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Schleichwege zur klassischen Musik, Folge 7

Warum die Harfenistin im Orchester ganz alleine ist, und bei welcher Musik der bittersüße, große Moment der Harfe kommt

von Gabriel Yoran
etwa 15 Min. Lesedauer

Alle Folgen von „Schleichwege zur klassischen Musik“:

Die Musik berühmter Filmkomponisten kann die größten Arenen Deutschlands füllen. Sie funktioniert so gut, weil sie sich (teils schamlos) bei der Musik der Spätromantik bedient. Und leider haben die Nazis auch etwas mit ihrem Erfolg zu tun.


Ich bin ein Harfensohn. Meine Mutter ist Harfenistin. Auch ihre Mutter war Harfenistin. Und das geht an den Kindern nicht spurlos vorbei.

Vor 40 Jahren haben meine Eltern sich kennengelernt – im Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks. Sie leben aber bis heute nicht zusammen. Mein Vater ist nämlich Cellist. Und weil Berufsmusiker jeden Tag zu Hause üben müssen und das in einer normalen Wohnung wegen der Lautstärke nicht gleichzeitig geht, bewohnen meine Eltern zwei Wohnungen. Man kann also sagen, die Berufswahl meiner Eltern hatte weitreichende Konsequenzen. In der Harfenwohnung, in der ich aufwuchs, hörte ich, während ich Hausaufgaben machte, wie meine Mutter zwei Zimmer weiter Marcel Tourniers „Quelle im Walde“ übte. Ich kenne heute noch jeden Ton dieses Stücks:

Marcel Tournier: Vers La Source Dans Le Bois (1922)

https://youtu.be/NtTXXha8nbk?t=7

Als Teenager habe ich mich dann darüber geärgert, dass unsere Familie nicht in exotische Länder in Urlaub geflogen ist, weil sich meine Eltern so einen extravaganten – und teuren! – Alltag ausgesucht haben. Heute bin ich froh darum, denn dass man sich auch mal aus dem Weg gehen kann, trug sicher dazu bei, dass meine Eltern immer noch zusammen sind.

In diesem Artikel erfahrt ihr, warum Harfenisten es hassen, unter rotem Scheinwerferlicht zu spielen, was das Geheimnis des Salzedo-Zeichens ist und was mit einem „hellen Darmklang“ gemeint ist. Am Ende dieses Artikels wisst ihr mehr als fast alle über das wunderbarste und wahrscheinlich umständlichste Instrument im klassischen Orchester. Ihr kennt die sehr speziellen Sorgen und Nöte von Harfenistinnen. Und ihr wisst, was es bedeutet, neue Saiten aufzuziehen. Siebenundvierzig neue Saiten.

Das Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt bei einem Gastspiel im italienischen Ravello (linker Pfeil: meine Mutter an der Harfe, rechter Pfeil: mein Vater am Cello)

Im ersten Teil dieser Einführung in die Welt der klassischen Musik habe ich euch davon erzählt, dass meine Eltern oft völlig erledigt nach Hause kamen, weil ihr Orchester über Monate hinweg alle zehn Mahler-Sinfonien auf CD aufnahm. Mahlers Musik ist sehr intensiv und lässt einen alle Aufs und Abs menschlicher Empfindungen empfinden. Gefühle und Stimmungen wechseln dabei oft abrupt – wie im echten Leben. Es gibt aber auch bei Mahler immer mal wieder ein paar Minuten von – wenn auch bittersüßer – Friedlichkeit. Und das ist der große Moment der Harfe.

Es geht um den ergreifenden, langsamen Satz aus Mahlers fünfter Sinfonie. Dieses „Adagietto“ (also „kleines, langsames Stück“) belegt einen der vorderen Plätze in den Charts der herzzerreißendsten Musik aller Zeiten. Die Blechbläser, die Holzbläser, das Schlagzeug, sie alle haben einen ganzen Satz lang Pause, während die Harfe zart und einsam über den wehmütigen Streichern schwebt. Wenn euch dieses bittersüße Stück Musik nicht fertig macht, dann horcht nochmal in euch rein, da geht noch was:

Gustav Mahler: 5. Sinfonie – Adagietto (1904)

https://www.youtube.com/watch?v=CFQQsu6VBYA

Wenn ein klassisches Konzert ein Gericht wäre, wäre die Harfe ein Gewürz. So erklärt es die Harfenistin der Berliner Philharmoniker, Marie-Pierre Langlamet. Auch deshalb will jede Harfenistin irgendwann einmal Mahlers Fünfte spielen – wo die Harfe plötzlich die wichtigste Zutat des Gerichts ist. Aber bis dahin ist es ein weiter Weg, der meist in frühester Kindheit anfängt.

Profimusiker haben ihre Berufswahl so gut wie nie alleine getroffen. Ihr Weg ist vorgezeichnet, denn man muss schon als Kind anfangen zu üben. Man wird nie gut genug, wenn man erst als Jugendlicher oder Erwachsener beginnt. Die Eltern müssen das Talent ihrer Kinder entdecken und bestimmen dadurch, ob man überhaupt Berufsmusiker werden kann. Und dann muss sich eine Familie solche Ambitionen auch leisten können: Ohne eine eigene Harfe wird das tägliche Üben schwierig, und Harfen sind teuer.

In Österreich und Süddeutschland sieht es in dieser Hinsicht besser aus als im Norden. Durch die Tradition der Stubenmusik kommen mehr junge Leute früher mit Instrumenten wie der Harfe, der Gitarre oder der Zither in Kontakt – und das nicht nur in den „besseren Kreisen“ oder im Konzertsaal, sondern im Wirtshaus, wo zur Musik gegessen und getrunken wird. Viele klassisch ausgebildete Musiker hören staunend diesen Musikern zu, die immer auswendig und mit größter Einfühlung in ihre Mitspieler musizieren:

Bayerische Stubenmusik: „Saurer Landler“

https://www.youtube.com/watch?v=aNbeWbmg57k

Meine Eltern haben für mich entschieden, dass ich kein Berufsmusiker werde: Ich wollte einfach nicht üben. Professionell ein Instrument zu spielen, ist aber so etwas ähnliches wie Leistungsturnen. Und bei Harfenisten ist es so, als ob man zusätzlich noch sein eigenes Reck mitbringt.

Die Harfe hat Pedale

Die moderne Konzertharfe ist nämlich kein Leichtgewicht. Sie wiegt bis zu fünfzig Kilo und ist bis zu einem Meter neunzig hoch. Sie ist aber kein Konzertflügel, keine Pauke und keine Orgel. Man kann sie also schon irgendwie selbst transportieren. Dazu kursieren in der Harfenszene Listen mit Autos, in die eine Harfe passt (Passat geht, Mercedes C-Klasse Kombi geht auch, Fiesta geht nicht, es sei denn man verzichtet auf alle Beifahrer).

Einen Großteil meiner Jugend habe ich damit verbracht, die Harfe meiner Mutter zu tragen. Ich trug sie in Konzertsäle, Schlösser und Kirchen. Damals brauchte es für einen Harfentransport zwei Personen. Die vordere nimmt den Hals unter den Arm, der andere greift hinten in den Fuß. Hals, Fuß? Vielleicht sollten wir erstmal klären, woraus eine Harfe besteht.

© Wikipedia / Martin Kraft

Es gibt Harfen seit mindestens 3.000 v. Chr., aber die moderne Konzertharfe erst seit dem 19. Jahrhundert. Die Konzertharfe hat 47 Saiten, die zwischen den Hals und die Resonanzdecke gespannt werden. Diese beiden wiederum sind verbunden durch die Säule, die oft prächtig verziert ist. Damit funktioniert die Harfe im Prinzip wie ein hochkant gestellter Flügel, in dem ja auch schwingende Saiten den Ton erzeugen. Bei der Harfe wird die Saite jedoch direkt gezupft und nicht wie beim Flügel mit einem Hämmerchen angeschlagen.

Aber jetzt kommt eine Überraschung: Die Konzertharfe hat Pedale. Und davon ganze sieben Stück! Mit ihnen kann die Tonhöhe der Saiten verstellt werden. Wo ein Klavier zwölf Tasten pro Oktave hat, gibt es bei der Harfe nur sieben Saiten – den Rest erledigt man mit den Pedalen. Tritt man zum Beispiel das C-Pedal, verwandeln sich alle C-Saiten in Cis-Saiten, sie sind also dann einen Halbton höher. Das gleiche kann man mit allen anderen Saiten machen und damit seine Wunschtonart vorkonfigurieren.

Es wird aber noch wilder: Jedes Pedal lässt sich nicht nur treten (wo es dann einrastet), sondern auch eine Etage weiter oben einrasten. So wird die Saite um einen Halbton erniedrigt. Es ist völlig irre: Tritt man das C-Pedal herunter, werden aus allen C-Saiten Cis-Saiten. Hebt man das D-Pedal nach oben, werden aus alle D-Saiten Des-Saiten. Cis und Des klingen genau gleich, also hat man dann zwei gleich klingende Saiten nebeneinander. (Versucht das mal mit einem Klavier!)

Warum aber sollte man das tun? Ein Grund dafür liegt darin, dass eine einmal gezupfte Harfensaite sehr lange nachklingt, wenn man sie nicht abdämpft. Will man sie unmittelbar danach nochmal anschlagen, müsste man sie vorher mit dem Handballen abdämpfen. Dafür ist aber manchmal keine Zeit. Wenn man nun zwei nebeneinander liegende Saiten gleich einstellt, kann man schnell aufeinander folgend einen gleich klingenden Ton anschlagen. Und wir wären nicht in der Welt der klassischen Musik, wenn es nicht einen spektakulären italienischen Namen für alles gäbe: das enharmonische Bisbigliando.

Enharmonisches Bisbigliando

https://youtu.be/u6ymw_fg9DY?t=1m19s

Eine Harfe ist randvoll mit Technik – aber das sieht man nicht. Ein großer Teil der mehreren tausend Einzelteile versteckt sich in der Säule. Die Pedale bewegen nämlich ein Gestänge, das durch die Säule nach oben und dann zu 47 kleinen Scheiben führt, die in Hals und Knie angebracht sind. Diese kleinen Scheiben haben je zwei Stifte dran, die die Saite je nach Pedalstellung weiter oben oder weiter unten abdrücken. So wird ihr Klang entweder um einen Halbton tiefer oder höher. Die Arbeit, die man an der Gitarre mit der Greifhand macht, also das Abdrücken der Saiten, erledigt man bei der Harfe mit den Pedalen.

Achte in dem folgenden Video auf das Innenleben der Harfe – am oberen Ende der Saiten. Dort kann man kann den irrsinnigen mechanischen Aufwand erahnen:

Lavinia Meijer spielt Philip Glass: „Metamorphosis Two“ (1989)

https://www.youtube.com/watch?v=hV2-zFh3tAU

Wer sich zum ersten Mal an eine Harfe setzt, will fast automatisch einmal über alle Saiten streichen. Dieses sogenannte Glissando ist fast schon ein Harfenklischee. Sieht man Harfenistinnen im Film, spielen sie ständig mit großer Geste Glissandi! Das sieht natürlich gut aus, tut aber höllisch weh, wenn man das richtig laut macht (und das muss man, wenn man im Orchester spielt).

Noch ein Harfentrick: Die Flageolett-Töne: Dabei drückt man eine Saite auf halber Höhe mit dem Zeigefinger ab, zupft dann den oberen Teil der Saite mit dem Daumen und zieht dabei fast gleichzeitig den Zeigefinger weg: So entsteht ein doppelt so hoher, gedämpfter Ton.

In der Filmmusik kommt das Flageolett durchaus vor, zum Beispiel in Alexandre Desplats Soundtrack zu „Philomena“. Das kurze, zarte Stück beginnt mit einem langsamen Glissando, dann folgen Flageolett-Töne (ab 0:28), und zum Schluss gibt es noch normales Zupfen (ab 1:39).

Alexandre Desplat: No Thought of Ireland (aus: Philomena) (2014)

https://www.youtube.com/watch?v=TX0J84YJm7Y

Warum die Harfenistin immer als erste da ist

Eine meiner ersten Kindheitserinnerungen ist Saiten sortieren. Denn jede Harfenistin trägt immer einen Saitenkoffer mit sich herum. Jede Saite ist verschieden, und keine darf im Saitenkoffer fehlen. Meine Aufgabe als Neunjähriger war die Inventur. Keine Saite durfte fehlen, keine der störrischen Stahlseiten für die Bässe und keine der feineren Saiten aus Schafsdarm, die verschiedenfarbig kodiert sind. Das C zum Beispiel ist immer rot. Und deshalb hassen es Harfenisten, in rotem Scheinwerferlicht zu spielen – dann sehen nämlich alle Saiten aus wie Cs.

Wegen der hohen Spannung ist das Zupfen einer Harfensaite echte Arbeit. Man bekommt davon Hornhaut an den Fingern. Gegen wunde Finger nimmt der Harfenist Hirschtalg aus der Apotheke. Ebenso braucht man ein Stimmgerät mit einem Tonabnehmer, der ähnlich einem Stethoskop mit einem Saugnapf auf der Resonanzdecke der Harfe befestigt wird – damit es nur den Ton der Harfe aufnimmt und nicht der Posaunen und Trompeten, die manchmal direkt neben der Harfenistin sitzen. Dann heißt es: siebenundvierzig Saiten stimmen. Jede Saite muss ein paar Mal angeschlagen werden und – wenn nötig – mit einem Stimmschlüssel nachjustiert werden. Und deshalb ist die Harfenistin bei einer Probe oder einem Konzert immer als erste da.

Spezialwissen für Harfen-Nerds: Das Salzedo-Zeichen

Die Harfenistin muss also nicht nur mehr transportieren, einen Apparat an Ersatzteilen und Werkzeug mit sich herumtragen, und als erste da sein, sie hat noch ein ganz anderes Problem, das Informatiker kennen dürften. Und jetzt kommt das nerdigste Harfengeheimnis dieses Artikels: Die Harfe ist nicht stateless. Wenn du dich an ein Klavier setzt oder eine Geige in die Hand nimmst, ist das Instrument immer im gleichen Zustand. Die Harfe aber kann aufgrund der Pedalstellungen in allen möglichen Zuständen sein. Du weißt nicht, was für einen Ton eine Saite hervorbringen wird, wenn du nicht jederzeit den Status aller sieben Pedale kennst. Welche stehen oben, welche in der Mitte, welche unten?

Wenn man nun ein langes symphonisches Werk spielt, mit vielen Wechseln der Tonarten, muss die Harfenistin ständig Pedale treten, um ihre Saiten entsprechend zu konfigurieren. Wenn man ein Stück von Anfang bis zum Ende durchspielt, ist das kein Problem. Aber bei Proben ist das anders.

Eine siebzigminütige Mahler-Sinfonie wird vor der Aufführung nur ein einziges Mal komplett am Stück durchgespielt: bei der Generalprobe, der letzten Probe vor dem Konzert. Bei den Proben davor werden nur besonders heikle Stellen geprobt. Der Dirigent springt mit dem Orchester quer durch das gesamte Werk, von schwieriger Stelle zu schwieriger Stelle. In den Noten stehen dafür meist Buchstaben, so dass der Dirigent sagen kann, jetzt bitte zwölf Takte nach Buchstabe F. Dann blättern alle hundert Musiker hektisch zu F, und in wenigen Sekunden müssen alle exakt dort einsetzen können.

Für alle Musiker kein Problem, denn ihre Instrumente sind stateless, sie sind immer im gleichen Zustand. Die Harfenistin aber hat wahrscheinlich völlig falsch konfigurierte Pedale, um sofort korrekt bei den zwölf Takten nach Buchstabe F einzusetzen. Wie soll sie wissen, wie die Pedale exakt an dieser Position stehen sollen? Die Tonart allein reicht nicht, um das zu wissen. Um diesem Problem zu entgehen, hat der französische Harfenist Carlos Salzedo das nach ihm benannte Zeichen erfunden.

Es zeigt, wie die Harfenpedale zu einem bestimmten Zeitpunkt stehen müssen. Jeder Harfenist zeichnet sich Salzedo-Zeichen an bestimmte Stellen in seine Noten, vor allem an die Stellen, die vermutlich in den Orchesterproben drankommen. Es dauert nur ein paar Sekunden, die Pedale richtig einzustellen, aber da es sieben Pedale mit drei Stellungen gibt, sind hunderte Kombinationen möglich. Und bei Proben kann nicht ein ganzes Orchester warten, bis der Harfenist weiß, wie jetzt gerade seine Pedale stehen müssten. Keiner außer Harfenisten kennt das Salzedo-Zeichen, keiner außer Harfenisten – und jetzt auch ihr.

Verschiedene Salzedo-Zeichen

Meine Mutter ist vor knapp zwanzig Jahren in den Ruhestand gegangen. In der Zwischenzeit sind viele Dinge für Harfenisten einfacher geworden. Heute werden öfter Nylon- oder Karbonsaiten statt Saiten aus Schafsdarm verwendet. Die reißen seltener und verstimmen sich bei Wetterwechseln nicht so schnell. Dafür klingen sie nicht in jeder Tonhöhe so gut. Es fehlt ihnen das, was Harfenisten den „hellen Darmklang“ nennen. Darmsaiten fühlen sich für manche Harfenisten besser an, und sie können mehr Kraft auf sie ausüben. Spielt man in einem Orchester, muss man sich körperlich ziemlich ins Zeug legen, um akustisch nicht unterzugehen. Kräftig an Darmsaiten zu zupfen, ist angenehmer für die Finger, weil Darm nicht so straff ist wie Nylon.

Harfenistin mit Harfenwagen „Harpo“

Und heute kann die Harfenistin ihr Instrument selbst transportieren – mit einem speziellen Harfenwagen, zum Beispiel dem Modell „Harpo“ für läppische 639 Euro. Harpo gibt es auf Wunsch auch, kein Witz, mit Scheibenbremsen (160 Euro Aufpreis).

Musikerin ohne Lobby

Ich habe euch das weiter oben schon erzählt: Schon die Mutter meiner Mutter war Harfenistin. Auch sie spielte im Orchester des Hessischen Rundfunks (HR). Ich habe meine Oma nicht mehr kennengelernt, aber es gibt Schallplattenaufnahmen von ihr. Auf einem der Alben prangt stolz das Telefunken-Logo, das war 1953. Es war eine sehr andere Zeit, aber immerhin eine Zeit, in der im HR schon Frauen im Orchester saßen. Das war bei den sehr konservativen Wiener Philharmonikern erst 1997 der Fall. Dort spielten bis dahin ausschließlich Männer – auch an der Harfe. Heute jedoch erwarten die meisten Menschen an dem „Instrument der Engel“ eine Frau.

Ein Sinfonieorchester ist eine merkwürdige, oft gestrige Welt. Und für die Person an der Harfe, egal welchen Geschlechts, ist sie besonders schwierig. Denn die Harfe ist meist alleine im Orchester (außer bei den wenigen Orchesterwerken mit zwei Harfen). Während praktisch alle Musiker in Gruppen organisiert sind (die Streicher, die Blechbläser, das Schlagwerk …), ist die Harfenistin alleine. Sie hat keine Lobby, ist in Fernsehmitschnitten oft kaum zu sehen und muss bei CD-Aufnahmen bei den Tonmeistern persönlich um eine Abmischung bitten, bei der man die Harfe auch hört.

Die Harfenistin hat also einen Haufen Probleme, aber – zumindest als Orchestermusikerin – auch ein paar Vorteile. Wenn Mozart auf dem Programm steht, hat sie frei. Während mein Vater als Cellist immer im Dienst war, gibt es Komponisten, die die Harfe mehr oder weniger ignoriert haben. Mozart schrieb nur ein einziges Werk, in dem eine Harfe vorkommt, sein Konzert für Flöte und Harfe. Es ist schwer zu spielen, weil Mozart keine Ahnung von der Harfe hatte und sich auch nicht so recht für sie interessierte.

Mozart machte keinen Gebrauch von harfenspezifischen Features wie Glissando oder Flageolett. Er komponierte für die Harfe als wäre sie ein Klavier. Und selbst in dem Fernsehmitschnitt des Mozartkonzerts, mit dem dieser Artikel endet, dauert es mehrere Minuten bis sich die Regie dazu herablässt, die Harfenistin Marie-Pierre Langlamet in Großaufnahme zu zeigen. All das ändert nichts an der umwerfenden Schönheit des Stücks – vielleicht schließt man am besten die Augen.

Die Umstände, unter denen die Harfenistin arbeitet, könnten widriger nicht sein – aber das Publikum bekommt von alledem nichts mit. Ich aber schon, der ich heute noch besonders nervös im Konzertsaal sitze, wenn ich weiß, dass gleich die Harfe ihren Einsatz hat. Ich bin eben ein Harfensohn.

Mozart: Konzert für Flöte und Harfe (2. Satz) (1778)

https://youtu.be/cIUHkfwMZE4?t=624


Harfenmusik aus drei Jahrhunderten:

Wenn du mehr über die Harfe wissen willst:


Teile dieses Beitrags habe ich zuerst im Januar 2018 bei Sarah Kuttners „Schöner Nerdnacht“ präsentiert.

Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel.