Neun Monate auf der Flüchtlingsinsel

Die Hölle von Lesbos - Folge 1: Erschütterung

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Alle Folgen unserer Serie „Die Hölle von Lesbos“:

Folge 1: Erschütterung
Folge 2: Am Tiefpunkt
Folge 3: Sehnsucht nach dem Camp


Sonne. Bunte Segelboote an der Mittelmeerküste. Und das beste Olivenöl Griechenlands. Die Hafenstadt Mytilini auf Lesbos ist schön auf eine obszöne Weise. Obszön deshalb, weil sich wenige Kilometer entfernt das wohl schlimmste Flüchtlingslager innerhalb der Europäischen Union befindet: Moria. Eine Hölle, eingebettet in eine perfekte Touristenkulisse. Die Menschen dort kämpfen um Wasser, um Essen, ums Überleben. Denn im Camp Moria leben mehrere tausend Menschen zu viel. Platz für 1.700 Menschen wäre da, stattdessen drängen sich über 7.000 Flüchtlinge auf engem Raum. Dauerhaft.

Wir wollten uns ansehen, was der sogenannte EU-Türkei-Deal mit Griechenland macht, und flogen deshalb in einer klapprigen 50-Sitze-Maschine im November 2017 zum ersten Mal nach Lesbos. Die Insel liegt knapp 30 Kilometer vom türkischen Festland entfernt; so nah also, dass wir die Türkei vom Hafen aus sehen können. 2015 war Lesbos einer der Orte in der EU, an dem die meisten Flüchtlinge ankamen. Inzwischen ist der Ort ein Symbol dafür, dass eine gutgemeinte Lösung manchmal das Gegenteil einer guten Lösung ist. Diese Insel macht dich sowohl süchtig als auch fertig, aber du kannst auch viel von ihr lernen. Zum Beispiel Solidarität. Denn Lesbos ist auch dafür bekannt, dass die Inselbewohner helfen, obwohl sie selbst immer noch unter der Finanzkrise leiden.

Willkommen im Knast

Natürlich wollen wir uns zuerst das Camp selbst ansehen. Griechische Journalistenkollegen haben uns erzählt, dass jedes Jahr um dieses Zeit ein zynischer Spruch sein Revival feiert: „Winter is coming.“ Er bezieht sich auf die Serie Game of Thrones, in der alle auf diesen einen Winter warten, in dem viele Menschen sterben werden. Genauso sei es angeblich im Flüchtlingscamp Moria.

Journalisten dürfen das Camp Moria nicht betreten, die Regionalverwaltung ist nicht gerade hilfsbereit, wenn es darum geht, über die Zustände zu berichten. Die offizielle Begründung ist, dass es zu viele schutzbedürftige Flüchtlinge im Lager gibt, denen ein Journalistenbesuch nicht zuzumuten sei. Von anderen Journalisten wissen wir, dass dies eine Dauerausrede ist.

Wir fahren trotzdem hin.

Jede Stunde scheppert vom lesbischen (ja, das ist wirklich das Adjektiv zu Lesbos) Verwaltungssitz Mytilini aus ein Bus nach Moria, auch wenn man nie so ganz genau weiß, wann. Mit uns im Bus sind etwa 40 Menschen, die meisten von ihnen junge Männer. Wir fahren vorbei an verlassenen Fabrikgebäuden, an Feriendomizil-Ruinen und an einem Lidl. Endstation Waldrand.

Kinder mit Flipflops laufen mit ihren Müttern am Lager vorbei, zwei wackelige Bretter-Kioske verkaufen Kaffee und Bier an diejenigen, die sich das leisten können, der Müll landet im Flussbett gleich daneben. „Welcome to Prison“ begrüßt uns ein ebenso berühmtes wie schlecht gespraytes Graffiti an der Lagerfassade, an deren Mauern Zäune und Stacheldraht in den Himmel ragen. Außen fließt das Abwasser aus rostigen Rohren die Straße entlang, und ein vom Regen verwaschenes Schild mit EU- und Griechenlandflagge erinnert uns Besucher daran, wer hier die Verantwortung trägt.

Lesbos ist die Festung Europas

Hohe Mauern und Stacheldraht: Das Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos

Doch auch wenn Bewohner das Camp als Gefängnis bezeichnen: Der wahre Knast ist nicht dieses Lager, sondern die gesamte Insel. Das liegt am EU-Türkei-Deal, einem Abkommen aus dem März 2016. Darin erklärt sich die Türkei bereit, in Griechenland ankommende Migranten zurückzunehmen, die keinen Anspruch auf Asyl haben. Außerdem kontrolliert sie ihre Grenzen stärker, um Migranten an der Ausreise Richtung EU zu hindern. Im Gegenzug erhält die türkische Regierung nicht nur Visumserleichterungen, sondern auch Geld und darf ankommende Syrer per Flugzeug in die EU schicken. Die Idee hinter dem Deal: Wieso müssen Menschen den gefährlichen Bootsweg übers Mittelmeer antreten, wenn diejenigen, die einen Asylanspruch haben, doch einfach eingeflogen werden können? Und wieso warten Ankömmlinge ohne diesen Anspruch monate- oder jahrelang auf ihren Entscheid, bevor sie dann doch abgeschoben werden?

Der EU-Türkei-Deal war in der Theorie eine effektive Lösung gegen ertrinkende Menschen im Mittelmeer. In der Praxis hat er Lesbos in die Festung Europas verwandelt. Denn, um die Menschen ohne Asylanspruch in die Türkei zurückschicken zu können, müssen alle ankommenden Flüchtlinge bis zur Asyl-Entscheidung auf der Insel bleiben. Und diese Entscheidung dauert nicht, wie ursprünglich vorgesehen ein paar Wochen, sondern Monate bis Jahre.

Die griechischen Behörden sind überlastet und kommen bei der Bearbeitung der Anträge nicht hinterher. Die EU hilft nicht bei der Organisation, sondern gibt nur Geld: 803 Millionen Dollar hat sie zur Verfügung gestellt, doch wenn es um die Verteilung dieses Geldes geht, ist Griechenland auf sich alleine gestellt. Und so wurde aus dem eigentlich als kleines Transitcamp gedachten Moria ein sogenannter Hotspot, ein hoffnungslos überfülltes Lager. Dass hier zu viele Menschen leben, sehen wir schon alleine daran, dass längst nicht mehr alle in das Lager passen: Auf einem Hügel neben dem Camp stehen knapp 50 Zelte des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR).

Immerhin: Seit dem EU-Türkei-Deal sind die Flüchtlingszahlen auf den griechischen Inseln stark gesunken. Statt ein paar tausend Menschen am Tag, kommen jetzt nur noch ein paar Dutzend. Der Deal ist also doch ein Erfolgsprojekt. Oder?

Ein Zeltplatz mit Stacheldraht

Moria selbst hatten wir uns viel befestigter und stabiler vorgestellt, eher wie eine der vielen Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland. Stattdessen sieht es aus wie ein großer Zeltplatz, der von Stacheldraht umzäunt ist. Feste Gebäude gibt es kaum, nur Container und Zelte. Da wir keine Genehmigung bekommen haben, das Camp zu betreten, beobachten wir durch den Zaun Menschen, die Feuerholz hineintragen und an Leinen Wäsche vor ihren Zelten aufhängen.

Ein Mädchen mit rundlichem Gesicht und locker sitzendem Kopftuch spricht uns auf der Straße vor dem Camp an. Klar, als zwei blonde Frauen fallen wir hier sofort auf. Sarah ist 16 und kommt aus Afghanistan. Zusammen mit drei anderen jungen Frauen wartet sie auf den Bus in die Stadt: „Wir fahren zu einer Hilfsorganisation in Mytilini, bei der wir einmal in der Woche duschen dürfen, wenn wir uns vorher in eine Liste eintragen. Eigentlich hatten wir gehofft, dass wir schon letzte Woche duschen dürfen. Aber da war die Liste schon voll.“ Sarahs langes schwarzes Haar lugt unter einem dunkelblauen Kopftuch hervor, sie hat eine tiefe Stimme und wirkt selbstbewusst. Die Duschen in Moria, sagt sie, seien zu dreckig. Laut Ärzte ohne Grenzen teilen sich im Camp 72 Menschen eine Toilette und 84 eine Dusche. „Außerdem haben wir Angst, auf Toilette zu gehen, weil wir nachts oft von Männern belästigt werden. Im Lager leben viel mehr Männer als Frauen, und es ist für uns nicht einfach dort.“

Ihre Freundin Mozghan, beigefarbenes Kopftuch, feine Gesichtszüge, ist die einzige der vier, die ein Handy hat. Sie zeigt uns ein Foto von ihrem Zelt, das etwa die Größe eines Zwei-Personen-Camping-Zelts hat. Sie leben zu dritt darin, Mozghan und ihre beiden Schwestern, die nicht wollen, dass wir ihre Namen veröffentlichen, weil sie sich in Afghanistan als Frauenrechtlerinnen engagiert haben und verfolgt werden. Während Handybesitzerin Mozghan uns das Foto zeigt, bemerken wir, dass der Bügel ihrer roten Brille abgebrochen und das Ende mit einem Stück Tesafilm verklebt ist.

Die Afghaninnen Mozghan (2.v.l.) und Sarah (3.v.l.) haben Angst, im Camp nachts auf Toilette zu gehen: „Für uns als Frauen ist es nicht leicht in Moria.”

Ständige Krawalle im Camp

Dann zeigt sie uns Videoaufnahmen aus dem Camp-Inneren von einem Aufstand, wenige Tage zuvor: Zelte brennen, Kinder weinen, Frauen schreien, Männer prügeln sich, die Polizei schießt mit Tränengas. „Und das ist hier normal“, sagt sie. Tatsächlich hat Moria aufgrund ständiger Randale inzwischen internationale Bekanntheit erlangt. im September 2016 hat es ein Vorfall sogar bis in die deutsche Tagesschau geschafft: Damals flohen etwa 3.000 Menschen nach einem Großbrand aus der Unterkunft. Fotografieren und filmen ist in Moria streng verboten. Die Frauen wissen das und wollen trotzdem, dass wir ihre Bilder veröffentlichen. „Die Leute sollen sehen, was hier passiert“, finden sie.

Der Bus Richtung Stadt kommt an und wir verabreden uns für den nächsten Tag vor dem Camp. Wir wollen mehr über ihr Leben wissen. Denn knapp ein Viertel der Bewohner sind Frauen, doch in den Medien sind sie deutlich weniger repräsentiert. Dabei ist die Flucht für sie oft um einiges härter. Sie werden unterwegs leichter Opfer von sexueller Gewalt. Vielleicht ist unser Interesse auch größer, weil wir selbst Frauen sind. Die meisten Berichte aus Lesbos stammen von männlichen Journalisten.

Beim Rückweg durch den Hafen entdecken wir Menschen in Schlafsäcken auf dem Marktplatz, es sind hauptsächlich junge Frauen und Babys. „Wir wohnen eigentlich im Camp Moria, aber da halten wir es nicht aus. Es ist auch viel zu gefährlich für die Kinder", sagen sie. 40 Prozent der zu diesem Zeitpunkt auf Lesbos ankommenden Flüchtlinge sind laut UNHCR Kinder. Die meisten von ihnen sind jünger als zwölf. Neben den Schlafsäcken ist ein selbstgepinseltes Transparent aufgestellt: „Lesbos = Prison. Moria = Not Safe. #Opentheislands.“ Opentheisland ist eine Kampagne der auf Lesbos ansässigen NGOs. Sie wollen, dass die Inselgrenzen wieder geöffnet werden, dass Flüchtlinge frei darin sind, aufs Festland zu reisen. Eine Kampagne mit wenig Aussicht auf Erfolg, weil dadurch der ganze EU-Türkei-Deal in sich zusammenbrechen würde.

Auf Lesbos packt dich das Bewusstsein

An diesem Abend reden wir beiden, anders als sonst, kaum miteinander. Die Recherche auf Lesbos schlaucht uns mehr, als wir es vorher geahnt hatten. Dass an den Grenzen der Europäischen Union immer noch täglich viele Menschen ankommen und dort unter unwürdigen Bedingungen leben müssen, davon hatten wir zwar eine diffuse Ahnung, aber wirklich bewusst war es uns nicht. Auf Lesbos packt dich dieses Bewusstsein. Und es lässt dich nicht mehr los. Und es lässt dich nicht mehr los. Weil du ahnst, dass auch du selbst für das verantwortlich bist, was hier passiert.

Denn die meisten in Deutschland nehmen die Grenze zwischen Griechenland und der Türkei als griechische Grenze wahr. De facto ist sie jedoch eine europäische Grenze. Wenn das krisengeschwächte Griechenland mit den ankommenden Flüchtlingen überfordert ist, ist das also ein europäisches Problem. Bislang hat die EU keine Lösung dafür gefunden, sie kann sich nicht mal darüber einig werden, wie und ob Flüchtlinge in Europa gerecht verteilt werden können.

Die Menschen auf Lesbos übernehmen also die Verantwortung, die wir EU-Mitglieder eigentlich alle tragen müssten. Schon auf dem kurzen Weg von der Bushaltestelle am Hafen bis zur Unterkunft sind wir an vielen kleine Organisationen vorbeigelaufen, die den ankommenden Flüchtlingen das Leben ein bisschen leichter machen wollen. Sei es die Werkstatt, in der Flüchtlinge aus den Rettungswesten Taschen nähen, die dann verkauft werden. Seien es Sprachkurse für Griechisch und Englisch. Seien es die „Dirty Girls“, die dreckige Wäsche aus Moria waschen. Seien es die Duschen, von denen Sarah gesprochen hat.

Am nächsten Morgen unterhalten wir uns mit der Putzfrau unseres kleinen Apartments in Mytilini. Sie erzählt uns, dass sie früher in Moria saubergemacht hat. Und dass sie sich Sorgen macht: „Was sollen die Leute, die hier ankommen, denn alle arbeiten? So viele Jobs gibts hier auf der kleinen Insel doch gar nicht!“ Die vielen Krawalle im Lager verändern auch die übrigen Inselbewohner. Einige fühlen sich unsicher, fürchten sich davor, in der Nähe des Camps die Straße entlang zu laufen, weil dort mehrfach Frauen belästigt wurden.

Die Putzfrau geht davon aus, dass viele der Gestrandeten hierbleiben werden. Für sie und andere Bewohner ist die Flüchtlingssituation kein Übergangszustand mehr. Der Ausnahmezustand ist auf Lesbos zur Regel geworden. „Aber im Prinzip ist das alles die Schuld der Afrikaner“, sagt sie dann noch, als wir eigentlich gerade anfangen wollten, sie zu mögen. „Die Muslime hier sind ja richtige Flüchtlinge. Aber die Schwarzen, die wollen einfach nur alles kaputtmachen.“

https://youtu.be/TC08y7aQ47U

Drei Tote im letzten Winter

Wieder im Bus, wieder vorbei an Ruinen, Lidl, Wald. Ein paar hundert Meter von Moria entfernt treffen wir Sarah, Mozghan und Mozghans Schwestern vom Vortag wieder. Sie leben erst seit ein paar Wochen im Camp. Sarah ist erst 16, deshalb hat sie zu dem Treffen ihre Mutter mitgebracht, spricht aber das beste Englisch. „Die Menschen im Camp kämpfen um alles. Um Frauen, um Wasser, um Essen, um Religionen, um alles.“ Abends sei es für die Mädchen besonders schwierig. „Einige Männer betrinken sich, und dann werden sie aufdringlich. Vor ein paar Tagen wurde in so einer Situation einem anderen Mädchen hier im Camp von einem Typen die Nase blutig geschlagen. Dadurch, dass es hier so eng und so voll ist, werden die Leute im Camp verrückt, sie ticken aus.“ Die Sechzehnjährige beißt sich auf die Lippen, ihre Stimme wird höher, wenn sie über die bedrohliche Lage spricht.

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen warnt vor einem drastischen Anstieg psychischer Erkrankungen auf Lesbos. Jede Woche versuchen sechs bis sieben Leute sich umzubringen oder verletzen sich selbst. Die medizinische Versorgung im Camp ist schlecht, gerade Frauen und Kinder sind unterversorgt.

Die Afghaninnen verstehen nicht, wieso sie nicht weiter nach Athen dürfen. „Jeden Tag kommen hier Busse voller Menschen an. Dabei sind wir doch jetzt schon viel zu viele.“ Und tatsächlich: Zwar gibt es durch den EU-Türkei-Deal erheblich weniger Ankömmlinge auf den griechischen Inseln. In letzter Zeit steigen die Zahlen aber wieder. Und damit auch das Gewaltpotenzial im Camp Moria. Denn, auch wenn man in Deutschland zu diesem Zeitpunkt das Gefühl hat, die Flüchtlingskrise sei beendet und auch wenn die Zahlen im Vergleich zum Jahr 2015, also vor dem Deal, gering erscheinen: In Juli, August und September 2017 kamen 27 Prozent mehr Menschen aus der Türkei nach Griechenland als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Tendenz weiter steigend.

Besondere Angst macht Sarah aber etwas anderes: Der Winter im Zelt. „Die Leute, die schon länger hier sind, haben erzählt, dass es dann besonders hart ist.“ Denn obwohl hier im November noch T-Shirt-Wetter herrscht, kann schon wenige Wochen später Schnee fallen. Für solche Temperaturen sind die Zelte nicht ausgelegt, außerdem herrscht Deckenmangel. Für Sarah und die anderen kann es dann lebensgefährlich werden: Im Januar 2017 sind nach einem plötzlichen Wintereinbruch drei Menschen im Camp Moria gestorben. Für diese Toten wurde nie jemand zur Verantwortung gezogen.

Vom Broker zum Helfer

Im Hafen von Mytilini liegt die „Seawatch“, ein deutsches Schiff zur Seenotrettung, heute wird sie in ihr Winterquartier gebracht. Kapitän Klaus Stramm begrüßt uns, den Mund voll Käsebrot, von der griechischen Sonne braun gebrannt. Der Schwabe war in den vergangenen Monaten an der ägäischen Küste auf einer Beobachtungsmission unterwegs: Hält sich die türkische Küstenwache an die internationalen Gesetze zur Seenotrettung? Oder versucht sie, Menschen kurz vor der lesbischen Küste aufzulesen und zurück in die Türkei zu bringen? „Laut Völkerrecht dürfen Menschen ein Land verlassen, in dem sie sich nicht sicher fühlen. Das Abfangen von Flüchtlingsbooten durch die Türken ist illegal!“ Der EU-Türkei-Deal ist für ihn „eine Oberkataschtrophe!“

Klaus, kleiner Bauch, dezente Brille, deutscher Kleidungsstil, ist pensionierter Informatiker. Vor seinem Leben als Seenotretter arbeitete er für Hugo Boss. Irgendwann bekam er mit, dass deutsche NGOs im Mittelmeer Menschen vor dem Ertrinken retten, und beschloss, seinen Segelschein für etwas zu nutzen, das er sinnvoll fand. Ob die Arbeit der „Seawatch“ tatsächlich sinnvoll ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Besonders die italienische Regierung unterstellt Klaus und seinen Kollegen eine Art Komplizenschaft mit Schleppern. „Die Kritiker verkennen, dass in Libyen und der Türkei Hunderttausende in erbärmlichsten Zuständen leben. Die flüchten nicht wegen uns. Die flüchten, weil sie ein besseres Leben haben wollen. Ein Leben, das wir aufgrund der Gnade unseres Geburtsortes für selbstverständlich annehmen, bleibt denen verwehrt.“

Ebenfalls mit an Bord ist der Grieche Aris Vlahopoulis. Ein drahtiger Mann mit hipper Brille und silbernem Haar. Seine Biographie ist noch ungewöhnlicher als die von Klaus. Aris war früher Broker und verdiente einen Haufen Geld. Er lebte in Asien und flog für kleine Wochenendausflüge wahlweise auf die Bahamas oder zu seiner Mutter nach Lesbos. Bei einem dieser Besuche erreichte ein Flüchtlingsboot den Strand, an dem Aris gerade sein Buch las. „Ich hatte die Wahl: schnell wegrennen oder helfen? Und habe mich fürs Helfen entschieden.“ Sarkastischer Nachsatz: „Schwerer Fehler.“

Aris war eigentlich nur zu Besuch auf Lesbos. Er ist geblieben und seit drei Jahren Vollzeit-Flüchtlingshelfer.

Aris schmiss seinen Job und ist seitdem täglich 24 Stunden für die Flüchtlingshilfe im Einsatz. Tagsüber verteilt er Kleidung und Lebensmittel an Moria-Bewohner, nachts nimmt er ankommende Flüchtlinge in Empfang. „Die meisten Leute erreichen die Insel dort drüben am Leuchtturm, weil sie diesen Punkt vom Meer aus am besten sehen können“, erklärt er uns, während wir mit der „Seawatch“ übers Mittelmeer fahren, um die Route der Flüchtlinge besser zu begreifen. Für die meisten Europäer ist eine Bootsfahrt übers Mittelmeer nicht mehr als ein netter Ausflug. Für 3.000 Bootsflüchtlinge war sie in diesem Jahr das Todesurteil. Doch auch wer es lebend nach Griechenland schafft, ist nicht sicher.

Aris macht sich Sorgen wegen des nahenden Winters, erklärt er uns, während er sich innerhalb kürzester Zeit Zigarette Nummer 4 ansteckt. „Das ist jetzt der dritte Winter in Folge, in dem das Camp nicht auf die Kälte vorbereitet ist. Jedes Jahr dasselbe! Ich verstehe es nicht.“ Wie die junge Afghanin Sarah hat auch er Angst davor, dass es Tote geben könnte, wenn die Leute nicht aus den Zelten geholt werden.

Auch der Bürgermeister warnt vor dem Winter

Und noch jemand fürchtet sich davor: Der Bürgermeister von Mytilini, Spyros Galinos. In einem offenen Brief an den griechischen Parlamentspräsidenten beklagt er Mitte Oktober 2017 in verschiedenen griechischen Medien die restlose Überfüllung von Camp Moria und warnt die Regierung vor einem kommenden Desaster. Wir treffen seinen Berater Marios Andriotis im Rathaus zum Gespräch. Andriotis wirkt trotz Glatze und sorgsam gebügeltem Hemd wie ein junger Typ. Erst, wenn er über Moria spricht, bekommt er Stirnfalten, die ihn um Jahre altern lassen.

„Die Bewohner von Lesbos sind sehr hilfsbereit und haben in der Flüchtlingskrise extrem viel geleistet“, sagt er. Aber inzwischen sei der Punkt erreicht, an dem allen auf der Insel die Kraft ausgehe. Der Insel-Tourismus leide, und die Lage im Camp sei unerträglich. Der Registrierungsprozess dauere viel zu lange, die sanitären Anlagen seien in einem schlechten Zustand, und die Unterkunft sei nicht auf den Winter vorbereitet. Wer ist aus seiner Sicht dafür verantwortlich, dass im vergangen Winter Menschen gestorben sind? „Die EU-Kommission und die griechische Regierung sind für die Einwanderungspolitik zuständig. Im letzten Winter haben wir die Regierung genau wie dieses Jahr davor gewarnt, dass so etwas passieren könnte.“ – „Und was war die Reaktion?“ – „Es gab keine Reaktion.“

Auch uns gegenüber will sich weder das griechische Migrationsministerium noch der EU-Kommissar für Migration zum Thema Moria äußern. Offensichtlich mag für Moria niemand die Verantwortung tragen. Dabei gibt es an vielen Punkten Probleme. Früher gab die EU zum Beispiel Geld an verschiedene NGOs, die im Gegenzug bestimmte Auf-gaben übernahmen. Inzwischen landet dieses Geld nicht mehr bei den NGOs, sondern beim griechischen Staat, viele Helfer haben also trotz steigender Flüchtlingszahlen die Insel verlassen. Und die Regierung, die seitdem verantwortlich ist für die Versorgung der Campbewohner mit Lebensmitteln und Hygienemitteln, ist offensichtlich mit der Organisation überfordert. Tampons? Nicht vorhanden. Zahnbürsten? Seltenes Gut. Milchpulver für Babys? Mangelware, dabei können viele der Flüchtlingsfrauen nicht stillen, weil sie selbst zu wenig zu essen kriegen, um Milch zu produzieren.

Die EU ist scheinheilig

Moria ist besser als jeder andere Ort Europas dazu geeignet, deinen Glauben an die EU zu erschüttern. Warum lassen wir Griechenland so alleine? Ein Land, das immer noch mit einer Finanzkrise kämpft, ein Land, mit einer Jugendarbeitslosigkeit von über 40 Prozent, ein Land, dass es offensichtlich nicht hinkriegt, neben allen anderen Problemen auch noch eine weitere Krise zu meistern.

Manche sagen, die EU kriegt es nicht hin, weil sie es nicht hinkriegen will. Sie brauche Moria, den Schandfleck. Der Überzeugung ist auch Efi Latsoudi, Gründerin des alternativen Flüchtlingscamps Pikpa. Pikpa ist ein Ort, an dem Familien und psychisch kranke Flüchtlingen in kleinen Häuschen im Wald unterkommen können, so ziemlich das Gegenteil von Moria. Das Camp ist spendenfinanziert, auf Fördermittel von der EU pfeift Latsoudi aus politischen Gründen. Sie will nicht ausgerechnet von denen Geld annehmen, die die Verantwortung für das Dauerdrama tragen. Aus ihrer Sicht dient Moria der Abschreckung. „Die EU braucht diese Zustände, um zu zeigen: Kommt nicht hierher, es lohnt sich nicht.“ Sie hält die Union für scheinheilig: „Angeblich sind Menschenrechte der EU wichtig. Anscheinend gelten sie aber eben doch nicht für alle Menschen. In Deutschland gäbe es solche Zustände niemals. Aber mit Griechenland kann man es ja machen. Wir werden hier von der EU vollkommen im Stich gelassen.“

Auch Ex-Broker Aris würde sich Hilfe wünschen. Nicht nur für Griechenland, sondern auch für Italien und Spanien. „Die Länder mit den größten finanziellen Sorgen müssen die Hauptlast der Krise tragen. Das kann nicht funktionieren. Das hier ist auch keine Flüchtlingskrise, sondern in erster Linie eine humanitäre Krise, eine Krise der Gesellschaft an sich. Es geht um Menschen, aber das scheinen viele zu vergessen.“

Aris, immer sportlich gekleidet, silbernes Haar, hatte das Gefühl, selbst etwas tun zu müssen. Also gründete er das Warenlager Attika, in dem Flüchtlinge und Griechen gemeinsam ehrenamtlich für eine bessere Versorgung der Moria-Bewohner kämpfen. Per Whatsapp können Moria-Bewohner dort Bestellungen aufgeben. Die Spenden aus der ganzen Welt landen in einer großen Lagerhalle, wenige Kilometer vom Camp entfernt, und Aris fährt mit seinem weißen Transporter und seinem Helferteam einmal am Tag dort hin, um die Güter zu den Flüchtlingen zu bringen. So kommen einige Mütter doch noch zu ihrer Babymilch.

Unter den Helfern sind auch zwei alte Griechinnen, die selbst kaum Geld haben, aber trotzdem einmal die Woche etwas zu essen für die Flüchtlinge vorbeibringen. Das ist sie wohl, die griechische Solidarität, von der der Rest der EU viel lernen könnte. Trotzdem beunruhigen uns auch ein paar Dinge: Gründer Aris wirkt, als sei er kurz vorm Helfer-Burnout. Sein letzter Urlaub ist mehr als zwei Jahre her. Und jede Nacht ist er in Rufbereitschaft, falls ein Boot ankommt. Wir können kaum zwei Sätze am Stück mit ihm sprechen, weil nahezu minütlich sein Handy klingelt.

Die Flüchtlingshelfer sind auch nachts unterwegs, wenn neue Schlauchboote ankommen.

Er hat Probleme bei der Akquise zuverlässiger Flüchtlingshelfer. Denn es kommen weniger Menschen auf die Insel, die dauerhaft helfen wollen. Dafür boomt der Volontourism: Viele Europäer, aber auch Australier, Brasilianer und US-Amerikaner kommen für zwei Wochen auf die Insel, um in den Ferien bei einer Hilfsorganisation zu arbeiten. Zwei Wochen sind aber gerade ausreichend Zeit, um die Leute in der Attika einzuarbeiten. Wenn sie danach wieder verschwinden, haben sie mehr Arbeit gemacht als abgenommen. Allerdings kehren auch viele von ihnen irgendwann zurück. Denn wer einmal nach Lesbos kommt, der wird wiederkommen, sagen sie hier. Moria lässt dich nicht mehr los.

Du kommst immer wieder zurück

Ein junger dunkelhäutiger Mann mit Baseball-Kappe belädt den Attika-Bus mit Kleidung und Schlafsäcken. Seine Arbeit hier helfe ihm dabei, im Lager nicht durchzudrehen, sagt er: „Ich merke, wie ich wütend werde, sobald ich das Camp betrete. Ich versuche dann, die Wut zu unterdrücken, aber es wird immer schwerer.“

Als wir im Attika-Bus zum dritten und letzten Mal in dieser Woche am Camp Moria ankommen, merken wir, dass es schon deutlich kühler ist als bei unserem ersten Besuch. Der frische Novemberwind ist der erste Vorbote des kommenden Winters. Dementsprechend begehrt sind auch die Decken, die Aris und die anderen verteilen. Wir erkundigen uns nach dem Hügel mit den vielen Zelten auf dem Waldhügel, der uns bei unserem ersten Besuch aufgefallen ist, und erfahren, dass es sich um den sogenannten Olivenhain handelt. Dort landen alle, die in das Camp nicht mehr reinpassen. Aris hofft darauf, dass diese Leute im Winter nicht dort bleiben müssen: „Wenn es wieder schneit, werden das nicht alle überleben.“ Genau wie die Fans der Serie Game of Thrones hat auch er seinen Glauben auf ein Happy End noch nicht ganz verloren.

Wer einmal nach Lesbos kommt, der wird zurückkehren, sagen sie. Nach einer Woche auf der Insel wissen wir, dass es stimmt. Moria lässt uns nicht mehr los. Wir werden wiederkommen, beschließen wir. Und zwar mitten im Winter.


In der zweiten Folge der Serie erleben wir per Handy live einen Krawall im Flüchtlingslager mit. Im Februar fliegen wir zum zweiten Mal nach Lesbos. Wir haben nur ein Wochenende, aber wir wollen unbedingt in Erfahrung bringen, wie die Situation auf der Insel im Winter ist.

Lisa Altmeier und Steffi Fetz recherchieren als „Crowdspondent – Deine Reporter“ die Themenvorschläge der Crowd. Dieser Text entstand bei ihrer Recherche über die Frage „Wie geht es Griechenland heute?“ Mehr zu dem Projekt und alle anderen Texte und Videos der beiden gibt es auf ihrem Blog und auf ihrem YouTube-Channel.

Redaktion: Theresa Bäuerlein; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel; Fotos und Aufmacher: Crowdspondent.