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©️ Unsplash / Nacho Arteaga

Missbrauch und Vertuschung

Ich bin Katholik – das habe ich meiner Kirche nach den Missbrauchsskandalen zu sagen

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Zum ersten Mal besuchte ich Boston im Februar 2002, als Hospitant. Es war ein kalter Sonntagmorgen, als ich in der Stadt ankam. Für zwei Monate hatte mich die Nachrichtenredaktion des ZDF in Mainz an das Studio in New York ausgeliehen. Der Grund für meine frühe Zugfahrt am Sonntag war ein Interview mit Mitchell Garabedian, dem Anwalt, der die Missbrauchsopfer im Erzbistum Boston verteidigte. Der Globe, die Zeitung am Ort, hatte vor Kurzem nach intensiver Recherche den Missbrauch durch Priester und seine Vertuschung durch die kirchliche Obrigkeit aufgedeckt. Boston ist ein katholisches Pflaster, die Glocken der Stadt läuteten, so erscheint es mir heute im Rückblick, an jenem Morgen eine trübe Zeit für die Kirche ein.

Denn was im Jahr 2002 noch wie ein einzelner Skandal im Erzbistum Boston aussah, hat sich in den darauffolgenden 16 Jahren zur größten Krise der Katholischen Kirche seit dem Reformationszeitalter ausgeweitet. Auf allen Kontinenten ist es zu Missbrauch durch Priester gekommen, überall auf der Welt hat die Kirche versucht, diesen Missbrauch zu vertuschen, die Täter zu schützen und so das Leben der Opfer zu einer grausamen, fortwährenden Tortur zu machen.

Der Missbrauchsskandal hat auch um Deutschland keinen Bogen gemacht: Dort ging im Jahr 2010 der Schulleiter des Canisius-Kollegs in Berlin offensiv an die Öffentlichkeit, als er mit dem Missbrauch, der an seiner Schule stattgefunden hatte, konfrontiert wurde. Darauf wurden auch Skandale an der Klosterschule Ettal und bei den Regensburger Domspatzen öffentlich. Die Kirche geriet unter Zugzwang und gestattete eine Aufarbeitung der Vorfälle. Der Abschlussbericht wurde vor Kurzem vorgelegt: Demnach sollen in den Jahren 1946 bis 2014 insgesamt 3.677 Schutzbefohlene von 1.670 Priestern missbraucht worden sein. Die Mehrheit der Jungen im Alter von 13 Jahren und jünger. Unklar bleibt, ob diese Zahlen wirklich alle Missbrauchsfälle abdecken.

Als Junge war ich Messdiener

In meiner katholischen Heimat, dem rheinhessischen Dorf Wiesoppenheim, hätte sich in meiner Kindheit und Jugend niemand im Entferntesten vorstellen können, dass die Kirche auf diese Weise in ihre schwerste Krise seit der Reformation stürzen würde. Der Kirchturm überragte seit dem Jahr 793, der ersten urkundlichen Erwähnung in den Urkunden des Klosters Lorsch, die Giebel der Gehöfte. Fronleichnam und Allerheiligen waren die Höhepunkte des Kirchenjahres. Die Prozession zur Kapelle im frühen Sommer, der Gang zu den Gräbern an der Schwelle des Winters. Die großen Linien des Lebens wie der gemeine Alltag waren vom Christentum geprägt.

Wie viele meiner Klassenkameraden wurde ich Messdiener, schellte am Fronleichnamstag die Glöckchen und trug an Allerheiligen das Weihwasser neben unserem Pfarrer, der damit jedes einzelne Grab auf dem Friedhof segnete. Diese Jahre am Ende des vergangenen Jahrhunderts läuteten das Sterben der Volkskirche ein; meine frommen Tanten monierten damals, dass ja „niemand mehr zur Kirche“ gehe. Dabei empfing in dieser Zeit noch jeder dritte Wiesoppenheimer regelmäßig die Sakramente. Heute gehen nur noch zehn Prozent zum Gottesdienst, der ohnehin nicht mehr jeden Sonntag stattfindet, weil der Priestermangel nunmehr auch unsere kleine katholische Enklave vor den Toren der Lutherstadt Worms erreicht hat.

Auch in anderen Teilen der Welt kam es zu solchen ungelenken Aufklärungsversuchen, in denen man die Organisation der Täter einbeziehen musste, um überhaupt aufschlussfähiges Datenmaterial zu erhalten. Kurz vor der Veröffentlichung in Deutschland wurde im US-Bundesstaat Pennsylvania ein solcher Report vorgestellt, mit ähnlich verstörendem Inhalt. Was das für den Verfall der kirchlichen Autorität bedeutet, musste Papst Franziskus am eigenen Leib erfahren: Bei seiner Visite im einstmals sehr katholischen Irland wurde dem Kirchenoberhaupt bedeutet, dass das Land und mit ihm die kirchenfreundliche Politik gegenüber dem Heiligen Stuhl neue Saiten aufziehen werde.

Selbst der Papst war vom Ausmaß des Skandals erschüttert

Franziskus ist bereits der dritte Papst, dessen Pontifikat vom Missbrauchsskandal überschattet wird: Im Jahr 2002 war noch Johannes Paul II. im Amt. Ihm folgte 2005 Joseph Ratzinger nach, der zu Zeiten des polnischen Papstes Präfekt der Glaubenskongregation und damit einer seiner engsten Vertrauten war. Ratzinger handelte: Er berief Experten in den Vatikan und verschärfte die Normen zur Priesterausbildung. Johannes Paul II. verehrte in jener Zeit noch den mexikanischen Gründer des Ordens der Legionäre Christi, Marcial Maciel, dessen Lebensform nun gar nicht zu seinem frommen Äußeren passten. Der Priester soll zahlreiche Jungen und Schutzbefohlene missbraucht haben.

Das Pontifikat Benedikts war ebenfalls von dem Missbrauchsskandal geprägt. Im Zuge der Enthüllungen in Deutschland geriet auch der Bruder des Papstes in die Schusslinie. Er war der Kapellmeister der Regensburger Domspatzen. Ihm wurden saftige körperliche Strafen der Buben und jungen Heranwachsenden des Chores vorgeworfen. Das sei das in jener Zeit so Usus gewesen, brachte der Priester und Musiker zu seiner Verteidigung vor. Bis heute hält sich unter Vatikankennern das Gerücht, dass Joseph Ratzinger das höchste Leitungsamt in der Kirche aufgegeben habe, weil ihn das Ausmaß des Skandals zutiefst erschütterte. Und er gemerkt habe, dass seine Kräfte nicht ausreichen, diesem Treiben ein Ende zu setzen.

Auf ihn folgte der argentinische Papst, den die Missbrauchsskandale Lateinamerikas bis an die Gräber der Apostel in der Alten Welt verfolgen. Es ist nicht klar, wie er als Erzbischof von Buenos Aires Missbrauchsvorfällen begegnete, also ob er, wie vielerorts geschehen, übergriffig gewordene Priester einfach versetzte, ohne die neuen Gemeinden zu informieren – oder ob er andere, angemessene Maßnahmen ergriffen hat. Als der Missbrauchsskandal in Chile um sich griff, stellte sich Franziskus voreilig vor seine Bischöfe. Wenig später war die Verteidigungslinie nicht mehr zu halten, und das gesamte Episkopat des Landes trat geschlossen zurück.

Trägt das Zölibat zum Missbrauch bei?

Zuletzt geriet Papst Franziskus selbst in den Mittelpunkt des Skandals: Einige seiner innerkirchlichen Gegner behaupten, er habe einen wegen Missbrauchsvorfällen von Benedikt geschassten Bischof rehabilitiert und zu einem seiner Berater gemacht. Ein zweiter Vorwurf lautet, der Papst habe eine innerkirchliche Untersuchung gegen einen Kardinal aus England, mit dem er eng verbunden sei, verhindert. Zunächst stand nicht fest, ob diese Vorwürfe so zutreffen. Dass aus einer verschwiegenen Institution wie der katholischen Kirche solche Querelen bekannt und öffentlich ausgetragen werden, ist ein Novum und scheint nur zu belegen, wie angespannt die Lage und wie groß die Krise in der Papstkirche ist.

Im Mittelpunkt der Krise stehen die Priester – und damit die zentralen Figuren. Das Gemeindeleben dreht sich um sie. Priester taufen die Kinder, verheiraten die Brautpaare, beerdigen die Toten. Den Laien, so werden die Gemeindemitglieder im Gegensatz zu den Klerikern genannt, kommen wenige Leitungsfunktionen und noch weniger rituelle Aufgaben zu. Priester sind geweihte Männer, die ihren Dienst in eheloser Lebensform vollziehen. Das bedeutet auch, dass nach der Lehre der Kirche nur heterosexuelle Männer Priester werden können. Da es nach katholischem Glauben nur eine Ehe zwischen Mann und Frau gibt, können homosexuelle Männer keine Ehelosigkeit versprechen. Dass es dennoch zahlreiche homosexuelle Priester gibt, daran zweifelt niemand. Und dass auch heterosexuelle Pfarrer nicht immer ein Leben lang enthaltsam leben, ist auch kein Geheimnis. Die Wissenschaftler, die den Missbrauchsskandal in Deutschland untersucht haben, stellten sich deshalb die Frage, ob das Zölibat dazu beiträgt, dass Priester Schutzbefohlene missbrauchen.

Sie verglichen Missbrauchshäufigkeit bei Diakonen, die verheiratet sein dürfen, und Priestern, die ehelos leben. Das Ergebnis ist 1 zu 4 Prozent, weswegen die Wissenschaftler schlussfolgern, dass die deutlich erhöhte Zahl von Priestern, die sich eines Missbrauchsvergehens schuldig gemacht haben, mit der zölibatären Lebensweise und der Dämonisierung von Homosexualität in Verbindung stehen könnte.

Die wenigsten wählen das Zölibat aus eigenem Antrieb

Nach meinem Abitur 1996 am Humanistischen Rudi-Stephan-Gymnasium in Worms trat ich in das Priesterseminar des Bistums Mainz ein. Das Beispiel unseres Pfarrers hatte mich zu diesem Schritt animiert. Im Seminar war das Thema Sexualität kein absolutes Tabu mehr, wenngleich man doch mit Umsicht und zaghaften Worten darüber sprach. Missbrauch wurde nicht thematisiert, obwohl wegen eines Skandals beim Mainzer Domchor einige Jahre zuvor Grund genug dazu bestanden hätte.

Da wir im Seminar wie in einem Internat zusammenwohnten, wurde einem im Lauf der Zeit klar, welcher Mitbruder – so nannten wir uns untereinander – homo-, hetero- oder asexuell war. Das Zölibat wollten die wenigsten aus innerem Antrieb wählen, sondern lediglich in Kauf nehmen als Bestimmung, die es auf dem Weg zum Priestertum im Seminar einzuüben galt. Der Ehelosigkeit als vorgeschriebenem Kriterium wurde wenig Liebe entgegengebracht, der Aufgabe als Seelsorger hingegen schon. Nichtsdestotrotz gab es Mitbrüder, die das Zölibat lebten, und andere, denen es schon während der Ausbildung lästig war.

Schon vor dem Missbrauchsskandal haben sich immer weniger Männer für den Priesterberuf und die damit verbundene Lebensweise entschieden. Das Pflichtzölibat ist durch den Missbrauchsskandal nun auch innerhalb vieler Kirchengemeinden noch einmal mehr in die Kritik geraten. Für Katholiken würde das Ende der Priesterberufungen auch das Ende der Kirche bedeuten. Diese herausgehobene Funktion des Priesters erklärt vielleicht, warum sich in der Vergangenheit (an vielen Orten der Welt bis heute) Menschen dagegen entschieden haben, Missbrauch öffentlich zu machen und die Kirche anzuklagen. Umgekehrt hat diese herausragende Stellung auch Priester verleitet, den Missbrauchten einzureden, dass sie Gott einen Dienst erwiesen, wenn sie sich ihnen hingäben.

Die Enthüllungen in Boston wurden nur möglich, weil die Macht der Kirche zu bröckeln begann. Man mag sich nicht ausmalen, wie endemisch der Missbrauch in der Kirche war, als er noch ungehemmter ausgeübt werden konnte, in einer Zeit, in der sie nahezu uneingeschränkte Macht hatte.

Bigotterie selbst an der päpstlichen Universität

Als ich am Ende der Neunzigerjahre in Rom an der Päpstlichen Universität Gregoriana Theologie studierte, war ich im Zentrum katholischer Macht angekommen. Junge Männer und Frauen, Priesteramtskandidaten, Nonnen und Mönche, studierten dort und zeigten, was für eine gewaltige Institution die Katholische Kirche war. Wenige Jahre bevor die Bostoner Enthüllungen begannen, die christliche Welt zu erschüttern, stand das Thema Missbrauch im Speziellen und Sexualität im Allgemeinen nicht auf der Tagesordnung. Homosexualität war ein Tabu, und gleichzeitig konnte jeder, der Augen im Kopf hatte, sehen, wie damit umgegangen wurde:

Auf der Herrentoilette im Erdgeschoss neben der Cafeteria war ein Loch in die Holzwand zwischen die Kabinen gebrochen worden. Hier konnte man anonym auf der einen Seite sein Glied einführen – das dann auf der anderen Seite von jemandem verwöhnt wurde. Man hatte sich in der Bigotterie eingerichtet und es schien mir, als habe sich seit Luthers Zeiten im Zentrum der päpstlichen Macht nicht wirklich etwas geändert.

Verteidiger der Kirche sagen oft, dass Missbrauch auch im Sportverein und in der Familie vorkommt. Das ist richtig. Jedoch begegnet ein Priester währen seines Wirkens unzähligen Kindern, vielen mehr, als jedes Familienmitglied und jeder Fußballtrainer. Die Kirche hat in ihren Reihen diesen Missbrauch geduldet, und das, obwohl der Schutz der Schwachen, zu denen die Kinder und Heranwachsenden zählen, eine ihrer vordersten Aufgaben ist. Dadurch haben die Verantwortlichen den wertvollen und guten Dienst jener 96 Prozent der Kirchenmitglieder in Verruf gebracht, die mit den Missbrauchsvorwürfen nichts zu tun haben. Die Kirche ist moralisch diskreditiert, nicht, weil es in ihren Reihen schwarze Schafe gibt, sondern, weil sie diese schwarzen Schafe, die Kleriker, höher schätzt, als die Laien.

Da der Missbrauch durch Kleriker überall auf der Welt die gleichen Züge trägt – vertuschen, versetzen, verschweigen – können nur Maßnahmen, die für die ganze Kirche gelten, den bösen Strukturen ein Ende setzen. Sie muss das Zölibat abschaffen und Homosexualität entdämonisieren. Das ist als Ziel definitiv nicht zu hoch gegriffen.


Alexander Görlach lehrt an der Universität Cambridge – als Senior Fellow am Carnegie Council for Ethics in International Affairs und Senior Research Associate am Institute on Religion and International Studies. Der promovierte Theologe und Linguist war Visiting Scholar der Harvard University und ist der Gründer des Debatten-Magazins „The European“, das er von 2009 bis 2015 auch als Chefredakteur verantwortet hat.

David Elmes

Redaktion: Esther Göbel; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel.