© Sandra Hoyn

Sterbehilfe

Noch 26 Tage

Fotoessay von Sandra Hoyn
etwa 9 Min. Lesedauer

Dieser Text soll keinesfalls für Suizid als Weg zur Bewältigung von Problemen werben, sondern das Schicksal einer Frau aufzeigen. Bitte sprecht mit anderen Menschen darüber, wenn ihr an Selbstmord denkt. Hier gibt es Hilfsangebote, ihr könnt anonym bleiben. Ruft dort an, schreibt eine E-Mail oder nutzt die Möglichkeit zum Chat oder zum persönlichen Gespräch.


„Psychisch gesunde Menschen haben keine Ahnung von den Schmerzen in meiner Seele“, sagt Aurelia. In den Niederlanden, wo sie lebt, ist Euthanasie seit 2002 erlaubt. Jedes Jahr beenden dort mehrere tausend Menschen ihr Leben und werden dabei legal von einem Arzt unterstützt, weil ihre Schmerzen unerträglich sind und es keine Chance auf Heilung gibt.

Sandra Hoyn, geboren 1976, ist eine deutsche Fotografin und lebt in Hamburg. Sie hat den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf gesellschaftliche Tabuthemen gelegt und ist für ihre Fotoserien unter anderem mit dem Sony World Photography Award, dem World Press Photo Award, dem Magnum Photography Award sowie dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet worden. Wir haben mit Sandra über die Entstehung der Fotos von Aurelia gesprochen und warum sie dieses Thema ausgewählt hat. Hier geht es zu dem Newsletter
mit den Hintergründen zu „Noch 26 Tage“.

Wann ist ein Leid zu groß, um damit zu leben?

Aurelia ist körperlich gesund, sie könnte noch lange weiterleben. Aber sie leidet an schweren psychischen Erkrankungen. Sie hat (neben anderen chronischen Krankheiten) das Borderline Syndrom, Depressionen, dissoziative Störungen. Seit ihrem 21. Lebensjahr hat sie mehrmals versucht, Selbstmord zu begehen. Sie sagt: „In meinem Kopf ist ein Monster, das mich mit hundert Messern sticht.“ Sie hat alle möglichen Behandlungen und Therapien gemacht. Aber das Monster wächst immer weiter. Sie sagt: „Ich würde gerne leben, aber ich will nicht mehr leiden.“

Dissoziative Störungen werden als Oberbegriff für sehr unterschiedliche Krankheitsbilder verwendet, die isoliert oder kombiniert vorkommen. Dazu zählt zum Beispiel die „dissoziative Amnesie“. Es handelt sich dabei um Erinnerungslücken an bestimmte Lebensereignisse oder Lebensphasen. Ein weiteres Phänomen ist die „dissoziative
Fugue“. In diesem Zustand entfernen sich die Betroffenen plötzlich und unerwartet aus der gewohnten Umgebung, können sich aber später nicht mehr daran erinnern. Im Zustand des „dissoziativen Stupors“ bewegen sich die Betroffenen kaum oder gar nicht mehr. Sie sprechen fast nicht, sind völlig inaktiv, reagieren nicht mehr, essen und trinken nicht. Von „Depersonalisation“ ist die Rede, wenn das eigene Selbst als verändert, entfremdet und unwirklich wahrgenommen wird. Das eigene Tun erscheint automatenhaft. Bei der „Derealisation“ wird die Umwelt als unwirklich und fremd wahrgenommen. Auch „dissoziative Krampfanfälle“ zählen zu den vielfältigen Erscheinungsformen. Sie können epileptischen Anfällen, Ohnmachten oder Wutanfällen ähneln und mit Missempfindungen einhergehen. (Auszug aus: Ärzteblatt 8/2004. Hier findest du den vollständigen Artikel als PDF)

Euthanasie ist in den Niederlanden für psychisch Kranke legal. Aber Ärzte erlauben es nur in wenigen Fällen. „Es ist mein Leben, mein Schmerz, meine Entscheidung, mein Tod. Wenn Menschen mit Krebs sterben dürfen, warum nicht auch ich?“, fragt Aurelia.

In den Medien wird nur in Ausnahmefällen über Selbstmord berichtet, und zwar aus einem guten Grund: um weitere Selbstmorde zu verhindern. Aurelia sagt, sie will nicht auslösen, dass andere Menschen sich selbst umbringen. Sie will, dass diejenigen, die ihr Leben wirklich wegen des Leidens beenden wollen, die Chance bekommen, selbstbestimmt und unterstützt von einem Arzt zu sterben. Nicht allein, nicht nach einer selbstgemischten Überdosis, nicht nach einem Sprung vor den Zug oder vom Hochhaus. Sondern daheim, im eigenen Bett, umgeben von ihren Lieben. In Würde.

In den Niederlanden entsendet die Levenseindekliniek (Lebensende-Klinik) mobile Teams für die ambulante Sterbehilfe. Aurelia hat dort 2012 zum ersten Mal die Erlaubnis zum Sterben beantragt.

In Deutschland wurde am 6. November 2015 ein Gesetz zur „Strafbarkeit der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung” beschlossen. § 217 des Strafgesetzbuches verbietet demnach die Geschäftsmäßigkeit jeglicher Beteiligten eines Suizides – ob Patient, Arzt oder Angehörige. Der Terminus „geschäftsmäßig” ist jedoch sehr unbestimmt gefasst und wird von verschiedenen Seiten kritisiert. Rein juristisch deutet er auf eine Wiederholung des Tuns hin. Sobald also eine Regelmäßigkeit vorliegt, wird das als Geschäftsmäßigkeit gewertet. Sterbehilfe ist nicht nur in den Niederlanden, sondern auch in Luxemburg und Belgien erlaubt. In der Schweiz gibt es zudem das Konzept des Freitods, das Recht auf Selbstmord unter bestimmten Umständen. Unsere Schweizer Reporterin Sonja Gambon erklärt in diesem Artikel , wie in ihrer Heimat damit umgegangen wird.

Sie wird zunächst abgelehnt, weil sie noch nicht alle Behandlungsmöglichkeiten ausprobiert hat. Sie spricht mit Ärzten und Psychologen, füllt Formulare aus, sieht ihre Krankenakte ein. Und sie geht an die Öffentlichkeit.

„Was ist der Unterschied zwischen einem unheilbar kranken Patienten, der den Schmerz seiner physischen Krankheit nicht mehr ertragen kann, und einem unheilbar kranken Patienten, der den Schmerz seiner psychischen Krankheit nicht mehr ertragen kann?“

Für Aurelia wird diese Frage zur Mission. Sie bloggt, postet in Selbsthilfegruppen bei Facebook, twittert, tritt im Fernsehen auf. Sie will ihre Geschichte erzählen, Bewusstsein schaffen und hofft, mehr Verständnis für Euthanasie bei psychisch kranken Patienten zu schaffen.

Am 31. Dezember 2017 erhält Aurelia einen Anruf von der Klinik: In 26 Tagen darf sie sterben.

Die Ärzte haben bescheinigt, dass Aurelias Kampf um Heilung ohne Aussicht auf Erfolg ist. Nicht jeder mit dem Wunsch nach Euthanasie erhält sie. Die Mehrheit wird abgelehnt. Die Klinik, die den Antrag von Aurelia bewilligte, lehnte 614 der 679 Anträge von psychisch Kranken ab, die im Jahr 2017 gestellt wurden.

Wenige Tage später fahre ich zu ihr in die Niederlande. Die letzten drei Wochen ihres Lebens verbringen wir zusammen.

„In meinem Kopf ist ein Monster, das mich mit hundert Messern sticht. Ich kämpfe 24 Stunden am Tag damit, mich nicht selbst zu verletzen. Das Einzige, woran ich denke, ist, dass es bald vorbei ist!“

In sozialen Medien und auf ihrem eigenen Blog kämpft Aurelia für die Euthanasie von psychiatrischen Patienten, deren Leiden unerträglich und hoffnungslos sind. Sie betrachtet dies als ihr ultimative Aufgabe in den letzten Wochen ihres Lebens.

„Ich bin die Königin der Pillen“, lacht sie. Aurelia muss täglich mehr als 20 Tabletten einnehmen, aber sie nimmt selten alle. Sie sammelt welche für den Fall, dass sie Selbstmord begehen will.

„Nachdem ich mir wehtue, habe ich weniger körperliche Schmerzen. Also verletze ich mich immer öfter.“ Aurelia liegt auf dem Küchenboden, nachdem sie sich Deodorant in die Augen gesprüht hat. „Was du siehst, ist nicht mehr Aurelia. Das bin nicht ich. Das ist nur meine Krankheit!“

„Ich will seit acht Jahren sterben. Der 26. Januar wird mein Tag sein!“ #finallypeace schrieb sie einige Tage vor ihrem Tod auf ihrem Blog.

Aurelia liegt lachend auf ihrem Bett. „Ich kann lieben und Spaß haben, aber ich kann nicht ohne Schmerzen leben. Ich mag immer noch Musik, bin gern mit Freunden zusammen, genieße meine Hobbys. Die Leute denken, wenn ich noch genießen kann, dass ich auch leben kann, wenn ich nur will. Aber das ist nicht wahr. Ich lebe nicht, ich überlebe!“

„Ich möchte mit meiner Geschichte Menschen nicht zum Selbstmord anregen. Aber ich will das Tabu darüber brechen und ich will, dass die Leute versuchen zu verstehen. Psychisch gesunde Menschen haben keine Ahnung von den Schmerzen in meiner Seele. Meine Krankheit ist nicht anders als eine körperliche Krankheit. Ich werde überbehandelt, es gibt keine Hoffnung mehr. Ich will mein Leiden beenden, ich will nur in Würde sterben.“

Aurelia sitzt im Krematorium. Sie will es aus der Perspektive ihrer Gäste sehen. Dies ist Teil ihres Prozesses zu akzeptieren, dass ihr Tod näher rückt.

Sie trägt eine Halskette mit einer „Nicht Wiederbeleben“-Medaille. Aber Rettungskräfte ignorieren sie. „Weißt du, was das Erste ist, was sie zu mir sagen, wenn ich wieder bei Bewusstsein bin? Du warst ein glückliches Mädchen, du hast überlebt.“

Aurelia schläft auf der Couch.

Aurelia holt ihre Haare aus einem Plastikbeutel. Eines Tages wachte sie auf und stellte fest, dass sie sich nachts die Haare abgeschnitten hatte, als sie in einem dissoziativen Zustand war.

„Ich bin sehr destruktiv, nicht nur für mich selbst. Darauf bin ich nicht stolz.“

Aurelia lacht im Garten. Es gehört zu ihrer Krankheit, dass sich ihre Stimmung plötzlich ändert.

Aurelia hört Musik.

Aurelia liest ihre Nachrichten am Computer. „Ich habe auf Facebook geschrieben, dass ich bald zu meiner toten Mutter gehen werde. Jemand hat kommentiert: ‚Du gehst nicht zu deiner Mutter, du gehst zur Hölle!‘ Ich dachte: Warum sagst du so böse Dinge zu mir, wenn du so religiös bist? Ich bin evangelisch. Ich weiß, dass Gott mich liebt. Gott ist Liebe. Ich glaube nicht an die Hölle, sie existiert nicht. Ich glaube, dass Gott mich mit offenen Armen empfangen wird. Hölle? Das ist es, was die Erde für mich bedeutet.“

Aurelia geht nachts spazieren. „Ich gehe irgendwo hin, um meinen Kopf frei zu kriegen, aber ich verliere mich leicht. Wenn ich in einem dissoziativen Zustand komme, werde ich verwirrt und vergesse, wie ich wieder nach Hause komme. Dann lege ich mich irgendwo schlafen, bis jemand die Polizei ruft, um mich nach Hause zu bringen.“

Aurelia liegt mit dem Stofftier Dido auf der Couch. Sie hat Schlafprobleme. Manchmal bleibt sie mehr als zwei Tage lang wach. Sie bekommt Alpträume, wenn sie schläft. Normalerweise verletzt sie sich nachts selbst.

Aurelia liest eine Nachricht auf Facebook von jemandem, den sie nicht kennt. Sie lächelt, weil er eine Kerze anzünden und sein Profilbild auf Facebook für sie am Tag ihres Todes ändern will.

Aurelia liegt mit ihrem Stofftier Dido im Sarg. Das Abschiednehmen war für sie das Schwierigste: „Was hat man sich zu sagen, wenn man sich das letzte Mal sieht? Auf Wiedersehen? oder: Ich komme dich als Geist besuchen?“


Dieser Artikel ist in Kooperation mit emerge entstanden. emerge ist ein unabhängiges, mehrfach ausgezeichnetes Onlinemagazin für jungen Fotojournalismus. Mit dem Visual Journalism Grant vergibt emerge zudem eine jährliche Projektförderung für junge Fotograf*innen und bietet in der angeschlossenen Akademie Weiterbildungen im Bereich Bildredaktion an.

Dieser Text soll keinesfalls für Suizid als Weg zur Bewältigung von Problemen werben, sondern das Schicksal eines Menschen aufzeigen. Bitte sprecht mit anderen Menschen darüber, wenn ihr an Selbstmord denkt. Hier gibt es Hilfsangebote, ihr könnt anonym bleiben. Ruft dort an, schreibt eine E-Mail oder nutzt die Möglichkeit zum Chat oder zum persönlichen Gespräch.

Redaktion: Christian Gesellmann; Bildredaktion: Martin Gommel; Fotos: Sandra Hoyn; Schlussredaktion: Vera Fröhlich.

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