zu dem Schluss, dass gerade Arbeitslose, Alleinerziehende und Familien häufig solche Dispo-Kredite in Anspruch nehmen müssen. Diese Kredite wiederum sind viel teurer als andere Kredite.

Die Kollegen von „Zeit Online“ hatten vor einiger Zeit eine breit angelegte Recherche zu Dispo-Zinsen gestartet. Ihre Leser haben ihnen mitgeteilt, wie viel sie jeweils zahlen müssen für so einen kurzfristigen Kredit. Überraschenderweise waren es vor allem Volksbanken und Sparkassen, also die „Banken von nebenan“, die die höchsten Zinsen nahmen.

3. Wenn Zeit wirklich Geld ist, dann sind Arme doppelt arm

Vielleicht sollten wir erst mit einem Mythos aufräumen. Von den 2,8 Millionen Deutschen, die zwei oder mehr Jobs haben, ist die Mehrheit nicht dazu gezwungen. Enzo Weber, in Regensburg Professor für empirische Wirtschaftsforschung, dazu: „Es handelt sich mehrheitlich um gut qualifizierte Personen. Im Vordergrund dürften Motive stehen, sich ein Zubrot hinzu zu verdienen oder auch zusätzliche Arbeitserfahrungen zu sammeln. Es geht also nicht vorwiegend um Personen, die auf das zweite Gehalt angewiesen sind, weil das erste zum Leben nicht reicht.“

Zum Weiterlesen über den deutschen Arbeitsmarkt 2014/2015 kann ich euch diesen Kurzbericht vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) empfehlen. Das IAB ist der Agentur für Arbeit angegliedert und kann auf deren Daten zugreifen – was ihm eine einzigartige Stellung in Deutschland verschafft.

Aber es gibt sie natürlich auch, die Multi-Jobber, die mehrere Aufgaben erledigen, weil eine allein ihnen nicht genug Geld gibt. Deutschland-Radio Kultur hatte etwa Peter Bürth begleitet, der 17 Stunden am Tag arbeitet. Erst als Zeitungsausträger, dann fährt er Essen aus und anschließend Medikamente. Bürth macht auch Pausen, Bürth schläft auch, Bürth ist ein Mensch. Wann sollte er sich nach einer Vollzeitstelle umsehen?

Menschen, die wenig Geld verdienen, haben mit den Spitzenverdienern gemein, dass sie viel arbeiten, sehr viel. Das zeigt eine Aufstellung von Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Im Schnitt arbeiten Niedriglöhner 45 Stunden, ein Viertel von ihnen sogar mehr als 50 Stunden.

Menschen mit wenig Geld müssen dabei überdurchschnittlich viel Zeit damit zubringen, ihre Einkäufe zu planen. Sie müssen „jeden Pfennig zweimal umdrehen“ - und das braucht Zeit. Während sie sich überlegen, wie sie die Schulbücher finanzieren, können sie nicht darüber nachdenken, ob im Augenblick genug Geld für die längst fällige Nebenkostennachzahlung da ist. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich, das zeigt eine Studie aus Science. Arme Menschen haben weniger Geld, weil sie ständig über Geld nachdenken müssen. (Das Nachdenken über Geld ist noch so eine Sache, die sie mit vielen Reichen gemeinsam haben).

4. Wer viel verdient, kann auf mehr verzichten

Es gibt Dinge, die alle Menschen bezahlen müssen: Kleidung, Essen, Miete. An ihnen können sie nicht sparen. Wer allerdings mehr Geld hat, kann auch auf mehr verzichten und kann mehr sparen.

Tobias Brühne weist mich in den Kommentaren darauf hin, dass Arme auch deswegen mehr Geld brauchen, weil sie nicht „en gros“ einkaufen gehen können und sich auch nicht wirklich aussuchen können, wann sie etwas einkaufen. Wenn sie etwas brauchen, müssen sie einkaufen gehen, egal ob die Preise hoch oder niedrig sind. Das ist ein guter Hinweis. Ich weiß aber nicht, wie man das belegen könnte. Wer hat Daten über das Einkaufsverhalten nach Einkommen gestaffelt?

5. Kranke sind oft arm, Arme sind oft krank

Was wozu führt, ist nicht ganz klar. Wird jemand depressiv, weil er sich immer Sorgen machen muss, ob er seine nächste Miete zahlen kann? Oder kann jemand seine Rechnungen nicht zahlen, weil er depressiv ist? Beides hört sich plausibel an, beides dürfte vorkommen. Fest steht aber, dass Depressionen und Armut wie hässliche Zwillinge sehr oft gemeinsam auftauchen. Der Banker, der sich seine First-World-Problems wegtherapieren lässt, ist ebenso ein Klischee wie die Ausnahme.

Einen Zusammenhang gibt es auch zwischen Alkoholabhängigkeit und Einkommen.

Vielen Dank an Tom Schröder für den Hinweis!

6. „Was??? Aber die haben doch HD-Fernseher.“

Das ist oft das erste Argument, das man zu hören bekommt, wenn man über Armut in Deutschland spricht. Und es stimmt auch: Der Arme in Deutschland ist im Vergleich noch besser dran als der Arme in Bangladesh. Er kann sich HD-Fernseher leisten, vor allem deswegen, weil deren Preis und der anderer Elektrogeräte in den letzten Jahren rasant gefallen ist.

Aber Menschen orientieren sich an den Menschen um sie herum, nicht an jenen in fernen Ländern auf anderen Kontinenten. Man will relativ zu den Mitmenschen gut da stehen. Weswegen übrigens selbst in wohlhabenden Vorstädten der Nachbarschafts-Neid grassiert.

Aber das ist noch nicht einmal entscheidend. HD-Fernseher helfen kaum dabei, der Armut zu entkommen. Bildung hilft. Ein stabiles Umfeld in einer guten Wohngegend hilft. Alles Dinge, die in den vergangenen Jahren teurer geworden sind.

Keines dieser Probleme ist für sich genommen unlösbar. Aber zusammen bremsen diese Schwierigkeiten sehr viele Versuche aus, aus Armut und Arbeitslosigkeit zu entfliehen. Arme Menschen in Deutschland werden benachteiligt - ohne dass sie viel dafür könnten. Fördern und fordern läuft ins Leere. Es ist eben nicht immer nur der einzelne Mensch schuld.

Bei anderen Minderheiten spricht man in ähnlichen Zusammenhängen von Diskriminierung, und es haben sich gezielt gesellschaftliche Bewegungen gebildet, die den Menschen, die aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft oder Hautfarbe diskriminiert werden, zu ihrem Recht verhelfen wollen.

Vielleicht ist es an der Zeit, dass sich die Mittelschicht in Deutschland (und Europa) auch ihren Armen zuwendet und in ihnen nicht mehr nur ihre eigene blasse Zukunft sieht. Diese Bewegung bräuchte einen akademischen Namen, sonst fällt es ihr schwer bei den Eliten ernst genommen zu werden. Die Verelendung der Massen im 19. Jahrhundert nannte man „Pauperismus“. Diese neue Bewegung gegen die Armut könnte auf dieses historisches Vorbild zurückgreifen. Sie könnte sich nennen: Anti-Pauperismus.


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Aufmacher-Foto: Zuerichs Strassen_/flickr, CC BY 2.0

Die Bilder habe ich in diesem Flickr-Account gefunden. Der Fotograf möchte nicht, dass sein Name hier auftaucht. Aber fantastische Arbeiten sind dabei. Sie sind zwar auf Zürichs Straßen aufgenommen, aber universell, fast archetypisch.