Naturschutz

So schützt du den Wald vor deiner Haustür

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Brrrrrr. Der Regen dringt allmählich durch die dritte Schicht meiner Kleidung, meine Zähne schlagen aufeinander, so kalt ist es. Ich habe die Nase voll, will zurück in mein warmes Bett und bin frustriert, weil es eine gefühlte Ewigkeit dauert, in diesem Waldboden voller Steine und Wurzeln ein Loch zu graben.

Zehn Minuten später bricht plötzlich die Sonne durch die Wolken, und tausend Regentropfen funkeln. Um mich herum hören weitere dreißig nasse Gestalten auf, in der Erde zu graben und blinzeln ungläubig gegen das Licht. Dann ruft jemand zur Frühstückspause, und der Frust löst – ganz langsam – seine Umklammerung, weicht Sonnenstrahlen, heißem Tee und Käsebrot. Das ist eine Sache, die ich während dieser Woche mit jeder Faser meines Körpers erfahren habe: Das Wetter gehört zur Natur und damit zum Naturschützen dazu, und robuste Kleidung ist Gold wert.

Eine weitere Lektion: Der Wald um mich herum sieht auf den ersten Blick ziemlich gesund aus. Auf den zweiten Blick sehe ich da nichts als Fichten. Kahle Fichten, junge Fichten, alte Fichten und viele von Krankheit oder Sturm gefällte Fichten (in die umgehend der Borkenkäfer einzieht). In Nordrhein-Westfalen sind zum Beispiel nur 23 Prozent der Bäume gesund (vor 30 Jahren noch knapp 60 Prozent). Das macht mich traurig, und ich sehne mich nach den verwunschenen, unergründlichen Wäldern meiner Lieblingsgeschichten. Mir wird klar, dass unser Wald zwar nicht sterbenskrank ist – doch müssen wir uns fragen, wie ein zukunftsfähiger, lebendiger Wald aussehen kann. Unsere Wälder verlangen öffentliche Aufmerksamkeit und Diskussion. Ich wünsche mir, dass hierfür nicht erst ein neues „Waldsterben“ ausgerufen werden muss.

Hundert kleine Buchen lassen mich Verantwortung neu begreifen

Ich bin ein Stadtkind. Und auch, wenn Opa mich manches Mal mit in den Wald genommen hat, habe ich mich nie gefragt, wo das Holz eigentlich herkommt, in dem zum Beispiel meine Bücher, Klamotten und Möbel stecken.

Ich fühle mich verantwortlich für mein (Nicht-) Handeln auf diesem Planeten. Verantwortlich und dabei oft ohnmächtig. Und selten konnte ich diese Verantwortung so klar und so konstruktiv fühlen wie bei dieser Pflanzaktion im Nationalpark Harz – gegenüber den kleinen Buchen, die hier anwachsen und groß werden sollen. Dafür brauchen sie optimale Startbedingungen: Ein tiefes Loch, in dem die Wurzeln Halt und Platz finden. Der Wurzelhals muss mit genügend Erde bedeckt sein, sonst trocknet er aus, sobald er starker Sonneneinstrahlung ausgesetzt ist. Ich entscheide darüber, ob dieser konkrete Laubbaum in meinen Händen eine reale Chance hat, trotz gefräßiger Rehe, Wetterkapriolen und nadeligen Nachbarn zu bestehen.

Als Gruppe von dreißig jungen Erwachsenen pflanzen wir in Zusammenarbeit mit dem hiesigen Förster 3.800 Buchen in fünf Tagen, damit die Wälder sich wieder durchmischen. Die tiefschwarze Erde unter meinen Nägeln jedenfalls widersteht Seife und Wasser, und ich nehme sie, auch ein bisschen stolz, als Andenken mit nach Berlin.

Waldsterben und saurer Regen: Was haben die achtziger Jahre verändert?

Fichten und Kiefern wachsen schnell und gerade, können nach 80 bis 100 Jahren geerntet werden und bieten deshalb perfektes „Wirtschaftsholz“. Sie kippen allerdings bei starken Stürmen um, da sie immer flacher wurzeln – und sind Klimawandel und erhöhten Temperaturen nicht gewachsen. Auch deshalb brauchen wir wieder mehr Mischwälder, mehr Buchen und andere Laubbäume; dort, wo sie ursprünglich ohne menschliche Nachhilfe wuchsen.

„Wald“ ist per Definition eine dicht, nicht parkartig, mit Bäumen bestandene Fläche. Um das Jahr 600 nach Christus machte der Wald in Deutschland etwa zwei Drittel bis drei Viertel (unterschiedliche Schätzungen) der Gesamtfläche aus. Um 1300 liegt der Anteil bei unter einem Drittel. Es folgen Bevölkerungswachstum, Kahlschläge für Holzkohle, Berg- und Ackerbau – und das „Waldsterben“ in den 1980er Jahren.

In der ängstlichen Diskussion bündelten sich zahlreiche Umweltprobleme, die in den 80er Jahren aufkamen: „Saurer Regen“ und „Waldsterben“ sind die Wörter des Jahres 1984. Heute, gut 30 Jahre später, sind die düsteren Prognosen – Der Wald Stirbt, saurer Regen über Deutschland (Titelseite Spiegel, 1981) – nicht eingetreten. Das lag an strengeren Auflagen für die Industrie, aber insbesondere auch an Menschen wie Wolfgang Lohbeck und Renato Ruf. Die beiden Aktivisten haben das „Bergwaldprojekt“ ins Leben gerufen, denn sie konnten nicht fassen, dass alle über ein mögliches Sterben der Wälder sprechen, aber keiner etwas unternimmt. Ihrem Küchengespräch entsprang eine bis heute erfolgreiche Idee: Man sollte freiwillige Helfer in den Wald schicken und dort jeweils eine Woche im Sinne der Natur arbeiten lassen. Damit kämen viele Menschen an den Ort, wo unsere Abhängigkeit vom Wald am sichtbarsten ist.

Heute kämpfen deutsche Wälder mit einseitiger Bewirtschaftung und Klimawandel

Experten streiten bis heute, ob diese und andere Gegenmaßnahmen – Filter in Kohlekraftwerken, Katalysatoren und bleifreies Benzin – die deutschen Wälder retteten oder ob es sich beim „Waldsterben“ um Hysterie und ein Medienphänomen handelte. Fakt ist, dass die Luftverschmutzung seit damals deutlich zurückgegangen ist. Heute leidet der Wald vor allem unter den Auswirkungen des Klimawandels.

Der deutsche Wald, laut Bundeswaldinventur insgesamt 11,4 Millionen Hektar, wird fast ausschließlich wirtschaftlich genutzt. Deshalb ist er sehr jung, ein Baum wird im Durchschnitt 77 Jahre alt. Damit sind deutsche Wälder weit entfernt von einem natürlichen Zustand. Und insbesondere der hohe Nadelbaumanteil – Fichten und Kiefern machen knapp 60 Prozent aus – ist ein Problem, denn sie verschlechtern den Standort für die nächste Waldgeneration: Sie haben ein schlechtes Kohlenstoff/Stickstoff-Verhältnis und versauern über ihre Nadeln den Boden und bilden schlecht zersetzbare Humuspakete. Buche, Ahorn und Weißtanne dagegen geben über ihre Blätter beziehungsweise Nadeln wertvolles Kalzium, Magnesium, Phosphor und Natrium an den Boden ab. Grundsätzlich werden nach wie vor zu viele Bäume durch die Forstwirtschaft gefällt: etwa 70 bis 80 Millionen Kubikmeter Holz jährlich. Auf einen Holz-Lkw passen 40 Kubikmeter Holz, bei 80 Millionen Kubikmeter Holz im Jahr entspricht das einer Kolonne aus zwei Millionen Lastwagen.

Unsere Wälder schonen und massiv importieren, ist scheinheilig

Der deutsche Wald ist dennoch eine Erfolgsgeschichte, weil andere Nationen noch viel nachlässiger mit ihren Wäldern umgegangen sind. Der „naturnahe Umbau“ – fichtendominierte Wälder werden in stabilere und baumartenreichere Mischwälder „umgebaut“ – ist hier schon seit Jahren im Gange. Landesforstverwaltungen und -betriebe haben schon etliche Millionen in diese Umbauprogramme gesteckt. Es wird jedoch auch deutlich, dass es in unserer heutigen Welt keine rein nationalen Projekte mehr geben kann. Wenn wir unsere Wälder schonen und nachhaltig bewirtschaften und dafür unseren Holzbedarf durch massive Importe decken, ist das scheinheilig. Sprich: Es geht darum, dass alle Beteiligten – Politik, Forstwirtschaft und Konsumenten – Verantwortung übernehmen, die auch über Grenzen hinausgehen. Das Bergwaldprojekt macht es vor: In der Ukraine fand erstmals 2006 ein Projekt statt, in den spanischen Pyrenäen wird die Idee seit 2007 umgesetzt – beide Kooperationen gehen auf die persönliche Initiative von Forstleuten zurück, die von ihrem Besuch beim Bergwaldprojekt begeistert waren.

Wir sind nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa privilegiert. Denn während weltweit pro Jahr 13 Millionen Hektar Wald abgeholzt werden (das entspricht der Fläche von Österreich und der Schweiz zusammengenommen), dehnt sich hier die bewaldete Fläche jährlich um 0,4 Prozent aus. Die dramatischen Abholzungen betreffen zunächst vor allem Indonesien und die Amazonas-Region. Hier wurden in 50 Jahren circa 17 Prozent des Regenwaldes gerodet.

Auch deshalb riefen die Vereinten Nationen 2011 das Jahr der Wälder aus; dabei blickten sie weniger auf Europa als auf den Zustand tropischer Regenwälder. Laut Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hat sich aber auch international schon einiges bewegt: Seit 2009 hat sich die Geschwindigkeit der Abholzungen halbiert. Parallel dazu sind 110 Millionen Hektar Wald gepflanzt worden, das entspricht sieben Prozent der Waldfläche weltweit. Die Global Forest Coalition (setzt sich aus circa 80 Organisationen zusammen) meint dazu, dass diese Zahlen zu überprüfen sind, denn die FAO zähle auch Plantagen (Monokulturen) als Wälder, die deutlich empfindlicher gegen Schädlinge sind und dem Boden – somit auch diversen Tier- und Pflanzenarten – weniger Nährstoffe liefern.

Eine Woche im Wald und mir ist klar: Wald ist viel mehr als eine Ressource

Damit deutsche Wälder eine Erfolgsgeschichte bleiben, brauchen wir in meinen Augen ein Umdenken: Erst wenn wir „Wald“ und „Natur“ nicht mehr als bloße Ressource verstehen, kann sich wieder ein gesunder, natürlicher Mischwald ausbreiten. Verstehe ich mich als Teil der Natur, dann ist Naturschutz mehr als nur eine moralische Pflicht oder Bürde, die uns andere Generationen auferlegt haben.

So wie jede Politikerin und jeder Politiker, der über soziale Fragen entscheidet, seinen Schreibtisch wochenweise ins Bürgeramt, Asylbewerberheim oder in Kindergärten verlegen sollte, habe ich erlebt, wie mein Verständnis von „Natur“, „Umwelt“ und „Ressourcen“ wackelt und sich wandelt, wenn ich nur eine Woche im Wald verbringe: Bei Wind und Wetter, durchgefroren und wieder aufgetaut. Mit kleinen Wundern, Entschleunigung und Teamwork. Weg von Effizienz und Gewinnoptimierung, hin zu Wertschätzung für Bäume als lebende Organismen.

Deshalb ist Umweltbildung, Wald- und Wildnispädagogik wichtig: Kinder und Erwachsene lernen Fährten lesen und Vogelstimmen erkennen – und erfahren, wie sich eine Woche ohne Smartphone anfühlen kann. Was passiert, wenn Kinder und Jugendliche sich verantwortlich fühlen für den Planeten, hat ein Fall in Kolumbien gezeigt: Dort haben 25 Kinder und Jugendliche den Staat verklagt, weil dieser die Abholzung der Regenwälder nicht stoppt. Damit sei ihr Recht auf Leben und Gesundheit massiv beeinträchtigt. Das Oberste Gericht sprach ihnen dieses Recht zu, ein überraschendes Urteil. Und ein kleines, wichtiges Signal: Erstmals wurde die Amazonas-Region als juristische Person anerkannt. Das heißt, wer ihr schadet, macht sich strafbar. Der kolumbianische Staat ist nunmehr in der Pflicht, einen Aktionsplan vorzulegen, der die Kläger einbezieht.

Aufforsten macht Sinn!

Ich bin im Zuge meines Bundesfreiwilligendienstes zufällig in das „Bergwaldprojekt“ gestolpert. Erst im Nachhinein habe ich verstanden, dass ich damit Teil der „Waldschule“ des Projektes war.

Klar, ob in einem Wald über viele Jahrzehnte gewachsene Buchen oder kleine Setzlinge stehen, die Wild, Sturm und Sonne ziemlich wehrlos ausgesetzt sind, macht einen großen Unterschied. Deshalb wäre es naive Schönfärberei, wenn aufgeforstete Wälder eins zu eins gegen zerstörte Wälder gerechnet werden. Und doch ist das Aufforsten für uns Menschen ein Weg zu handeln. Denn: „Die beste Zeit, einen Baum zu pflanzen, war vor zwanzig Jahren. Die nächstbeste Zeit ist jetzt.“ (Sprichwort aus Uganda).

Fünf konkrete Schritte für einen gesunden Wald:

  1. Naturnah aufforsten: Bäume pflanzen, insbesondere Laubbäume. An Projekten wie dem Bergwaldprojekt teilnehmen oder anderweitig unterstützen. Kleine und große, nationale und internationale Projekte, die direkt vor Ort ansetzen, bekannt machen oder selbst spenden (zum Beispiel hier).

  2. Als Konsument auf Massivholzmöbel sparen, auf Trödelmärkten stöbern oder gebraucht kaufen. Soweit wie möglich auf Einkäufe bei Möbelhäusern verzichten, deren Produkte so billig sind, dass der gesunde Menschenverstand protestiert.

  3. Die Politik daran erinnern, dass bis 2025 zehn Prozent der staatlichen und insgesamt fünf Prozent aller deutschen Wälder – aktuell sind es zwei Prozent – wieder zu Urwäldern werden sollten (Beschluss des Bundeskabinetts im Jahr 2007). Dort kann zum Beispiel totes Holz liegen bleiben. Totholz wird von Peter Wohlleben (Autor von „Das geheime Leben der Bäume“) als „Mutterschiff der Biodiversität“ gepriesen, das Insekten und Pilze anlockt und zudem die Temperatur im Wald natürlich reguliert. Alte Ökosysteme können auch sogenannte Lieferbiotope für Wirtschaftswälder sein.

  4. Auch als Erwachsene die Möglichkeiten der Wald- und Wildnispädagogik entdecken und (Stadt-)Kinder schon früh mit Wäldern vertraut machen (zum Beispiel in der Wildnisschule Hoher Fläming).

  5. Lösungsorientierte Dialoge und Kooperationen zwischen den unterschiedlichen Interessengruppen: Forstwirte und Jäger, Naturschützer, Wanderer, Holzindustrie, Politiker und Waldbesitzer an einen Tisch bringen.


Redaktion: Christian Gesellmann. Schlussredaktion: Vera Fröhlich. Fotoredaktion und Aufmacherbild: Martin Gommel.