Geplatzte Traumfabrik: Die zehn (neuen) Regeln Hollywoods

Geplatzte Traumfabrik: Die zehn (neuen) Regeln Hollywoods

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1. Hollywood europäisiert sich und antwortet auf Angriffe mit Satire - mehr denn je.

Alles begann mit den geleakten Drohungen im Dezember 2014. Angeblich von Nord -Korea, gegen den Film „The Interview“. Die Filmgeschichte: Der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un soll von zwei TV-Moderatoren aus Hollywood getötet werden. Nach den Gewaltandrohungen dachte Sony daran, den Film niemals herauszubringen, verwarf jedoch den Entschluss und zeigte den Film im Internet sowie in ein paar ausgewählten Kinos. Hollywood entscheidet sich bei Angriffen für Satire und bleibt dabei. Bei den „Golden Globes“ zeigten die Gala-Moderatorinnen Amy Poehler und Tina Fey, wie das geht. Schauspielerin Margret Cho marschierte auf die Bühne, hatte sich als General und gleichzeitig Journalistin der nordkoreanischen Fake-Filmzeitschrift „Movies Wow!“ verkleidet, zog Meryl Streep zum Fotografieren vor die Kamera. Damit war die „Angst“ vor Nordkorea abgehandelt. „Je suis Charlie“ war ebenso präsent. Theo Kingma, Präsident der „Golden Globe Awards“ und der „Hollywood Foreign Press Association“, rief dazu auf, vereint gegen die Anschläge in Paris und die Sony-Attacken zu stehen. Es gehe um die „Freiheit des künstlerischen Ausdrucks“.


2. Rassismus in Hollywood ist verkleidetes Profitdenken.

Rassistische Äußerungen entspringen in Hollywood in erster Linie einem umsatzorientierten Denken. In einer geleakten E-Mail über den Hollywood-Star Denzel Washington äußerte sich ein Filmproduzent folgendermaßen:

Streng genommen bedeutet das: Wären Denzel Washingtons Filme im Ausland ein echter Umsatz- und Blockbuster-Garant, hätte der Produzent nichts gegen Washingtons Einsatz.


3. Rassismus in Hollywood ist keine Einbildung.

Dennoch zeigten die geleakten E-Mails den in Hollywood grassierenden und tief verwurzelten Rassismus. In dem aussagekräftigsten E-Mail-Verkehr zwischen Sonys Co-Vorsitzender Amy Pascal und dem Produzenten Scott Rudin macht diese Rassismusvariante nicht mal vor Präsident Barack Obama halt. Die beiden E-Mail-Schreiber tauschten sich darüber aus, worüber Pascal sich bei einem geplanten Unternehmerfrühstück mit Obama unterhalten sollte - und gingen verschiedene Sklavenfilme durch. Pascal hatte sich nach dem Leak für ihre Äußerungen entschuldigt. „Ich übernehme die volle Verantwortung für das, was ich geschrieben habe, und entschuldige mich bei allen, die ich damit beleidigt habe.“ Auch Scott Rudin erklärte sich. „Ich habe eine Reihe von Bemerkungen gemacht, die eigentlich witzig gemeint waren. Aber bei Tageslicht betrachtet waren sie tatsächlich gedankenlos und unsensibel - und nicht witzig.“


4. Staat und Entertainment sind in Hollywood nicht voneinander getrennt.

Die beiden Systeme sind eng verbunden. Sie benutzen sich gegenseitig, beeinflussen, ja beklauen sich regelrecht, wenn es um Strategien geht. Obama nutzte die Sony-Hack-Affaire als Argumentationshilfe für das Problem der Cybersecurity - Sicherheit des Internets - der USA. Und Hollywood begann sich während des Hackerangriffs wie ein eigener Staat zu verhalten und mit staatsmännischen Diplomatengesten zu antworten.

„Glauben Sie es oder nicht, Entertainment ist Teil der amerikanischen Diplomatie. Es ist Teil davon, was uns außergewöhnlich macht“, sagte Barack Obama - allerdings vor dem Sony-Leak-Skandal. Er wusste wohl nicht, wie recht er damit nur wenige Monate später haben würde. Obama sprach außerdem über „tolerance, diversity and creativity“(Toleranz, Vielfalt und Kreativität), die Hollywood in die Welt exportiert. Angesichts der Leaks wirkte das nur Tage später etwas absurd. Dennoch. Hollywood als Komplex ist in den USA eng mit politischen Haltungen und Parteien verbunden. Eine Menge mächtiger Hollywood-Player unterstützen die Demokraten und Obama. Unter anderem auch Amy Pascal, die Geld für den Wahlkampf zahlte.

Wenn sich für Politiker die Gelegenheit bietet, Hollywood als Werkzeug für ihre Ideen zu nutzen, hält sich niemand zurück. Republikaner Mitt Romney twitterte jedenfalls umgehend seine Ideen, wie man den Skandal um den Film „The Interview“ in Spenden umwandeln kann, und präsentierte dies gleich auf Twitter. Seine Ernte: Über 27.000 Retweets.


5. Hollywood erfährt einen neuen Transparenzdruck.

Ab sofort ist es nicht mehr möglich, entscheidende Haltungen und Überzeugungen zu verschweigen. Sie wurden durch die Leaks offengelegt. Die Medien sind sensibilisierter gegenüber den Haltungen, Hinterhältigkeiten und Lästereien, die bisher hinter verschlossenen Türen präsentiert wurden.

Die Medien erhöhten diesen Druck nun, in dem sie alle E-Mails über den Sony -Hack umgehend veröffentlichten. Die Klatschanalyse -Webseite „Gawker“ richtete sogar eine eigene Rubrik für die „Sony Leaks“ ein.


6. Hollywood hält sich ohne Beleidigungen, Offensiven und Grenzüberschreitungen selbst nicht aus.

Hollywood regelt so den hohen Druck im eigenen System. Es herrscht ein ständiger Wettkampf, wer die bessere und härtere Beleidigung erfindet. Das war immer so, aber jetzt findet dieser Wettkampf öffentlich statt.

In der Sony-Leak-Affäre liefen die Hollywood-Macher zur Höchstform auf. Vor allem Scott Rudin machte sich mit kreativen Beschimpfungen einen neuen Namen. Er nannte die Produzentin Megan Ellison, Tochter von Computer-Unternehmer Larry Ellison (Oracle), in einer der berüchtigten E-Mails eine „28-jährige Wahnsinnige“, die „Medikamente“ nehmen müsse, um ihre Produktionen an den Start zu bekommen. Die talentierte Ellison konterte mit einem elegantollywooden Tweet.


7. Amy Pascal ist die neue Heldin der Entertainment-Moderne.

Pascal ist in der Diskussion über die Untiefen von Hollywood die ärgste Feindin und die beste Freundin zur selben Zeit. Warum? Sie verkörpert gleichzeitig Ungerechtigkeiten, konservatives Gedankengut, aber auch Durchsetzungskraft für neue Ideen, neue Filme, neue Projekte, Liebe zum Film.

Pascal mag in der Öffentlichkeit als böse Hexe dastehen, doch in Wahrheit liegen ihr viele Filmstars zu Füßen. So zeigten die Leaks nicht nur Hass, sondern auch Verehrung. Seth Rogen, einer der Hauptdarsteller in „The Interview“, dankte ihr, „die Eier“ zu haben, so einen Film überhaupt zu machen. Selbst George Clooney und Aaron Sorkin lobten Amy, sprachen ihr die größte Anerkennung aus. Clooney schrieb ihr, sie sei die „einzige Person, die ein Filmstudio leitet und Filme liebt“. Clooney fügte hinzu: „Ich verehre dich, Amy.


8. Das Tell-all-Buch, in dem Celebrities oder Hollywood-Player später im Leben über ihren skandalösen Lifestyle auspacken, gehört der Vergangenheit an.

Seitdem die Datensicherheit im System Hollywood gefährdet ist, kann theoretisch jeder in Sekunden als drogensüchtiger Outsider ermittelt werden. Ein Buch zu dem Thema zur veröffentlichen, macht für Stars keinen Sinn mehr. Und Skandale sollten ab sofort social-media-tauglich verwertbar sein.

Eines der letzten und drastischsten Tell-All-Bücher zum Thema Hollywood war Julia Phillips Buch „You'll never eat lunch in this town again“ von 1991. In den 1970er Jahren eine erfolgreiche Produzentin, die für „Taxi Driver“ einen Oscar gewann, galt Phillips ein paar Jahre später als Outsiderin, die wegen Drogensucht und Depression in Hollywood nicht mehr klar kam. Ihre Skandalgeschichten würden es in den Zeiten der Leaks nicht mehr in ein Buch schaffen.Sie wären übermorgen online. Von einem I-Phone gefilmt. In bester Qualität.


9. Es wird immer den „Good Guy“ und den „Bad Guy“ geben.

Für diese Konstanten in der Entertainment-Mythologie wird Hollywood sorgen. Daran werden auch neue Technologie nichts ändern. Das bedeutet: Im System Hollywood siegt Mythologie über Technologie. Immer.


10. Das Kleid auf dem roten Teppich wird nie an Relevanz verlieren. Word.


Aufmacherbild: Sony Pictures Releasing GmbH. Szene aus dem Sony-Film „The Interview“