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Lösungen für das Gesundheitssystem

Ein besseres Krankenhaus ist möglich – Tausende Menschen sammeln dafür Ideen

von Ulrike Koock, Initiative „Twankenhaus“
etwa 12 Min. Lesedauer

Das deutsche Gesundheitssystem muss besser werden. Warum? Die Antwort ist einfach: Weil das Arbeiten in unserem aktuellen System keinen Spaß mehr macht. Und Menschenleben gefährdet.

Wie soll man es sonst nennen, wenn

  • … ein junger Assistenzarzt zwei Wochen nach Eintritt in das Arbeitsleben 40 Patienten medizinisch betreuen soll?
  • … die Nachtdienste in der Notaufnahme durch die unerfahrensten Kollegen besetzt werden?
  • … ein solcher Pflegenotstand herrscht, dass der examinierte Krankenpfleger mit einem Schüler alleine 30 Patienten pflegerisch versorgen soll?
  • … man als Stationsarzt nach einer langen Nacht noch vier bis sechs Stunden Arbeitszeit dranhängt, um wenigstens die Visite zu machen, weil sonst kein Kollege vor Ort ist?
  • … die Pflegekraft auf Station nur eine Aushilfe ist und nicht weiß, wo sich der Notfallwagen befindet? Welcher nicht aufgefüllt ist, weil kein Personal vorhanden war oder vorhandenes Personal keine Zeit hatte?
  • … man als Arzt in der Notaufnahme verzweifelt ein Bett für seine Patienten sucht, damit sie nicht im Flur liegen müssen?

Und die Zustände machen nicht Halt vor den Arztpraxen. Auch dort, wo das Arztleben noch leichter sein sollte, da es kaum Nacht- und Wochenenddienste gibt und man als niedergelassener Kollege immerhin Berufserfahrung vorweisen kann – auch dort gibt es massenhaft Probleme.

Genau: Massenhaft. Massenhaft Patienten, die am Morgen schon in langen Schlangen vor den Türen stehen und Einlass begehren. Massenhaft neue Regelungen, die sich Bürokraten aus dem Ärmel schütteln, um den Niedergelassenen das Leben zu erschweren.

Es reicht uns einfach.

Wir: Das ist eine Gruppe von 50 Personen, die sich auf Twitter kennengelernt haben. Zu einem großen Teil sind wir Ärztinnen und Ärzte – noch. Aber wir sind auch Patientenvertreter, Leute vom Rettungsdienst und aus der Pflege. Hausärzte und Studenten sind auch dabei. Uns alle vereint der Wunsch nach dem besseren Krankenhaus – dem besseren Gesundheitssystem überhaupt.

Deswegen sitzen wir seit neustem täglich im digitalen Hinterzimmer (Geschlossene Twitter-Gruppe, Slack, WhatsApp) zusammen, um an unserem Traum zu arbeiten: Wir nennen es Twankenhaus, in Anlehnung an das digitale Krankenhaus auf Twitter. Tw wie Twitter und ankenhaus wie Krankenhaus.

Was wir wollen

Wir wollen besser versorgte Patienten. Bessere Arbeitsbedingungen für alle Mitarbeiter im Gesundheitssystem. Wir träumen davon, dass wir, die in diesem System arbeiten, Beruf und Familie vereinbaren können – und zwar nicht nur die Frauen. Für all das engagieren wir uns nun neben all der Arbeit, die beruflich auf uns lastet. Und privat. Denn die meisten von uns haben Partner mit oder ohne Familie, oder Familie mit oder ohne Partner.

Unser Ziel ist es, alle Berufsgruppen im Gesundheitswesen einzubinden und gemeinsam und auf Augenhöhe an einem Wechsel im Gesundheitssystem zu arbeiten. Denn Medizin besteht nicht nur aus Ärzten. Medizin besteht aus Pflege, Physiotherapie, Ergotherapie, Psychotherapie, Notfallmedizin ... Wir suchen den Brückenschlag zwischen allen medizinischen Disziplinen.

Wir alle wollen, dass es unseren Patienten gut geht. Wir möchten eine Interessenvertretung sein, die nicht primär das Ziel hat, mehr Geld in die eine oder andere Berufsgruppe zu pumpen, sondern mit den bestehenden Ressourcen zu arbeiten.

Zum Beispiel, indem man die Vereinbarkeit von Familie und Karriere fördert: 60 Prozent der Medizinstudenten sind weiblich. Aber nur 5 Prozent landen in den Chefarztetagen. 90 Prozent der Beschäftigten in der Pflege sind ebenfalls weiblich. Auf dem Weg nach oben steigen aber ganz viele wertvolle Fachkräfte aus. Und der Grund dafür liegt ganz klar in veralteten und verkrusteten Strukturen, die in unserer heutigen Zeit weder Sinn noch Verstand zeigen.

Hoch qualifizierte Fachkräfte aus ärztlichen oder pflegerischem Dienst hängen den Beruf an den Nagel oder bleiben in der Teilzeitfalle stecken, weil sie ihren Beruf nicht mit der Familie vereinbaren können. Starre Strukturen in der Kinderbetreuung lassen nicht zu, dass man am gängigen Dienst- und Schichtsystem in den Kliniken teilnimmt. Außerdem ist in den Köpfen der grauen Eminenzen leider nach wie vor der Gedanke verankert, dass nur Karriere machen kann, wer sowohl seine gesamte Freizeit als auch seine Familie dafür opfert. „Das war bei uns früher auch nicht anders“, hört man, wenn man etwas ändern will.

Auch Männer, die sich der Verantwortung über Familie bewusst sind und über eine kurze berufliche Auszeit nachdenken, werden ins Abseits gestellt. Die Konsequenz: Ressourcen liegen brach. Es könnten so viele Menschen zurück in den Beruf kommen, wenn die Kinderbetreuung flexibel gestaltet wäre. Schichtsystem in den Kitas, Übernachtungsplätze, flexible Betreuungsplanung, die man zum Beispiel mit seinem Dienstplan abgleichen könnte (natürlich mit entsprechend Vorlauf), Not-Betreuungsplätze, falls man doch mal einspringen muss. Dem gegenüber steht ein starres Arbeitssystem, in dem viele Vorgesetzte keine Abweichung vom alten Schichtsystem ermöglichen.

In gewisser Weise ist das natürlich verständlich. Der Krankenhausbetrieb muss laufen und die Patienten müssen versorgt werden. Und Home-Office Tage für den Physiotherapeuten machen natürlich keinen Sinn.

Trotzdem: Es braucht kreative Lösungen für Arbeitszeitmodelle aller Berufsgruppen und hier sind die Krankenhausbetreiber und Arbeitgeber gefragt, in den Dialog mit ihren Angestellten zu gehen, um praktikable Lösungen zu finden. Ganz klar: Wir wollen unsere Kinder nicht in die 24-Stunden-Kita geben. Aber wir wollen, dass Personaluntergrenzen definiert werden und wir wollen, dass die freien Stellen mit gutem Personal besetzt werden.

Was soll noch passieren? Beispiel Notaufnahmen. Die Krankenhausabdeckung in Deutschland ist sehr gut. Wir haben ein System, in dem jeder Mensch zu jeder Tages- und Nachtzeit ärztliche Hilfe bekommen kann. Leider sind die Notaufnahmen aus verschiedenen Gründen stets heillos überfüllt: fehlende Haus- und Fachärzte, überfüllte Praxen, eine Vielzahl von sozialen Problemen, wie zum Beispiel Einsamkeit und Angst, die die Rettungsstellen auffangen müssen. Ferner eine schier unendliche Anzahl von medizinischen Informationen im Internet, die für den medizinischen Laien undurchsichtig sind und für Verunsicherung sorgen. Wenn weniger Patienten in die Notaufnahme gehen, die da nicht hingehören, könnten wir uns um die wirklich kranken Patienten besser kümmern.

Wichtig wäre auch, dass nicht die berufsunerfahrensten Kollegen die Notaufnahmen bedienen, denn dies führt unweigerlich erstens zu Fehlern in der Patientenversorgung und zweitens zu unnötigen Aufnahmen ins Krankenhaus, weil Anfänger unsicher sind und keine Fehler machen möchten. Außerdem sind Berufsanfänger natürlich langsamer bei der Arbeit, was nicht ihre Schuld ist. Wenn Ausbildung und Fortbildung fehlt, kann kein gutes Personal heranwachsen.

Was wir am dringendsten brauchen, ist mehr Zeit!

Wir wünschen uns mehr Zeit. Zeit für Fort- und Weiterbildung, Zeit für das Gespräch: zwischen Ärzten und Patienten, Ärzten und Pflegenden, Patienten und Pflegenden, Ärzten und Ärzten. Was sich nach viel Zeitverschwendung anhört, spart am Ende sogar Zeit, weil alle mit den Patienten sicherer umgehen können. Und die Patienten sicherer mit ihren Krankheiten.

Außerdem wollen wir einen Facharzt für klinische Notfallmedizin einführen. Mehrere Verbände fordern das bereits, wir stehen dahinter. Denn wenn eine erfahrene Person den Überblick hat, können Patienten, die kein Notfall sind, herausgefischt und beispielsweise an eine dem Krankenhaus angegliederte Notfallpraxis weitergeleitet werden. Auch kleinere Verletzungen wären hier gut versorgt.

Dann sind da noch die Notfallsanitäter. Warum lässt man sie in manchen Bundesländern nicht mehr Medizin machen? Sie sind bestens gebildete Fachkräfte, die teilweise zum Nichtstun verdammt sind.

Und was ist eigentlich mit dem kassenärztlichen Notdienst los? Je nach Bundesland sind die Notdienstpraxen mehr oder weniger gut ausgebaut und vertreten. Nur leider wissen das zu wenige und gehen statt dahin immer weiter in die Notaufnahmen. Das Wissen darüber muss also unter die Leute gebracht werden.

Genauso wie das Wissen um die eigene Gesundheit! Deshalb setzen wir uns für eine nachhaltige Gesundheitsaufklärung ein, die bereits im Kindergartenalter beginnt. Denn warum kommen junge Eltern mit ihrem Kind zur Arzt, wenn es sich einmal übergeben hat? Oder warum besucht ein Patient die Notaufnahme, wenn er seit wenigen Tagen hustet? Aus Unsicherheit und Angst. Weil vorhandenes Wissen der „Alten“ nicht mehr weitergegeben wird. Daran müssen wir arbeiten! Denn das würde wirklich viel ändern.

Schließlich haben wir noch ein Ziel, für das wir ehrlicherweise noch keinen Lösungsvorschlag haben: Wir wollen das DRG-System ändern oder am besten gleich ganz abschaffen. Mit diesem System rechnen seit 2004 die Krankenhäuser über die sogenannten Fallpauschalen ab. Menschen werden darin als „Fall“ mit Haupt- und Nebendiagnosen klassifiziert.

Das bedeutet, dass ein Patient sich durch seine Haupt- und Nebendiagnosen definiert und anhand dessen das Krankenhaus eine Vergütung erhält – eine Pauschale. Außerdem wird eine Liegezeit definiert, die vorschreibt, wie lange ein Patient mit genau dieser Diagnose im Krankenhaus liegen darf. Das erlaubt aber keine vernünftige Behandlung der Patienten. Vielmehr sorgt es dafür, dass der Mensch nicht mehr als Ganzes gesehen wird. Der Patient erhält eine Prozedur, entsprechend seiner Hauptdiagnose und darf, je nachdem in welche Kategorie er eingeteilt wurde, nach einigen Tagen das Krankenhaus wieder verlassen. Nebendiagnosen, die für den Patienten sehr wohl relevant und wichtig sein können, spielen in diesem System kaum eine Rolle.

Das führt zum Teil zu sogenannten Blutigen Entlassungen, bei denen Patienten zu schnell nach Operationen nach Hause geschickt werden, um die Liegezeiten einzuhalten. Das wiederum hat zur Konsequenz, dass schwierige Fälle nur noch von großen Häusern behandelt werden, denn die kleinen Krankenhäuser können sich die Behandlung einfach nicht leisten. In den großen Häusern sorgt das System so für negative Zahlen. Einige Krankenhäuser spezialisieren sich auf wenige Prozeduren, die schnelles Geld einbringen.

Auf dieser Website findest du ein Rechenbeispiel für diese Praxis.

Die Folge davon ist, dass mehr unnötige Prozeduren gemacht werden. Das heißt, es entstehen mehr Fälle, da mehr Fälle mehr Geld einbringen. Das heißt aber auch, dass die Arbeitsbelastung steigt. Denn der tatsächliche Pflegeaufwand, der zum Beispiel durch viele Nebendiagnosen entsteht, wird im DRG-System nicht berücksichtigt.

Aber das DRG-System kann noch mehr anrichten. Es sorgt insgesamt für einen höheren Arbeitsaufwand. Denn man muss die Prozeduren korrekt kodieren. Diese Kodierung ist bares Geld für das Krankenhaus, frisst aber viele Ressourcen. Da das Überleben der Krankenhäuser mit geschickter Codierung steht und fällt, wird hier viel Energie reingesteckt. Das Perfide ist, dass dieser Energieaufwand am Ende Zeit für die Behandlung der Patienten raubt. Noch dazu sind die Personalkosten im DRG-System nicht ausreichend abgebildet. Wir alle wissen aber, dass genügend Zeit entscheidend für eine gute Patientenversorgung ist. Und genügend Zeit kann es nur mit einer kräftigen Personaldecke geben. Die wird aber durch das DRG-System verhindert.

Wer hinter Twankenhaus genau steht

Zum Twankenhaus kam es genauso, wie die große Liebe passiert: ungeplant. Wir haben uns alle irgendwie auf Twitter in unserer „Ärzte-Blase“ kennengelernt. Wir waren uns sympathisch, wollten die Gespräche über die Arbeit ausbauen und beschlossen, einfach mal nachzufragen, wer denn Zeit und Lust habe, sich irgendwann mal irgendwo zu treffen.

Einige, insbesondere @kindundkittel und @ninibela sowie @provinzarzt (Anm.: dies sind die Namen auf Twitter) waren von Anfang an sehr engagiert und organisierten ein erstes Treffen.

Schließlich trafen wir uns in Hamburg. 33 wildfremde Menschen erzählten sich vom Leben und Arbeiten und bemerkten, dass sie auch außerhalb der Twitter-Blase gut zusammenpassten und sich gegenseitig stützen konnten. Wir redeten über die täglichen Gegebenheiten und über den Frust, der jeden Tag mit zur Arbeit geht. Von der Angst, Patienten könnten zu Schaden kommen. Oder sterben. Von den Sorgen, dass die Ehe durch den Beruf zerstört wird oder von den Sorgen, weil der Beruf die Ehe zerstört hat. Wir wissen alle: Unser Beruf hat Leben auf dem Gewissen – Patientenleben und das eigene. Ein bekannter Spruch im Krankenhaus ist: „Irgendwann hat jeder seine Leiche im Keller. Passt bloß auf, dass es nicht zu viele werden.“

Wir redeten über Missstände und über Lösungsansätze. Denn eines möchten wir nicht: Nur eine Gruppe von Menschen sein, die nur motzen kann. Wir suchen Lösungsansätze. Da das nicht von heute auf morgen passiert und es das Twankenhaus erst seit einigen Wochen aktiv gibt, arbeiten wir auf Hochtouren daran, unsere Ziele zu definieren. Die meisten von uns sind allerdings lieber anonym in der Öffentlichkeit unterwegs, aus Sorge um den Arbeitsplatz oder die Schweigepflicht oder den eigenen Ruf.

Andere nehmen jetzt schon am öffentlichen Leben teil, wie zum Beispiel Christian Lübbers. Der bekannte HNO-Arzt mit eigener Praxis in Weilheim ist der Begründer der sogenannten #Globukalypse, einem Hashtag, unter dem sich auf Twitter Argumente gegen den Einsatz von Homöopathie sammeln. Er ist ein bekennender Gegner der Homöopathie und ein großer Verfechter von evidenzbasierter Medizin. Ein anderes bekanntes Gesicht der öffentlichen Meinung ist Christine Löber, ebenfalls HNO-Ärztin, die bereits Vorträge über die Missstände für junge Mediziner in den Krankenhäusern sowie Zeitungsinterviews gab, zum Beispiel für den Deutschlandfunk, die „TAZ“ und den „Spiegel“.

Ein weiteres prominentes Mitglied unseres bald eingetragenen Vereins ist @caethan13, ein Facharzt für Anästhesie und Notfallmediziner, der es über einen viral gegangen Thread auf Twitter bis in die Berichte überregionaler Zeitungen schaffte. Der Kollege möchte allerdings anonym arbeiten.

Ferner sind wir Blogger wie „Kindundkittel“, „Kinderdok“, Ulrike Koock alias „Schwesterfraudoktor“, „Unfallchirurginundmutter“, Patientenvertreter (Bettina Frank), Mitglieder von dasFoam (Felix Lorang,) und der Fraktion Gesundheit der Ärztekammer Berlin (Katharina Thiede).

Was wir wissen

Das Twankenhaus steht noch ganz am Anfang seiner Arbeit. Wir sind aber der festen Überzeugung, dass wir viel bewirken können, wenn alle Berufsgruppen Hand in Hand arbeiten. Unsere Lösungsvorschläge sind noch nicht ausgereift, aber wir arbeiten und wachsen daran. Medizin kann nur funktionieren, wenn alle Abteilungen an einem Strang ziehen. Wenn wir ein Team sind. Wirklich und wahrhaftig. So wie auf Twitter. Vielleicht sind wir ja auch eine moderne Gewerkschaft für alle Medizinschaffende. Eine Grassroots-Bewegung für eine bessere Medizin von morgen.


Redaktion: Theresa Bäuerlein, Silke Jäger; Schlussredaktion: Rico Grimm; Fotoredaktion: Martin Gommel.