©️ Stefanie Oemisch

Rechtsextremismus

Nach 100 Jahren ist die „Dolchstoßlegende“ wieder zurück

von Stefanie Oemisch
etwa 11 Min. Lesedauer

Schon öfter, wenn ich in diesem Jahr meinen Twitter-Feed gelesen habe, bin ich auf diesen seltsamen Begriff gestoßen, auf ein altmodisch klingendes Wort, das aber plötzlich wieder sehr in Mode zu sein scheint: Dolchstoßlegende. Mesut Özils vermeintliche Schuld am Ausscheiden aus der Fußball-WM: Dolchstoßlegende. Angela Merkels angebliches Öffnen der Grenze für Flüchtlinge: Dolchstoßlegende. Und auch Hans-Georg Maaßens Versetzung in den Ruhestand, nachdem ihn angeblich die „linken Kräfte“ boykottiert haben: Dolchstoßlegende.

Christoph Lauer, der mal für die Piratenpartei im Berliner Abgeordnetenhaus saß und jetzt SPD-Mitglied ist, benutzt ihn:

Der Grünen-Innenpolitiker Konstantin von Notz dürfte den Begriff mit diesem Tweet sehr populär gemacht haben:

Aber inzwischen benutzen sogar Rechte den Begriff wieder ganz ungeniert:

Das hat mich stutzig gemacht. Klar: Das Wort habe ich schon mal gehört. Früher in der Schule, elfte Klasse bei Herrn Hahl. Er war damals mein Lehrer im Leistungskurs Geschichte und versuchte, uns den sperrigen Begriff so anschaulich wie möglich zu erklären. Darin war Herr Hahl immer besonders gut: im Erklären. Statt uns, wie andere Geschichtslehrer, stupide Daten und Fakten auswendig lernen zu lassen, ermutigte er uns immer zum selbstständigen Denken, zum Hinterfragen des Dargebotenen, zum Kontextualisieren. Zum Beispiel zu der Frage: Was hat die Historie mit den Geschehnissen von heute zu tun?

Ich mochte Herrn Hahl. Von ihm habe ich gelernt, nicht alles zu glauben, was User im Internet schreiben. Vielleicht ist er deshalb auch ein Lehrer, zu dem ich bin heute noch einen guten Kontakt habe. Aus „Herrn Hahl“ wurde einfach „Volker“. Und als ich kürzlich über die Dolchstoßlegende nachdachte, fiel Volker mir wieder ein. Ich beschloss, ihn bei einem Kaffee nach der Wiedergeburt dieses Begriffs zu fragen. Wenn das jemand erklären kann, dann er.


Hallo Volker, kommen wir gleich zur Sache. Was war die Dolchstoßlegende?

Einordnen kann man den Begriff in die Zeit um das Ende des Ersten Weltkriegs. Die Befehlshaber waren damals die Oberste Heeresleitung, die für den Kaiser den Krieg führten. Der Erste Weltkrieg verlief für die deutschen Truppen zunächst sehr erfolgreich. Das änderte sich aber mit dem Kriegseintritt der USA 1917. Ab dem Moment war klar, dass die Deutschen den Krieg nicht mehr gewinnen können. Der Obersten Heeresleitung spielte in die Karten, dass die Truppen komplett außerhalb Deutschlands kämpften und kein einziger feindlicher Soldat in Deutschland war. Durch die Propaganda dachte die deutsche Bevölkerung deshalb, dass die Truppen sehr erfolgreich kämpften. An ein Verlieren des Krieges dachte niemand.

Gleichzeitig bildeten sich in Deutschland linke Gruppierungen. Das waren kriegsmüde Menschen, die an der Revolution in Russland gesehen hatten, dass man etwas verändern kann. Die wollten den Krieg beenden und den Kaiser loswerden. Das führte natürlich zu Diskussionen und destabilisierte die Lage. In dem Moment, als die Oberste Heeresleitung erkannte, dass es eine große Opposition gibt, wurde das Narrativ verbreitet, die „Sozialisten“ hätten die Moral der Soldaten untergraben und so dafür gesorgt, dass die Soldaten Befehle verweigerten und der Krieg verloren ging.

Und was ist daran jetzt die Dolchstoßlegende?

Die Oberste Heeresleitung schaffte es auf diese Weise, die Schuld am verlorenen Krieg von sich zu weisen – und damit auch die Verantwortung. Sie sagten: „Wir sind nicht schuld, wir waren bisher ungeschlagen, alle feindlichen Soldaten sind außer Landes. Aber jetzt kommen die Sozen und untergraben die Moral der Soldaten, sodass die nicht mehr kämpfen und sogar einen Aufstand und eine Revolution anfangen!“ Das ist sozusagen der Dolch, der in den siegreichen Soldaten gestoßen wurde.

Für die Bevölkerung war das ein Schock, die dachten, Deutschland gewinnt den Krieg. Deshalb fiel der Versuch der Heeresleitung, die Schuld von sich zu weisen, auf fruchtbaren Boden. Und das führte nach dem Ersten Weltkrieg dazu, dass die Weimarer Republik zu Beginn sehr gespalten war. Es gab im politischen Spektrum die Kommunisten, die Mitte und die extrem Rechten. Die Dolchstoßlegende führte dazu, dass die Rechten in der Weimarer Republik sehr viel Auftrieb und Zulauf aus der Mitte der Bevölkerung bekamen.

Das Kapitel zur Dolchstoßlegende aus meinem alten Geschichtsbuch.

©️ Stefanie Oemisch

Du als Geschichtslehrer kannst ja verschiedene Epochen mit der heutigen Zeit vergleichen. Würdest du sagen, dass es Parallelen zwischen der Weimarer Republik und heute gibt?

Naja, jein würde ich sagen. Es gibt schon ziemlich Unterschiede. Aber gewisse heutige Tendenzen erschrecken mich: Nämlich diese tiefe Spaltung der Gesellschaft und die Bereitschaft, extreme Parteien zu wählen. Aber uns fehlt eine radikal linke Gegenkraft. Die Verunsicherung und das Zweifeln an dem, was die Regierung tut und die Bereitschaft, das abzulehnen, ist jedoch vergleichbar.

Aber den Leuten damals ging es ja deutlich schlechter als uns heute.

Die Bevölkerung hatte damals einen großen Krieg hinter sich und war in einer Phase der Ruhe. Durch die Weltwirtschaftskrise ging es dann jedoch für alle bergab, und sie waren bereit, extreme Parteien zu wählen und rechter Hetze zu glauben.

Wenn es diese Unterschiede aber doch gibt, wieso taucht der Begriff dann heute wieder vermehrt auf?

Als Geschichtslehrer gefällt mir erstmal gut, dass in den letzten zehn Jahren Geschichte mehr in den Fokus rückt. Zum Beispiel gibt es im Fernsehen immer mehr historische Spielfilme und Serien. Andererseits wird Geschichte instrumentalisiert. Das beginnt dort, wo man ein historisches Phänomen nimmt und einen Film darüber macht. Da wird ein Ereignis personalisiert. Es gibt immer eine Person, die die ganze Rahmenhandlung umspannt, aber die ist historisch oft nicht haltbar. Beispiel ist die Revolution von 1848. Da gab es Robert Blum, der war sehr wichtig. Aber wenn man Filme schaut, bekommt man den Eindruck, ohne Robert Blum hätte es keine Revolution gegeben.

Robert Blum war Abgeordneter im ersten demokratisch gewählten gesamtdeutschen Parlament, das im Zuge der Revolution 1848 gegründet worden war. Dort setzte er sich als einer der führenden Köpfe der Demokraten für eine republikanische Verfasstheit des deutschen Nationalstaats ein.

Während der zweiten Revolutionsphase nahm Blum am Oktoberaufstand 1848 auf der Seite der Revolutionäre an der Verteidigung Wiens gegen die kaiserlichen Truppen teil. Nach der Niederschlagung des Aufstands wurde er verurteilt und hingerichtet.

Was falsch ist, nehme ich an?

Genau. Da wird zugunsten der besseren Story oder Identifikation nachgearbeitet. Man kann natürlich sagen, lieber so als gar kein Geschichtsbewusstsein, aber aus fachlicher Sicht ist das manchmal schon etwas ärgerlich, denn Bedeutung und Zusammenhang gehen oft verloren. Entscheidend ist, dass historische Begriffe oft im falschen Kontext eingesetzt und so instrumentalisiert werden. Da wird aus der Suche nach einem Sündenbock schnell mal eine Dolchstoßlegende.

Aber da muss ich nochmal nachfragen, weil das ist mir jetzt nicht klar: Was unterscheidet die Dolchstoßlegende vom Sündenbockprinzip?

Bei der Dolchstoßlegende gibt es ein misslungenes Verhalten der Verantwortlichen, bei denen die Schuld eindeutig ist. Und die Verantwortlichen versuchen, durch falsche Beschuldigungen davon abzulenken. Bei einem Sündenbockprinzip macht man irgendjemanden für irgendetwas verantwortlich, was gerade falsch läuft.

Ich nenne mal ein Beispiel: Wieso glaubst du, dass Merkels vermeintliche Öffnung der Grenzen als Dolchstoßlegende bezeichnet wird? Passt der Begriff in diesem Kontext?

Nein, finde ich nicht. Der Fehler ist ja nicht das vermeintliche Grenzöffnen. Denn wir wissen ja, dass durch das Schengener Abkommen die Grenzen nicht geschlossen waren. Man kann Merkel also nichts vorwerfen, was sie de facto nicht getan hat. Sie hätte sie schließen können, aber das wäre etwas anderes gewesen. Wenn es also darum geht die „Dolchstoßlegende“ historisch zu vergleichen, dann hat die Oberste Heeresleitung einen Krieg verloren, will das nicht zugeben und schafft es, durch die Erfindung einer Geschichte die Schuld von sich zu weisen.

Wenn man das überträgt, kann ja nur die Große Koalition, also die Regierung, diese Rolle einnehmen. Aber die haben nichts verbrochen. Und sie versuchen auch nicht, die Schuld abzuwälzen. Deshalb funktioniert dieser Begriff in der Flüchtlingsdebatte für mich nicht. Man kann eine Parallele zur Weimarer Republik ziehen, wenn man sagt, die rechten Parteien haben etwas gesucht, was sie der Regierung vorwerfen können. Und dazu nutzen sie jetzt die Migrationspolitik. Aber so richtig Dolchstoß ist das nicht.

Wieso nutzt man den Begriff der Dolchstoßlegende, auch wenn er nicht passt?

Ich glaube, das liegt wie gesagt daran, dass Geschichte in den Fokus rückt und man den Begriff instrumentalisiert. Das ist ein gemeinsamer kultureller Hintergrund. Jeder hat diesen Begriff irgendwo schon mal gehört. Dann passt das in den Zeitgeist rein.

Außerdem klingt das Wort irgendwie extrem heroisch, finde ich.

Ja, Dinge klingen wichtiger und bedeutsamer, wenn man sie mit so einem Begriff umschreibt. Und es funktioniert, weil sich die Leute nicht richtig mit der Geschichte auseinandersetzen. Wer diesen Begriff instrumentalisiert, der noch dazu gar nicht passt, hat damit nur eine Chance, wenn die Leute nicht genug Geschichtswissen haben und nicht durchschauen.

Kannst du mir dafür mal ein Beispiel nennen?

Beim Hambacher Fest im Vormärz gab es 1832 eine Versammlung von 30.00 Bürgern, die die Einheit Deutschlands wollten – weg vom Deutschen Bund. 2017 gab es ein neues Hambacher Fest der AfD, auf dem Jörg Meuthen, der damalige baden-württembergische Landessprecher der AfD, sagte: „Wir stehen in der Tradition von Hambach und sind Patrioten, so wie die Menschen damals.“

Das Hambacher Fest war die größte Massenkundgebung im Vormärz. Zwischen dem 27. Mai und 1. Juni 1832 trafen sich auf dem Hambacher Schloss knapp 30.000 Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und Ländern. Sie verbündeten sich und forderten Freiheit, nationale Einheit und politische Rechte – weg von den vielen kleinen Fürstentümern, hin zu einem demokratischen Bund.

Und das ist einfach eine verdrehte Welt. Denn damals kämpften die Menschen für eine Einheit – während die Ziele der AfD sind, möglichst viele Menschen aus dieser Einheit auszuschließen. Beim Hambacher Fest von 1832 hat man Polen, Frankreich und die anderen Länder gefeiert, deren Vertreter anwesend waren. Die haben gemeinsam europäisch gegen alte Fürsten und Herrscher gekämpft. Die AfD hingegen möchte sich abschotten und die Menschen mundtot machen, die sich gegen sie und ihre Ziele aussprechen.

Was sagt es über die Rechten aus, wenn sie alte Begriffe wie das Hambacher Fest oder den Dolchstoß wieder ausgraben?

Die Menschen, die solche Begriffe benutzen, tun das in der Hoffnung, damit etwas zu bewegen. Die Leute hören dann den Begriff, und bei ihnen gehen Rädchen los. Und es funktioniert häufig. Ich habe mit meinem Leistungskurs die Hambach-Rede von Meuthen gehört, und die Schüler meinten, das klinge doch schlüssig. Dann haben wir das aufgearbeitet und gemeinsam festgestellt, dass das komplett falsch und verdreht ist. Die AfD weiß das. In ihren Reihen sitzen Historiker, wie Björn Höcke etwa – der übrigens mit mir Referendariat gemacht hat. Die AfD nutzt also bewusst solche Begriffe, weil sie weiß, dass sie wirken und für Aufmerksamkeit und bestimmte Emotionen sorgen.

Wir haben in unserem Gespräch jetzt eigentlich nur über Beispiele aus Deutschland gesprochen. Glaubst du, dass die Sündenbockkultur ein deutsches Phänomen ist?

Nein, das glaube ich nicht. Trump zum Beispiel sagt, alle Einwanderer seien gefährliche Verbrecher, die den Amerikanern ihr Hab und Gut abnehmen und das Land terrorisieren. In Polen und Ungarn läuft es ähnlich. Sie wollen sich national abschotten, mit der Begründung, dass die Migranten dem Land schaden. Und auch beim Brexit gibt es Parallelen. Wieso will eine Masse von Engländern angeblich aus der EU raus? Weil einige glauben, die Europäische Kommission sei schuld daran, dass es wirtschaftlich schlecht läuft und es so viele Einschränkungen gibt. Da wird versucht, die EU zu instrumentalisieren und zu einem Sündenbock zu machen. Die Schuldzuweisung auf andere ist also ein sehr menschliches Phänomen.

Aber den Begriff der Dolchstoßlegende gibt es nur bei uns. Glaubst du, die Leute, die so etwas verbreiten oder darauf anspringen, haben Angst vor Veränderung? Und suchen sich deshalb einen Sündenbock?

Dafür sind Menschen einfach empfänglich. Wir sind in der Phase der Globalisierung. Die kann man gut finden oder nicht, aber sie verunsichert hinsichtlich Arbeitsplatzsicherheit und sozialer Systeme. Und dann braucht es irgendeine Erklärung. Die einfachste, die man an Stammtischen verbreiten kann und die auch monokausal immer funktioniert: Die Fremden sind schuld.

Und daran, dass diese Fremden oder Ausländer hier sind, ist – einfach gedacht – Merkel schuld.

Genau. Diese latente Unsicherheit in Zeiten von Wandel ist sehr typisch. Auch, dass man dann einen Schuldigen sucht, der es einem erklärbar macht und gegen den man vorgehen kann, gab es in unserer Geschichte immer wieder.

Machst du dir Sorgen, wenn du mit deinem ganzen historischen Background auf die aktuelle Situation schaust?

Naja, ich habe ein ungutes Gefühl. Die nächsten drei Landtagswahlen sind alle im Osten. Es gibt Prognosen, die sagen, dass in allen drei Bundesländern die AfD stärkste Partei wird. Und es gibt Leute aus dieser Partei, die jetzt schon sagen, dass sie das System radikal ändern wollen, wenn sie an die Macht kommen. Das ist die genaue Wortwahl der Nazis. Ich mache mir dann Sorgen, wenn die AfD tatsächlich irgendwann eine Regierungsbeteiligung auf Bundesebene hat. Wenn sie dann das tun, was sie ankündigen, habe ich Angst um dieses Land.


Redaktion: Esther Göbel; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel.