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„Die unbewohnbare Erde“

Ab jetzt gibt es nur noch ein wirklich wichtiges Thema: die Klimakrise

von Rico Grimm
etwa 15 Min. Lesedauer

Damit ein Sandstrand entsteht, muss Quarzgestein aus den Gebirgen zu Sandkörnern glattgeschliffen werden, viele Billionen Mal. Es muss regnen und windig sein, Bergwände müssen rutschen und Flüsse die immer kleiner werdenden Steinchen zu den Meeren tragen, wo Wellen an den Kliffen nagen und aus dem Inneren der Ozeane Sand zur Küste heben. Bis ein Strand entsteht, dauert es tausende, manchmal Millionen Jahre. Bis er verschwindet, braucht es weniger Zeit, viel weniger.

Wir werden Strände verlieren. Sie werden verschwinden im ansteigenden Meer – und das, was übrig bleibt, ist eine Küstenlinie, ein nahtloser Übergang zwischen Land und Meer, aber nicht das, was sich Generationen von Urlaubern unter Strand vorstellen: das weite Land hinter sich, vor sich die mächtige See, über sich der grenzenlose Himmel und weicher Sand unter sich. Nur wer Glück oder viel Geld hat, wird sich vielleicht noch an einem echten Strand sonnen können, dort Burgen bauen, lesen: Ein Leben ohne Strände. Wer kann sich das vorstellen?

Beispiele für das Strandszenario: Auf den Balearen bis zu 50 Meter Strand weg, in Japan am Beispiel von fünf Stränden durchgerechnet. In Kalifornien könnten bis zu 67 Prozent der Strände verschwinden.

Wer will sich das vorstellen?

Schon heute stehen Stadtteile Miamis immer wieder unter Wasser – bei strahlendem Sonnenschein. Der steigende Meeresspiegel drückt das Wasser aus dem Boden nach oben. Die Bewohner Miamis nennen das „Sunny Day Flooding“. Im Jahr 2045 werden 64.000 Häuser in Florida regelmäßig überspült werden. Am Ende des Jahrhunderts könnten große Teile der Region Miami im Meer versinken, mit in den Fluten: der Everglades-Nationalpark und zwei Atomkraftwerke.

Reportage zu Sunny Day Flooding hier, die Taz über Klimagentrifizierung in Miami. Vorhersagen zu Miami hier, tiefergehende Reportage hier

Bis in die 1980er Jahre durften bayerische Skigebiete Kunstschnee nur zur Korrektur einsetzen. Heute wird immer öfter die komplette Piste vom Tal bis zur Hochlage künstlich beschneit. In den nächsten Jahrzehnten werden die Gletscher die Hälfte ihrer Masse verlieren. Im schlimmsten Fall werden die Alpen aussehen wie das Atlas-Gebirge in Marokko: Die Alpen, in denen der Rhein und alle wichtigen Nebenarme der Donau entspringen, könnten 2100 ein Wüstengebirge sein.

Quelle für Bayerns Gesetze, zum Energieverbrauch der Beschneiung ebenda, Studie zu den Gletschern in den Alpen, zum Schneefall.

Das ist die Welt, die wir erschaffen, wenn wir einfach so weitermachen wie bisher.

Eine ganze Insel vor der Küste Hawaiis nach einem Hurrikan verschwunden
Meldung von Earth.com, 27.10.2018

Sich diese Welt vorzustellen, ist die Leistung des US-amerikanischen Journalisten David Wallace-Wells. Vor zwei Jahren veröffentlichte er im New York Magazine einen Text, der für Aufsehen sorgte. Er tat, wozu so viele Klimawissenschaftler keine Kraft mehr hatten, die sich in jahrzehntelangen Kämpfen aufgerieben haben. Er hat alle Fakten, alle Szenarien und Modelle zusammengenommen und die eine Schlussfolgerung aufgeschrieben, die jeden verständigen Menschen um den Verstand bringen kann, weil ihre Tragweite gigantisch ist und gegen jede Erfahrung geht, die die Menschheit in all ihren Sagas, Legenden und Märchen weitergegeben hat: dass die Erde am Ende des Jahrhunderts unbewohnbar wird.

Dass uns keine Arche retten kann, keine Götter, keine Großtat eines einzelnen Genies.

Wallace-Wells hat sich auf die Extremszenarien konzentriert, darauf, was passieren könnte, wenn die Menschheit untätig bleibt. Er schreibt: „Egal, wie gut Sie informiert sind, Sie sind nicht beunruhigt genug.“

Dafür kritisierten ihn einige Klimawissenschaftler. Sie glauben, dass man den Menschen nicht die Hoffnung nehmen dürfe. Man müsse zurückhaltend über die Klimakrise sprechen, optimistisch bleiben, auf Machbarkeit setzen, sonst hörten die Menschen einfach weg.

Aber vielleicht hatten die Menschen gar nicht den Kopf in den Sand gesteckt, sondern noch gar nicht richtig verstanden, was der Klimazusammenbruch wirklich für sie bedeutet, weil die Forschung dazu so abstrakt ist. Das Wetter spüren wir in dem Moment, in dem wir das Haus verlassen: Aber wer hat jemals schon das Klima gesehen?

Hier der ursprüngliche Artikel von Wallace-Wells mit Anmerkungen des Autors, das Buch
– zur Diskussion unter Experten über die richtige Kommunikationsstrategie beispielhaft: 1, 2, 3. Dabei gibt es keine abschließenden Beweise über den richtigen Weg, dazu dieser Vox-Text; die Meldung zur Hawaii-Insel

Wallace-Wells beschreibt die Klimakrise nicht als eine lebensferne Gefahr, die nur in den Modellen und Tabellen der Wissenschaftler aufscheint, sondern als eine Urgewalt, die jeden Menschen trifft und ihm schaden kann. Er sagt seinen Lesern etwas Menschliches: Ja, ihr dürft Angst haben! Wallace-Wells ist dabei den Gesundheitsexperten gefolgt, die nicht nur über die positiven Seiten des Nichtrauchens reden, sondern auch sagen: Wer raucht, stirbt früher.

Sechs Millionen Menschen hatten Wallace-Wells’ Artikel nach nur wenigen Tagen gelesen, schnell wurde er zum meistgelesenen in der Geschichte des Magazins. Das Buch, das nun aus diesem Artikel entstanden ist, ist ein Wendepunkt in der Klimadebatte. „Die Klimamodelle mit den schlimmsten Vorhersagen legen die Grenzen des Vorstellbaren fest. Damit können wir uns besser vor Augen führen, was wahrscheinlich ist. Und vielleicht werden sich diese extremen Modelle sogar als gute Wegweiser herausstellen, wenn man bedenkt, dass die Optimisten im letzten halben Jahrhundert nie Recht hatten, was das Klima anging“, schreibt er.

Wallace-Wells will, das sagte er dem Guardian gerade, „Menschen mobilisieren, die im Moment zwar besorgt, aber im Grunde selbstzufrieden sind“. In der Wahlkabine sollten sie als Erstes an die Klimakrise denken und dann ihre Entscheidung treffen. Den Weltklimarat hat er dabei auf seiner Seite. Der sagte, dass es „schnelle, weitreichende und beispiellose Änderungen in allen gesellschaftlichen Bereichen“ braucht, um die Klimakrise in den Griff zu kriegen. Diese Warnung kam für den sonst sehr trocken formulierenden Weltklimarat einer Revolution gleich.

Bereits mehr als 45 Kältetote in Europa
Spiegel Online, 28.02.2018

Wir reden immer von der „Zukunft des Planeten“, dabei geht es allein um unsere Zukunft. In 7,6 Milliarden Jahren wird die Erde in die Sonne stürzen, und bis dahin gilt, was der Astrophysiker Adam Frank gerade geschrieben hat: „Die Erde wird überleben. Wir werden es vielleicht nicht.“

Fünf große Wellen des Sterbens haben Paläontologen bisher in der Geschichte unseres Planeten gezählt. Bei der größten Welle, vor 252 Millionen Jahren, wärmte sich die Erde in wenigen Hundert Jahren um zehn Grad auf, weil die Feuerströme eines sibirischen Vulkans unterirdische Kohle- und Gasvorkommen verbrannt hatten. Der Temperaturanstieg löschte 96 Prozent der damals lebenden Tierarten im Meer aus. Sie erstickten, denn warmes Wasser kann weniger Sauerstoff speichern als kaltes. Auf dem Land verschwanden zwei Drittel aller Arten.

Biologen haben schon das sechste große Sterben ausgerufen, ausgelöst durch den Menschen, der Tierart um Tierart ausradiert – schneller, als es jede bisher bekannte Naturgewalt kann, schneller als der sibirische Vulkan aus der Urzeit. In dieser Sicht steckt eine fast anrührende Ignoranz. Denn es besteht die Möglichkeit, dass die Menschen selbst Teil des sechsten großen Sterbens sein werden.

In den vergangenen dreißig Jahren haben wir durch die Verbrennung fossiler Energie genauso viel CO2 in die Luft entlassen wie alle Menschen, die jemals auf der Erde bis zum Jahr 1990 gelebt haben – genau so viel CO2 wie in den vorherigen 200.000 Jahren. „Wir haben damit bewusst genauso viel Schaden angerichtet, wie unbewusst in all den Jahren zuvor“, schreibt Wallace-Wells.

Im Pariser Klimavertrag von 2015 einigten sich die Regierungen der Welt darauf, die Erderwärmung auf weniger als zwei Grad bis zum Ende des Jahrhunderts zu begrenzen, gemessen am CO2-Level der vorindustriellen Zeit. Bleiben die Regierungen untätig, wächst die Weltbevölkerung und steigt parallel auch der Öl- und Kohleverbrauch, werden wir laut Weltklimarat im Jahr 2050 drei Grad erreichen, im Jahr 2100 vier Grad, im Jahr 2140 fünf Grad. Das sind alles Mittelwerte. Von Tag zu Tag können die Ausschläge höher sein. Schon jetzt verzeichnen die Messstationen immer schneller Rekorde. Spanien, 47,3 Grad, Australien, 49,5 Grad. Kuwait, 54 Grad.

Auf solche Temperaturen ist der menschliche Körper nicht vorbereitet; wer sich länger draußen aufhält, riskiert sein Leben. Aber es kann noch schlimmer kommen: Weil wir nicht genau wissen, wie ein wärmerer Planet auf Treibhausgasemissionen reagiert, kann die Temperatur einem anderen Szenario zufolge im Jahr auch sieben Grad höher liegen als vor der industriellen Revolution. Es gibt Wissenschaftler, für die markieren sechs Grad schon den Endpunkt: Dann steht alles auf dem Spiel.

Das andere Szenario; Leben in einer 6-Grad-Welt hier beschrieben

Zahl der Waldbrand-Toten in Griechenland steigt weiter: 91 Opfer
Münchner Merkur, 30.07.18

Aber selbst bei vier Grad wird sich unsere Welt komplett verändern. Die grünen Wälder Mitteleuropas trocknen aus. Wenn dann die nicht immer häufigeren Brände die Bäume verkohlen, könnten Parasiten den Rest erledigen, so wie es sich schon jetzt in der ganzen Republik beobachten lässt. Gleichzeitig werden die Ernten auf den Feldern zurückgehen. Wegen der Dürre im vergangenen Jahr deckt die weltweite Getreideernte nicht mehr den globalen Bedarf. Was passiert, wenn diese Dürren Jahr für Jahr wiederkommen, wenn sie das neue Normal sind? Grundnahrungsmittel werden teurer, was die Armen zuerst trifft. Die Meere werden zu warm sein, um den steigenden Fischbedarf zu decken, die Schönheit von Korallenriffen werden unsere Nachkommen nur noch auf Youtube bewundern können.

Das wird in der Welt um uns herum passieren. Aber Wissenschaftler haben auch gezeigt, dass Menschen bei höheren Temperaturen eher ihr inneres Gleichgewicht verlieren: Sie können sich schlechter konzentrieren, sie werden schneller gewalttätig und müssen öfter in psychiatrische Kliniken eingewiesen werden. Wenn es heißer ist als sonst, steigt die Zahl der Depressionsfälle und die Zahl der Selbstmorde.

„Fortschritt“, wie ihn die meisten noch definieren, wird es nicht mehr geben: Nur die Glücklichsten werden es noch schaffen, dass ihre Kinder ein besseres Leben haben als sie selbst haben. Denn mit jedem Grad, um das sich der Planet erwärmt, nimmt das globale Wirtschaftswachstum um 1,2 Prozent ab. Die Weltwirtschaft wächst im Schnitt um 3,5 Prozent. Das heißt in einer Drei-Grad-Welt: Unsere Volkswirtschaften könnten schrumpfen. Wenn das in der Geschichte passiert ist, hat es immer Millionen Menschen den Arbeitsplatz gekostet und die sozialen Sicherungssysteme an ihre Grenzen gebracht. Was in Griechenland nach der Finanzkrise passierte, könnte vielen Ländern drohen. Renten sinken, Zuzahlungen für medizinische Behandlungen werden gestrichen, die Arbeitslosenversicherung muss neu organisiert werden. Aus anderen Teilen der Erde werden Menschen in die reichen Staaten ziehen wollen, weil ihre eigene Heimat zu heiß, zu trocken, unbewohnbar geworden ist.

Angesichts all dieser Entwicklungen werden sich Politiker in immer härteren Debatten ineinander verbeißen – und es werden neue Männer und Frauen auf den Plan treten, die behaupten, dass nur sie allein die Lösung für diese Probleme kennen. Ein zu vertrautes Muster. Wo die Leute Angst ums Geld haben, wo sie aufhören, „der Politik“ zu vertrauen, wählen sie häufiger extreme Politiker.

All das wird gleichzeitig ablaufen, wie eine Höllenmaschine, die immer neue Probleme ausspuckt, die übereinander liegen, ineinander verknotet sind, und sicher werden die Menschen diese Maschine eines Tages anhalten können. Unsicher ist aber, ob das früh genug passieren wird.

Vertun wir uns nicht. Diese Zukunft hat längst begonnen. Die Klimakrise wird kein Problem sein, mit dem zukünftige Generationen umgehen müssen. Wer heute auf der Erde lebt, lebt mitten in dieser Krise. Wer sie noch nicht zu spüren bekam, hat Glück gehabt.

Die Hälfte des Great Barrier Reefs ist tot
National Geographic, August 2018

Die Militärs und Großinvestoren blicken schon weiter als viele Menschen. Ausgerechnet sie. Denn in unserer Welt sind die Meister des Krieges und des Geldes auch die Meister des Risikos. Wenn sie sich verschätzen, verlieren sie: Schlachten oder ein Vermögen. Deswegen stecken Militärs viel Geld in Was-Wäre-Wenn-Spiele, deswegen loten Finanzinvestoren immer das Risiko aus und sichern sich gegen Verluste ab.

Für das amerikanische Militär ist die Klimakrise eine Frage der „nationalen Sicherheit“. Der Angriff kommt von mehreren Seiten: Der steigende Meeresspiegel bedroht die Basen am Meer, Waldbrände und Dürren bedrohen die Basen an Land. Gleichzeitig wird das US-Militär, so glaubt es selbst jedenfalls, viel häufiger ausrücken müssen, um Klima- und Wasserkriege außerhalb der USA zu befrieden und bei Naturkatastrophen zu Hause mit anzupacken.

Investoren fürchten sich vor einem CO2-Schock. Vielleicht werden in einem Sommer in Europa Zehntausende an einer Hitzewelle sterben, die kalifornischen Millionenstädte von Waldbränden bedroht sein, Hurrikane die Ostküste der USA verwüsten und Rekordregen die Reisernte in Asien verderben. Und weil alle wissen, dass die CO2-Emissionen schnell begrenzt werden müssen, werden die Mittel radikal sein. Wer in diesem Moment viele Anteile von Öl-Unternehmen oder von dreckigen Airlines hält, wird viel Geld verlieren.

Wir müssen vorbereitet sein. Wissenschaftler glauben, dass es zehn Jahre dauert, bis ein CO2-Molekül in der Erdatmosphäre seine volle Wirkung entfaltet. Auf der CO2-Zeitskala leben wir noch im Jahr 2009. Seitdem hat sich die Wirtschaft Chinas verdoppelt. Auf der Erde leben inzwischen eine Milliarde Menschen mehr.

Bericht des US-Verteidigungsministeriums zum Klimawandel, alle bedrohten Basen darin aufgelistet; Bericht über den Klimaflüchtling hier; Investoren üben Druck auf Unternehmen aus, grüner zu werden, schreibt das Handelsblatt, Umfrage unter Großinvestoren, die „regulatorische Risiken“ sehen; Tief eintauchen mit diesen Suchbegriffen: „Strandet assets and climate change“; Zeit bis ein CO2-Molekül Wirkung entfaltet hier, Zahlen zum Wachstum Chinas und Äthiopiens und der Bevölkerung von Wolfram Alpha

Und selbst wenn es irgendwie gelingt, weniger CO2 auszustoßen, wird alles auf Jahrzehnte schlimmer werden. Die Wissenschaftler sagen, dass wir zwingend „negative Emissionen“ brauchen, was bedeutet: Wir müssen der Atmosphäre CO2 entziehen. Die Technologie dafür kennen wir in Grundzügen, ihr Preis fällt, und es gibt sogar Anzeichen dafür, dass sich das CO2 sicher verstauen lässt. Aber beim jetzigen Stand der Technologie müssten wir jeden einzelnen Tag eine neue Anlage eröffnen bis ins Jahr 2087 hinein. Die dadurch entstehende Industrie wäre gut dreimal so groß wie die heutige Öl-Industrie. Auf der ganzen Welt gibt es im Jahr 2019 gerade 18 Anlagen.

Und auch dann muss es immer noch nicht gut sein. Das ist der diabolische Charakter der Klimakrise. Denn wir müssen mit den unbekannten Unbekannten rechnen, mit den schwarzen Schwänen, die plötzlich auftauchen: Es ist möglich, dass die Menschheit alle Kohlekraftwerke abschaltet und Rinderfarmen schließt und sich in der Zukunft ohne Emissionen fortbewegen wird und die Erde trotzdem nicht wieder kühler wird. Sie wäre dann ein Treibhaus, das auch ohne Zutun des Menschen immer wärmer wird.

Ioane Teitiota aus Kiribati will in Neuseeland als erster Klimaflüchtling der Welt anerkannt werden
FAZ, 30.11.2014

Sehr guter Überblick zu Carbon Capture hier; Hothouse Earth

Die Klimakrise ist das einzige wirklich wichtige Thema unserer Zeit. Sie stellt alles infrage, und alle anderen Probleme sind zu Kindern dieser Krise geworden. Feminismus? Frauen sterben in Naturkatastrophen eher als Männer. Ungleichheit? Wer sich gegen die Folgen der Klimakrise absichern will, braucht Geld. Rassismus? Minderheiten leben häufiger in Gebieten, die die Klimakrise am härtesten trifft. Alle Fortschritte, die Aktivisten in den vergangenen Jahrzehnten erkämpft haben, stehen wieder auf dem Spiel in einer Welt, die beständig mit dem Notstand operieren muss.

David Wallace-Wells schreibt in seinem Buch: Die Menschheit dachte immer, dass sie noch Zeit habe, dass die „Erderwärmung eine arktische Saga sei, die sich irgendwo anders abspielt; dass es nur ein Frage von Meeresspiegeln und ein Problem für die Küstengebiete sei und nicht eine um sich greifende Krise, die keinen Ort und kein Leben unverändert lässt; dass es eine Krise der ‘natürlichen Welt’ sei und keine der menschlichen, dass diese beiden Welten getrennt seien und wir irgendwie außerhalb der Natur lebten, nicht tief mit ihr verbunden, wortwörtlich überwältigt von ihr; dass Reichtum ein Schutz gegen die Verwüstungen der Erwärmung sei; dass die Verbrennung von fossilen Kraftstoffen der Preis für dauerhaftes Wirtschaftswachstum sei; dass uns Wachstum und die Technologien, die es hervorbringt, erlauben, einen Weg aus der Umweltkrise zu finden; dass es Vergleichbares für Größe und Umfang dieser Bedrohung gäbe, in der langen Zeit der menschlichen Geschichte; Vergleichbares, das uns das Vertrauen geben kann, dass wir die Krise bewältigen werden.“

Es ist niederschmetternd.

Und doch bleibt ein Gedanke: Vielleicht werden Menschen wie Wallace-Wells von der Geschichte belächelt werden, als durch die Lande ziehende Untergangspropheten erinnert werden, wie sie jedes Zeitalter hervorgebracht hat. Man muss annehmen, dass Wallace-Wells darüber sehr froh wäre. Denn wenn zukünftige Generationen so an Wallace-Wells denken würden, dann hat sich die wichtigste Variable in den ganzen Klimamodellen tatsächlich entscheidend geändert: der Mensch.


Hinweis: Ich habe Quellenangaben zu allen Szenarien und Studien in den Anmerkungen an den Absätzen untergebracht. Wenn du eine Quelle suchst, musst du einfach bis zum nächsten schwarzen „i“ scrollen.

Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Fotoredaktion: Martin Gommel.

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