Krautreporter

Geplatzte Traumfabrik: Die zehn (neuen) Regeln Hollywoods

etwa 9 Min. Lesedauer
  • Metriken
  • Probemitglieder: 0
  • Aufrufe: (Gesamt: 35, Gäste: 35)
  • Kommentare: 17
  • Audio-Zugriffe: 0
  • Ebook-Downloads: 0
  • Zahlen aktualisiert 21. September, 19:07 Uhr
| Matomo-Analytics

1. Hollywood europäisiert sich und antwortet auf Angriffe mit Satire - mehr denn je.

Alles begann mit den geleakten Drohungen im Dezember 2014. Angeblich von Nord -Korea, gegen den Film „The Interview“. Die Filmgeschichte: Der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un soll von zwei TV-Moderatoren aus Hollywood getötet werden. Nach den Gewaltandrohungen dachte Sony daran, den Film niemals herauszubringen, verwarf jedoch den Entschluss und zeigte den Film im Internet sowie in ein paar ausgewählten Kinos. Hollywood entscheidet sich bei Angriffen für Satire und bleibt dabei. Bei den „Golden Globes“ zeigten die Gala-Moderatorinnen Amy Poehler und Tina Fey, wie das geht. Schauspielerin Margret Cho marschierte auf die Bühne, hatte sich als General und gleichzeitig Journalistin der nordkoreanischen Fake-Filmzeitschrift „Movies Wow!“ verkleidet, zog Meryl Streep zum Fotografieren vor die Kamera. Damit war die „Angst“ vor Nordkorea abgehandelt. „Je suis Charlie“ war ebenso präsent. Theo Kingma, Präsident der „Golden Globe Awards“ und der „Hollywood Foreign Press Association“, rief dazu auf, vereint gegen die Anschläge in Paris und die Sony-Attacken zu stehen. Es gehe um die „Freiheit des künstlerischen Ausdrucks“.

Eigentlich ist es eher ungewöhnlich, dass sich Hollywood-Stars oder Funktionäre wie Kingma von der „Hollywood Foreign Press“ sehr klar zu Politischem äußern. Doch dieses Jahr gab es neben Kingmas Rede auch sonst wenig Zurückhaltung. George Clooney, Amal Alamuddin und Helen Mirren trugen „Je suis Charlie“-Anstecker und sprachen mit Journalisten über die Attentate in Paris.

Sony-Film "The Interview"

Sony Pictures Releasing GmbH


2. Rassismus in Hollywood ist verkleidetes Profitdenken.

Rassistische Äußerungen entspringen in Hollywood in erster Linie einem umsatzorientierten Denken. In einer geleakten E-Mail über den Hollywood-Star Denzel Washington äußerte sich ein Filmproduzent folgendermaßen:

Ich glaube, die internationale Filmgemeinde ist rassistisch. Im Allgemeinen laufen Filme mit Afroamerikaner international nicht so gut.
Quelle: nydailynews.com

Streng genommen bedeutet das: Wären Denzel Washingtons Filme im Ausland ein echter Umsatz- und Blockbuster-Garant, hätte der Produzent nichts gegen Washingtons Einsatz.


3. Rassismus in Hollywood ist keine Einbildung.

Dennoch zeigten die geleakten E-Mails den in Hollywood grassierenden und tief verwurzelten Rassismus. In dem aussagekräftigsten E-Mail-Verkehr zwischen Sonys Co-Vorsitzender Amy Pascal und dem Produzenten Scott Rudin macht diese Rassismusvariante nicht mal vor Präsident Barack Obama halt. Die beiden E-Mail-Schreiber tauschten sich darüber aus, worüber Pascal sich bei einem geplanten Unternehmerfrühstück mit Obama unterhalten sollte - und gingen verschiedene Sklavenfilme durch. Pascal hatte sich nach dem Leak für ihre Äußerungen entschuldigt. „Ich übernehme die volle Verantwortung für das, was ich geschrieben habe, und entschuldige mich bei allen, die ich damit beleidigt habe.“ Auch Scott Rudin erklärte sich. „Ich habe eine Reihe von Bemerkungen gemacht, die eigentlich witzig gemeint waren. Aber bei Tageslicht betrachtet waren sie tatsächlich gedankenlos und unsensibel - und nicht witzig.“

Die Aussagen der Beteiligten sind besonders delikat, da beide zu den größten Powerplayern in Hollywood gehören. Pascal „greenlighted“ große Projekte bei Sony. Das heißt, sie ist für die Umsetzung vieler Filme verantwortlich. Scott Rudin gehört zu den wichtigsten Produzenten, ist in Filme wie „Grand Budapest Hotel“ oder „The Social Network“ involviert. Die Reaktionen in Hollywood unter schwarzen Schauspielern fiel dementsprechend entsetzt aus. Shonda Rhimes aus der Serie „Scandal“ twitterte, es handele sich nicht um eine abgemilderte Form der „racially insensitive remarks“, sondern um Rassismus. Comedian Chris Rock sagte, es wie es ist. „Es ist eine weiße Industrie.“


4. Staat und Entertainment sind in Hollywood nicht voneinander getrennt.

Die beiden Systeme sind eng verbunden. Sie benutzen sich gegenseitig, beeinflussen, ja beklauen sich regelrecht, wenn es um Strategien geht. Obama nutzte die Sony-Hack-Affaire als Argumentationshilfe für das Problem der Cybersecurity - Sicherheit des Internets - der USA. Und Hollywood begann sich während des Hackerangriffs wie ein eigener Staat zu verhalten und mit staatsmännischen Diplomatengesten zu antworten.

„Glauben Sie es oder nicht, Entertainment ist Teil der amerikanischen Diplomatie. Es ist Teil davon, was uns außergewöhnlich macht“, sagte Barack Obama - allerdings vor dem Sony-Leak-Skandal. Er wusste wohl nicht, wie recht er damit nur wenige Monate später haben würde. Obama sprach außerdem über „tolerance, diversity and creativity“(Toleranz, Vielfalt und Kreativität), die Hollywood in die Welt exportiert. Angesichts der Leaks wirkte das nur Tage später etwas absurd. Dennoch. Hollywood als Komplex ist in den USA eng mit politischen Haltungen und Parteien verbunden. Eine Menge mächtiger Hollywood-Player unterstützen die Demokraten und Obama. Unter anderem auch Amy Pascal, die Geld für den Wahlkampf zahlte.

Wenn sich für Politiker die Gelegenheit bietet, Hollywood als Werkzeug für ihre Ideen zu nutzen, hält sich niemand zurück. Republikaner Mitt Romney twitterte jedenfalls umgehend seine Ideen, wie man den Skandal um den Film „The Interview“ in Spenden umwandeln kann, und präsentierte dies gleich auf Twitter. Seine Ernte: Über 27.000 Retweets.

https://twitter.com/MittRomney/status/545379913772302336


5. Hollywood erfährt einen neuen Transparenzdruck.

Ab sofort ist es nicht mehr möglich, entscheidende Haltungen und Überzeugungen zu verschweigen. Sie wurden durch die Leaks offengelegt. Die Medien sind sensibilisierter gegenüber den Haltungen, Hinterhältigkeiten und Lästereien, die bisher hinter verschlossenen Türen präsentiert wurden.

Die Medien erhöhten diesen Druck nun, in dem sie alle E-Mails über den Sony -Hack umgehend veröffentlichten. Die Klatschanalyse -Webseite „Gawker“ richtete sogar eine eigene Rubrik für die „Sony Leaks“ ein.

Aus den eigenen Hollywood-Reihen meldeten sich einige Stimmen, die die Presse für die Weiterverbreitung verurteilten. Allen voran der Star-Autor und Hollywood-Kenner Aaron Sorkin. Er legte den Medien nahe, die Sache nicht zu verschlimmern, indem sie alles abdrucken. Doch seit Edward Snowden dürfte das aussichtslos sein. Im Hause Sony fürchtet man derzeit, dass neue E-Mails an die Öffentlichkeit kommen. Diesmal erwartet man die Leaks aus der Musikbranche. Verträge und Umsäze von Beyoncé, David Bowie und Bruce Springsteen sollen in den E-Mails enthalten sein. Niemand weiß aber ob es nur bei Drohungen bleibt.


6. Hollywood hält sich ohne Beleidigungen, Offensiven und Grenzüberschreitungen selbst nicht aus.

Hollywood regelt so den hohen Druck im eigenen System. Es herrscht ein ständiger Wettkampf, wer die bessere und härtere Beleidigung erfindet. Das war immer so, aber jetzt findet dieser Wettkampf öffentlich statt.

In der Sony-Leak-Affäre liefen die Hollywood-Macher zur Höchstform auf. Vor allem Scott Rudin machte sich mit kreativen Beschimpfungen einen neuen Namen. Er nannte die Produzentin Megan Ellison, Tochter von Computer-Unternehmer Larry Ellison (Oracle), in einer der berüchtigten E-Mails eine „28-jährige Wahnsinnige“, die „Medikamente“ nehmen müsse, um ihre Produktionen an den Start zu bekommen. Die talentierte Ellison konterte mit einem elegantollywooden Tweet.

https://twitter.com/meganeellison/status/542475431090606083

Damit waren Rudins Ausführungen noch nicht beendet, und er nahm sich nochmal den Regisseur David Fincher vor. Rudin machte sich über eine E-Mail lustig, deren Absender den Regisseur als „womöglich schwierig“ beschrieb. Rudin antwortete, Fincher sei ungefähr so schwierig, wie Hitler antisemitisch sei. Beschimpfungsgefechte gehören in Hollywood zum Alltag. Ganze Serien kreieren Figuren aus diesen Gefechten, so wie Superschauspielagent „Ari Gold“ aus der Serie „Entourage“:


7. Amy Pascal ist die neue Heldin der Entertainment-Moderne.

Pascal ist in der Diskussion über die Untiefen von Hollywood die ärgste Feindin und die beste Freundin zur selben Zeit. Warum? Sie verkörpert gleichzeitig Ungerechtigkeiten, konservatives Gedankengut, aber auch Durchsetzungskraft für neue Ideen, neue Filme, neue Projekte, Liebe zum Film.

Pascal mag in der Öffentlichkeit als böse Hexe dastehen, doch in Wahrheit liegen ihr viele Filmstars zu Füßen. So zeigten die Leaks nicht nur Hass, sondern auch Verehrung. Seth Rogen, einer der Hauptdarsteller in „The Interview“, dankte ihr, „die Eier“ zu haben, so einen Film überhaupt zu machen. Selbst George Clooney und Aaron Sorkin lobten Amy, sprachen ihr die größte Anerkennung aus. Clooney schrieb ihr, sie sei die „einzige Person, die ein Filmstudio leitet und Filme liebt“. Clooney fügte hinzu: „Ich verehre dich, Amy.

Natürlich bleibt die drängendste Frage, ob Pascal ihren Job verlieren würde. Der „Hollywood Reporter“ befragte dafür eine in Hollywood verlässliche Quelle: einen der berühmtesten Wahrsager, den auch Jennifer Lopez konsultiert (Name wird verschwiegen). Der Wahrsager hat gute Neuigkeiten für Pascal. Sie wird ihren Job behalten, „auch wenn Analysten das Gegenteil sagen“. In der ersten Hälfte 2015 wird Amy außerdem ein großes Interview über den Skandal im Fernsehen geben. Sagt zumindest der Wahrsager.


8. Das Tell-all-Buch, in dem Celebrities oder Hollywood-Player später im Leben über ihren skandalösen Lifestyle auspacken, gehört der Vergangenheit an.

Seitdem die Datensicherheit im System Hollywood gefährdet ist, kann theoretisch jeder in Sekunden als drogensüchtiger Outsider ermittelt werden. Ein Buch zu dem Thema zur veröffentlichen, macht für Stars keinen Sinn mehr. Und Skandale sollten ab sofort social-media-tauglich verwertbar sein.

Eines der letzten und drastischsten Tell-All-Bücher zum Thema Hollywood war Julia Phillips Buch „You'll never eat lunch in this town again“ von 1991. In den 1970er Jahren eine erfolgreiche Produzentin, die für „Taxi Driver“ einen Oscar gewann, galt Phillips ein paar Jahre später als Outsiderin, die wegen Drogensucht und Depression in Hollywood nicht mehr klar kam. Ihre Skandalgeschichten würden es in den Zeiten der Leaks nicht mehr in ein Buch schaffen.Sie wären übermorgen online. Von einem I-Phone gefilmt. In bester Qualität.


9. Es wird immer den „Good Guy“ und den „Bad Guy“ geben.

Für diese Konstanten in der Entertainment-Mythologie wird Hollywood sorgen. Daran werden auch neue Technologie nichts ändern. Das bedeutet: Im System Hollywood siegt Mythologie über Technologie. Immer.

Das Manifest dazu veröffentlichte Harvey Weinstein, Hollywood-Powerplayer, Schlachtross, Visionär und gefürchteter Sparringspartner in der Entertainment-Welt:
„This has become a fight, good versus evil. This is a time for nations to unite, to share information and realize we live in a world where technology has evened the score and made the bad guys even more dangerous. Now we have to use our technology and share things to make the good guys better, more capable, more efficient. No one’s talking about torture or the violation of human rights, but for God’s sake we have to sympathize with our Secret Service and the other organizations of men and women protecting our safety daily. We have to know there will be mistakes and casualties along the way, but we the people have to support those who protect us, more than ever.“
Hier ist der gesamte Text abrufbar.


10. Das Kleid auf dem roten Teppich wird nie an Relevanz verlieren. Word.


Aufmacherbild: Sony Pictures Releasing GmbH. Szene aus dem Sony-Film „The Interview“