© David Parry / PA Wire, CC BY-ND

Zelluläre Landwirtschaft

Laborfleisch findest du eklig? Es ist viel besser als Fleisch aus der herkömmlichen Tierfabrik

von der US-amerikanischen Psychologin Matti Wilks
etwa 8 Min. Lesedauer

In der Lebensmittelindustrie findet gerade eine Revolution statt. Sie hat viele Namen: Laborfleisch. Sauberes Fleisch. Gewaltfreies Fleisch. Es wird aus Stammzellen eines lebenden Tieres gezüchtet, das dafür nicht geschlachtet werden muss.

Du willst dir ein Bild davon machen, was Laborfleisch überhaupt ist, wie es hergestellt wird und was es kostet? Dieses Video (6:41) hilft dabei: „Laborfleisch – das bessere Fleisch?“ von Mai Thi Nguyen-Kim.

Diese Art der Fleischproduktion könnte die langersehnte Alternative zur Massentierhaltung sein. Denn sobald mit diesem Verfahren große Mengen zu einem bezahlbaren Preis hergestellt werden können, verschwinden viele der Umwelt-, Tierschutz- und Gesundheitsprobleme der herkömmlichen Tierhaltung – und die Verbraucher können trotzdem das essen, was sie gewohnt sind.

Noch ist das Zukunftsmusik: Denn wenn es um Fleisch aus dem Labor geht, sind die Verbraucher verunsichert. Wissenschaftler und hochkarätige Unterstützer – darunter Microsoft-Gründer Bill Gates und der britische Milliardär Richard Branson – werben für eine größere Akzeptanz. Aber es ist schwierig, die Öffentlichkeit für neue Lebensmitteltechnologien zu begeistern – das hat bereits das Beispiel der gentechnisch veränderten Lebensmittel gezeigt.

Als Moralpsychologin untersuche ich die Einstellung der Menschen zu dem im Labor kultivierten Fleisch. In diesem Text behandle ich einige der Hauptgründe, warum Menschen kein Laborfleisch essen wollen. Ich stütze mich dabei auf Meinungsumfragen, Zielgruppen-Analysen und Online-Kommentare. Ich selbst bin optimistisch, dass die Befürworter dieser neuen Technologie die Bedenken der Verbraucher zerstreuen können. Es gibt überzeugende Argumente für kultiviertes Fleisch.

„Wir brauchen doch gar kein Laborfleisch“

Immer mehr Menschen wissen, welche Nachteile Massentierhaltung hat. Dazu zählen die Fleischesser offenbar nicht, wie ihr Kaufverhalten zeigt. Rinder, Schweine, Hühner aus Tierfabriken leiden, manchmal sogar sehr. Nach Schätzungen des US-amerikanischen Sentience Instituts, das sich für Tierrechte einsetzt, leben weltweit rund 90 Prozentaller Nutztiere in solchen Tierfabriken (Warum diese Zahl und die Vergleichswerte für Deutschland mit Vorsicht zu genießen sind, findet ihr in der Anmerkung).

Massentierhaltung, intensive Tierhaltung oder industrielle Tierhaltung sind keine genau definierten Begriffe. Allgemein verstehen wir darunter die „massenhafte Haltung von Tieren unter beengenden, belastenden und meist nicht artgerechten Umständen“ (Gablers Wirtschaftslexikon). Der Gegensatz ist die „bäuerliche Landwirtschaft“, aber auch die kann man nicht an Zahlen festmachen, wie diese Diskussion vor der Bundestagswahl 2017 zeigt. Wer es genau wissen will: Es gibt einen interessanten „Faktencheck zum Begriff Massentierhaltung“ und jedes Jahr zur Grünen Woche in Berlin einen frischen „Fleischatlas“ der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung.

Die herkömmliche Viehhaltung ist zudem verschwenderisch. Wir ziehen ganze Tiere auf, essen aber nur Teile ihrer Körper. Das ist natürlich viel ineffizienter als nur diejenigen Teile herzustellen, die gegessen werden. Die Massentierhaltung belastet die Umwelt, und sie verunreinigt heimische Böden und Gewässer. Weltweit gesehen ist sie laut Zahlen der UN für rund 14,5 Prozent des vom Menschen verursachten Treibhausgas-Ausstoßes verantwortlich.

Die Verwendung von Antibiotika in der Landwirtschaft führt zu Antibiotikaresistenzen, die weltweit verheerende Folgen für die menschliche Gesundheit haben könnten. Im Jahr 2016 berichtete die US-Arzneimittelbehörde, dass über 70 Prozent der medizinisch wichtigen Medikamente für den Einsatz in der Tierhaltung verkauft wurden.

Wer schnell ein paar Fakten zum Thema Antibiotikaresistenz griffbereit haben will, findet ein kompaktes Informationsblatt bei der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft. Diese Gesellschaft will über den Wissens-, Qualitäts- und Technologietransfer den Fortschritt in der Land-, Agrar- und Lebensmittelwirtschaft weltweit fördern. Ein ausführliches Grundwissen über Antibiotikaresistenzen liefert das dem Bundesgesundheitsministerium unterstellte Robert-Koch-Institut.

Einige Menschen halten die Art und Weise, wie Fleisch derzeit in Agrarbetrieben produziert wird, für problematisch. Sie ernähren sich rein pflanzlich. Trotz des jüngsten Hypes um den Veganismus bleibt die Zahl der Menschen, die keine tierischen Produkte essen, extrem niedrig. Als Veganer bezeichneten sich 2018 gerade einmal 0,98 Prozent der Deutschen. Zusammen mit den Vegetariern machen sie rund 4 Prozent der Bevölkerung aus. Ähnlich sieht es in den USA aus: Nur 2 bis 6 Prozent der Amerikaner bezeichnen sich als vegetarisch oder vegan.

Meiner Meinung nach können die Probleme der Tierfabriken auf absehbare Zeit nicht dadurch gelöst werden, indem wir die Verbraucher zu Vegetariern machen. Aber Laborfleisch könnte ein praktikables Konzept sein. Jeder einzelne kann sich gerne für eine pflanzliche Ernährung entscheiden. Aber diejenigen, die nicht bereit sind, auf Fleisch zu verzichten, können auch künftig ihr Steak essen.

„Was soll aus den Tieren werden?“

Viele machen sich Sorgen, was wohl aus Hühnern und Kühen wird, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. Werden sie einfach im Stich gelassen oder in die Wildnis gejagt?

Aber bis gezüchtetes Fleisch ein Massenprodukt ist, werden noch Jahre vergehen. Die Nachfrage nach Nutztieren wird nur langsam sinken. Es werden also weniger Tiere gezüchtet – und die Sorge um ihr Schicksal ist überflüssig.

„Und aus den Bauern?“

Viele Menschen sind auch besorgt, der Wechsel zu Laborfleisch könnte für die Landwirte negative Folgen haben. Aber diese neue Technologie ist bei weitem nicht die einzige Herausforderung für die Bauern. In der Agrarbranche gilt noch immer der Grundsatz: Wachsen oder weichen. In Deutschland hat die Zahl der Betriebe mit mehr als 100 Hektar deutlich zugenommen, während die Zahl der Höfe mit weniger als 100 Hektar deutlich abgenommen hat (einen Überblick hat das Bundeslandwirtschaftsministerium). Ein extremes Beispiel für Zentralisierung sind die USA: 85 Prozent des Rindfleischs stammen von nur vier Hauptproduzenten.

Nur wenige außerhalb der Land- und Forstwirtschaft wissen mit dem Flächenmaß „Hektar“ etwas anzufangen. Das sind 10.000 Quadratmeter oder eine Fläche von 100 mal 100 Meter. Es hat sich eingebürgert, Hektar in Fußballfelder umzurechnen. Der Haken dabei: Fußballfelder sind unterschiedlich groß – zwischen 0,405 und 1,080 Hektar. Das häufigste Maß eines Fußballfeldes ist 68 mal 105 Meter oder 0,714 Hektar – und dafür gibt es sogar einen Umrechner Hektar in Fußballfeld im Netz.

Tatsächlich schaffen wir mit Laborfleisch einen neuen Industriezweig, die „Zelluläre Landwirtschaft“. Dieser einfach aus dem Englischen übersetzte Begriff steht für den Bereich, in dem landwirtschaftliche Produkte direkt aus Zellkulturen im Labor gebaut werden, anstatt Vieh zu verwenden. Auch die Fleischindustrie muss sich an neue Technologien anpassen, um zu überleben und zu gedeihen. Und die Branche schläft nicht: Tyson Foods und Cargill Meat Solutions, zwei der größten Fleischproduzenten in den USA, haben in diese neue Zukunftstechnologie investiert.

„Laborfleisch ist widerlich!“

Häufig finden Verbraucher Laborfleisch einfach eklig. So ein Gefühl ist im Gegensatz zu einem Argument schwer zu widerlegen. Was eklig ist, bestimmt der Betrachter.

Ekel ist jedoch oft kein guter Wegweiser für rationale Entscheidungen. Das zeigen schon die kulturellen Unterschiede beim Fleischkonsum: Typischerweise haben Menschen im Westen kein Problem damit, Schweine und Kühe zu verspeisen. Aber Hunde zu essen, halten sie für ekelhaft. In einigen asiatischen Kulturen wird Hundefleisch durchaus geschätzt.

Was also ekelhaft ist, scheint in gewisser Weise von dem bestimmt zu werden, was normal ist und in einer Gemeinschaft akzeptiert wird. Im Laufe der Zeit und bei einem regelmäßigen Angebot von Laborfleisch könnten diese Ekelgefühle verschwinden.

„Laborfleisch ist doch unnatürlich!“

Das vielleicht stärkste Argument gegen Laborfleisch: Es ist unnatürlich. Dabei gehen wir von der Annahme aus, dass natürliche Dinge besser sind als künstliche Dinge.

Zwar spiegelt sich diese Einschätzung in den jüngsten Verbraucherbefragungen wider, das Argument ist trotzdem falsch. Es stimmt, einige natürliche Dinge sind gut. Es gibt jedoch viele unnatürliche Dinge, die in unserer Gesellschaft von grundlegender Bedeutung sind: Brillen, motorisierter Verkehr, das Internet. Warum sollten wir Laborfleisch ausschließen?

Vielleicht ist das Argument nur auf Lebensmittel anwendbar – natürliche Nahrungsmittel sind besser. Aber „natürliche“ Lebensmittel sind ein Mythos; fast alle Lebensmittel, die wir kaufen, sind in irgendeiner Weise verändert. Darüber hinaus würde ich behaupten, dass der übermäßige Einsatz von Antibiotika und andere Praktiken der modernen Tierhaltung wie die selektive Zucht zur Leistungssteigerung die konventionelle Fleischproduktion in dieselbe Kategorie einstufen wie Laborfleisch: unnatürlich.

Natürlichkeit kann ein guter Näherungswert für Eigenschaften sein, die bei Lebensmitteln wirklich wichtig sind – wie Sicherheit, Nachhaltigkeit, Tierschutz. Aber Laborfleisch schneidet bei diesen Merkmalen viel besser ab als herkömmliches Fleisch. Wenn wir Fleisch aus Zellkultur als unnatürlich ablehnen, dann müssen wir konsequenterweise auch eine Vielzahl anderer Produkte abtun, die das moderne Leben besser und einfacher machen.

Sie sind noch am Anfang, aber eine Reihe von Unternehmen arbeiten daran, kultiviertes Fleisch auf unsere Tische zu bringen. Als Verbraucher haben wir das Recht und die Pflicht, darüber informiert zu werden, welche Produkte wir essen. Ja, wir sollten bei jeder neuen Technologie vorsichtig sein. Aber meiner Meinung nach sind die Einwände gegen kultiviertes Fleisch nichts im Vergleich zum potenziellen Nutzen für Mensch, Tier und Planet.

Wer jetzt noch wissen möchte, wie diese Art der Fleischproduktion praktisch vor sich geht, wer in diese Technologie investiert (Wiesenhof) und wann das erste Steak aus Stammzellen auf den Markt kommen soll, der ist bei diesem Artikel des Deutschlandfunks aus Israel richtig.


Matti Wilks ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Psychologie der Yale-Universität in New Haven, Connecticut, USA.

Diesen Artikel hat auf Englisch The Conversation veröffentlicht. Hier könnt ihr den Originalartikel lesen. Übersetzung und Produktion: Vera Fröhlich; Redaktion: Philipp Daum; Bildredaktion: Martin Gommel.

The Conversation