Zukunft der Arbeit

Die fünf Arten von Bullshit-Jobs

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1. Die Lakaien

Lakaientätigkeiten existieren ausschließlich oder vorwiegend zu dem Zweck, dass jemand anderes wichtig zu sein scheint oder sich wichtig vorkommt. Während der gesamten Menschheitsgeschichte neigten reiche, mächtige Männer und Frauen dazu, sich mit Dienern, Anhängern, Schmeichlern und Günstlingen dieser oder jener Art zu umgeben. Ohne Gefolge wirkt niemand prunkvoll. Und wer wirklich prunkvoll ist, für den ist gerade die Nutzlosigkeit der herumschwirrenden, uniformierten Lakaien der beste Beweis für die eigene Größe.

Die Strategie, Menschen untergeordnete Aufgaben zuzuweisen und so einen Vorwand zu schaffen, damit sie herumlungern und ihren Arbeitgeber beeindruckend aussehen lassen, hat eine lange, ehrbare Geschichte.

Manche altmodischen Lakaientätigkeiten im Feudalstil gibt es noch heute. Das naheliegendste Beispiel sind die Pförtner. Sie spielen in den Häusern sehr reicher Menschen die gleiche Rolle, die elektronische Sprechanlagen spätestens seit den 1950er Jahren für alle anderen erfüllen.

Ein ununterbrochenes Spektrum reicht von solchen offenkundigen Überbleibseln aus der Feudalzeit bis zu Rezeptionistinnen und Empfangspersonal an Orten, an denen sie eigentlich nicht gebraucht werden. Rezeptionistinnen sind als Ausweis der Seriosität selbst dann erforderlich, wenn es für sie ansonsten nichts zu tun gibt.

In anderen Fällen läuft es darauf hinaus, dass die Lakaien den Chefs die eigentliche Arbeit abnehmen. Das war natürlich die traditionelle Funktion von Sekretärinnen (heute „Verwaltungsassistentinnen“), die während eines großen Teils des 20. Jahrhunderts für männliche Manager tätig waren: Während Sekretärinnen theoretisch nur das Telefon bedienen, Diktate aufnehmen und einfache Ablageaufgaben erfüllen sollten, erledigten sie in Wirklichkeit häufig 80 bis 90 Prozent der Arbeit ihres Vorgesetzten und manchmal sogar 100 Prozent jener Aspekte, die kein Bullshit waren.

„Die einzige Vollzeitstelle, die ich jemals hatte – in der Personalabteilung einer privatwirtschaftlichen Ingenieurfirma – war überhaupt nicht nötig. Es gab sie nur, weil der Personalleiter faul war und nicht von seinem Schreibtisch aufstehen wollte. Ich war Personalassistentin.“
Judy

Wenn das Unternehmen wächst, wird die Bedeutung der Höhergestellten nahezu immer anhand der Gesamtzahl der Angestellten gemessen, die ihnen unterstellt sind, und das wiederum schafft für diejenigen, die auf der Organisationsleiter ganz oben stehen, einen noch wirksameren Anreiz, weitere Angestellte einzustellen und erst dann zu entscheiden, was man ihnen zu tun gibt – oder, vielleicht noch häufiger, sich allen Bemühungen zur Beseitigung von Stellen, die sich als überflüssig herausgestellt haben, zu widersetzen. Damit würden sie automatisch die Manager von nichts. Könige in Luftschlössern. Denn wem wären sie vorgesetzt, wenn es keine Lakaien gibt?


„Produktive Stellen wurden größtenteils durch Automatisierung wegrationalisiert. Doch statt eine beträchtliche Minderung der Arbeitsstunden zu erlauben, die der Bevölkerung die Freiheit ließe, eigene Projekte, Vergnügungen, Visionen und Ideen zu verfolgen, haben wir gesehen, dass sich nicht nur der Dienstleistungssektors aufgebläht hat, sondern gerade auch der administrative Sektor“, schreibt David Graeber in seinem Essay „Über das Phänomen der Bullshit-Jobs“. Lies ihn hier in ganzer Länge.


2. Die Schläger

Das naheliegendste Beispiel sind die staatlichen Streitkräfte. Staaten brauchen Armeen nur deshalb, weil andere Staaten Armeen haben. Hätte niemand eine Armee, wären Armeen nicht notwendig. Das Gleiche kann man aber auch über die meisten Lobbyisten, PR-Spezialisten, Telefonwerber und Unternehmensanwälte sagen. Auch sie haben wie echte Schläger im Wesentlichen negative Auswirkungen auf die Gesellschaft. In einem, so glaube ich, würde mir fast jeder zustimmen: Wenn alle Telefonwerber verschwinden würden, wäre die Welt besser. Aber ebenso würden vermutlich die meisten zustimmen, dass die Welt wenigstens ein wenig erträglicher wäre, wenn alle Unternehmensanwälte, Banklobbyisten oder Marketing-Gurus sich auf ähnliche Weise in Luft auflösen würden.

Die meisten Universitäten in Großbritannien haben heute Public-Relations-Abteilungen, deren Personalbestand um ein Mehrfaches größer ist, als es beispielsweise für eine Bank oder einen Autohersteller ähnlicher Größe typisch wäre. Muss die Universität Oxford wirklich mehr als ein Dutzend PR-Spezialisten beschäftigen, um die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass sie eine erstklassige Hochschule ist? In meiner Vorstellung müsste man mindestens ebenso viele PR-Fachleute einige Jahre lang beschäftigen, wenn diese die Öffentlichkeit davon überzeugen sollten, dass Oxford keine erstklassige Universität ist. Und selbst dann würde sich die Aufgabe nach meiner Vermutung als undurchführbar erweisen.

Dass ich das Wort „Schläger“ für angemessen halte, liegt daran, dass die Schläger ihre Tätigkeit nicht nur deshalb anstößig empfinden, weil sie nach ihrer Ansicht keinen positiven Wert hat, sondern auch, weil sie darin Manipulation und Aggression erkennen. Ein Beispiel: „Es ist nicht nur so, dass der positive Beitrag fehlt, sondern man leistet für den Tagesablauf der Menschen sogar einen ausgesprochen negativen Beitrag. Ich habe Leute angerufen, um ihnen nutzlosen Mist zu verhökern, den sie nicht brauchen, insbesondere den Zugang zu ihrem ‚Kreditscore‘; den bekommen sie anderswo umsonst, aber wir boten ihn (mit ein paar unsinnigen Zusatzleistungen) für 6,99 Pfund im Monat an.“

Kaum etwas ist weniger angenehm, als wenn man entgegen der eigenen Natur dazu gezwungen wird, andere zu überreden, damit sie Dinge tun, die ihrem eigenen gesunden Menschenverstand widersprechen.

3. Die Flickschuster

Flickschuster sind Angestellte, deren Tätigkeit nur wegen einer Panne oder eines Fehlers in der Organisation existiert; sie sind dazu da, ein Problem zu lösen, das es eigentlich nicht geben sollte. In der Softwarebranche spricht man von „duct tapers“, aber nach meiner Überzeugung ist das Phänomen weiter verbreitet.

Bezahlte Arbeit reduziert sich angesichts der wachsenden Zuverlässigkeit kostenloser Software (Freeware) zunehmend auf die Flickschusterei. Programmierer sind häufig froh, wenn sie die interessante, lohnende Arbeit an den Kerntechnologien zu nächtlicher Stunde kostenlos ausführen können, aber das bedeutet auch, dass für sie ein immer geringerer Anreiz besteht, darüber nachzudenken, wie ihre Hervorbringungen letztlich kompatibel gemacht werden; deshalb bleibt einigen Programmierern nichts anderes übrig, als sie tagsüber in langwieriger (aber bezahlter) Arbeit passend zu machen.

„Ich habe als Programmierer bei einem Reiseunternehmen gearbeitet. Irgendein armer Mensch hatte die Aufgabe, mehrmals in der Woche aktualisierte Flugpläne per E-Mail in Empfang zu nehmen und von Hand nach Excel zu kopieren.“
Ein Programmierer

Die offenkundigsten Beispiele für Flickschuster sind Untergebene, deren Aufgabe darin besteht, die Schäden wiedergutzumachen, die von nachlässigen oder unfähigen Vorgesetzten angerichtet wurden.

Auf gesellschaftlicher Ebene war die Flickschusterei traditionell eine Tätigkeit von Frauen. Während der gesamten Geschichte liefen prominente Männer immer wieder herum, bekamen die Hälfte von allem, was um sie herum vorging, nicht mit und traten auf tausend Füße; in der Regel fiel dann ihren Ehefrauen, Schwestern, Müttern oder Töchtern die Aufgabe zu, die emotionale Arbeit auf sich zu nehmen: Sie trösteten das Ego, beruhigten Nerven und handelten Lösungen für die von den Männern geschaffenen Probleme aus.

In einem stärker materiellen Sinn kann man die Flickschusterei auch als typische Funktion der Arbeiterklasse betrachten. Der Architekt legt vielleicht einen Plan vor, der auf dem Papier beeindruckend aussieht, aber dann muss der Bauarbeiter herausfinden, wie man tatsächlich Steckdosen in einem kreisförmigen Raum installiert oder mit Klebeband Dinge zusammenhält, die eigentlich nicht so zusammenpassen, wie es die Blaupause vorsieht.

Zwischen Blaupausen, Schemata und Plänen auf der einen Seite und ihrer Umsetzung in der wirklichen Welt auf der anderen wird immer eine Kluft bestehen; deshalb wird es immer Menschen geben, denen die Aufgabe zufällt, die notwendigen Anpassungen vorzunehmen. Zu Bullshit wird eine solche Tätigkeit nur dann, wenn der Plan ganz offensichtlich nicht ausführbar ist und wenn jeder kompetente Architekt das auch hätte wissen können

Es ist, als würde ein Hausbesitzer eine undichte Stelle im Dach entdecken und sich dann nicht die Mühe machen, einen Dachdecker mit der Abdichtung zu beauftragen, sondern stattdessen einen Eimer darunter platziert und jemanden einstellt, der nichts anderes zu tun hat, als in regelmäßigen Abständen das Wasser auszuleeren.

4. Die Kästchenankreuzer

Als Kästchenankreuzer bezeichne ich Angestellte, die ausschließlich oder vorwiegend nur eine Aufgabe haben: Sie ermöglichen einem Unternehmen die Behauptung, es tue etwas, was es in Wirklichkeit nicht tut. Die folgende Aussage stammt von einer Frau, die dazu angestellt wurde, die Freizeitaktivitäten in einem Pflegeheim zu koordinieren:

Betsy: „Ich hatte vor allem die Aufgabe, die Bewohner zu befragen und ein Freizeitformular auszufüllen, in dem ihre Vorlieben aufgeführt waren. Dieses Formular wurde dann in einen Computer eingegeben und geriet anschließend sofort für alle Zeiten in Vergessenheit. Auch das Papierformular wurde in einem Ordner aufbewahrt, und das hatte einen Grund. Das Ausfüllen der Formulare war nach Ansicht meines Chefs der bei weitem wichtigste Teil meiner Tätigkeit, und wenn ich damit in Rückstand geriet, machte er mir die Hölle heiß. In den meisten Fällen füllte ich Formulare für Kurzzeitbewohner aus, die am nächsten Tag wieder auszogen. Ich musste Berge von Papier wegwerfen. Die Befragung war den Bewohnern in den meisten Fällen lästig, denn sie wussten, dass es nur Bullshit-Papierkrieg war und dass sich in Wirklichkeit niemand um ihre individuellen Vorlieben kümmern würde.“

Auf einer gewissen Ebene funktioniert natürlich jede Bürokratie nach diesem Prinzip: Sobald man offizielle Erfolgsmaßstäbe eingeführt hat, wird die „Realität“ für die Organisation zu dem, was auf dem Papier steht, und die menschliche Realität, die dahintersteht, ist bestenfalls ein sekundärer Gedanke.

Privatunternehmen stellen auf ganz unterschiedliche Weise zahlreiche Menschen ein, nur um sich selbst sagen zu können, sie täten etwas, was sie in Wirklichkeit nicht tun. Viele Großunternehmen unterhalten beispielsweise eigene Hauszeitschriften oder sogar Fernsehkanäle, die angeblich den Zweck haben, die Mitarbeitenden über interessante Nachrichten und Entwicklungen auf dem neuesten Stand zu halten; in Wirklichkeit existieren sie aber in den meisten Fällen aus keinem anderen Grund als dazu, dass die Manager das warme, angenehme Gefühl genießen können, das sich einstellt, wenn man eine freundliche Geschichte über sich selbst in den Medien liest.

5. Die Aufgabenverteiler

Bei den Aufgabenverteilern kann man zwei Unterkategorien unterscheiden. Zum Typ 1 gehören diejenigen, deren Funktion ausschließlich darin besteht, anderen Arbeit zuzuteilen. Diese Arbeit kann beträchtlicher Bullshit sein, wenn der Aufgabenverteiler selbst glaubt, es bestehe eigentlich keine Notwendigkeit einzugreifen, und wenn es ihn nicht gäbe, wären die Untergebenen trotzdem vollkommen in der Lage, allein weiterzuarbeiten. Aufgabenverteiler des Typs 1 kann man also als das Gegenteil der Lakaien bezeichnen: Sie sind keine unnötigen Untergebenen, sondern unnötige Vorgesetzte.

„Ich habe die Aufgabe, ein Team von fünf Übersetzern zu beaufsichtigen und zu koordinieren. Dabei besteht das Problem, dass das Team vollkommen in der Lage ist, sich selbst zu organisieren.“
Alphonso

Während diese erste Ausprägungsform der Aufgabenverteiler vor allem nutzlos ist, kann die zweite echten Schaden anrichten. Die Hauptaufgabe solcher Aufgabenverteiler besteht darin, Bullshit-Aufgaben an andere zu verteilen, Bullshit zu beaufsichtigen und sogar ganz neue Bullshit-Jobs zu schaffen. Man könnte sie auch als Bullshit-Erzeuger bezeichnen. Aufgabenverteiler des Typs 2 haben neben ihrer Rolle als Aufgabenverteiler auch noch echte Pflichten, aber wenn ihre Tätigkeit vorwiegend oder ausschließlich darin besteht, Bullshit-Tätigkeiten für andere zu schaffen, kann man auch ihre eigene Tätigkeit als Bullshit einstufen.

Chloe: Was ich glaube? Es ist nicht der Kapitalismus als solcher, der den Bullshit hervorbringt. Es ist vielmehr Managerideologie, die in komplizierten Organisationen wie Universitäten in die Praxis umgesetzt wird. Wenn die Managermentalität sich durchsetzt, hat man ganze akademische Personalkader, die nur die Aufgabe haben, die Manager-Schallplatte weiterlaufen zu lassen – Strategien, Leistungsvorgaben, Beurteilungen, Begutachtungen, Evaluierung, neue Strategien, et cetera, et cetera –, und das alles ist nahezu vollständig abgekoppelt vom eigentlichen Lebenssaft der Universitäten: Lehre und Ausbildung.


(Buchauszug aus David Graeber: Bullshit-Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit, übers. von Sebastian Vogel)

David Graeber, geboren 1961 in den Vereinigten Staaten, unterrichtete bis zu seiner umstrittenen Entlassung 2007 als Anthropologe in Yale und lehrt seither am Goldsmith-College in London. Er ist bekennender Anarchist und ein Vordenker der Occupy-Bewegung. Sein neues Buch erscheint am 30. August im Klett-Cotta-Verlag.

Redaktion Susan Mücke. Schlussredaktion Vera Fröhlich. Bildredaktion Martin Gommel (Aufmacher: iStock / Bojan89).