© Unsplash / Efe Kurnaz

Psychodroge

Ayahuasca: Das psychedelische Getränk aus Amazonaspflanzen kann depressiven Menschen tatsächlich helfen

von  Luis Fernando Tofoli, Brasilien – mit Draulio Barros de Araujo und Fernanda Palhano-Fontes
etwa 7 Min. Lesedauer

„Leon“ ist ein junger Brasilianer und kämpft mit Depressionen. Jahrelang hat er anonym auf seinem Blog geschildert, wie ihn die psychische Erkrankung zur Verzweiflung treibt und wie schwer es ist, damit den Alltag zu meistern. Laut Weltgesundheitsorganisation leiden weltweit rund 300 Millionen Menschen unter Depressionen.

Der Brasilianer, der sich Leon nennt, hat sein Blog „sobredepressao“ (heißt übersetzt „superdeprimiert“) inzwischen abgeschaltet.

Leon gehört zu den rund 30 Prozent der Patienten mit therapieresistenter Depression. Antidepressiva – wie selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer – mildern seine depressive Stimmung nicht. Er ist ständig müde, ihn plagen Ängste, ein geringes Selbstwertgefühl und Suizidgedanken.

Eine neue Studie könnte Leon und anderen depressiven Menschen Hoffnung geben.

Unser brasilianisches Forscherteam hat die erste randomisierte, placebokontrollierte klinische Studie mit Ayahuasca durchgeführt – einem psychedelischen Getränk aus Amazonaspflanzen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Ayahuasca bei schwer zu behandelnden Depressionen helfen kann.

„Randomisiert“ bedeutet, dass die Versuchspersonen nach dem Zufallsprinzip unterschiedlichen Gruppen zugeordnet werden. „Placebokontrolliert“ heißt, dass ein Teil der Teilnehmer ein Scheinmedikament (Placebo) erhält, der andere die zu prüfende Substanz.

Die „Liane der Geister“

Ayahuasca ist ein Wort aus der im Andenraum Südamerikas einheimischen Quechua-Sprache und bedeutet „Liane der Geister“. Die Menschen im Amazonasgebiet von Brasilien, Peru, Kolumbien und Ecuador verwenden Ayahuasca seit Jahrhunderten für therapeutische und spirituelle Zwecke.

Ayahuasca-Liane

© Flickr / Apollo

Seine Eigenschaften verdankt das medizinische Getränk zwei Pflanzen. Wichtigster Bestandteil ist die Yagé (wissenschaftlich Banisteriopsis caapi genannt), eine Waldliane, die sich in die Baumkronen und entlang der Flussufer des Amazonasbeckens schlängelt.

Ihre Rinde wird zusammen mit einer Pflanze aus der Familie der Kaffeegewächse (Psychotria viridis) gekocht, einem Strauch, dessen Blätter das psychoaktive Molekül DMT enthalten. Eine Erklärung dazu, wie das chemisch funktioniert, findet ihr hier

Der Strauch enthält das psychedelisch wirksame halluzinogene Tryptamin-Alkaloid N,N-Dimethyltryptamin, kurz DMT. Die Substanz hat eine halluzinogene Wirkung: Die Wahrnehmung verändert sich, akustische und optische Halluzinationen sind möglich, auch eine gesteigerte Selbstwahrnehmung. Die Liane in Ayahuasca verhindert, dass das DMT im Körper sofort wieder abgebaut wird.

Seit den 1930er-Jahren entstanden brasilianische Religionen, die Ayahuasca als Sakrament reichen. Bis zu den 1980er Jahren hatte sich das Ayahuasca-Ritual auf Städte in ganz Brasilien und weltweit ausgebreitet.

In Brasilien wurde Ayahuasca 1987 erstmals für den religiösen Gebrauch zugelassen, nachdem die staatliche Drogenbehörde des Landes zu dem Schluss gekommen war, dass Mitglieder religiöser Gruppen „beachtliche“ Vorteile aus dem Konsum gezogen hatten. Einige Menschen, die Ayahuasca trinken, fühlen sich im Frieden mit sich selbst, mit Gott und mit dem Universum.

Für die Studie an der brasilianischen Universität Rio Grande do Norte wählten die Forscher 218 Patienten mit Depressionen aus. Davon nahmen 29 teil, weil sie behandlungsresistente Depressionen hatten. Sie durften aber nicht unter psychotischen Störungen wie Schizophrenie leiden, die durch Ayahuasca verschlimmert werden können.

Diese 29 Personen wurden nach dem Zufallsprinzip einer einzigen Behandlung unterzogen: Sie tranken entweder Ayahuasca oder ein Placebo – eine bräunliche Flüssigkeit, bitter und sauer, hergestellt aus Wasser, Hefe, Zitronensäure und Zuckercouleur. Zinksulfat sorgte für die beiden Nebenwirkungen von Ayahuasca, Übelkeit und Erbrechen. Die Sitzungen fanden in einem Krankenhaus statt, in einem Raum, der wie ein ruhiges und komfortables Wohnzimmer eingerichtet war.

Die akuten Auswirkungen von Ayahuasca – wie traumhafte Visionen, Erbrechen und intensive Selbstbeobachtung – dauern etwa vier Stunden. Während dieser Zeit hörten die Teilnehmer zwei kuratierte Playlists, eine mit Instrumentalmusik und eine mit Liedern auf Portugiesisch. Zwei Teammitglieder überwachten die Patienten. Sie halfen, wenn ein Teilnehmer dieser intensiven emotionalen und körperlichen Erfahrung Angst bekam.

Einen Tag nach der Behandlung beobachteten wir bei 50 Prozent aller Patienten signifikante Verbesserungen, sie hatten unter anderem weniger Angst und waren besserer Stimmung. Eine Woche später fühlten 64 Prozent der Patienten, die Ayahuasca erhalten hatten, immer noch, dass ihre Depression nachgelassen hatte. Nur 27 Prozent der Teilnehmer in der Placebogruppe machten diese Erfahrung.

Ein Beleg für frühere Erkenntnisse

Unsere Ergebnisse unterstützen eine brasilianische klinische Studie aus dem Jahr 2015 über das Potenzial von Ayahuasca als Antidepressivum.

Diese Studie unter der Leitung von Jaime Hallak von der Universität São Paulo hatte gezeigt, dass eine einzige Ayahuasca-Sitzung eine schnell einsetzende antidepressive Wirkung hatte. Alle 17 Teilnehmer berichteten, die Depressionssymptome hätten in den ersten Stunden nach der Einnahme von Ayahuasca abgenommen. Die Wirkung dauerte 21 Tage.

Diese Studie fand bei Wissenschaftlern große Beachtung. So vielversprechend die Ergebnisse waren, so begrenzt waren aber die Schlussfolgerungen, die sie daraus ziehen konnten: Es gab keine Kontrollgruppe mit Patienten, die ein Placebo-Präparat erhalten hatten. Und erstaunlicherweise berichten in klinischen Studien zur Behandlung von Depressionen bis zu 45 Prozent der Patienten, die lediglich ein Placebo bekommen haben, über signifikante Verbesserungen. Der Placebo-Effekt ist bei Depressionen so stark, dass Wissenschaftler sich gefragt haben, ob Antidepressiva überhaupt wirken.

Dr. Hallak und andere Forscher der Studie der Universität von São Paulo im Jahr 2015 beteiligten sich auch an unserer klinischen Studie.

Aus Religion wird Wissenschaft

Zwar sind die Ergebnisse dieser beiden Studien noch vorläufig. Doch die Zahl der Beweise wächst, dass psychedelische Medikamente wie Ayahuasca, LSD und halluzinogene Pilze Menschen mit schwer zu behandelnden Depressionen helfen können.

Aber da diese Substanzen in vielen Ländern illegal sind, ist es schwierig, ihren therapeutischen Wert zu testen. Selbst in Brasilien kann Ayahuasca nur begrenzt als Antidepressivum verwendet werden.

Zurück zu Leon, dem brasilianischen Blogger. Er entdeckte das Medikament im Internet. Verzweifelt auf der Suche nach Besserung seines Dauerzustands beschloss Leon, an einer Ayahuasca-Zeremonie in der Santo-Daime-Kirche in Rio de Janeiro teilzunehmen, eine von mehreren brasilianischen Religionen, die Ayahuasca als Sakrament verwenden.

Religiöse Organisationen wie die Santo-Daime-Kirche gehören zu den vielen Gruppen auf dem amerikanischen Kontinent, die einheimische Traditionen rund um natürliche Psychedelika sammeln. Sie glauben, dass psychoaktive Pflanzen wie Ayahuasca, Peyote-Kakteen oder Psilocybin-haltige Pilze den Geist der Menschen für metaphysische Bereiche und tiefgründige Erfahrungen öffnen.

Dieses spirituelle Wissen wird nun in die Sprache der Wissenschaft übersetzt, da Forscher in Brasilien, den Vereinigten Staaten, Kanada und darüber hinaus mit rigorosen medizinischen Untersuchungen dieser Substanzen beginnen.

Die Heilkraft der psychedelischen Erfahrung

Leon beschrieb seine Ayahuasca-Erfahrung so: Manchmal waren es Visionen – traumhafte Szenarien, die seltene Einblicke in die Beziehungen in seinem Leben boten. Dann wieder erlebte Leon „ein Gefühl der Ekstase und ein tiefes Gefühl einer sich offenbarenden inneren Spiritualität“. Wir glauben, dass diese Effekte entscheidend dafür sind, warum Ayahuasca wirkt.

Die Teilnehmer unserer Studie nutzten die Halluzinogen-Ratingskala, die hilft, diese unbeschreiblichen Erfahrungen in Zahlen umzusetzen. Teilnehmer, die Ayahuasca einnahmen, erreichten in diesem Fragebogen deutlich höhere Werte als diejenigen, die ein Placebo tranken. Und diejenigen mit den meisten optischen, akustischen und physischen Effekten während ihrer Ayahuasca-Reise hatten sieben Tage später die schwächsten Depressionen.

Ayahuasca ist kein Allheilmittel. Erfahrungen mit der Psychodroge können für Menschen zu körperlich und emotional herausfordernd sein, um sie regelmäßig damit zu behandeln. Außerdem haben wir auch regelmäßige Ayahuasca-Anwender beobachtet, die immer noch an Depressionen leiden. Aber unsere Studie hat gezeigt, dass die heilige Pflanze vom Amazonas das Potenzial hat, sicher und wirkungsvoll eingesetzt zu werden, um selbst die am schwersten zu behandelnden Depressionen zu lindern.


Luis Fernando Tofoli ist Psychiater und Professor an der Universität von Campinas. Draulio Barros de Araujo Draulio ist Doktor der Physik für Medizin und Biologie und arbeitet als Professor für Neurowissenschaften am Brain Institute in Natal. Fernanda Palhano-Fontes ist Elektroingenieurin mit einem Doktor in Neurowissenschaften. Sie arbeitet an der Universität von Rio Grande. Seit 2010 studiert sie die psychedelische Wirkung von Ayahusaca.

Diesen Artikel hat auf Englisch The Conversation veröffentlicht. Hier könnt ihr den Originalartikel lesen. Übersetzung und Produktion: Vera Fröhlich; Redaktion: Theresa Bäuerlein; Bildredaktion: Martin Gommel.

The Conversation
Prompt headline