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Terrorismus

Weißer Nationalismus, made in USA, ist nun eine globale Bedrohung

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Das Attentat in Neuseeland mit 50 getöteten Muslimen in zwei Moscheen in Christchurch ist der jüngste Beweis: Weißes Überlegenheitsdenken bedroht die demokratische Gesellschaft auf der ganzen Welt.

US-Präsident Donald Trump behauptet zwar, nationalistischer Terror, der von Weißen ausgeht, sei kein großes Problem. Aber jüngste Daten der Vereinten Nationen, der Universität von Chicago und anderer Quellen belegen das Gegenteil. Immer mehr Menschen haben eine fremdenfeindliche, gegen Migranten gerichtete Weltanschauung. Das weckt Feindseligkeit und schürt Gewalt gegen diejenigen, die als „Außenseiter“ gelten – wegen ihrer Religion, ihrer Hautfarbe oder ihrer Herkunft.

Landesgrenzen stoppen nicht die Gewalt

Der größte Teil der westlichen Welt – von der Schweiz und Deutschland bis hin zu den Vereinigten Staaten, Skandinavien und Neuseeland – hat in den vergangenen Jahren erleben müssen, dass sich eine starke nationalistische Seuche in der Gesellschaft ausbreitet. Weiße Nationalisten, die vor dem Verlust ihrer Vorherrschaft Angst haben, wollen, dass eine weiße Identität zum Organisationsprinzip der westlichen Gesellschaft wird.

„Jedes Volk der Welt kann sein eigenes Land haben, außer den Weißen“, sagte William Daniel Johnson von der American Freedom Party der Chicago Sun Times nach dem Attentat in Neuseeland. „Wir sollten weiße Ethno-Staaten haben.“

Bei der Recherche für unser aktuelles Buch über Extremismus – das ist unser gemeinsames wissenschaftliches Spezialgebiet – haben wir festgestellt, dass parallel zur weltweiten Ausbreitung des weißen Nationalismus auch die Zahl der Hassdelikte gestiegen ist. Rassistische Angriffe auf Flüchtlinge, Einwanderer, Muslime und Juden nehmen weltweit in alarmierender Geschwindigkeit zu. Wissenschaftler, die sich mit der Internationalisierung von Hassdelikten beschäftigen, nennen dieses gefährliche Phänomen „gewalttätigen Transnationalismus“.

In Europa scheint der plötzliche Anstieg der Zahl von Menschen, die 2015 vor dem Krieg in Syrien und dem Nahen Osten geflohen sind, mehr Gewalttaten ausgelöst zu haben. Ultranationalisten auf dem ganzen europäischen Kontinent – darunter Politiker in führenden Positionen – sahen im Zustrom der Geflüchteten den Beweis für einen drohenden „kulturellen Völkermord“ an der weißen Rasse.

Die USA exportieren weißen Nationalismus in alle Welt

Dieser beunruhigende internationale Trend stammt in seiner modernen Ausprägung ursprünglich aus den Vereinigten Staaten. Seit den 1970er Jahren versucht hier eine kleine, lautstarke Gruppe aus amerikanischen weißen Rassisten, ihre Hassideologie zu exportieren. Bekannte Rassisten wie der ehemalige Anführer des Ku-Klux-Klan David Duke, der Gründer der Aryan Nations Richard Butler und der extremistische Autor William Pierce glauben daran, dass die weiße Rasse weltweit von einer kulturellen Invasion der Migranten und der Farbigen bedroht wird.

In den Vereinigten Staaten leben Menschen, deren Vorfahren aus allen Ländern der Welt kommen. Aber noch immer sind 77 Prozent der US-Bürger weiß. Rassisten behaupten jedoch seit langem, der demografische Wandel im Land werde die weiße Rasse vernichten und ihre Kultur ausrotten. Die „Alt-Right“-Bewegung – ein Oberbegriff für eine Online-Bewegung, die Weiße für überlegen hält – verwendet die gleiche Sprache. Und sie hat die fremdenfeindliche Weltanschauung des 20. Jahrhunderts ausgebaut und sieht jetzt auch Flüchtlinge, Muslime und Progressive als Bedrohung an.

Alt-Right-Führer wie Richard Spencer, der Extremist Jared Taylor und der neonazistische Daily-Stormer-Redakteur Andrew Anglin nutzen Soziale Medien, um ihre Ideologie zu verbreiten und Mitglieder über die Grenzen hinweg zu gewinnen. Sie haben ein globales Publikum aus weißen Rassisten gefunden, die ebenfalls das Internet nutzen, um ihre Ideen zu verteilen, Gewalt zu propagieren und ihre Hassdelikte weltweit zu verbreiten.

„Der Hass, der zur Gewalt in Pittsburgh und Charlottesville führte, findet weltweit neue Anhänger“, sagte Bürgerrechtler Jonathan Greenblatt von der Anti-Defamation-League der Zeitung USA Today nach dem Attentat in Christchurch. „Tatsächlich hat es den Anschein, dass das Ziel dieses Angriffs nicht nur auf Neuseeland war, sondern dass er globale Auswirkungen haben sollte.“

Immer mehr rassistische Gewalt

Wir wissen, dass der Hass des mutmaßlichen Moscheeschützen auf Muslime vom amerikanischen weißen Nationalismus inspiriert wurde – das behauptete er auf Twitter. In seinem Online-„Manifest“ wies er auf kulturelle Konflikte hin. Diese Konflikte würden die Vereinigten Staaten schließlich entlang ethnischer, politischer und rassischer Grenzen spalten. Der mutmaßliche Angreifer schrieb auch, dass er Präsident Trump „als Symbol für eine erneuerte weiße Identität“ unterstützt.

Trump und andere rechtsgerichtete Politiker wie die französische Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen und der niederländische Oppositionsführer Geert Wilders haben die konkreten Probleme des modernen Lebens – wachsende wirtschaftliche Instabilität, zunehmende Ungleichheit und industrieller Verfall – den Migranten und Farbigen angelastet. Diese Erzählung hat dem bestehenden unterschwelligen Strom der Intoleranz in zunehmend multikulturellen Gesellschaften wie den Vereinigten Staaten weitere Feindbilder hinzugefügt.

In den USA gibt es seit 2014 immer mehr Gewalttaten gegen Muslime, Einwanderer und Farbige. Im Jahr 2015 hat das Southern Poverty Law Center 892 solche Hassverbrechen dokumentiert. Im Jahr darauf waren es schon 917 Hassdelikte. 2017 – als Trump sein Amt antrat und die nationalistische Stimmung mit Versprechungen schürte, Mauern zu bauen, Mexikaner zu deportieren und Muslime ihre Religionsausübung zu verbieten – erlebten die USA 954 Gewalttaten weißer Rassisten.

Eine dieser Taten war ein gewalttätiger Zusammenstoß zwischen Gegendemonstranten und weißen Nationalisten, weil eine Konföderiertenstatue in Charlottesville/Virginia entfernt werden sollte. Die Kundgebung „Unite the Right“ im Jahr 2017, bei der eine Person getötet und Dutzende verletzt wurden, unterstützte die Ideen der modernen weißen Nationalisten im In- und Ausland.

2018 haben weiße Nationalisten in den Vereinigten Staaten mindestens 50 Menschen getötet. Zu ihren Opfern gehörten 11 Gottesdienstbesucher in einer Synagoge in Pittsburgh, zwei ältere schwarze Kunden auf einem Supermarkt-Parkplatz in Kentucky und zwei Frauen, die in Florida Yoga machten. Die Jahre 2015, 2016 und 2018 bezeichnete die Anti-Defamation League die tödlichsten Jahre in den Vereinigten Staaten seit 1970, was extremistische Gewalttaten angeht.

Bei jedem dieser tödlichen Hassdelikte in den USA wurde im Jahr 2018 nachgewiesen, dass die Täter Verbindungen zu weißen nationalistischen Gruppen hatten. Das machte 2018 „zu einem herausragenden Jahr für rechtsextreme Morde“, erklärt die Anti-Defamation League.

Nationalistischer Terrorismus ist also eine Gefahr für die innere Sicherheit der Vereinigten Staaten. Und, wie die Fakten belegen, auch für die demokratische Gesellschaft weltweit.


Arthur „Art“ Jipson und Paul J. Becker sind Dozenten am Fachbereich Soziologie, Anthropologie und Sozialarbeit der Universität von Dayton, Ohio.

Diesen Artikel hat auf Englisch The Conversation veröffentlicht. Hier könnt ihr den Originalartikel lesen. Übersetzung und Produktion: Vera Fröhlich; Redaktion: Theresa Bäuerlein; Bildredaktion: Martin Gommel.

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