Sexismus

Mein Jahr als Feminist

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Vielleicht kennst du das: Du hast dir ein Auto gekauft, eine alte Klapperkiste, sagen wir einen Mitsubishi Carisma, Baujahr 1994. Wahrscheinlich eines der hässlichsten Autos, das jemals gebaut wurde, denkst du, aber immerhin: Außer dir fährt niemand damit herum. Zumindest ist es dir nie aufgefallen – bis du es selbst besitzt.

Jetzt siehst du dieses Auto natürlich jeden Tag mindestens zehn Mal irgendwo. Rentner fahren scheckheftgepflegte Modelle, Skater welche mit tausend Aufklebern, Studenten welche mit Brotkrümeln auf den Armaturen. Okay, vielleicht kennst du das nicht, ist ja auch ein recht spezielles Beispiel. Aber der Effekt, auf den ich hinweisen will, wird hoffentlich trotzdem klar: Er nennt sich „kognitive Verzerrung“.

Dinge, die uns eigentlich ständig umgeben, fallen uns so gar nicht auf, bis wir einen persönlichen Bezug dazu haben. Plötzlich sieht man sie überall. Das geht so auch mit komplizierteren Konzepten als alten japanischen Schräghecklimousinen. Es ist häufig auch mit Problemen so. Sie finden entweder zu viel oder zu wenig Beachtung. Deswegen denken zum Beispiel Journalisten so oft, die Welt steht kurz vor dem Untergang, unsere Demokratie vor dem Aus, Horst Seehofer vor dem Rücktritt und so weiter. Dinge, die uns eigentlich ständig umgeben, fallen uns überhaupt nicht auf, bis wir einen persönlichen Bezug dazu haben.

Mir ist oft nicht bewusst, wie privilegiert ich als Mann bin

Vor einem Jahr ist das Thema Feminismus in mein Blickfeld gerückt. Beziehungsweise die alltägliche sexuelle Gewalt gegen Frauen und was man dagegen tun kann. Richtig, vor einem Jahr begann die #metoo-Debatte. Und auch richtig: Traurig genug, dass sexuelle Gewalt gegen Frauen für mich vorher nie ein Thema war. Wie für die meisten Männer übrigens. Und für mich hätte #metoo auch nichts geändert, hätte mich damals meine werte Krautreporter-Kollegin Esther nicht gefragt, wie ich denn als Mann über das Thema denke. Das hat vorher nämlich niemand gemacht. Also habe ich darüber nicht nachgedacht.

Man muss das nämlich nicht als Mann.

Ein Beispiel: In meiner Heimatstadt Zwickau gibt es einen Förderkreis Literatur. Die Mitglieder sind hauptsächlich reizende ältere Damen. Sie haben mich gebeten, ihnen ein paar Tipps zu geben, wie man eine gute Story schreibt. Zur Vorbereitung gab ich ihnen eine kleine Hausaufgabe. Sie sollten sich irgendwann zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang irgendwo eine Stunde hinsetzen und dann beschreiben, was sie in dieser Nachtstunde beobachtet und gedacht haben. Was glaubst du, wo die absolute Mehrheit meiner Kursteilnehmerinnen ihre Hausaufgabe erledigt hat?

Zu Hause auf dem Balkon oder im eigenen Garten. Warum? Angst. Die Wahl von Ort und Zeit war bestimmt von der Angst, nachts allein unterwegs zu sein. Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht.

Hätte ich diese Aufgabe gestellt bekommen, hätte ich wahrscheinlich wie der einzige Mann im Kurs gehandelt und nach einem besonders originellen Ort gesucht. Nach etwas Außergewöhnlichem. Nicht nach dem Möglichen. Nach wie vor ist mir oft nicht bewusst, wie privilegiert ich als Mann bin. Und zwar nicht nur, weil ich im Stehen pissen kann. Um das mit der kognitiven Verzerrung und dem Vergleich vom Anfang dieses Textes nochmal aufzugreifen: Während ich mir Gedanken darüber mache, welches Modell ich fahre, haben viele Frauen noch nicht mal eine Fahrerlaubnis. Oder übertreibe ich jetzt etwa?

Wie schützen sich eigentlich Männer vor sexuellen Übergriffen?

Der Soziologe Jackson Katz war der erste Mann, der an der University of Massachusetts einen Abschluss in Women's Studies machte. Wenn er vor einem neuen Publikum auftritt, macht er meist einen kleinen Test. Er fragt zuerst die Männer, was sie im Alltag unternehmen, um sich vor sexuellen Übergriffen zu schützen.

„Meist herrscht dann erstmal eine seltsame Stille, als versuchten die Männer herauszufinden, ob das eine Fangfrage ist“, erzählt Katz in seinem Buch The Macho Paradox:

„Es folgt ein nervöses Lachen. Irgendwann macht ein junger Mann einen Scherz und sagt sowas wie ‚Ich halte mich von Gefängnissen fern‘. Wieder Gelächter. Schließlich hebt jemand die Hand und erklärt ganz nüchtern: ‚Nichts. Ich denke darüber nicht nach.‘“

Dann fragt Katz die Frauen, was sie im Alltag unternehmen, um sich vor sexuellen Übergriffen zu schützen: „Überall im Publikum gehen die Hände hoch. Während die Männer stillsitzen und staunen, berichten die Frauen von den täglichen Vorkehrungen, die sie zu ihrer eigenen Sicherheit treffen:

  • Halte meinen Schlüssel als potenzielle Waffe in der Hand
  • Sehe nach, ob jemand auf dem Rücksitz sitzt, bevor ich in ein Auto steige
  • Habe mein Telefon immer griffbereit
  • Gehe nachts nicht joggen
  • Schließe nachts alle Fenster, auch im Sommer
  • Achte darauf, nicht zu viel zu trinken. Lass mein Getränk nicht unbeaufsichtigt. Passe genau auf, was mir eingeschenkt wird
  • Habe einen großen Hund
  • Habe Pfefferspray dabei
  • Habe eine anonyme Telefonnummer
  • Habe eine Männerstimme auf dem Anrufbeantworter
  • Parke nur in gut beleuchteten Gebieten, vermeide Parkhäuser
  • Steige nicht in einen Fahrstuhl, indem sich nur Männer oder ein einzelner Mann befinden
  • Variiere meinen Heimweg
  • Achte darauf, was ich trage
  • Vermeide Raststätten
  • Habe eine Alarmanlage
  • Trage beim Joggen keine Kopfhörer
  • Vermeide bewaldete Gegenden, auch tagsüber
  • Gehe in Gruppen aus
  • Besitze eine Waffe
  • Habe mein erstes Date immer an einem öffentlichen Ort
  • Habe immer genügend Taxigeld dabei
  • Vermeide auf der Straße Augenkontakt mit Männern

Männer und Frauen bewegen sich unterschiedlich durch die Welt

Seit einem Jahr bezeichne ich mich nun also als Feminist. Nicht, weil ich glaube, dass ich ein besonders gutes Beispiel wäre, oder darin eine Berufung gefunden hätte. Sondern ganz einfach, weil mir diese kognitive Verzerrung bewusst geworden ist, diese absurde Tatsache, dass sich Männer und Frauen so unterschiedlich durch die Welt bewegen und wie ungerecht das ist. Seitdem achte ich auf das Thema, es ist in mein Bewusstsein vorgedrungen. Und seitdem denke ich anders über mich als Mann nach. Beziehungsweise, was es bedeutet, ein Mann zu sein, und warum anderen Männern das nicht auffällt. Denn meine Perspektive auf das Thema bleibt trotz allem, ob ich das will oder nicht: eine männliche.

Mein erster Gedanke war: Okay, Männer sehen das Problem einfach nicht, weil sie ja nicht betroffen sind.

Aber das stimmt ja nicht. Wenn man sich nur ein bisschen mit Feminismus beschäftigt, kommt man schnell darauf, dass an der Wurzel des Problems die Klischees liegen, die aus unserem Geschlecht überhaupt erst so ein großes Thema gemacht haben, und dass Männer darunter sehr wohl auch selbst leiden.

Trotzdem wurde es mit der Entwicklung unserer Gesellschaft in immer größere, komplexer organisierte Gruppen zum Statusvorteil, ein Mann zu sein. Je stärker der Alltag strukturiert werden musste, umso spezifischer wurde die Rollenaufteilung zwischen Mann und Frau. Die Industrialisierung führte zu getrennten Sphären in Arbeits- und Heimstätte, die mit einer Geschlechteraufteilung verbunden war. Je wichtiger die Funktionalität, desto stärker die damit verbundene Identität: Männer bringen die Kohle ran, regieren, bereisen und erklären die Welt. Frauen bekommen und ziehen die Kinder groß, führen dankbar den Haushalt und sind der moralische und ästhetische Kompass der Familie. Alles Scheiß von gestern, ich weiß. Trotzdem glauben wir immer noch an vieles ganz selbstverständlich, was damit zusammenhängt:

Die beiden Funktionen erfordern nämlich zum Beispiel unterschiedliche Qualitäten: Männer müssen sich gut durchsetzen können, ihre Welt ist potenziell feindlich, weil mit Wettbewerbern gespickt: Konkurrenten um Jobs und Frauen. Frauen müssen sich gut anpassen können, denn ihr Platz in der Welt ist von ihrer Attraktivität für den Mann geprägt.

Das alles klingt wie Bullshit aus dem 19. Jahrhundert. Aber Fakt ist doch, dass es im Wesentlichen heute Selbstverständlichkeit ist, dass Jungs zu Männern erzogen werden und Mädchen zu Frauen. Es ist so selbstverständlich, dass es uns kaum auffällt. Die Publizisten Antje Schrupp hat einmal gesagt: „Wir überschätzen unsere Fähigkeit, Menschen gleich zu behandeln.”

Vom Klischee zur selbsterfüllenden Prophezeiung

Und hier bin ich an einem Punkt, der offenbar in der Debatte um Feminismus schwer zu schlucken ist: Männer sind ebenfalls Opfer von Sexismus, und zwar von Geburt an. Genderforscher haben herausgefunden, dass Eltern mit Jungen weniger reden, und wenn, dann weniger metaphernreich als mit Mädchen. Warum? Weil das Klischee lautet, dass Mädchen gesprächiger sind. Die quatschen doch so gerne. Die Jungs die raufen doch lieber.

Aber stimmt das denn wirklich? Wenn du mal deine eigenen Freunde und Verwandten durchgehst – haut das so hin? Glaubst du aber irgendwie trotzdem an dieses Klischee?

Es ist schwer, nicht daran zu glauben, denn in gewisser Weise sind diese Klischees eine selbsterfüllende Prophezeiung. Mit Jungs wird weniger geredet. Darunter leidet die Sprachkompetenz. Jungs werden auch weniger gestreichelt und in den Arm genommen. Darunter leiden die koordinativen Fähigkeiten, das Körpergefühl. So dumm das klingt: Jungs stoßen sich öfter den Kopf an, weil mit ihnen weniger gekuschelt wird. Warum? Die Jungs sollen nicht verweichlicht werden. Im richtigen Leben gibts ja auch nichts geschenkt. Der Frust, der mit dem Mannsein mitunter verbunden ist, beginnt für viele Jungs schon ziemlich früh, sich anzustauen.

Aggressivität gilt bei Männern sogar als Qualitätsmerkmal

Der Druck, einmal Karriere zu machen, ist höher, das Bild, Familienoberhaupt, Ernährer zu sein, immer noch einflussreicher als uns oft bewusst ist. Aggressivität von Jungs und Männern wird weit häufiger akzeptiert als bei Mädchen oder Frauen. Im Gegenteil wird eine gewisse Aggressivität sogar als Qualität angesehen bei Männern, bei ihnen heißt es dann eher anerkennend: „Der weiß, was er will.” Während das gleiche Verhalten bei Frauen als schlechtes Benehmen ausgelegt wird, Zögern und Vorsichtigkeit bei ihnen ermutigt werden.

Ein Mädchen, das Angst hat, ist klug. Ein Junge, der Angst hat, ist feige.

Es gibt diesen Begriff der „toxischen Maskulinität”. Man versteht darunter die Summe jener Klischees von Männlichkeit, die, um das mal frei zu übersetzen: Gift für den Charakter sind. Der ganze emotionale Schaden, der uns Männer so oft über Frauen erheben und sie verletzen lässt. Das ist das eine. Wir schaden uns damit aber auch selbst:

  • Männer gehen seltener zum Arzt als Frauen, aber viel mehr Männer als Frauen begehen Selbstmord: 2015 wurden in Deutschland 10.078 Suizide gezählt, davon 7.397 von Männern
  • Männer haben häufiger Arbeitsunfälle, sie verursachen häufiger Verkehrsunfälle und begehen öfter Gewaltverbrechen als Frauen. 95 Prozent aller Gefängnisinsassen sind Männer.
  • Männer trinken mehr Alkohol, rauchen mehr Tabak und nehmen mehr Drogen als Frauen
  • Die Lebenserwartung von Männern liegt heute fast fünf Jahre unterhalb der von Frauen – 1850 betrug der Unterschied 0,4 Jahre

Die Schuldfrage ist geklärt – aber das Problem nicht gelöst

Mannsein ist etwas, das man sich erarbeiten muss. Ein an sich prekäres Konzept, das immer in Gefahr ist, immer wieder verteidigt werden muss. Bei einer Mutprobe gekniffen, einmal den Cocktail mit dem Schirmchen bestellt, im falschen Moment geheult, und Jahre des männlichen Mannseins waren für den Arsch.

Männer sind es, die sexuelle Gewalt ausüben. Das ist selbstverständlich nicht entschuldbar. Niemals. Nicht mit Erziehung, nicht mit Evolution, nicht mit Religion.

Aber die Schuldfrage ist erstens unstrittig und zweitens geklärt. Drittens hilft sie leider nicht wirklich dabei, das Problem zu lösen.

Mir fällt heute viel häufiger auf, inwiefern Männer selbst Opfer toxischer Maskulinität sind, und dass das ein Problem ist, das gelöst werden muss, damit die Gewalt an Frauen ein Ende nimmt. Es ist gewissermaßen die Wurzel des Problems. Und ich weiß, dass das wie eine Umkehrung der Verhältnisse wirkt, wenn ich sage: Wir müssen uns um die Täter kümmern, um den Opfern zu helfen.

Wie unfähig Männer oft immer noch sind, über Gefühle zu sprechen, wie allergisch sie auf Kritik reagieren, wie ungerecht sie es finden, wenn ihnen jemand sagt: Du hast mir weh getan. Das sind entscheidende Hindernisse dafür, dass Männer sehen oder verstehen können, wie groß das Problem Sexismus für Frauen ist, und dass es mehr als Lippenbekenntnisse braucht, um es zu lösen.

Auch für mich ist diese ganze Gefühlsding immer noch neu

Einer meiner besten Freunde trennt sich von seiner langjährigen Beziehung, er kommt spontan eines nachts vorbei, sieht aus wie drei Wochen Schnaps und Tränen – und worüber will er reden? Er hat da so ein neues Projekt. „Da musst du mitmachen!” Ich sage Nein, wir streiten uns, er geht. Am nächsten Tag schreibt er: „Bin bald wieder ich.” Ich denke: Nein, bist du nicht. Aber wie reden wir darüber? Ich weiß es auch nicht. Ich bin jetzt 34, und dieses ganze Gefühlsding ist immer noch irgendwie neu. Ein Teil von mir befürchtet immer noch, dass mir rosa Federboas aus dem Arsch sprießen könnten, wenn ich zugebe, mit irgendetwas überfordert oder unglücklich zu sein. Das große Problem für viele Männer ist immer noch, die eigenen Gefühle überhaupt irgendwie zu kartographieren, zu verstehen und damit umzugehen, statt sie einfach wegzusaufen oder unter Arbeit zu begraben.

Dass auch Männer von Feminismus profitieren würden, weil auch Männer Opfer der Geschlechterstereotypen sind, ist wiederum ein Thema, das man nur sehr schlecht mit Frauen besprechen kann.

Sich über den alten weißen Mann lustig zu machen, um den herum die Welt sich schneller dreht, als er verstehen kann, ist einfach. Ich ertappe mich selbst oft genug dabei, und das ist sicher auch nicht hilfreich. Aber jeden Mann, der sich sexistisch verhält, nur als Täter zu betrachten, verbaut die einzige Chance, die wir haben, um Sexismus insgesamt zu überwinden: Uns selbst kennenzulernen, befreit von den Geschlechterrollen, die uns so oft diktieren, wie wir zu sein haben. Ziel des Feminismus ist doch nicht die Entfremdung von unserem Geschlecht. Es ist seine Befreiung. Und es ist die Aufklärung darüber, in welchen Lebensbereichen Geschlechterfragen keine Rolle mehr spielen dürfen.

Feminist zu sein und dabei Männer zu hassen, ist verständlich, aber sinnlos. Das ist wie Molotowcocktails für den Frieden werfen. Feminismus ohne Männer geht nicht.


Redaktion: Esther Göbel; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion und Aufmacherfoto: Martin Gommel.