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AfD und Verfassungsschutz

Was Björn Höcke in einer NPD-Zeitschrift schrieb, als er noch nicht im Rampenlicht stand

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Der Bundesverfassungsschutz beobachtet nun die Partei Alternative für Deutschland (AfD) – das ist seit Mitte Januar offiziell. In einem ersten Gutachten taucht der Thüringer Landesfraktionschef Björn Höcke 608-mal auf (hier könnt ihr das Gutachten herunterladen). Ebenfalls erwähnt wird ein unbekannter Autor namens Landolf Ladig

Zum Vergleich – so oft tauchen andere prominente AfD-Funktionäre auf:

  • Alice Weidel, Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag: 7 Nennungen
  • Jörg Meuthen, Parteichef: 18 Nennungen
  • Alexander Gauland, Fraktionsvorsitzender der AfD im Bundestag: 92 Nennungen
  • André Poggenburg, ehemaliger Fraktionsvorsitzender der AfD in Sachsen-Anhalt: 52 Nennungen
  • Andreas Kalbitz, Fraktionsvorsitzender der AfD in Brandenburg: 65 Nennungen

Über ihn sagt der Verfassungsschutz: „Die analysierten ‚Ladig‘-Texte bringen eine zweifelsfrei verfassungsfeindliche Haltung zum Ausdruck.“ Der Journalist Andreas Kemper recherchiert seit vielen Jahren zur AfD und hat zu Björn Höcke schon Gutachten verfasst. Er ist sich sicher: Landolf Ladig ist nur ein Pseudonym. Björn Höcke steckt in Wahrheit dahinter. Der Verfassungsschutz nennt Kempers Analyse „nahezu unbestreitbar“. Am Telefon hat er mir erzählt, wie er auf die Verbindung Höcke-Ladig gekommen ist, und was Höcke unter Pseudonym schrieb, als er noch ein unbekannter Geschichtslehrer aus Hessen war.

Warum das wichtig ist? Landolf Ladig ist Björn Höcke ohne Maske, ohne Kalkül. Die unverblümte politische Version eines Politikers, der am parlamentarischen Betrieb offenbar nur teilnimmt, um ihn abzuschaffen. Welche politischen Ziele und heimlichen Verbündete er tatsächlich hat, lässt sich durch den Blick auf Landolf Ladig besser verstehen.

Für alle, die tiefer in die Ideologie von Höcke und der AfD einsteigen wollen, habe ich einen Erklärtext geschrieben: Die neuen Rechten, verständlich erklärt


Deine These ist, dass Björn Höcke unter dem Pseudonym Landolf Ladig in einer NPD-Zeitschrift und in einer nationalvölkischen Zeitung Artikel veröffentlicht hat.

Ja, in der Eichsfeld-Stimme und in Volk und Bewegung.

Hier findet ihr die drei Artikel, um die es geht:

Warum hast du so viel Arbeit investiert, um zu beweisen, dass Höcke für diese Medien geschrieben hat?

Zum einen, weil Björn Höcke behauptet hat, er sei das nicht. Wenn er von Anfang an zugegeben hätte: „Ich bin das!“ – dann hätte ich ja gar keine Arbeit reinstecken müssen. Und dann hatte die Welt folgendes geschrieben: Man könne Höcke nicht unterstellen, er habe für eine NPD-Zeitung geschrieben. Dafür gebe es ja keine Beweise, nur ein paar Posts in einem „linken Blog“. Damit war meine Arbeit gemeint. Das hat mich gereizt, und da hab ich mir gedacht, da guck ich mal nach, da werde ich bestimmt ein paar Sachen mehr finden.

Dein Ehrgeiz war geweckt.

Ja, es geht immerhin darum, dass Björn Höcke in einer Zeitung beziehungsweise in verschiedenen Magazinen von Thorsten Heise diese Sachen publiziert hat. Thorsten Heise ist einer der wichtigsten Neonazis in Deutschland. Er ist stellvertretender NPD-Vorsitzender im Bund und im Land Thüringen Chef der NPD.

Die NPD wurde nur deswegen noch nicht verboten, weil sie zu schwach und klein ist, um ihre verfassungsfeindlichen Ziele zu erreichen. So lässt sich das letzte Urteil des Verfassungsgerichts zu einem NPD-Verbot zusammenfassen.

Aus diesem Umfeld kommt die rechtsextreme Gruppe „Thüringer Heimatschutz“, da kommen die Terroristen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) her. Heise selbst gilt als der Ideengeber von „Combat 18“. Das ist ein europaweites Rechtsterrorismus-Netzwerk.

Der „Thüringer Heimatschutz“ ist ein Zusammenschluss verschiedener Neonazi-Gruppierungen (Kameradschaften). Er firmiert heute unter dem Namen „Nationales und Soziales Aktionsbündnis Mitteldeutschland“.

Über den NSU hat Christian Gesellmann immer wieder geschrieben. Sein wahrscheinlich wichtigster Text dazu: „Der NSU lebt weiter“.

Was schreibt denn Landolf Ladig in diesen Zeitschriften?

Es sind drei Artikel. Ein Artikel in Volk und Bewegung 2011, einer in Volk und Bewegung 2012, der folgt direkt darauf, das sind eigentlich Teil 1, Teil 2 – und dann gibts nochmal einen Artikel 2012, das wär der dritte Artikel, in der Eichsfeld-Stimme, sozusagen das Regionalblatt der NPD, herausgegeben von Thorsten Heise in der Region, in der Höcke wohnt.

Nehmen wir mal den ersten Text. Da schreibt er, dass Deutschland zwei Mal überfallen worden sei: im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Das wären „Überfälle“ auf Deutschland gewesen, weil die fremden Mächte so neidisch gewesen seien auf den Fleiß der Deutschen. Im Zweiten Weltkrieg sei hinzugekommen, dass sich mit dem Nationalsozialismus die erste Antiglobalisierungsbewegung entwickelt habe. Und die sei so erfolgreich gewesen, dass der NS-Staat überfallen worden ist.

Begeisterung für die NS-Wirtschaftspolitik sei laut Ladig aber noch vorhanden, und demnächst bekämen wir eine Revolution, weil es bald kein Erdöl mehr gebe. Darauf müsse sich „die Nationale Bewegung“ vorbereiten, um dann die NS-Wirtschaftspolitik auf biologischer Grundlage wieder einzuführen. Das ist faschistisch und neo-nazistisch.

Wie kamst du dann auf die Verbindung Ladig – Höcke?

Ich war der erste, der ein Buch zur AfD geschrieben hat. Für einen Vortrag in Thüringen bin ich gebeten worden, auf die lokalen AfD-Politiker einzugehen. Während meiner Recherchen zu Höcke habe ich bei einem von ihm verwendeten Begriff gestutzt: bei „organische Marktwirtschaft“. Diesen Begriff verwendete er 2014 in einem Artikel der Thüringer Allgemeine. Ich wusste, dass die Nazis ihre Wirtschaft „organische Wirtschaft“ genannt haben und damit eine Ständegesellschaft meinten, weil jeder da bleiben sollte, wo er hingeboren wurde. Aber „organische Marktwirtschaft“? Ich habe den Begriff gegoogelt und nur einen Treffer gefunden, in dem Artikel, der 2012 in der NPD-Zeitschrift „Eichsfeld-Stimme“ erschien. Der Autor war Landolf Ladig.

Ladig 2012 und Höcke 2013, da dachte ich: Upps, da ist ein Zusammenhang. Zumal in dem Artikel von Ladig auch Höckes Wohnhaus in dem 300-Einwohner-Dorf Bornhagen auftauchte.

Mir war nicht sofort klar, dass Ladig und Höcke identisch sind. Aber je weiter ich recherchierte, desto deutlicher wurde: Höcke hat diese Texte geschrieben.

Wenn Höcke Ladig ist, warum hat er ein Pseudonym benutzt? Höcke sagt heute öffentlich Dinge, die offen rechtsextrem sind.

Er ist jetzt auch Landtagsabgeordneter, damals war er nur verbeamteter Geschichtslehrer. Was er jetzt sagt, sagt er nicht als Geschichtslehrer, sondern als Politiker der AfD. Als Beamter ist er ja beurlaubt. Für Lehrer gilt ein Mäßigungsgebot.

„Beamtinnen und Beamte müssen sich durch ihr gesamtes Verhalten zu der freiheitlichen demokratischen Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes bekennen und für deren Erhaltung eintreten.“ Beamtenstatusgesetz, §33

Ein älterer Freund von Höcke, der Lehrer Heiner Hofsommer, musste seinen Job an den Nagel hängen, weil die Eltern und die Schüler und Schülerinnen nicht mehr bereit waren, dessen rassistischen Äußerungen zu ertragen. Er ist quasi abgesetzt worden. Das wusste Höcke, und er dachte sich wohl, wenn er nicht aufpasst, wird er entlassen wie Heiner Hofsommer.

Du sagst „der ältere Freund“. Woher weißt du, dass die beiden befreundet sind?

Das haben beide öffentlich behauptet.

Hier etwa ein Nachruf von Höcke auf Hofsommer.

Hat Höcke selbst etwas zum Verhältnis zwischen Beamtentum und politischer Karriere gesagt?

Offiziell nicht. Aber Dieter Stein, der die Zeitung Junge Freiheit herausgibt, soll Höcke laut eigener Aussage bei einem Treffen („Stimme der Mehrheit“) in Hessen im Jahr 2007 vorgeschlagen haben, für die Junge Freiheit zu schreiben. Wenn er das mache, habe Höcke geantwortet, dann nur unter Pseudonym.

Es gibt doch dieses Video von Höcke in Dresden bei einem Neo-Nazi-Aufmarsch in Dresden, wann war das?

Das war 2010.

https://www.youtube.com/watch?v=2Uapak_-UdE

Da gab es die AfD noch gar nicht.

Genau.

Höcke hat damals wahrscheinlich nicht damit gerechnet, dass dieses Video jemals irgendwo auftaucht.

Genau. Genauso bei den Landolf-Ladig-Texten. Es war ja 2011/12 noch nicht absehbar, dass da diese neue Partei auftaucht und er Fraktionschef im Landtag wird. Aber dann ging alles ziemlich schnell mit der AfD.

Gehen wir noch stärker in die Details. Was spricht dafür, dass Höcke Ladig ist?

Zwei Dinge habe ich ja schon genannt: einen sehr seltenen identischen Begriff und das Haus von Höcke, das in einem Ladig-Text auftaucht. Es kann natürlich sein, dass Ladig ein Kumpel von Höcke ist.

Aber dann gibt es noch einen weiteren Begriff, „aufpotenzierende Krisendynamiken“, den ich bei Landolf Ladig gefunden habe. Man muss wissen: Ladig hat nur zehn Seiten Text geschrieben (und davon zwei Seiten komplett plagiiert aus einer Bundeswehrstudie – die muss man abziehen). Der Begriff „aufpotenzierende Krisendynamiken“ ist an sich auch nichts Schlimmes, aber wenn man ihn googelt, dann kommt er noch in einer Rede von Björn Höcke vor, und sonst nirgendwo. Also haben wir schon zwei Begriffe, die nur Björn Höcke und Landolf Ladig verwenden.

Die Rede hielt Höcke bei einem der Kyffhäuser-Treffen des rechtsextremen Teils der AfD. Hier das Transkript.

Dann spricht Ladig davon, dass man unbedingt ein bestimmtes Buch von einem Engländer lesen muss, er nennt es Genius der Deutschen. Zwei Jahre später empfiehlt auch Björn Höcke das Buch, nennt es Genius der Deutschen. Dabei heißt das Buch ein wenig anders. Es heißt: Der deutsche Genius. Das heißt, Ladig und Höcke haben sich in derselben Form vertan.

Das Buch erschien 2010 im Bertelsmann Verlag. Die Kritiken waren grundsätzlich positiv. Was Höcke und andere Rechte an dem Buch reizen dürfte: Der Autor Peter Watson öffnet das Tor zur deutschen Geschichte: „[Es ist] das Argument dieses Buches, es sei an der Zeit, weiter zurückzuschauen als auf Hitler und den Holocaust. Deutschland hat mehr zu bieten als das Dritte Reich. Vom Glanz Johann Sebastian Bachs bis zur Theologie des gegenwärtigen Papstes sind wir umgeben von Ideen deutschen Ursprungs.“

Das Unterfangen von Watson ist sicherlich verdienstvoll, aber für die AfD geht es um mehr, um das komplette Umdrehen unserer Erinnerungskultur. Wie man auf den Geschichtsrevisionismus der AfD reagieren kann, habe ich hier beschrieben.

Dann gibt es noch einen Leserbrief, den Höcke 2008 an die Junge Freiheit geschickt hat und der dort auch veröffentlicht wurde. Der ganze Leserbrief tauchte später in einem Artikel von Landolf Ladig auf.

Den Leserbrief findet man noch hier.

Und dann gibt es noch eine ganze Reihe von Begrifflichkeiten, die sehr selten sind, Entelechie, Homöosthase, Perturbation, Entropie, Vernutzung, die sowohl bei Björn Höcke vorkommen als auch bei Landolf Ladig.

Höcke ist seit 2008 ein Bekannter von Thorsten Heise – Thorsten Heise hat ihm beim Umzug geholfen, als er ins Eichsfeld gezogen ist, und alle Ladig-Texte sind bei Thorsten Heise erschienen.

Landolf Ladig gibt es übrigens seit 2013 nicht mehr. Seit Höcke in die Politik gegangen ist, hat Landolf Ladig aufgehört.

Der damalige AfD-Vorsitzende Bernd Lucke hatte Björn Höcke aufgefordert, mich anzuzeigen, damit gerichtlich geklärt werden kann, ob er Landolf Ladig ist oder nicht. Da hat sich Björn Höcke geweigert. Dabei hat Höcke zig Anzeigen gemacht und zahlreiche Prozesse geführt. Eigentlich müsste er jetzt den Verfassungsschutz anzeigen.

Die Indizienfülle ist so dicht – da kann Höcke nicht raus. Deswegen sage ich: Er ist Landolf Ladig.

Andreas Kemper wurde 1963 als Sohn zweier Textilarbeiter geboren, Studium an der Universität Münster, Journalist und Doktorand. Themenschwerpunkte: Klassismus, neue Rechte, Maskulinisten.

Trotzdem mal Hand aufs Herz: Was spricht denn gegen deine These?

Nichts. (lacht). Ich wüsste jedenfalls nichts, was dagegen sprechen soll.

Thorsten Heise hat einmal einen älteren Herren präsentiert, der angeblich Landolf Ladig sein soll. Dafür spricht aber tatsächlich nicht viel.

Ladig-Höcke, das ist ja nur ein Aspekt. Welche anderen Bezüge hat Höcke ins rechtsextreme Milieu?

Ich finde verdächtig, dass Björn Höcke ganz viele Begrifflichkeiten benutzt, die auch im Manifest der Dresdner Schule vorkommen. Die Dresdner Schule ist eine Idee des NPD-Kaders Jürgen Gansel, der zehn Jahre lang für die NPD im Landtag in Sachsen saß. Gansel hat von Anfang der 1990er bis Ende 2000 in Gießen und Marburg Geschichte studiert und war in dieser Zeit auch Chef der jungen Landsmannschaft Ostpreußen. Björn Höcke hat ebenfalls von Anfang der 90er Jahre bis 2000 in Gießen und Marburg Geschichte studiert.

Höckes Eltern und Großeltern waren wirklich fanatische Ostpreußen. Konkret bedeutet das: Auf Todesanzeigen gibt es dann kein christliches Kreuz – so wie man das kennt – sondern das Wappen der Landsmannschaft Ostpreußen. Es ist in jedem Fall klar, dass Björn Höcke etwas mit der jungen Landsmannschaft Ostpreußen zu tun hatte, zumal er ja 2010 noch auf dieser Dresdner Nazidemo war, die angemeldet wurde von der jungen Landsmannschaft Ostpreußen beziehungsweise Ostdeutschland heißt die heute, weil sie ihren Namen ändern mussten. Jürgen Gansel und Björn Höcke haben sehr wahrscheinlich miteinander zu tun, das heißt, Björn Höcke ist wahrscheinlich schon seit den 1990er Jahren Teil des NPD-Milieus.

Ein interessanter Gedanke von Kemper zu dieser Dresdner Rede, in der Höcke eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ forderte: „Höcke hat seine Dresdner Rede genau an dem Tag gehalten, an dem sich das Verfassungsgericht zum NPD-Verbot geäußert hat. Für Björn Höcke war an dem Tag noch nicht klar: Wird die NPD verboten oder nicht? Und ich denke, er ist deswegen nach Dresden gegangen, um dann zu sagen, die NPD ist die Heimatpartei und die AfD ist die neue Heimatpartei. Um dann die ganzen Volksgenossen quasi in die AfD reinzuholen. Und deswegen war die auch ein bisschen radikaler, die Rede. Die AfD sollte die neue Heimat-Partei werden.“

Der Verfassungsschutz wertet deine Argumentation als „nahezu unbestreitbar“. Hat der dich irgendwann mal kontaktiert?

Nein, nicht dass ich es mitbekommen hätte zumindest.

Eine Sache ist mir noch wichtig. Selbst wenn Höcke gar nicht Ladig wäre, würde das inhaltlich kaum noch einen Unterschied machen. Was Höcke inzwischen sagt, ist ganz nah dran an Ladig, das heißt: Höcke geht es darum, eine ganz neue Welt zu schaffen. Die ganze Welt soll aufgeteilt werden in „kulturidentische Großräume“. Das wird, laut Höcke, von Deutschland aus gehen, wenn die AfD an die Macht kommt.

Viele dieser Gedanken äußert Höcke in seinem jüngsten Buch „Nie zweimal in denselben Fluss“.

Es werde ein großes Re-Migrationsprojekt geben, das heißt, der Islam werde hinter den Bosporus zurückgedrängt. Höcke sagt wortwörtlich: Das wird grausam werden. Das wird gegen unsere gängigen Moralvorstellungen verstoßen. Es wird abgerechnet werden mit denen, die dem „Volksverrat“ zustimmen. Es wird eine neue Geschlechterpolitik gefahren, Geschlechterkultur, wo dann Männer wieder wehrhaft sein müssen. Und Frauen intuitiv und sanftmütig und hingebungsvoll. Höcke entwickelt eine Ideologie, die an sich schon faschistisch ist.

Redaktion: Christian Gesellmann; Schlussredaktion: Vera Fröhlich.