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Schleichwege zur klassischen Musik, Folge 3

Acht Stücke für Menschen, die Klassik zum ersten Mal richtig hören wollen

etwa 6 Min. Lesedauer

In Folge 2 dieser Serie habe ich geschrieben, dass klassische Musik interpretiert werden will. Ich gebe dir bei den folgenden Musikstücken je eine kleine Metapher, einen Satz, eine Idee, einen Begriff mit. Das hilft dir, dich dem Stück zu nähern. Dann spielst du das Stück (oder einen Ausschnitt daraus) direkt auf deinem Computer oder Smartphone ab (es gibt YouTube-Links für alles). Denke an die Metapher, während du die Musik hörst. Aber vergiss nicht: Die meiste Musik handelt nicht von etwas Bestimmtem, und meine Metapher ist persönlicher Natur, deine könnte eine ganz andere sein.

Denk dir die Metapher als Leiter, die man wegwirft, wenn man hochgeklettert ist. Genau darum geht es mir. Meine Sätze sind eigentlich unsinnig, und wenn man den Einstieg geschafft hat, braucht man sie nicht mehr. Aber als Hilfe für den Anfang ist die Leiter gut. Fangen wir an!

1. Reinplatzen mit Bach

Bach gehört nicht zur Klassik, sondern zu der Epoche davor, dem Barock. Seine Musik ist 250 Jahre alt, und da besteht dann die Gefahr, sie sehr gediegen zu spielen, sie vorsichtig und respektvoll anzugehen, wie ein Exponat im Museum. Das muss man aber nicht. In dem Hörbeispiel geht es darum wie unterschiedlich das gleiche Stück gespielt werden kann.

Während die erste Variante relativ gediegen klingt, wird bei der zweiten mit Schwung in den Raum gespielt. Achte nur mal darauf, wie in den ersten zehn Sekunden die Hörner klingen. In der zweiten Variante platzen sie förmlich herein.

Variante 1:

https://www.youtube.com/watch?v=zIK0P7py6XU

Variante 2:

https://www.youtube.com/watch?v=xoVmMYJwfsc

Hast du einen Favoriten? Es gibt hier kein Richtig und Falsch, aber schon hier kannst du hören, dass diese Musik interpretiert wird und das gleiche Stück immer wieder anders klingen kann. (Deshalb ist es für Klassikkenner auch so wichtig zu wissen, welches Orchester, welcher Dirigent, und welcher Solist spielt.)

2. Herauswachsen mit Haydn

Viel klassische Musik besteht aus mehreren Stücken, die nacheinander gespielt werden, mit kurzen Pausen dazwischen (in denen nicht geklatscht wird). Diese einzelnen Stücke heißen Sätze, und die Kenner rümpfen die Nase, wenn man sich nur einzelne anhört statt des ganzen Konzerts (aber wir lassen sie jetzt mal rümpfen). Meist folgt auf einen schnellen ersten ein langsamer zweiter Satz. So auch in diesem Beispiel von Joseph Haydn.

Wir hören den langsamen Satz aus seinem ersten Cellokonzert. Erst spielt das Orchester ein kleines Vorspiel, und dann kommt der Solist zum Zuge: Das Cello bekommt aber keinen knalligen Auftritt. Das Cello wächst ganz langsam aus dem Orchester heraus. Das passiert bei 10:01. Erst hört man es gar nicht, dann zieht sich das Orchester zurück und macht Platz, damit das Cello die Melodie wiederholen kann, die das Orchester schon angekündigt hat. Bei 10:37 passiert das Gleiche nochmal, aber dann kennen wir es schon.

https://youtu.be/yVq6bLpHSoE?t=546

3. Hinauszögern mit Schubert

Schuberts Klaviertrio Nr. 2: Das Thema könnte „Zögern und Verführen“ heißen. So jedenfalls hat Stanley Kubrick diese Musik interpretiert und eine berühmte Filmszene quasi nach Schuberts Musik gestaltet (mit nur kleinen Eingriffen in die Musik). In seinem Film „Barry Lyndon“ verführt der Hochstapler Redmond Barry beim Kartenspiel die sehr wohlhabende Adlige Lady Lyndon. Die Szene zögert es hinaus, wie Schuberts Musik:

https://www.youtube.com/watch?v=KkJZOxqB-qk

4. Verkorkste Kindheit mit Mahler

Der dritte Satz von Gustav Mahlers erster Sinfonie beginnt unvermittelt mit der Melodie von „Bruder Jakob“, aber in Moll, gespielt von einem einsamen Kontrabass. Mahler sagt uns: Das Kinderlied ist eigentlich ein Trauermarsch. Deine Kindheit war eine Katastrophe, die nur darauf wartet einzutreten. Es gibt da Traumata, die du nicht verwunden hast. (PS: Mahler lag bei Freud persönlich auf der Couch.)

Bei 2:48 beginnt eine der schönen Stellen, die bereits bei 3:14 umkippt. Da guckt der Teufel um die Ecke. Bei 3:30 unternimmt Mahler einen weiteren Anlauf für eine schöne Stelle, bei 3:59 wird die Melodie aber schon wieder unterbrochen. Hier kann man es schön hören: Bei Mahler ist dem Frieden nicht zu trauen, du kannst verdrängen wie du willst, deine ungelösten Probleme werden wiederkehren. Selbst in den schönsten Momenten guckt immer der Teufel um die Ecke:

https://www.youtube.com/watch?v=U5A5tFyXQio

5. Gleich geht’s los mit Bacewicz
Wo sind die Komponistinnen? Wie durchweg in der westlichen Kunstgeschichte wurden Frauen von ihren Männern untergebuttert. Frauen mussten sich um die Familie kümmern, während der Hausherr genial sein durfte. Glücklicherweise ändert sich das. Als Zeichen dafür hier der erste Satz des Konzerts für Streichorchester der polnischen Komponistin Grażyna Bacewicz (von 1948).

Dieses Stück ist ein großartiges Werk, das fast fünf Minuten lang sagt: Mach dich bereit, gleich passiert etwas Großes! Nebenbei funktioniert diese Musik auch bei Kleinkindern sehr gut – insbesondere, wenn man sich gemeinsam das Video anguckt, wobei man auch noch Gelegenheit hat, die Namen der Instrumente zu wiederholen:

https://www.youtube.com/watch?v=0icWbBto2jo

6. Rhythmus mit Adams

Der Amerikaner John Adams gibt seinem Stück den Titel „Short Ride in a Fast Machine“ und überlässt es also nicht ganz unserer Fantasie, worum es dabei geht. Adams komponierte dieses Stück 1986, also lange nach dem angeblichen Ende der tonalen Musik Anfang des 20. Jahrhunderts. Und obwohl Adams durchaus tonal komponiert hat, geht es in Short Ride weniger um schöne Harmonien als um Rhythmus.

Das Stück ist in meiner kleinen, sehr willkürlichen Musikauswahl auch dabei wegen der geradezu didaktischen Fernsehregie der BBC. Bei der Aufzeichnung waren so viele Kameras dabei, dass sie jederzeit ganz genau zeigen können, welches Instrument gerade was spielt. Die Energie, die John Adams, hier dirigiert von der fabelhaften Marin Alsop, in wenigen Sekunden auslösen kann, ist beeindruckend:

https://www.youtube.com/watch?v=5LoUm_r7It8

7. Jetzt bist du dran: Un-suk Chin

Un-suk Chin ist eine koreanische Komponistin, die in Berlin lebt. Es ist sehr schwer, etwas Konkretes über ihre Musik zu schreiben. Aber genau deswegen ist sie in dieser Liste. Bei Chins Musik müsst ihr die Leiter wegwerfen, auf der ihr hochgeklettert seid. Ein bisschen experimentierfreudig sein. Und keine Angst haben.

Welche Gedanken kommen dir beim Hören? Welche Gefühle? Was hast du nach den ersten Tönen erwartet? Höre dir den vierten Satz ihres Klavierkonzerts (von 1996 bis 1997) ruhig zwei Mal an, auch wenn es erstmal schwerfällt:

https://www.youtube.com/watch?v=9WrpP99BwJ4

8. Eine schwierige Aufgabe meistern mit Bach

Zum Schluss gehen wir noch mal an den Anfang zurück: Ein Werk, das Bach für die Orgel geschrieben hat, spielt der Isländer Víkingur Ólafsson auf dem Klavier. Das ist okay – insbesondere bei Bach findet man diese sogenannten Bearbeitungen, bei denen ein Stück auf ein anderes Instrument übertragen wird. Dieses Stück handelt für mich vom Hochsteigen der Leiter.

In Bachs Orgelsonate Nr. 4 (komponiert zwischen 1727 und 1732) meistern wir gemeinsam eine schwierige Aufgabe. Erst erfahren wir, worin unsere Aufgabe besteht (vom Anfang bis 0:14). Dann stellen wir fest, dass das alles komplizierter ist, als wir dachten (von 0:14 bis 0:42), wir probieren verschiedene Lösungsansätze aus. Bei 1:09 brauchen wir schon mehr Kraft, weil die Aufgabe wirklich schwer ist. Bei 1:33 erleben wir einen Rückschlag, es scheint plötzlich bergab zu gehen. Wir halten inne und versuchen es bei 2:00 noch einmal mit mehr Einsatz. Und noch einmal bei 3:08.

Bei 3:32 scheint es wieder bergab zu gehen, aber das ist jetzt nicht mehr schlimm, wir wissen jetzt, dass auch schlimme Krisen letztlich vorbeigehen. Also können wir (bei 3:59) mit aller Kraft die letzte Etappe in Angriff nehmen. Bei 4:45 erinnern wir uns an den Anfang unserer Reise, kurz vor dem Ziel zögern wir (bei 5:01) noch einmal, zögern das Ende unserer Reise noch einmal kurz hinaus, bis wir endlich ganz oben sind und die Leiter nicht mehr brauchen.

https://www.youtube.com/watch?v=6mymWYonUUs


Redaktion: Rico Grimm; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel.